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nung in seinem neuen Vaterlande ansiedelt, von jenem, dass sein ganzes Herz nach Europa gewendet ist. Zwischen beiden stehen als vermittelndes Element theils der Seemann, der überall und nirgends zu Hause ist, theils der in Indien heimisch gewordene Europäer, der ausdrücklich den Ankommenden und Abgehenden gegenübergestellt wird. Um diese Charaktere und getrieben durch das Hauptmotiv gruppirt sich nun folgende Handlung, die leider bloss in ihren Anfängen erkennbar ist.

Auf einer spärlich besuchten Insel oder einer nur selten von Schiffen berührten Küste Indiens (Afrikas, Australiens) lebt eine kleine Colonie von Europäern: ein Pfanzer, der durch irgendwelche Schicksale hierher verschlagen ist, seine Tochter, zwei junge Europäer und einige Nebenpersonen, die gelegentlich aufgezählt werden. Der eine der beiden jungen Männer, der mit Hoffnung die neue Heimat umfängt), ist der Geliebte der Pflanzerstochter; der andere, der auch in Diensten des Pflanzers steht, ist der Held des Stückes, Eduard Jenny. Wie Jenny in diese Gegend gekommen ist, wird nicht berichtet, da das etwas rohe Motiv: Seelenverkäufer schaffen einen ordentlichen Menschen durch Zwang nach Indien' sicherlich von Schiller bei der Ausführung nicht verwandt worden wäre. Weshalb er in der Fremde weilt, erfahren wir aus den kurzen Andeutungen, die das Fragment über Jennys Vergangenheit enthält. Eine unglückliche, auf einem Irrthum beruhende Geschichte hat ihn von Europa exilirt; wahrscheinlich hatten die Leute mit seiner unglücklichen Liebe zu einer reichen Kaufmannstochter eine strafbare That in Verbindung gebracht und dies ihn zu dem verzweifelten Entschlusse der Flucht getrieben. Aber mit ganzem Herzen hängt er an der alten Heimat, seine einzige Freude ist, Schiffe aus Europa, aus dem Lande seiner Liebe ankommen zu sehen und Nachrichten zu empfangen. Aus diesem Grunde ist es für ihn ein harter Schlag, als sein Patron, dessen Neigung er durch Fleiss und Treue in hohem Grade erworben hat, ihn zum

1) Wir bedienen uns im Folgenden fast ausschliesslich der Worte Schillers, soweit wir nicht ergänzen zu dürfen geglaubt haben.

Eidam wählt. Seinen Wohlthäter durch Zurückweisung zu kränken ist ihm unmöglich, und dazu kommt, dass er jetzt mehrere Jahre vergebens die Wirkungen seiner nach Europa geschickten Briefe und der Versprechungen eines Freundes erwartet, und auf dem Punkte steht, die Hoffnung aufzugeben. Ehe er sich jedoch auf der Insel bindet, eilt er noch einmal an das Ufer, da er von einem neu ankommenden Schiffe hört. An demselben Tage nämlich, wo der Kaufmann (Pflanzer) sich gegen den Europäer erklären will, langt ein Ostindienfahrer auf der Rhede an, um Passagiere abzusetzen und dann weiterzusegeln.

Auf dasselbe Schiff hat auch die Tochter des Kaufmanns ihr Absehen gerichtet, um mit ihrem Liebhaber nach Europa zu fliehen, weil sie den Vater nicht zu erweichen hofft. Sie versieht sich mit Juwelen und Gold. Eine gewisse Härte ihres Vaters er hat ihr seinen Entschluss erklärt – und die Heftigkeit ihrer Liebe entschuldigen ihren Entschluss.

Als erster ist Eduard am Strande. In seinem Herzen tobt der Zwiespalt zwischen der Pflicht, die ihn an die Insel gekettet hält, und der Sehnsucht nach dem Lande seiner Liebe, mit bangen Zweifeln harrt er des nahenden Schiffes, denn in ihm können Nachrichten ruhen, die über seine ganze Zukunft entscheiden. Er appellirt an die lebendige moralische Theilnahme der Natur und wendet sich an das Meer, das in unzähligen schnellbeschwingten Wogen von der Heimat stille Kunde bringt. Es ist derselbe Ausdruck starker Sehnsucht, der die Schiffsmannschaft des Aias, den Chor der Sophokleischen Tragödie, ihr schönes Meereseiland Salamis personificiren lässt, dieselbe Stimmung, welche aus Scherasmins Worten (Oberon 4, 22) oder aus Geibels 'Abschied von Lindau' zu uns spricht. In schönem Gegensatze. hierzu redet der sich expatriirende Europäer, der zuerst auf kleinem Boote von dem Schiff ans Land kommt, die fremde Erde an und begrüsst dieselbe wie ein empfindendes Wesen; eine Scene, deren Wirksamkeit wir in Erinnerung an ähnlich bewegte und empfindungsreiche Stellen der Elektra' und Richard II.' wohl verstehen können.

Inzwischen ist auch des Pfanzers Tochter unter dem Schutze der hereinbrechenden Dämmerung an das Ufer gekommen. Der Liebhaber hält sich fern: er kämpft mit sich selbst, er verschmäht den Reichthum der Tochter und kann doch nur durch ihren Edelmuth das Ziel seiner Wünsche erreichen. Sie sieht, wie Eduard die wenigen bisher gelandeten Passagiere und die mit den Briefen versehenen Matrosen vergeblich nach Mittheilungen aus Europa fragt, sieht seinen Kummer und spricht ihn an. In dem nun folgenden Gespräch erkundigt sie sich des näheren nach Europa, erhält von Jenny eine wehmüthige Schilderung der Heimat zur Antwort, und erklärt ihm dann ihren Entschluss. Aber auch er ist jetzt fest entschlossen; er will die Tochter des Kaufmanns abschlagen und selbst nach Europa gehen.

Da jedoch tritt etwas ein, das alle diese Pläne fürs erste zerstört. Das Schiff nämlich, auf das man alle Hoffnungen gesetzt, legt nicht Anker, sondern sticht wieder in See; von den wenigen vorher Gelandeten erfährt man, dass schon seit längerer Zeit eine Meuterei zu befürchten gewesen wäre, die jetzt wahrscheinlich ausgebrochen sei. 2) Es entsteht eine allgemeine Aufregung auf der Insel und man beschliesst einmüthig, den bedrängten Schiffsofficieren und Passagieren zu Hülfe zu kommen.

Der zweite Act, so vermuthen wir, würde uns nun auf das Schiff selbst geführt haben. Auf diesem befinden sich die Personen, von denen wir bisher nur gehört haben: der Freund Jennys als Hauptmann des Schiffes, Jennys Geliebte und deren Vater, der ganz arm geworden ist und sich deswegen aufs Meer begeben hat, um ausser Europa sein Glück zu verbessern. Der Kapitän ist beiden sehr befreundet, ja noch mehr, er ist von heisser Liebe für die Braut seines Freundes erfüllt und hat aus diesem Grunde nie auf Eduards Briefe geantwortet. Aber auf dem Schiffe selbst erstand ihm ein Nebenbuhler, eben der, der jetzt das Haupt der Meuterer ist, und vielleicht hätte eine der Scenen des zweiten Actes eine Unterredung dieses Meuterers mit dem

2) So wird sich wohl am bequemsten der Widerspruch lösen lassen, der zwischen den einzelnen hierher gehörigen Bemerkungen besteht.

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jungen Mädchen vorgeführt, in der er sie vergeblich beschwört, ihm zu willfabren und dadurch dem Vater und dem Kapitän das Leben zu retten. In dies von wilder Leidenschaft erregte Gespräch tönt nun plötzlich Waffenlärm hinein: die Bewohner der Insel haben die Empörer überrumpelt, und Eduard ist es, der nicht nur der Geliebten und ihrem Vater, sondern auch dem treulosen Freunde die Freiheit wiedergiebt. Aber auch noch eine andere Erkennung findet statt: der verarmte Kaufmann findet in dem reichen Pflanzer seinen längst verloren geglaubten Bruder wieder. Das Stück kann so endigen, heisst es bei Schiller, dass Eduard in dem gefangenen Hauptmann des Schiffes seinen Freund entdeckt, dass er ihm sein Schiff wieder erobern hilft, und dass die Aufrührer statt der vorigen Bewohner auf der Insel zurückbleiben. Dem jedoch steht nicht nur der Umstand entgegen, dass dann das Verhältniss des Kapitäns zu Jenny keinen natürlichen Abschluss findet, sondern vor allen Dingen, dass sich diese dürftige Handlung nicht durch vier oder fünf Acte dehnen lässt. Und da wir ein entscheidendes Motiv, warum Jenny nach Europa geht, gefunden haben, so ist es wahrscheinlich, dass jetzt der Oceanus aufgetreten wäre und den ‘ungeheueren Sprung launigt entschuldigt hätte'. Von nun

an verschwimmen die Angaben des Fragmentes so sehr, dass Combinationen über den weiteren Fortgang der Handlung kaum statthaft erscheinen möchten. Berlin.

Max Dessoir.

Ein Weimarer Hans Faust.

Ich Hans Faust bekenne mitt diser meiner handschrifft, das ich dem durchlauchtigisten Hochgebornen fursten und herren, herren Johanns Fridrichen dem Eldern Herczogen zu Sachsen etc.. vnd gebornen Churfursten meinem gnedigisten in s[einer] flürstlichen] g[naden) dinst getreu gewher, gehorsam sein und do ich ichtwas erfure, das sein f.gn. und der selbigen sonen meinen gnedigen jungen herren zu nachteil und scheden furgenomen werden wolte, dasselbige s. f. g. jderzeitt vertreulichen vnd unverzüglichen berichten und mich als s. f. g. diener getreulich

8. vndtertheniglich auch ane alle argelist und gefherde erzeigen und halten wil, wie ich des s. f. g. gelobt und vermittelst aydes stad geschworen und zugesagt habe und einem frommen diener geburet und whol anstehet. Des zu vrkund hab ich disen brif mit aigener hand vndterschriben, gescheen zu Weymar Sontags nach conversionis Pauli 1553.

Materiell und formell weicht diese im Sächs. Ernestinischen Gesammt - Archiv zu Weimar befindliche Urkunde 1) von den Dienstverschreibungen, wie sie in jener Zeit üblich waren, befremdend ab. Die Bestellung von Kundschaftern war in dieser Form überhaupt nicht gebräuchlich. Dass man damals in Weimar zu ungewöhnlichen und etwas abenteuerlichen Mitteln sich entschloss, erklärt sich aus der Lage. Johann Friedrich war noch nicht lange aus kaiserlicher Gefangenschaft zurückgekehrt, des grössten Theils seiner Lande verlustig, von dem Gipfel seiner mächtigen politischen Stellung verdrängt; mit Besorgniss schaute er auf die weitere Entwickelung der Dinge. Der alte Kurfürst, wahrscheinlicher noch seine Umgebung wollte das Haus Sachsen gegen weitere Fährlichkeiten durch rechtzeitige Auskundschaftung schützen. Dazu konnte kein sesshafter und kein unbedeutender Mann dienen. Der verpflichtete Hans Faust muss mit weiten und politisch unterrichteten Kreisen Fühlung gehabt haben.

Ausserdem fehlt in der Urkunde auffälliger Weise die durchaus übliche Erwähnung der Gegenleistung des Hauses Sachsen. Allerdings erhielt Faust seinen Lohn; auf der Rückseite des Concepts ist bemerkt, dass er auf Widerruf mit einem jährlichen Gehalt von 20 Gulden, einer für jene Zeit immerhin bedeutenden Summe, angestellt war. Aber dass diese Honorirung nicht in der Urkunde selbst bestimmt wird, lässt auf eine abnorme Stellung oder Qualität der Person des Hans Faust schliessen.

Nimmt man noch hinzu, dass das älteste Faustbuch den Doctor Faust aus Rod bei Weimar stammen lässt, worunter man nicht mit Scheible (Kloster 11, 342) Roda im

1) Canzlei - Concept. Reg. Rr. S. 1--316, Nr. 386. Das unterschriebene Exemplar der Urkunde fehlt leider, wenn es überhaupt existirte.

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