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hervorruft, mischt sich das Getöse des Aufruhrs. Sein blutiger Dolch entflammt ganz Rom, Appius stürzt fort, Icilius wird befreit, und an der Leiche der Geliebten mahnt Virginius den Lebensmüden, an den Ruhm des befreiten Vaterlandes zu denken and in the Roman to forget the man!

Die zeitgenössische Kritik hat den Mangel dramatischer Handlung mit Nachdruck betont. Sie hatte Recht dazu. Die eigenthümliche Erfindung Crisps, die Gestalt der Marcia, hat mit dem zweiten Act abgewirthschaftet und keine andere Folge hinterlassen, als dass eben zwei Acte gefüllt sind. Dagegen verräth die bilderreiche kräftige Sprache Spuren von Talent, so wenig ihr übertrieben declamirendes Pathos für Lessings geizig wuchtige Kürze etwas abgeben konnte.

Was nun die Emilia Galotti dem Crispschen Drama verdankt, liegt nicht gerade auf der Hand. Da es aber sicher ist, dass Crisps Arbeit Lessing interessirt hat, so ist eindringende Prüfung unerlässlich, und sie bleibt nicht ohne Frucht.

Zunächst die einzelnen Gestalten des Dramas. Odoardo ist deutlich ein Kind dieses Virginius, mag er seinem Vater auch noch so sehr über den Kopf gewachsen sein. 'Ein brausender Jünglingskopf mit grauen Haaren!' (Emil. V, 2). Derselbe Gegensatz bei Crisp. Gleich in den Eingangsworten paaren Rufus und Claudius, da sie von dem hot Centurion reden, old age und impetuous haste; Appius erfährt es (p. 18), wie das grey headed ruffian storms; selbst der von ihm geliebte Icilius hat unter seiner masslosen übereilten Hitze zu leiden. Besonders klar gab der Monolog des Virginius (p. 51) im Eingang des 5. Actes das Vorbild ab zu den Monologen Odoardos V, 2. 4. 6: 'I must compose this tempest here and settle all within to meet whatever may fall'. 'Ruhig, alter Knabe, ruhig! Als Virginius seine Tochter nahen sieht, vermag er nicht ihren Anblick zu ertragen: ‘Alas, she comes this way! – I must not see her I cannot (turning away)'; aber es ist zu spät, schon ist sie da (p. 51). Als Odoardo Emiliens zur letzten Unterredung harrt, ebenso: Fort, fort! Ich will sie nicht erwarten. Nein! (Er will gehen und sieht Emilien kommen. Zu spät! Ah!

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Claudia rühmt sorgenvoll seine rauhe Tugend, Icilius (p. 52) fürchtet seine savage honour, die in ihrer Ungeduld alles zerstören wird. Nur die politische Triebfeder hat Odoardo mit Crisps Virginius nicht gemein.

Stärker verschieden sind Virginia und Emilia. Jene ist sehr römische Heldenjungfrau, voll Ruhmbedürfniss und Tugendpathos; ihr gekränkter Stolz wird dem eifersüchtigen Icilius gegenüber zu unweiblichem Trotz. Aber auch ihr fehlen nicht Züge, die Lessings Emilia vorbereiten. Bei beiden blinde kindliche Ergebung in den Willen der Eltern: Emilia: 'Nun ja, meine Mutter! Ich habe keinen Willen gegen den Ibrigen' (II, 6); Virginia: 'whatever be the purpose of your

6 soul, it must be noble, since 'tis my fathers' (p. 52); 'hast thou forgot, I am Virginius' daughter? wouldst thou cancel the bond of my obedience ? Beide haben unheilverkündende Träume: Emilia (II, 7): 'Ich könnte ihm gram sein, diesem Geschmeide – denn dreimal hat mir von ihm geträumt als ob ich es trüge, und als ob plötzlich sich jeder Stein desselben in eine Perle verwandle. – Perlen aber, meine Mutter, Perlen bedeuten Thränen. Virginia (p. 27): “Plautia, but last night the vision of Lucretia stood before me! Oh, 'twas a hint from fate ... Plautia, this mighty shade in pity came, t'assist my virtue by her great example and teach me how to die! – Von der letzten

' grossen Scene zwischen Vater und Tochter spreche ich noch.

Die Amme Plautia heisst bei Crisp wie bei Campistron die Mutter Virginiens: das mag dazu beigetragen haben, dass Lessing Emilien eine Mutter zur Seite gab. Plautia ist Nebenfigur, aber der Claudia des 2. Acts nicht unähnlich. Gleich ihr geht sie über Virginiens Traum leicht hinweg : ‘alas my child! it was a dream ... no more (p. 27), und ihre kleine Weltklugheit, weit entfernt von des Virginius und Icilius stolzem Sinn, räth ihrem Pflegling gar, zu Appius freundlich zu sein, um ihn nicht zu reizen (p. 27).

Dass der sonderbare Liebhaber höchst Lessingscher Arbeit, Graf Appiani, in Crisps Icilius nirgend vorklingt, darf nicht Wunder nehmen. Aber auch Appius, der bei Crisp schon altert, hat von dem liebenswürdig schwanken

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den Wesen Hettores nichts: die weiche Stimmung, die ihn anwandelt, als er seine erste Begegnung mit Virginia erzählt; der kleine Ansatz zu erheucheltem Mitleid bei der Schlussverhandlung rechnen nicht; und der schwache Versuch, Virginius freundlich zu behandeln: “but say, Virginius, why art thou a foe?' (p. 16) ist in Situation und Erfolg von den gewinnenden Worten des Prinzen V, 5 himmelweit verschieden.

Ich komme zu dem Geschwisterpaar Claudius und Marcia. Die Gleichung Claudius = Marinelli ist gegeben: Claudius ist bei Crisp a patrician, aber a dependant on Appius, ein vornehmer Höfling, stets bereit, allen Lüsten seines Herrn blind zu dienen, erfinderisch, aber ohne Scrupel in der Wahl seiner Mittel, dabei feige, sowie Gefahr droht (p. 61); ganz Marinelli. Wie Marcia jenem S. 34 ins Gesicht schreit, sein sei der niedrige Plan, so Claudia III, 8 diesem. Claudius ist es wie Marinelli, der den Mitleid heuchelnden Tyrannen zur angeblichen Gerechtigkeit treibt. Aber diese Gestalt war durch die historischen Quellen im wesentlichen gegeben. Crisp hat ihm eine Creatur, den vorsichtigen Rufus, zur Seite gestellt, aus dem schon E. Schmidt zweifelnd Lessings Pirro erwachsen liess: die von Volkmann erklügelte Beziehung der Namen (Pirronuggós, röthlich) ist gewiss baarer Zufall, und Rufus ist bei Crisp ein ebenso ehrloser Bursche wie sein Herr, nur etwas ängstlicher; Pirros gute Regungen fehlen ihm völlig.

Ganz neu erfunden ist von Crisp Claudius Schwester Marcia. Sie ist keine Orsina, gewiss nicht, ist eine temperamentlose, sentimentale Dame, die ihre treulose Schwäche in Thränen und Vorwürfen reichlich abbüsst: aber allerlei Ansätzchen zu Lessings gewaltiger Frauengestalt sind doch in ihr vorhanden. Freilich nur ziemlich äusserlich. Sie gehört in ihrer socialen Stellung zu der Patriziergruppe wie Orsina zum Hofe. Sie ist ein gemischter Charakter, kein schlimmer, wie Claudius und Appius, aber auch kein sittlich untadliger wie die Plebejer; sie hält sich nicht rein von dem verderblichen Einfluss ihres verworfenen Bruders: Orsina ist in den vergiftenden Freuden des Hof lebens tief gesunken. Marcia liebt einen Mann, dessen Herz der Virginia gehört: Orsina ist Emilien gegenüber in gleicher Lage: beider Liebe ist sündig und doch erweckt sie theilnehmendes Mitleid. Marcia senkt den Verdacht gegen Virginia in die Brust des Icilius; ähnlich und doch anders Orsina ins Herz des misstrauischen Vaters. Marcia wie Orsina durchschauen zuerst den teuflischen Plan in greller Klarheit; Marcia wie Orsina gewähren dem Vater der Heldin das volle Licht über ihre verzweifelte Lage; Marcia wie Orsina werden von Claudius - Marinelli gefürchtet und entfernt. Dass das Geschöpf des biederen Crisp weder von dem dramatischen noch von dem sittlichen Gehalt der grossen Sünderin Lessings die leiseste Ahnung ermöglicht, das thut nichts zur Sache. Die Analogien sind gross genug, um in Marcia das unwürdige Gefäss zu sehen, das Lessing, umgestaltend, mit neuem köstlichen Inhalte füllend, zur Gräfin Orsina umschuf. Möglich, dass in der dreiactigen Emilia das alte Marciamotiv, eifersüchtige Intrige und nachfolgende Reue, noch deutlicher hervortrat: doch glaube ich nicht, dass je Appiani - Icilius der Gegenstand jener Leidenschaft war wie bei Crisp. Soviel von den handelnden Personen.

Im dramatischen Aufbau ist Lessing seinem englischen Vorgänger wenig Dank schuldig: was willst du armer Teufel geben? Einzelne kleine Züge, wie den Traum der Emilia, die Monologe des Odoardo und manches andere, habe ich schon berührt: auch das Motiv, dass Virginia gerade auf der Flucht, im letzten Augenblicke noch, dem Tyrannen in die Hände fällt, hat in der Emilia ein Seitenstück. Nachhaltiger gewirkt hat Crisp nur in einer Scene der Emilia, freilich in der wichtigsten, in der Mordscene, wo Lessing selbst ausdrücklich an sein römisches Vorbild erinnert. Bei Campistron tritt Virginius gar nicht, bei Montiano und Dennis erst in den letzten Scenen des Dramas, bei Crisp und Lessing aber schon früher auf; wir haben uns bei beiden mit eignen Augen überzeugen können, dass von diesem hitzigen Starrkopfe alles zu erwarten ist. Dann gleich der Eingang der Scene: der Vater fürchtet die Unterredung, will fliehen, aber die Tochter kommt allzu schnell dazwischen; auch dieser Eingang stammt aus Crisp.

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upon me?

Odoardo mahnt ironisch zu geduldiger Fassung: "Was hätt' es denn für Noth? – Du bist, Du bleibst in den Händen Deines Räubers'; Virginius: 'there is no help: submit thee then arm'd with patience'. Drauf sie: “Nimmermehr, mein Vater. Oder Sie sind nicht mein Vater. Ich allein in seinen Händen? Gut, lassen Sie mich nur, lassen Sie mich nur.

Ich will doch sehn, wer mich hält mich zwingt -?; Virginia ähnlich: 'what, does my father give me up? - Does he confirm the cruel sentence pass'd

Behold me then a slave! – Here bind these limbs!' u. s. w. Virginius ist zum Aussersten entschlossen,

. aber furchtbar schwer wird es ihm, auszusprechen, was er vorhat.

"Canst thou not guess! Canst thou read the purpose, that shakes me thus!' Emilia: 'O mein Vater, wenn ich Sie erriethe! Bei Crisp ist es wohl motivirt, dass Virginius den Dolch zeigt, lange vor dem tödtlichen Streiche zeigt: sein Anblick soll ihm ersparen, das Schreckliche in Worte zu fassen; wie gesucht ist dem gegenüber die Einführung des Dolches bei Lessing. Wie nun Virginia die grause Nothwendigkeit erkennt, ist auch sie die Entschlossenste ihres Geschlechts: sie will den Tod: 'o strike!' und als er zurückschaudert, drängt sie zur schnellen That, wie Emilia.' Auf offener Bühne, ganz abweichend vom Spanier und Franzosen, stossen endlich die Väter zu. Bestürzt eilt der Tyrann herbei : Hettore: "Grausamer Vater, was haben Sie gethan? Appius: “What has he done! Plautia: 'Oh, horrid cruel father! Und der Greis redet die sterbende Tochter an: 'Sweet hapless flower, untimely cropt by the fell planter's hand!' im selben Bilde, aber geistreicher Lessing: 'Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert!

2. Fenix und Philotas.

Neuerdings hat Minor in der Zeitschrift für deutsche Philologie 19, 239 den Gedanken ausgesprochen, dass Lessings Philotas durch Calderons Principe constante stark beeinflusst sei. Die Combination, die mir nicht neu war, liegt sehr nahe, ist aber nicht eben unbedingt überzeugend. Gewiss, ein wichtiger Gedanke ist Calderon und Lessing geVierteljahrschrift für Litteraturgeschichte Ji

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