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Der Brief von Conz darf wohl als Beweis gelten, dass unter den ihm von der Familie Hölderlins übergebenen Papieren ein Drama: König Agis sich nicht befand. Es ist also keine Spur eines solchen vorhanden. Mir ist es nun nicht zweifelhaft, dass Hölderlin ein Drama König Agis überhaupt nicht geschrieben hat. Wir besitzen allerdings ein Drama dieses Namens in Prosa, das zufälliger Weise in Homburg gedichtet ist.27) Es hat den Landgrafen Friedrich zum Verfasser, der es in einer Nachschrift, fünfundzwanzig Jahre später, eine "Jugendarbeit nennt. Es wäre denkbar, dass der Landgraf das Stück, wie die Nachschrift vermuthen lässt, bei Hölderlins Anwesenheit in Homburg wieder hervorsuchte und mit ihm besprach, und dass Äusserungen Hölderlins darüber später bei anderen die Meinung erweckten, dass er selbst den Gegenstand bearbeitet habe. Berlin.

Carl C. T. Litzmann.

Happel und Reuter. Im Anzeiger für deutsches Alterthum und deutsche Litteratur 12, 63 wies Seuffert darauf hin, dass neben andern Werken auch Der Academische Roman, Worinnen Das Studenten-Leben fürgebildet wird; .... in einer schönen Liebes - Geschichte fürgestellet von Everhardo Gvernero Happelio (Ulm 1690) Einfluss auf Reuters Schelmuffsky geübt habe. In der That ist Happels Dichtung Mittel und Zielscheibe der Reuterschen Satire zugleich. Auf die geographischen Romane Happels passen Reuters Worte in der Vorrede (Neudrucke Nr. 59 S. 5): 'Es hat .... mancher Kerl kaum eine Stadt oder Land nennen hören, so setzt er sich stracks hin, und schreibet da ein hauffen prahlens und Auffschneidens wol zehen Elen lang davon her, wenn man denn solch Zeug lieset, da kan man denn gleich sehen, dass er sein lebtage nicht vor die Stubenthür ge

27) Landgraf Friedrich V. von Hessen-Homburg und seine Familie. Von Karl Schwartz, Rudolstadt 1878, 2, 226-50.

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kommen ist. Die dichterische Einkleidung des Schelmuffsky ist gegen den Abenteurer- und Reiseroman gerichtet; der Academische Roman ist Abenteurer- und Reiseroman. Der Held der Curiosen und Sehr gefährlichen Reissebeschreibung ist Student wie die meisten Helden des Academischen Romans. Ein Held Happels ist Prinz, Schelmuffsky spielt den vornehmen Herrn.

Der Kunstgriff, dessen sich Reuter bedient, um seiner Reisebeschreibung die satirische Färbung zu geben, ist Häufung; er vereinigt die Charaktere verschiedener Happelscher Personen auf eine Figur, die dadurch Karikatur wird; was zertheilt glaubhaft erscheinen konnte, ist verbunden unglaubhaft. Im Academischen Roman ist das heroischgalante und das pikareske Element getrennt vorhanden; ersteres vertreten durch den Prinzen Condado von Tursis, letzteres durch fünf wandernde Studenten. Schelmuffsky vereinigt beide Elemente in sich; er ist Vagabund und Galanthomme.

Die Züge nun für diese Doppelfigur hat Reuter mehrfach aus Happels Academischem Roman gesammelt. Von den fünf Studenten Happels, die als typische Vertreter verschiedener Richtungen und Charaktere ‘das Studenten-Leben rechtschaffen präsentiren’ (Vorsprach S. 2), hat Reuter vier benutzt; und dazu den Prinzen, dem sie sich anschliessen.

Am meisten Verwandtschaft hat Schelmuffsky mit dem Studenten Troll. Troll ist ein wichtigthuer, ein unwissender Mensch, der sich mit eingebildeten Kenntnissen brüstet (S. 221 : er habe seine ‘Studia . . wol absolviret, seine ‘ 'Logica, Physica, Grammatica .... schweben ihm ... annoch in frischem Andencken'), der sich ungemein tapfer stellt (S. 90: er sei 'wolversehen mit einer fürtrefflichen Fortitudine corporis et animi', 'ein alter Hannibal') und auch 'als ein Courtisan angesehen seyn will (S. 271). Ähnlich zeigt sich Schelmuffsky im ganzen Verlauf der Geschichte. Auch er prahlt mit seinen Kenntnissen von fremden Ländern, mit seiner Tapferkeit (er sei ‘einer mit von den bravsten Kerlen der Welt) und seiner Unwiderstehlichkeit für die Weiber. Troll vermengt seine deutsche Rede beständig mit lateinischen Brocken, und Schelmuffsky hat seine Frau Mutter

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Sprache in der Frembde gantz verreden gelernet und 'parlirt meist Engeländisch und Holländisch mit unter das Teutsche' (Neudr. Nr. 57. 58 S. 89, vgl. S. 105). Troll rühmt sich (S.473): 'es muss wol etwas sonderliches in mir stecken, inmassen mich meine Mutter nach dem Beylager nicht länger als 3. Monat getragen hat’; Schelmuffsky ist um 4. gantzer Monat zu früh auf die Welt gekommen (S. 7), und jeder, dem er seine wunderliche Geburth' erzählt, meint, dass noch was rechts auf der Welt aus ihin werden würde' (z. B. S. 14). Trolls "Herr Vatter hatte seinen hoffnungsvollen Sprössling 'bey Zeiten in die Schule gesandt, und wolte mit Gewalt ein rechtes Candelabrum Patriae von ihm machen' (S. 473); den Schelmuffsky “schickte ... seine Frau Mutter in die Schule', da er nun so ein Bissgen besser zu Jahren kam', 'und vermeinte nun einen Kerl aus ihm zu machen, der mit der Zeit alle Leute an Gelehrsamkeit übertreffen würde' (S. 10). Troll verfasst zwei Grabschriften (S. 772 ff. 775 ff.); auch in der Reisebeschreibung findet sich eine (S. 39). Troll dichtet ein Hochzeitscarmen und 'Als er dieses Carmen nachlase, gefiel es ihm in seinem Hertzen, und muste er sich in seinem Sinn verwundern, dass er einen so herrlichen Poetischen Geist bei sich fand' (S. 788 f.); ebenso dichtet Schelmuffsky ein Hochzeitscarmen 'von ungemeiner invention, und vor das andere über aus artig und nette Teutsch (S. 52 ff.). Selbst in der äusseren Tracht haben Troll und Schelmuffsky Ähnlichkeit. Ersterer trägt (als Schulmeister von Stachelfeld) bei einer Hochzeit einen neuen schwarzen Mantel mit breitem Kragen (S. 792, vgl. S. 779 u.) und Schelmuffsky stolzirt gleichfalls bei einer Hochzeit in einen schwartzen langen seidenen Mantel mit einen rothen breiten SamtCragen' (S. 53). Überhaupt lieben beide prächtige Kleider. Troll bemächtigt sich (S. 91) eines "köstlichen rothen Kleides mit gegossenen silbernen Knöpffen und Schelmuffsky trägt bald ein 'schön verschammerirtes Kleid' (S. 78), bald ein 'schön neu Kleid ...., welches auff der Weste mit den schönsten Leonischen Schnüren verbremet ist (S. 96). Wie Troll gelegentlich mit 3 Degen und 4 Pistolen bewaffnet ist (S. 89), so rüstet sich Schelmuffsky zu einem Duell mit einem Rückenstreicher und zwei Pistolen, von denen die eine

‘mit grossen Haasen - Schroten und die andere mit kleiner Dunst nebst .2 Kugeln geladen ist (S. 25).

Mit dem Raufbold Klingenfeld, einem anderen Studenten des Happelschen Romanes, hat Schelmuffsky gleichfalls vieles gemein. Wie jener sich vor dem Hüningerthor mit einigen Studenten schlägt (S. 961 f.) und schliesslich auch gegen einen, der "cin Furcht - Fieber bekommen hat, Grossmuth übt, so hat Schelmuffsky ein Duell 'auf der grossen Wiese vor den Altonaischen Thore' und begnadigt ‘auff vielfältiges Bitten' seinen Gegner (S. 24 ff.). Klingenfeld vermag es mit Gedult nicht anzuhören, dass trunkene Studenten in der Nacht vor seinem Fenster lärmen und mit den blancken Degen Feuer auss den Steinen scharren’; er eilt ihnen nach und schlägt sich mit ihnen herum, bis die *Stadt-Wacht dem Kampfe ein Ende macht (S. 959 f.). Schelmuffsky erzählt ein ganz ähnliches Abenteuer; auch er ist 'Blut übel gewohnet, wenn ihm einer vor der Nase herum in die Steine krigelt und ‘marchiret ... den NachtWetzern nach', bis er sie einholt; auch hier muss die ‘RädelWache' wieder Ordnung schaffen (S. 33 f.). Klingenfeld muss gleich zu Beginn des Romanes wegen unglücklicher Händel fliehen (S. 1). Ebenso verschwindet Schelmuffsky nach der Balgerei mit den Nacht-Wetzern aus Hamburg (S. 34). Beide treffen auf dieser Flucht im Wirthshause einen Falschspieler, mit dem sie am Ende Freundschaft schliessen und auf dessen Kosten sie zehren (Happel S. 7 ff. Reuter Nr. 59 S. 25). Klingenfeld spaltet einem Corsaren, der ihn übel behandelt hat, den Kopf (S. 997); Schelmuffsky 'sebelt' dem bekandten See-Räuber Hanss Barth' ein Stücke von seiner grossen Nase weg (Nr. 57. 58 S. 77). Der Raufbold des Academischen Romans kehrt (S. 7) sein Deutschthum heraus: es 'stehet ihm nicht an', dass die Teutschen .... für Hunde gescholten werden (S. 298); Schelmuffsky lässt es sich nicht gefallen, dass ein 'Frembder von den dummen Teutschen schwatzt' (S. 118).

Von einem dritten Studenten seines Romanes, mit dem sprechenden Namen Cerebacchius, weiss Happel erstaunliche Leistungen im Fressen und Saufen zu berichten (z. B. S. 246. 447 f. 559 f. 579. 583. 590. 957. 967). Auch Schelmuffsky

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prahlt mit seinem starken Appetit (S. 18. 50. 105) und seinem guten Zuge (S. 15. 36. 55). Ähnlich, wie Happel in der Beschreibung von Mahlzeiten des Cerebacchius schwelgt (z. B. S. 182 f.), hat auch Reuter gelegentlich seine Freude daran, von einer besonders vortrefflichen Bewirthung Schelmuffsky erzählen zu lassen (Nr. 59 S. 37). Cerebacchius ist sehr betrübt, in einem Kloster nichts Besseres zum Trinken zu finden ‘als einen Trunk frischen Brunnen-Wassers' (S.579); Schelmuffsky vermisst, gleichfalls in einem Kloster, einen ‘guten Tisch-Trunck', besonders sein gewohntes 'gut KlebeBier' (S. 99). Beiden Schlemmern begegnet es, dass sie nach der Mahlzeit inmitten der Gäste einschlafen (Happel S. 208; Reuter S. 56).

Wie Venereus, der bulerische Student des Academischen Romans, von den Frauenzimmern mit Liebesanträgen verfolgt wird (z. B. S. 434. 514. 521. 595. 618. 635. 639. 683), so ist auch Schelmuffsky überall ein Liebling der Weiber (S. 18 f. 29. 38. 39 ff. 58. 73), bei dem sie alle 'Freyens vorgeben?. Venereus hat auch vornehme Liebschaften: die Frau des Bürgermeisters (S.595ff.), des Gouverneurs (S.499ff., vgl. S. 509), Damen von Adel (z. B. S. 680 ff. 692ff.) locken ihn an sich. Schelmuffskys 'Damigen' ist eines vornehmen Nobels Tochter', in Amsterdam verliebt sich eine 'StaadensTochter in ihn u. s. W.

Bei Happel haben die fünf Studenten eine vornehme Reisegesellschaft in dem Prinzen Condado; darum lässt Reuter seinen Schelmuffsky eine Schlittenfahrt und Reisen mit dem Herrn Bruder Grafen' unternehmen. Sonst aber ist Condado in Schelmuffsky hineingewachsen.

Er hat selbst den hohen Rang einer Standesperson. Er reist wie Condado incognito (Happel S. 321; Reuter S. 38. 73), wird aber, da man ihm seine Würde überall ansieht, stets mit Ehrfurcht behandelt wie der Prinz (Happel S. 122. 321; Reuter S. 16. 37. 50. 70 u. s. w.). Condado erzählt seine Lebensgeschichte (S. 395 ff.); Schelmuffsky berichtet von seiner 'wunderlichen Geburth'. Zum Prinzen kommt seine Geliebte ins Gefängniss und verspricht, ihm die Freiheit zu verschaffen (S. 407f.); dem Schelmuffsky erscheint im Kerker zu Sanct Malo der Geist seiner Char

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