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Der Vorstand des Vereins für Hamburgische Geschichte übersendete am 12. Juli zur Aufnahme in die Vierteljahrschrift folgende

Preis - Ausschreibung. Der Verein für Hamburgische Geschichte bestimmt einen Preis von 1000 M für den besten binnen 3 Jahren im Manuscript eingereichten Beitrag zur Kenntniss des Antheils Hamburgs an der Entwickelung der deutschen Litteratur während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Nähere Bestimmungen. 1. In erster Linie erwünscht ist eine Gesammtdarstellung des Hamburgischen Litteraturlebens von 1700 bis 1750; doch werden auch eingehende Monographien über einzelne während dieses Zeitraums in Hamburg besonders gepflegte Litteratur-Gattungen, sowie über einzelne namhafte, dieser Zeit angehörige Hamburgische Schriftsteller Berücksichtigung finden.

2. Es wird erwartet, dass die einzusendenden Arbeiten einerseits auf streng wissenschaftlicher Forschung beruhen und neue Resultate von Erheblichkeit zu Tage fördern, andererseits nach Form und Inhalt geeignet sind, das Interesse weiterer Kreise zu erregen.

3. Die einzureichenden Arbeiten dürfen zuvor weder ganz, noch theilweise im Druck erschienen sein.

4. Dieselben müssen bis zum 1. Mai 1892 dem Vorstand des Vereins für Hamburgische Geschichte zugestellt werden.

5. Die Arbeiten sind anonym einzusenden und dürfen nicht von der Hand der Verfasser geschrieben sein. Jedes Manuscript ist mit einem Motto zu versehen, welches sich auch auf einem beigelegten, den Namen des betreffenden Verfassers enthaltenden, verschlossenen Couvert befinden muss.

6. Den vom Vorstand des Vereins für Hamburgische Geschichte zu ernennenden Preisrichtern steht das Recht zu, den ausgesetzten Preis unter zwei gleich würdige Bewerber zu theilen.

7. Das Eigenthumsrecht an den eingesandten Arbeiten bleibt den Verfassern vorbehalten. NB. Etwaige Anfragen werden erbeten unter der Adresse des

Ersten Vorstehers des Vereins, Dr. Th. Schrader, Ham

burg, Eilbeck, Hinter der Landwehr 6 7. Hamburg, den 9. April 1889.

Die Trinklitteratur in Deutschland bis zum Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts. 1. Die Behandlung der Trunksucht in den

Schriften des Mittelalters. Von der eigentlichen Trinklitteratur, die im sechzehnten Jahrhundert, als die Trunksucht zu einem allgemeinen furchtbaren Nationalübel ward, einen wichtigen und umfangreichen Zweig der deutschen Dichtung bildet, ist in der guten mittelhochdeutschen Zeit noch keine Spur vorhanden. In jenem Zeitpunkt, da die strenge Beobachtung der feinen Umgangsformen und eines anständigen Betragens bei Tische in der ritterlichen Gesellschaft als Äusserung einer tüchtigen sittlichen Gesinnung und daher als sociale PAicht aufgefasst wurde, galt es natürlich auch für unschicklich sich an der Tafel dem Weingenussczu sehr hinzugeben und sich, zumal in Gegenwart höher gestellter Herren und vornehmer Damen, zu betrinken. Und so kennt auch die

. höfische Lyrik der besten Zeit keine Preislieder zum Ruhme des Weines und die höfische Epik der besten Zeit weiss bei der Darstellung der Mahlzeiten nichts von ausschweifenden Gelagen und den üblen Folgen der Trunkenheit zu erzählen.

Allerdings gilt dies nur für die tonangebende beste Gesellschaft. In den breiten Schichten des deutschen Volkes ist das Laster der Trunksucht niemals ausgestorben. Es fiel schon den Römern als das hervorstechendste volksthümliche Gebrechen auf, das ganze frühere Mittelalter hindurch ereifern sich gegen dieses die predigenden Geistlichen und die dichtenden Didaktiker; bereits in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts entstehen in bürgerlichen Dichterkreisen zwei Werke, der Weinschwelg und die Wiener Meerfahrt, welche sowohl für das Lob und die Vertheidigung des Weingenusses, als auch für die realistische Darstellung eines wüsten Gelages alle Motive und Mittel im Keime enthalten, die in der späteren Trinklitteratur in überreichen Saaten aufschiessen. Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte II

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Im Weinschwelg ') (und ähnlich in einem schwächeren Seitenstück, dem Weinschlund 2)) rühmt ein Zecher im Übermasse die Vorzüge und wunderbaren Wirkungen des Weines und erhebt seinen Genuss über alle anderen Freuden der Erde, auch über Liebe und Frühlingslust. Die Wiener Meerfahrt 3) aber eröffnet die lange Reihe der Kneipschilderungen, die in Fischarts grotesker Trunkenlitanei gipfeln. Hier finden wir bereits die mannigfaltigen, aber in typische Unterabtheilungen gegliederten Unarten und Thorheiten der Berauschten, deren tolle Gespräche und Prahlereien, die allmähliche Steigerung von den Anfängen harmloser Freude bis zu dem lärmenden, eklen Ende bei allgemeiner Besinnungslosigkeit und die unheilvollen Folgen des schweren Rausches.

So zechten Wiener Bürger. Doch auch in die höfischen Kreise drang die Verrohung vor.

Rasch binnen eines Menschenalters vollzog sich diese Veränderung, wie uns die entgegengesetzten Äusserungen von Vater und Sohn im Meier Helmbrecht erweisen. Der Greis erzählt, wie er's in seiner Jugend bei Hof gefunden. Die Ritter waren hovelîch unde gemeit, Turnier, Tanz und Gesang erfreute sie; dann las einer vom Herzog Ernst vor, andere jagten und trieben Kurzweil; Betrüger und Zuchtlose wurden nicht geduldet. Der Sohn berichtet dagegen von den neuen Sitten: statt bei schönen Frauen, sitzen nun die Ritter den ganzen Tag beim Weine; Tugend und Anstand ist von ihnen gewichen, Lug und Trug ist nun hövischeit, Raub und Todschlag ersetzen das Turnier.4) Es sind allerdings nicht die besten ritterlichen Kreise, in denen Meier Helmbrecht der Sohn verkehrte, aber der niedere Adel machte den Anfang und der höhere sank bald nach. Darum fühlen sich schon die ältesten Lehrdichter, die sich an die vornehmsten Adeligen wenden, bemüssigt, gegen die Trunksucht und deren Begleiterinnen, Spielsucht, Unkeuschheit und andere, in scharfen Strafpredigten anzukämpfen, so

Thomasin

1) K. Lucae, Der Weinschwelg, Halle 1886. 2) Zeitschrift f. deutsches Alterthum 7, 405 — 409. 3) v. d. Hagen, Gesammtabenteuer 2 Nr. 51. 4) Erzählungen und Schwänke hg. von Lambel S. 131 ff. V.921–1035.

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(V. 297 ff.), so Freidank, der im 35. Kapitel seiner 'Be-
scheidenheit’: óvon trunkenheite' die schädlichen Folgen
dieses Lasters mit volksthümlichen Wendungen, die Jahr-
hunderte hindurch sprichwörtlich gebraucht wurden, geisselt.
Und die späteren Minnesinger selbst machen ihren ritter-
lichen Genossen die bittersten Vorwürfe. Reinmar von
Zweter und Konrad von Würzburg beklagen die ent-
schwundene Zeit des höfischen Frauendienstes. Ulrich von
Lichtenstein ruft unmuthig aus:

si hậnt win liep für wip, für got
die selben luoderære
suln frouwen sîn unmære

man sol si bi dem wine lân.5)
Und in gleicher Weise schelten Ulrich von Türheim und
Friedrich von Sonnenburg.)

In Österreich und Baiern, wo übermüthige Bauern in den Ritterstand einzudringen suchten und so den Verfall der höfischen Bildung beschleunigten, wie bedauern hier die Satiriker z. B. Stricker in der Klage (vor 1250) den gräulichen sittlichen Zustand ihrer adeligen Zeitgenossen! wie der sogenannte Seifried Helbling (zwischen 1280 und 1300), der, Erzähler und Zuchtmeister zugleich, in Wirthshausscenen ein früher Vertreter des satirischen Genrebildes, in seinen Ermahnungen die eben vergangene Zeit als Muster anführt, das rasche Sinken der ritterlichen Gesinnung von der idealen Höhe zu grob materiellen Ansichten in packenden Gegensätzen darstellt, Trunksucht und üppigkeit wirksam geisselt!)

Mit den Satirikern gingen die Prediger Hand in Hand, die besonders nach dem grossen Aufschwung der volksthümlichen Predigt im dreizehnten Jahrhundert von bedeutendem Einfluss auf das gesellschaftliche Leben und die späteren Lehrdichter wurden. Aber sie schossen über das Ziel hinaus, indem sie jegliches ritterliche Vergnügen als sündige Erdenlust verdammten und so dem zerfallenden

5) Der vrouwen buoch hg. von Lachmann S. 635 V. 10–14.
6) Uhland, Schriften 5, 266 f.

7) Hg. von Seemüller, Halle 1886. Vgl. S. 306 und Nr. I V. 356 ff. Nr. XIII V. 94 ff.

höfischen Leben den letzten Stoss versetzten. Der gewaltigste unter ihnen, Berthold von Regensburg (1250—1272), setzte mit gemeinnützigen Rathschlägen bei den wirklichen Bedürfnissen des Volkes ein, weil er nicht nur für das geistige, sondern auch für das körperliche Wohl seiner Nebenmenschen, für Gesundheit und Erhaltung des Lebens besorgt war. Häufig, bei Besprechung der sieben Todsünden und sonst eifert er gegen die Trunksucht: Wer sich überisst und betrinkt, der wird ein Dieb, Räuber und Ehebrecher; der Schlemmer, der den ganzen Tag beim Weine liegt, wird Gott Rechenschaft geben müssen für das ihm verliehene Pfund der Lebenszeit, das er vergeudet; des Teufels Jungherr frâzheit, der nur durch die himmlische Jungfrau mâze bekämpft werden kann, gehört zu den fünf 'schädlichen Sünden', die nicht nur die Seele, sondern auch den Körper verderben. Die Vögel in den Lüften begnügen sich mit der Stillung der Nothdurft, der Mann aber vertrinkt heutzutage sein Schwert, die Frau Ring und Haupttuch.4)

Berthold ist ein Vorbild des Sittenpredigers im poetischen Gewande Hugos von Trimberg (1300—1313); dieser führt im allgemeinen den Plan durch, die sieben Todsünden in einer bittern Satire gegen das weltliche Treiben seiner Zeitgenossen zu beschreiben. In mehreren Kapiteln beschäftigt er sich mit der Gefrässigkeit und der Schlemmerei. Die Thiere mögen gierig fressen, so lehrt er, der Mensch aber soll nach der massvollen Sitte essen, die Gott ihm vorgeschrieben hat. (Eine Stelle, die sich mit dem Anfang von Reinerus Thesmophagia berührt.) Unmässigkeit schädigt den Körper, sie macht das Haupt wirr und die Glieder müde, die Zunge lallen und die Augen überfliessen, sie schädigt die Seele, weil sie andere Laster nach sich zieht und das Hirn dem Säufer so betäubt, dass er den Glauben an Gott verliert. Hugo schiebt mehrere Trinkanekdoten ein, erzählt auch den Inhalt der Wiener Meerfahrt und überbietet diese Kneipdarstellung durch viele Zusätze. Auch den Morgen nach der Kneipe schildert er, wie sich da nie

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8) Bertholds von Regensburg Predigten hg. von Pfeiffer, Wien 1862 S. 103. 190. 19. 225. 424. 431.

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