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den Verfasser des Shakespeare - Aufsatzes wider den ungerechten Vorwurf vertheidigt, dass er die Grenzen von Drama und Epos verwischt habe. Weimar, Juni 1889.

Bernhard Suphan.

Briefe von Minna Herzlieb. Wahlverwandt

schaften vor Goethe.

An Wilhelmine Schorcht, Wielands Enkelin.

Jena den 26ten Feber 1814.

Verlangen Sie nicht, dass ich Ihnen Rechenschaft davon ableiste warum ich Ihnen nicht früher schrieb, da ich doch eingestehen muss das es mir eigentlich an Zeit dazu nicht gefehlt hätte, und wenn ich die Stunden die ich im Geiste bei Ihnen zubrachte und in der vergeblichen Sehnsucht nach einem persöhnlichen Zusammensein, mit Ihnen, zum Schreiben angewant hätte: so wäre mir gewiss schon die zweite Freude Ihres lieben schriftlichen Besuches geworden. So stehe ich mir bei allen Freuden und Genüssen des Lebens immer selbst im Lichte! im Kleinen wie im Grossen ist dies seit Jahren mein Schicksahl! aber ich will nicht klagen sondern es als eine höhre Fügung anerkennen und in ruhiger Ergebung einer freundlichern Zeit hoffend und vertrauend entgegen gehen. Hätte ich alles stöhrende und traurige mit mir allein auszumachen gehabt so würde ich nur halb so viel gelitten haben! aber lassen Sie mich lieber durch Schweigen die trübsten Erinnerungen meines Lebens fliehen.--

Wie ich mich auf den Frühling, den ersten warmen Sonnenblick und die schöne Zeit der Blüthen freue, kann ich Ihnen liebes Minchen gar nicht beschreiben! es ist mir als hätte meine Nathur diese freundlichen Gaben des Himmels nie schmerzlicher entbehrt und ernstlicher bedurft als in diesem Jahre. Diese schöne Zeit bringt mir aber auch noch so manche Freude die ich dankbar erkennen werde. Dass ich Ihr und Louisens Herüberkommen unter meine ersten Freuden rechne, würden Sie mir beide gewiss gern und ohne Versicherung glauben, wenn Sie sehen könnten, welchen Platz Sie in meinem Herzen eingenommen haben...

Unser stilles und so einfaches Leben, wie Sie es wohl bei uns kennen, und was nach der Beschreibung Ihres friedlichen Kreises und Treibens dem Thrigen recht nahe kömmt; ist in dieser Zeit sehr angenehm, durch die längstersehnte Ankunft, der liebenswürdigen Kügelchens, unterbrochen worden. Wir haben Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte II

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sie zwar viel gesehen, aber doch wenig so, dass ich, die ich sie noch nie gesehen hatte, mir nicht noch mehr von Ihnen gewünscht hätte. Im Geräusch so vieler Menschen die Ansprüche machen durften dem Meister näher zu treten, musste der nur im Stillen Verehrende natürlich immer mehr in Hintergrund zurücktreten. Aber ihre Bekantschaft hat mir doch unendlich viele Freude gemacht, es sind liebenswürdige Menschen.

von

Ihre treue

Wilhelmine Herzlieb. Die Kenntniss des vorstehenden Briefes verdanke ich der Nichte der Adressatin. Sie gab mir noch zwei andere Briefe an dasselbe Minchen und zwei an deren Schwester Amalia in die Hand; sie stammen alle aus der Zeit vom 21. September 1813 bis zum 31. Oktober 1815, enthalten Freundschaftsversicherungen, handeln kleinen Einkäufen, die Wielands Enkelinnen für Minna oder diese für jene gethan, und überbringen auch ein Recept für die Küche. Nur eine Stelle aus dem ersten Briefe verdient als neue Bestätigung des Patriotismus der Wilhelmine noch ausgehoben zu werden. Sie schreibt:

Wie oft mein liebes Minchen, habe ich nicht in dieser Zeit der erhebenden Gerichte auch Ihrer gedacht! Wohl haben wir Ursach uns zu freuen und doch habe ich nicht den Muth mich ganz den Gefühlen hinzugeben, die so nathürlich nach so langen Druck ihr altes Recht behaupten wollen. Ich kann es mir aber doch nicht verbergen, wie unbeschreiblich wohl es mir thut, meine, zwar noch nie ganz gesunkenen Hoffnungen, aber doch zuweilen einer Unterstützung bedürftigen, auf so vielfältige Weise fester gestellt zu fühlen; Ach mein liebes Minchen! wie viel leichter und williger erträgt man die grössten Entbehrungen, wenn man nur noch hoffen kann! Durch eine zahllose Reihe trüber Stunden hoffe auch ich mir eine glückliche Zukunft doppelt genussreich versprechen zu können. Wenn aber diese Zeit beginnen wird!

Man erwartet dass des grossen Kaisers Bewegungen jetzt darauf hindeuten, sich Berlins zu bemächtigen; in welcher Spannung mich dies hällt werden Sie mit mir fühlen; aber ich will stark sein um mich nicht meiner Freunde ganz unwerht fühlen zu müssen

Wäre es nicht in dieser Zeit wirklich so unsicher sich von den seinigen zu trennen, ich wäre schon längst einmahl bei Ihnen gewesen. Noch kürzlich hielt mich die Nachricht, das unsere Feinde die Gegend hier von allen Seiten umgeben, davon ab eine recht gute Gelegenheit zu benutzen; Sie können denken dass ich nicht wünschen kann abwesend zu sein wenn sie einrücken sollten.

Beiden Briefen ist die Klage über erlebtes Leid, die Hoffnung auf Glück gemeinsam. Für die Verwandtschaft der Schreiberin mit Ottilie ergibt sich kein Anhaltspunkt; man müsste denn die Äusserung: hätte sie alles Traurige mit sich allein auszumachen gehabt, so würde sie nur halb so viel gelitten haben, vergleichen wollen mit Ottiliens Brief an die Freunde (Thl. 2 Kap. 17): mein Innres überlasst mir selbst. Übrigens ist das Übereintreffen mancher Eigenschaften der Minna und Ottilie zwar nichts Zufälliges, aber auch nichts den Wahlverwandtschaften Ursprüngliches und Wesentliches. Den Kern des Romans glaube ich in Wielands Erzählung 'Freundschaft und Liebe auf der Probe vorgebildet zu sehen. Wieland lässt Nadine von Blumau in seinem Pentameron (später Hexameron) von Rosenhain folgende 'Anekdote' vortragen:

Die Erzählerin hat zwei Freundinnen, Selinde und Klarisse. Selinde, zierlicher Gestalt, edel, gut, witzig, von sehr lebendiger Einbildungskraft, in sich verliebt, übermässig lebhaft, leichtsinnig, gefall- und vergnügungssüchtig, erinnert in dieser directen Charakteristik Wielands stark an Luciane. Ihre ältere im gleichen Kloster erzogene (!) Freundinn Klarisse, weniger schön, aber ebenmässigen Körperbaus, will, zumal neben Selinde, so wenig als möglich bemerkt werden und erhebt keine Ansprüche; sie zieht durch einen ihr selbst unbewussten Zauber an und gewinnt sich Freunde wie Selinde Liebhaber; sie geht sparsam mit ihrer Zeit um, theilt den Tag besser ein als Selinde und wendet die Morgenstunden, welche diese mit flüchtigem Blättern in Tageslitteratur und am Putztisch verbringt, immer nützlich und zu bestimmten Zwecken an; sie hat Talente zum Zeichnen und Malen, Klavier- und Harfenspiel, verdeckt aber bescheiden ihre ausgebreiteten Kenntnisse, die sie hartnäckigem Fleisse verdankt; sie ist frei von Launen, Grillen, übereilten Urtheilen und leichtsinnigen Zu- und Abneigungen, eine geborene Feindin alles Übertriebenen, aller Unnatur, Selbsttäuschung und Unredlichkeit gegen andere und sich selbst, alles ist in ihr ruhig, gemässigt und in Harmonie mit sich selbst; ihr Ernst hat nichts Düsteres, ihr gesetztes Wesen nichts Schwerfälliges und Drückendes, Heiterkeit und Frohsinn ist immer über ihr liebliches Gesicht ausgebreitet. Diese Figur, für welche Wieland mehr Liebe aufwendet als für Selinde, trägt offenbare Züge Ottiliens; ja sogar ihre ungewöhnliche Vestalenmässige Art sich zu kleiden erbt diese. Während anfangs die Anspruchslosigkeit als Hauptkennzeichen Klarissens bezeichnet ist, treten später ihre Kenntnisse, ihre Klugheit, Weisheit und vor allem die Mässigung stärker heraus und sie erinnert dann an Charlotte, von der auch gilt: sie werde selten warm, und niemals bitter und sei immer gleich bereit, Friede zu machen.

Diese Freundinnen sind an zwei Freunde vermählt: Mondor ein reicher Adeliger, Raymund ein weniger mit Glücksgütern gesegneter Maler. Mondor war

von einer ernsthaften, mit etwas schwarzer Galle tingirten Sinnesart, sagt Nadine; von warmem Kopf und noch wärmerem Blut; äusserst reizbar, heftig und anhaltend in seinen Leidenschaften und schwer von einer Idee, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, abzubringen; in allen seinen Ideen, Gefühlen und Forderungen war immer etwas Übermässiges und Grenzenloses. Eine Reihe dieser Eigenheiten trifft für Eduard zu. Dagegen ist zwischen dem leichten, fröhlichen, sorglosen, raschen und unbeständigen, geselligen, gutartigen und biederherzigen Raymund und dem Hauptmann keine Charaktergemeinschaft. Die Freundschaft beider ist angenehm und auch nützlich, sie finden bei einander Rath und Beistand; so verspricht sich Eduard mit Grund Nutzen vom Hauptmann.

Raymund nun ist der Gatte Klarissens, Mondor mit Selinde verheiratet. Anfangs herrscht in beiden Ehen Glück, bald treten Missverständnisse wenigstens bei dem zweiten Paare ein, ohne dass irgend einen Theil eigentliche Schuld träfe. Die Folge ist, dass jeder der Freunde in dem Weibe des andern sein grösseres Glück sieht. Bei Mondor wächst wie bei Eduard die Neigung zur Leidenschaft gerade wegen der gänzlichen Entferntheit Klarissens von allen Künsten der weiblichen Koketterie. Raymund beobachtet diese Schwärmerei seines Freundes wie der Hauptmann die Schwenkung Eduards, findet zur gleichen

Zeit Selinde schön, kommt auf einen vertraulicheren Fuss mit ihr wie die Vertraulichkeit des Hauptmanns und Charlottes durch ihre Aufmerksamkeit auf Eduard vermehrt wird, und ohne dass er Grund hätte sich von Klarisse zu scheiden, bedünkt es ihn ein wahres Freundesstück, Mondor von einer Frau zu helfen, die ihn mit aller Liebenswürdigkeit nur unglücklich mache. Da ward in Frankreich, in dessen deutscher Provinz die Ehepaare leben, die Auflöslichkeit der Ehe verkündet; die Freunde sprechen gerne und öfters von dem neuen Gesetz; ebenso wird an Charlottes Tafel in französischer Sprache von Ehegesetzen und Ehescheidungen gehandelt. Endlich entdecken sich die Freunde gegenseitig und vereinbaren den Tausch der Frauen; das erinnert an die Scene zwischen Eduard und dem Major (Thl. 2 Kap. 12), wo ebenfalls die Freundschaft als Nebenmotiv ausgespielt wird. Raymund (der Major) trägt Klarisse (Charlotte) die Absichten vor, sie willigt in die Scheidung; auch darein, Mondors Gemahlin zu werden, wie Charlotte dann auf Eduards Bitte dem Major ihre Hand zusagt. Ein Jahr gehts gut in den neuen Ehen; dann aber ward Mondor der gleichmässigen Klarisse überdrüssig und für Raymund wurden Selindens Launen zu kostspielig. Die Freunde offenbaren sich aufs neue einander und einigen sich, den Tausch rückgängig zu machen: Alles trat nun wieder in die alte Ordnung zurück' und die Paare leben äusserst glücklich; also ein fröhlicher Ausgang statt des tragischen der Wahlverwandtschaften, wo aber auch nahe am Ende (Kap. 17) ein Ruhepunkt eintritt und es heisst: “So bewegte sich fast Alles wieder in dem alten Gleise'.

Diese Erzählung von Freundschaft und Liebe auf der Probe, die dadurch nicht reiner wird, dass Klarisse vom zweiten Gatten den Verzicht auf allen "zwangrechtlichen Anspruch sich ausbedingt, konnte nach der Meinung eines Zuhörers in Wielands Pentameron 'zu einem der artigsten Romane' ausgesponnen werden. Mit den Wahlverwandtschaften erfüllte Goethe diesen Wunsch. Es lassen sich noch Einzelheiten vergleichen: Mondor ist gerne in seinem Büchersaale wie Eduard bei seinen Papieren; das Empfindliche eines ersten Widerspruchs des Gatten trifft Eduard

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