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übertriebenen Delikatesse und einem vielleicht zu wenig gemässigten, wiewohl auf strenge Rechtschaffenheit gegründeten Ehrgeize, endlich in einem Hange zu gewissen verliebten Schwärmereien, die ihm so manche Stunde verbitterten, und von denen er, wie ich gevviss weiss, auch in der letzten Zeit nicht frei gewesen, in allen diesen Umständen glaube ich keime zu finden, woraus wahrscheinlicherweise, vielleicht aus einem mehr als dem andern, der Entschluss zu jener schrecklichen That nach und nach erwachsen ist.

Man hat nach alledem nicht nöthig, zur Erklärung von Jerusalems Selbstmord mit Koldewey die philosophische Überzeugung des jungen Mannes heranzuziehen: wer nach undeutlichen Vorsteilungen (Leidenschaften) handele, werde sich verachten, oder gar mit Herbst anzunehmen, dass die fast lüsterne Neugier nach geistigen Entdeckungen und den Entschleierungen der jenseitigen Welt eine Rolle spielte. Der selbstgewählte Tod des Unglücklichen war der natürliche Abschluss eines durch reale Ursachen bedingten seelischen Entwickelungsprocesses. Kiel, Januar 1889.

Eugen Wolff.

Der vorweimarische Faust.

1.

Dass uns in der Göchhausenschen Handschrift (U) Goethes Faust in seiner ursprünglichen Gestalt, d. h. in der Fassung, in der ihn der Dichter mit nach Weimar brachte, erhalten sei, ist eine in der ersten Freude des unerwarteten Fundes gefasste Ansicht, die bei näherer Prüfung leider nicht Stich hält. Zweifel an der Vollständigkeit der Dresdner Handschrift, von Erich Schmidt selbst angedeutet, erhoben sich bald mit Rücksicht auf gewisse Plusstücke des Fragments von 1790 (S) und sind soeben von Pniower ausführlicher begründet worden (Vierteljahrschrift 2, 146 ff.). Wir werden sehen, wie berechtigt diese Zweifel sind. Aber mit der Anerkennung der Lückenhaftigkeit von U sind noch nicht alle Bedenken erledigt. Wir müssen weiter gehen und die directe Abkunft der Handschrift U von dem vorweimarischen Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte II

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Originale = 0 überhaupt in Frage stellen. Schon das Verhältniss der Fassungen des ‘Königs in Thule', in dieser Zeitschrift 1,57 ff. erörtert, hätte vollkommen zu dem Schlusse berechtigt, dass U eine Überarbeitung, nicht eine Abschrift von 0 sei; ich habe diese Folgerung damals nicht gezogen, weil ich jene Stelle der Italienischen Reise, '), worin berichtet wird, dass das nach Italien mitgenommene Manuscript ‘noch das erste sei (Hempel 24, 480) zu enge dahin verstand, als könne überhaupt nur ein Manuscript existirt haben. Das braucht man aber aus der Worten nicht herauszulesen, und es ist auch unwahrscheinlich, denn der Dichter wird seiner Mutter am 1. December 1777 (Briefe 3, 320b) kaum das Original überschickt haben, das er in Weimar in den ersten Jahren, wo sein Faust vielbegehrt war, schwerlich entbehren konnte. Dass zwischen 0 und U ein Mittelglied liegen müsse, hat auch Düntzer erkannt (Gegenwart 1888 Nr. 11 S. 166 f.), aber seine Vermuthung, dass die Göchhausen aus der handschriftlichen Sammlung geschöpft habe, die die Herzogin Amalia von des Dichters Werken besass (ihr 1782 als Geburtstagsgeschenk überreicht), scheitert an der Thatsache, dass diese zweibändige Sammlung 'Doctor Goethens Schriften', die sich jetzt im Goethe - Archiv befindet, den Faust gar nicht enthält. 2) Es ist dies merkwürdig, weil die Empfängerin gegen Knebel von allen ungedruckten Schriften' des Dichters spricht (Knebels litterar. Nachlass 1, 192), man muss sich jedoch mit dem Factum abfinden.

Die Abschrift, auf welche U zurückgeht es könnte ganz wohl eben diejenige sein, die der Dichter für seine Mutter anfertigen liess, Thusnelda könnte sie im October 1780 in Frankfurt copirt haben, da sie als Begleiterin der

) Der Brief der Italienischen Reise vom 1. März 1788 trägt keine Aufschrift, muss aber, wie sein Inhalt ergibt, an Herder gerichtet sein. Ich zweifele nicht, dass er mit demjenigen identisch ist, den Goethe nach Ausweis seiner römischen Brieftabelle (Schriften der Goethe-Gesellschaft 2, 402) an dem angegebenen Tage wirklich an Herder gesandt hat. Schmidt, Faust in ursprünglicher Gestalt S. VIII lässt ihn eigens für die Italienische Reise componirt sein, aber mit Unrecht, wie Düntzer, Gegenwart 1888 Nr. 11 S. 166 f. gezeigt hat.

2) Erich Schmidt, Goethe-Jahrbuch 10, 299.

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war um

In

Herzogin Amalia zwölf Tage dort verweilte nicht wenige Scenen ärmer als das Original, dessen lückenund skizzenhafte Theile nicht aufgenommen waren. einzelnen Partien muss sie wie gesagt auch überarbeitet gewesen sein, doch möchte ich der glättenden Hand des Dichters in diesem Falle keine allzu breite Wirkung zutrauen. Was in U erhalten ist, wird sich grösstentheils von 0 nicht sehr weit entfernen, aber es ist eben bei weitem nicht alles Alte darin erhalten, und darum empfiehlt sich Vorsicht beim Gebrauche des Wortes 'Urfaust'.

Prüfen wir zunächst die Plusstücke von S und untersuchen wir, was davon etwa für alt zu halten sei.

Für alt, d. h. für älter als die italienische Reise, während und nach welcher Goethe das Gedicht wie bekannt nicht unbeträchtlich gefördert hat. Denn von seiner ursprünglichen im Juli 1786 dem Verleger Göschen mitgetheilten Absicht, den Faust als Fragment zu geben (Bd. 7 sollte enthalten: "Tasso, zwei Akte. Faust, ein Fragment. Moralisch - politisches Puppenspiel) war er bereits zurückgekommen, als der erste Band der Schriften' 1787 erschien; auf einem Vorblatte dazu theilte er den Subscribenten mit: 'Ich darf jetzt hoffen, dass ich wenigstens keine ungeendigten Stücke, keine Fragmente dem Publico werde mittheilen dürfen' (Hempel · 29, 275); und in Übereinstimmung damit berichtete er am 20. Januar 1787 aus Rom an Frau v. Stein: 'Ich habe Hoffnung Egmont, Tasso, Faust zu endigen, und neue Gedancken genug zum Wilhelm (Schriften der Goethe-Gesellschaft 2, 264). Der Plan, das Stück zu vollenden, wird während der ganzen Reise festgehalten. An Carl August Rom 8. December 1787: “An Faust gehe ich ganz zuletzt, wenn ich alles andere hinter mir habe. Um das Stück zu vollenden, werde ich mich sonderbar zusammennehmen müssen. Ich muss einen magischen Kreis um mich ziehen. An Herder 1. März 1788: Zuerst ward der Plan zu Faust gemacht, und ich hoffe, diese Operation soll mir geglückt sein. Natürlich ist es ein ander Ding, das Stück jetzt oder vor fünfzehn Jahren ausschreiben; ich denke, es soll nichts dabei verlieren, besonders da ich jetzt glaube, den Faden wiedergefunden zu haben Ich habe schon eine neue Scene

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aus

geführt.'3) An Carl August 28. März 1788: 'Lila ist fertig, Jery auch. Meine kleinen Gedichte sind bald zusammengeschrieben, so bliebe mir für den nächsten Winter die Ausarbeitung Fausts übrig, zu dem ich eine ganz besondere Neigung fühle.' Nach der Rückkehr kam zuerst Tasso daran, den er Anfang April 1789 der Herzogin Luise vorlas (an Carl August Nr. 58. 59, vgl. Goethe-Jahrbuch 8, 278). Von Faust hören wir längere Zeit nichts, bis am 5. Juli 1789 mit einem Male die Absicht der Vollendung aufgegeben erscheint: Faust will ich als Fragment geben, aus mehr als einer Ursache, davon mündlich' (an den Herzog Nr. 61). Christiane hatte ihn auf andere Gedanken gebracht. Die Zusammenstellung des Fragments war am 5. November 1789 vollendet: 'Ich bin wohl und Aleissig gewesen. Faust ist fragmentirt, das heisst in seiner Art für diesmal abgethan ... Nun wünsche ich, dass Ihnen das Stückwerk noch einmal einen guten Abend machen möge' (an Carl August Nr. 62). Das Manuscript gibt er aber nicht aus der Hand; er schreibt an Carl August 20. November 1789: Vom Faust schickte ich etwas, wenn ich mir nicht vorbehielte, einen der ersten Abende nach Ihrer Rückkunft Sie, Ihre Frau Gemahlin, und wen Sie sonst berufen mögen, vorlesend zu bewirthen.'

Bei der Hast, mit der das Fragment zusammengestellt ist, und der zunehmenden Gleichgültigkeit gegen das Werk, die im Gefolge der Stimmung der römischen Elegien eintrat, ist es von vornherein wenig wahrscheinlich, dass zwischen dem 5. Juli und dem 5. November 1789 mehr als das Allernothwendigste für dasselbe geschehen ist. Selbst die Umgestaltung der Scenen mit dem Schüler und in Auerbachs Keller ist vermuthlich schon in Italien erfolgt, obwohl ein zwingender Beweis dafür nicht zu erbringen ist. Neue Scenen dürfen dieser Zeit nun gar nicht zugetraut werden und da auch der directe Zuwachs in Italien sich auf die Hexenküche und den Eingangsmonolog zu ‘Wald und Höhle zu beschränken scheint, so dürfen wir schon aus

3) Zweifellos die Hexenküche, die bekanntlich im Garten Borghese geschrieben ist (Eckermann, 10. April 1829). Von den fünffüssigen Jamben der Scene Wald und Höhle' hätte er wohl nicht behauptet, dass sie ihm niemand aus den alten herausfinden solle.

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diesem Grunde das Scenenbruchstück von S, das mit den Worten einsetzt 'Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist, Will ich in meinem innern Selbst geniessen? (= V. 1770 — 1867 des vollständigen ersten Theils nach Erich Schmidts Zählung, der ich durchweg folge), der alten Dichtung zuweisen. Eine genauere Untersuchung erhebt die Zugehörigkeit dieses Bruchstücks zu () über allen Zweifel.

Schon Kuno Fischer (Goethes Faust nach seiner Entstehung, Idee und Composition ? S. 398 ff.) hat, noch ohne U zu kennen, schwerwiegende innere Gründe dafür geltend gemacht. Sie ergeben sich ihm aus einer scharfsinnigen Analyse des Charakters des Mephistopheles, der sich als doppelgestaltig erweist. Alle Stellen, die den Begleiter Fausts als abstracten Dämon des Bösen darstellen, gehören wie Kuno Fischer überzeugend nachweist erst der späteren Schillerischen Zeit an. In der Jugenddichtung war Mephisto viel realistischer gehalten, die alte Volksfigur des Teufels war, soviel es anging, vermenschlicht worden. Der Dichter hatte auch hier neuen Wein in die alten Schläuche gegossen. Dass der überkommene Typus der Volksdichtung indess in 0 principiell aufgehoben sei, wie Kuno Fischer will – er sieht in dem früheren Mephisto überhaupt keinen Teufel mehr, sondern nur ein untergeordnetes, im Dienste des Erdgeistes wirkendes Wesen glaube ich nicht, und U V. 527 ff. 'Hätt Luzifer so ein Duzzend Prinzen, die sollten ihm schon was vermünzen' steht dem direct entgegen.) Aber am doppelten Mephisto ist nicht zu

) Die Absicht, den Mephisto zu dem Erdgeiste in irgend eine Beziehung zu setzen ob gerade in die von Kuno Fischer vorausgesetzte lasse ich dahingestellt hat in der That bestanden, als die Prosascene 'Trüber Tag, Feld' verfasst wurde, die ich mit Scherer und anderen zu den ältesten Theilen des Faust zähle. Aber sie wurde früh verlassen, und zwar zweifellos vergessen, als die Gretchenepisode entstand. Diese gehört ohne Zweifel ganz dem Jahre 1775 an und ist der Lilizeit entsprungen. Fausts leidenschaftliche Liebe ist die des Dichters und er gibt in den heissen Ergüssen Fausts seiner eignen Empfindung ergreifenden Ausdruck. Ohne diese Voraussetzung liesse sich die unverhältnissmässige Ausdehnung, die die Episode gewonnen hat, schwer begreifen. Wenn ich jetzt nicht Dramas schriebe ich ging zu Grund schreibt er am 7. März 1775 an Gustchen Stolberg, und hat dabei gewiss die ersten Gretchenscenen im Sinne.

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