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das “unvernünftige Vieh', das mit dem Saufen aufhört, sobald es den Durst gelöscht hat, für weit gescheuter als die schlemmenden 'Kinder Gottes’. Nur Obsopöus protestirt in scherzender Weise gegen diese Ansichten der Moralisten. Die Thiere bleiben freilich nüchtern, meint er (H b), doch die thier trinckn khein wein, des wassers hat bald jeder gnug.

Auch die abschreckende Zeichnung des Widerlichen und lächerlichen Verlaufs eines Saufgelages bildete ein fruchtbares Motiv der Trinklitteratur. Beeinflusst von den älteren satirischen Bildern aus dem Wirthshausleben und von Brants 72. Kapitel verfassen auch die Lehrdichter des 16. Jahrhunderts sehr häufig Kneipschilderungen in immer reicherer und wirkungsvollerer Darstellung bis zu dem Gipfelpunkt dieser Litteratur, Fischarts Trunkenlitanei. 106) Viele dieser Schilderungen sind sehr dramatisch gehalten und zu ihrer Ausbildung haben sicherlich die zahlreichen Kneipscenen der Fastnachtspiele des 15. und der Komödien des 16. Jahrhunderts beigetragen. Übrigens gehören Dichtungen, wie die Prodigus - und Hecastus - Dramen, welche die ausgesprochene Aufgabe besorgten, vor dem Schlemmerleben zu warnen, auch ihrer Tendenz nach zur Trinklitteratur im weiteren Sinne. 107)

Noch im 17. Jahrhundert gibt es Schriften, die zur Trinklitteratur gerechnet werden können und die in der oben gegebenen Darstellung' gelegentlich erwähnt wurden. Sie sind in der Regel in Form und Inhalt von den älteren Werken dieses Litteraturzweiges abhängig. Der deutsche Durst ist im Jahrhundert des grossen Krieges nicht verloschen, und es fehlt auch nicht an Dichtern, die ihn besingen 108) oder die das Treiben der Säufer schildern 109),

106) Darüber habe ich ausführlich gehandelt in meiner Schrift C. Scheidt S. 122-127.

107) Ebenda S. 37.

108) Z. B. Fleming, Finckelthaus, David Schirmer, Johann Georg Schoch, Weckherlin; dann Tscherning, Lob des Weingottes 1634, Kindermann, Lobgesang des Zerbster Biers 1658.

109) Z. B. Grimmelshausen, Simplicius, Kap. 30. 32 ganz in der Manier der Trunkenlitanei. Albertinus, Der Landstörtzer Gusmann

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auch nicht an Moralisten, die mit zornigem Eifer die Trunksucht befehden. Aber diese Moralpredigten ertönen nun wieder, wie vor dem 16. Jahrhundert nur innerhalb grösserer Lehrdichtungen, die gegen die verschiedensten Laster, häufig gegen die sieben Todsünden insgesammt gerichtet sind 119), oder innerhalb satirischer Darstellungen, die alle Gebrechen der Zeit geisseln. 111) Von einer eigentlichen, zusammenhängenden Trinklitteratur mit gleichmässig abgefassten Schriften, die nur für oder gegen die Trunksucht das Wort erheben, kann nur im Zeitalter der Reformation die Rede sein.

Adolf Hauffen.

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Prag.

Zu Lessings dramatischen Fragmenten.

1. Virginia und Emilia Galotti. In der Festschrift zur fünfzigjährigen Gedenkfeier der Begründung des Düsseldorfer Realgymnasiums hat neuerdings Volkmann S. 233 ff. einen trefflichen kleinen Aufsatz über die Quellen der Emilia Galotti niedergelegt. In eindringlicher Vergleichung wird geprüft, welche Motive des spanischen Virginiadramas Montianos, das Lessing bekanntlich in der theatralischen Bibliothek recht breitspurig analysirt hat, noch in der Emilia nachklingen; es wird weiter wahrscheinlich gemacht, dass nicht unwesentliche Züge der

1615 S. 472. Die Motive der Schilderung bleiben die gleichen durch Jahrhunderte. Vgl. z. B. die Kneipe auf dem Brocken in Heines Harzreise: 'Der eine brüllte, der andere fistulierte, ein dritter deklamierte aus der Schuld', ein vierter sprach Latein, ein fünfter predigte von der Mässigkeit und ein sechster stellte sich auf den Stuhl und docierte: Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze, die Menschen sind einzelne Stiftchen darauf' u. s. w.

110) Ägidius Albertinus, Lucifers Königreich vnd Seelengejäidt (darunter III die Fresser, Sauffer, Schwelger vnd Störtzer) 1616. Spital Vnheylsamer Narren vnd Närrinnen aus dem Italienischen des Garzoni von G. F. Messerschmidt, Strassburg 1618. Johann Mayer, Speculum peccatorum mortalium, München 1665 u. s. w.

111) Moscherosch, Gesichte Philanders von Sittewaldt, besonders 2. Theil 6. Gesichte. Soldatenleben.

französischen Virginia Campistrons von Lessing für sein bürgerliches Trauerspiel verwerthet wurden. Nicht alles ist gleich überzeugend: Volkmann überschätzt wohl den Einfluss des elenden spanischen Machwerks auf die Gestaltung der Lessingschen Charaktere. Ich kann nicht finden, dass Montianos Virginia sich von der Campistrons, Chabanons, Crisps u. s. w. irgendwie deutlich abhöbe: überall dieselbe ingénuité de l'héroïsme, mit Chabanon zu reden (Tableau de quelques circonstances de ma vie p. 111). Und des Virginius Hitzköpfigkeit lag als Motivirung seiner furchtbaren That so nahe, dass Lessing Montianos Vorbild nicht brauchte, um Odoardo heisses Blut in die Adern zu giessen: er fand zudem dieselben Motive auch in anderer, näher liegender Quelle. E. Schmidt hat schon Recht, nur von leichten Anregungen' Montianos zu sprechen: die sichersten sind der Zug, dass Appius der Virginia bei den Palilien nachstellt wie Hettore der Emilia in der Kirche, und dass die Amme Publicia von Verginia verlangt, sie solle Icilius und ihrem Vater die Nachstellungen des Appius verschweigen, grade wie Claudia das von Emilia fordert. Dass Montianos Icilius (III, 5) dem Decemvir seine Aufwartung zu machen sich verpflichtet fühlt, erinnert an Appianis gleiche Absicht gegenüber dem Prinzen.

Viel bedeutender war Campistrons Einfluss. So lächerlich auf uns seine Virginie wirkt, in der von Virginius nur erzählt wird, ohne dass er je auftritt, in der Mama Plautia einigermassen seine Rolle übernimmt, so sehr hat sie den Gang des Lessingschen Dramas bestimmt. Claudius (Marinelli), nicht Appius (Hettore), ist der eigentlich Erfindende und Treibende. Die Katastrophe fällt mit der Hochzeit des Icilius (Appiani) zusammen. Ort der Handlung ist bei Campistron der Palast des Appius, bei Lessing fast durchweg Dosalo. Lessings Claudia ist mindestens III, 8 ein Gegenstück zu Campistrons Heldenmutter Plautia: allerdings ist auch in dem alten englischen Spiel, der Tragical comedie of Apius and Virginia an die Stelle der nutrix bei Livius die mater getreten; doch zweifle ich nicht, dass Lessings Claudia unmittelbar an Campistron anknüpft. Endlich hat Campistrons Appius in mancher Hinsicht Les

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sings Hettore zur Vorlage gedient: nur dass des Prinzen gelegentliche Gutmüthigkeit oft ehrliche, wenn auch billige Empfindung eines unstäten Charakters ist, während des Appius Scheinmitleid in eitel Heuchelei aufgeht. Beide beklagen den Eltern gegenüber die grausame Gerechtigkeit, die sie nöthigt, ihnen die Tochter vorzuenthalten. Und bei beiden ist der Diener weit schlimmer als sein Herr; Appius wie Hettore sind von Gewissensbissen nicht frei, die der Helfershelfer betäuben muss.

Volkmann hat nur diese beiden Virginien mit Emilia Galotti verglichen. Aber der Stoff war im 16. bis 18. Jahrhundert ungemein verbreitet und viel bearbeitet. Er dankt diese Popularität gutentheils dem Umstande, dass Ser Giovanni Fiorentino in der 2. Novelle des 20. Tages seines Pecorone eben dieselbe Geschichte in unzweifelhaftem, aber freiem Anschluss an Dionys von Halikarnass erzählt hat; so wurde die ausführlichere Fassung des Griechen reichlich so bekannt wie die knappere des Römers; von Giovanni nahm sie Painter auf in den palace of pleasure. Aus diesem schöpfte z. B. Webster, aus jenem wohl Montiano. Giovannis Novelle durfte also bei Quellenuntersuchungen über die Virginia nicht ganz ausser Acht bleiben; doch ändert sie das Resultat nicht; ob Lessing sie gekannt hat, ist mir nicht erweislich.

Hat Lessing nun noch andere ausserdeutsche Dramen, deren Heldin Virginia war, benutzt? Das mir zugängliche Material reicht nicht weit. Von Juan de la Cuevas Muerte de Virginia y Apio Claudio (1580) weiss ich nur aus Montianos Erwähnung (B. A. Wagner, Lessings spanische Studien S. 9). Ebenso kenne ich Jean Mairets Virginie (1635) und Michelle Clercs Virginie Romaine (1645) nur dem Titel nach aus Marmontels Chef d'oeuvres dramatique und aus der Bibliothèque du théatre français 2, 88. 3, 24. Chabanon hat den Virginiastoff zweimal vorgenommen: eine Tragödie dieses Inhalts sandte er (um 1766) Voltaire zur Prüfung und erhielt zur Antwort, dass Racines und Corneilles Talent vereint nicht ausreichen würde, um diesem Stoff Erfolg zu verschaffen: die Hauptschwierigkeit sah Voltaire in der Gestalt des Appius, dessen Frevel une basse atrocité sei, wie sie die französische Bühne nicht dulde. Dagegen hatte der Greis von Ferney nichts dawider einzuwenden, dass Virginius seinen Mord auf der Bühne vollbringe: assassinez, monsieur, assassinez; c'est toujours le mieux; mais souvenez-vous qu'il faut la sausse à ce poisson là (Chabanon, Tableau de quelques circonstances de ma vie p. 119). Ob diese Virginia gedruckt ist, weiss ich nicht; doch scheint es, dass sie zur Aufführung angenommen wurde (Bibliothèque 3, 220). Jedesfalls veranlassten Voltaires Ausstellungen den Dichter zu einem neuen Entwurf, der nahe an Campistron sich anlehnt, in dem aber eine sehr originelle Wendung vorkommt: Appius gewinnt den Virginius durch den politischen Gedanken, seine Ehe mit Virginia werde den Weg bahnen zur Gleichberechtigung der Patricier und Plebejer. Also égalité! Lessing könnte aus chronologischen Gründen nur den ersten Plan gekannt haben: den Mord auf der Bühne, den weder Montiano noch Campistron wagen, hat der deutsche Dichter aber gewiss nicht von Chabanon gelernt, sondern hier waren die Engländer seine Vorbilder.

Schon das alte Spiel von Appius und Virginia (aufgeführt etwa 1563) gipfelt in dem Gespräch von Vater und Tochter, das der tödtliche Streich beschliesst. Auch in Websters Tragödie (gedruckt 1654) IV, 1 tödtet Virginius sein Kind auf offener Bühne; ich bemerke noch, dass Webster den Charakter des Appius hebt: der ursprünglich tüchtig angelegte Mann sinkt erst durch Liebesleidenschaft, durch persönlichen Hass und durch die Verführungskünste des Marcus Claudius bis zur verbrecherischen Ehrlosigkeit herunter. Die Dramen von Betterton (1679), von Moncrif (1755), von Brooke (1756) sind mir unbekannt geblieben; von Dennis 'Appius und Virginia' gibt Monthly Review 1754 p. 228 ein Excerpt. Dennis lässt den Virginius erst im letzten Act auftreten; bei einem Werbebesuch, den Appius der Virginia macht, will Icilius sich seiner bemächtigen, aber die Heldin bietet unerfahren genug ihre Hand, um den Appius dem sicheren Untergang zu entziehen. Ob der Mord der Virginia sich vor den Augen der Zuschauer abspielt, ergibt der Auszug nicht sicher, der

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