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Altenburgischen, sondern die kleine noch heute bestehende Wüstungsgemeinde Kleinroda oder Rödichen bei Weimar zu verstehen hat; beachtet man ferner, dass des Doctor Faust Aufenthalt im Kursächsischen beglaubigt ist, so hat die Identificirung dieses merkwürdigen politischen Agenten Hans Faust mit dem ja auch politisch thätigen Dr. Johann Faust etwas Verlockendes. Entgegen steht jedoch der gewichtige Umstand, dass der Doctor schon ein Dutzend Jahre für uns verschollen ist und wohl gestorben war, als die oben mitgetheilte Urkunde ausgestellt wurde. So lange also nicht das Leben des Doctors entgegen der jetzigen Annahme über das Jahr 1540 hinaus verfolgt werden kann, darf in dem Hans Faust unserer Urkunde, über dessen Vorleben und Thätigkeit in weimarischen Diensten jeder weitere Beleg fehlt, nur ein Träger des auch früher vorkommenden Namens gesehen werden. Weimar.

C. A. H. Burkhardt.

Die streitenden Liebhaber.

Man verstatte mir, noch einmal (vgl. Vierteljahrschrift 1, 111 ff.) auf das Motiv der im Rostocker Liederbuche (1605 – 1608) von Peter Fabricius aufgezeichneten Gesangsposse, welches ich vor einem Jahre nur bei dem Holländer Cats (1634) nachzuweisen vermochte, zurückzukommen.

) Unter den mir seither bekannt gewordenen Bearbeitungen ist die älteste die von Boccaccio in seinem 1338 begonnenen Jugendwerke Il Filocolo gelieferte. Zur Verherrlichung seiner Geliebten Fiammetta hat der italienische Dichter mit kühnem Anachronismus in die romantische Liebesgeschichte des Florio und der Biancofiore eine Episode eingeschaltet, welche die geselligen Unterhaltungen der vornehmen neapolitanischen Kreise des 14. Jahrhunderts lebendig genug vor Augen führt. Filocolo, wie sich der seiner nach Ägypten entführten Geliebten nachreisende Florio nennt, wird nach Neapel verschlagen und gelangt in eine heitere Gesellschaft, welche sich im Garten ähnlich der berühmteren des Decamerone ergötzt; doch nicht Novellen bilden den Stoff der Unterhaltung, sondern ein an die provenzalischen Tenzonen 1) erinnerndes und offenbar aus ihnen hervorgegangenes Fragespiel. 2) Die erste Liebesfrage wirft, von der Königin Fiammetta aufgefordert, Filocolo selber auf. Bei einem Feste, erzählt er, geriethen zwei Liebhaber eines Mädchens in Streit, welcher von ihnen der bevorzugte sei. Da die Mutter der Jungfrau gleichfalls zugegen war, baten sie diese, che alla figliuola comandasse che o con parole o con atti dimostrasse, qual di loro da lei piu fosse amato.' Lachend erfüllt die Mutter, indem sie die Tochter herbeiruft, ihren Wunsch. ‘Disse la giouane: Ciò mi piace; et guardati amendue alquanto, uideche l'uno haueua in testa una bella ghirlanda di fresche herbette e di fiori, et l'altro senza alcuna ghirlanda dimoraua, allhora la giouane, che similmente in capo una ghirlanda di uerdi fronde haueua, primieramente leuò quella di capo a se, et a colui che senza ghirlanda le staua dauanti, la mise in capo, et appresso quella che l'altro giouane in capo haueua, ella prese et a se la pose, et loro lasciati si tornò alla festa, dicendo ch'il commandamento della madre et lo piacer di loro haueua fatto. Da die Jünglinge nun wieder uneins sind, welche Gunstbezeigung als die höhere anzusehen sei, richtet der Erzähler Filocolo dieselbe Frage an die Zuhörer, und Fiammetta entscheidet, “che quegli ch'il dono della ghirlanda ricevette, sia piu dalla giouane amato.

Die Frage gefiel und ward in der italienischen Litteratur noch öfter verwerthet. 3) In einem Streitgedichte zwischen einem Adriano und Frate Andrea da Pisa) sind es drei Liebhaber, der dritte erhält einen scherzhaften

) Vgl. H. Knobloch, Die Streitgedichte im Provenzalischen und Altfranzösischen. Breslauer Diss. 1886.

2) Filocopo, Vinegia 1551 Bl. 202a (Buch 5).

3) Die folgenden Nachweise entlehne ich der trefflichen Geschichte der italienischen Litteratur von A. Gaspary 2, 7. 638 (1888).

4) Nach einer Florentiner Handschrift aus dem Anfange des 15. Jahrhunderts gedruckt bei Wiese, Giornale storico della letteratura italiana 2, 124 f. (1883): Tre giovan son piacenti et saggi.

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Backenstreich. Ähnlich lässt der 1571 gestorbene Andrea Calmo 5) in seiner ersten Ekloge die Schäferin Lidia ihre drei Bewerber behandeln:

Hor son contenta. Dami'l capel, Notola,

E prendi sta ghirlanda, per residuo

Di quant' amor tu poi sperar da Lidia,
E tu Turbido accetta in testimonio

Questo capelo, in cambio del tuo baculo

Per saldo, et resto al nostro matrimonio.
Prendi ancor tu l'acuto dardo, Lucido,

Che fia per pagamento del tuo ambastio

E rivolgi la mente al altro stimulo. Genau an Boccaccio schliesst sich ein Angelo Poliziano († 1494) zugeschriebenes Sonett 6) und eine 1575 entstandene Schäferkomödie Il pentimento amoroso von Luigi Groto?) an. In der letzteren erscheinen zwei Hirten Nicogino und Ergasto, welche einander die Liebe der Schäferin Dieromene streitig machen und auf Pans Rath ihre Entscheidung erbitten. Nachdem beide ihre Sache lang und breit vorgetragen, gibt Dieromene die unerwartete Antwort:

Poi ch'altro a dir non resta, tu Nicogino
Prendi la mia ghirlanda, e'n testa portala.
Tu Ergasto sii contento, ch'io mi pigli la

Tua e sopra il capo a me la ponga.
Grotos Lustspiel fand in Frankreich und, was meines
Wissens noch nicht beachtet worden ist, in Deutschland
Beifall. Eine französische Übersetzung La Dieromène ou
le repentir d'amour, pastorale von Roland Brisset erschien
Tours 1592 und Paris 1595; und nach dieser arbeitete Zach.
Lund vor 1636 sein prosaisches Schäferspiel: Rew vnd
Leidt vber die Liebe der Schäfferin Dieromene. :)

5) A. Calmo, Le giocose moderne et facetissime Egloghe Pastorale. Trivigi 1600 p. 17.

6) Poliziano, Opere volgari ed. Casini 1885, p. 268: Con ciò sia che sien dui diversi amanti.

7) Ich benutze die Ausgabe: Venetia 1585. Die angeführte Stelle steht Bl. 21b (Act I Sc. 4). Vgl. auch Klein, Geschichte des Dramas 5, 151–153 (1867).

8) Vgl. Herrigs Archiv 82, 109, wo ich aber den Zusammenhang mit Brisset und Groto noch nicht bemerkt habe. Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte II

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Längst jedoch war in Deutschland die kluge Antwort der umworbenen Dame auf anderem Wege bekannt und beliebt geworden. Früher als in Frankreich und England war hier eine Übertragung von Boccaccios Roman Filocolo erschienen, welche mehrfache Auflagen erlebte und auch in Feyerabendts 'Buch der Liebe (1578 u. ö.) aufgenommen wurde.') Die erste Ausgabe, betitelt 'Ein gar schone newe histori der hochen lieb des kuniglichen fursten Florio vnnd von seyner lieben Bianceffora', ist 1499 zu Metz gedruckt und fügt der Erzählung Philocolos (Bl. lxxiij' - lxxvä) einen charakteristischen Holzschnitt bei.

Somit ist die Vermuthung, dass die in Rostock um 1605 aufgezeichnete Gesangsposse direct aus Boccaccios Filocolo herstamme, durchaus zulässig. Der Gang der Handlung, insbesondere die Einführung der Mutter, welche in den übrigen aufgezählten Darstellungen fehlt, und einige übereinstimmende Ausdrücke sprechen vollends für einen engeren Zusammenhang mit dem beliebten Romane. Viel undeutlicher ist dieser Zusammenhang in einem sechsstrophigen Liede bei Melchior Franck, Tricinia nova 1611 Nr. 15. Auch hier zwei Liebhaber, welche von der Jungfrau in der bekannten Weise abgefertigt werden; aber keine Dramatisirung, sondern Erzählung; die Figur der Mutter ist auch hier fortgefallen. Hoffmann von Fallersleben, der die Dichtung in seine Deutschen Gesellschaftslieder (1860) 1, 21 Nr. 12 mit der Überschrift Tenzone' aufnahm, wies durch die letztere richtig auf den Ursprung derselben hin, wenn ihm auch die eigentliche Quelle verborgen blieb.

Dagegen irrt Ellinger, wenn er Zeitschrift für deutsche Philologie 21, 311-313 sich bemüht, antike Elemente in dem Franckschen Liede nachzuweisen. Er geht nämlich von der von Titz verdeutschten poetischen Erzählung Rhodopis des Holländers Cats (1634)10) aus, in der dasselbe Motiv verwerthet und wie im deutschen Volksbuche illustrirt wird: die Ägypterin Rhodopis theilt so ihre Gunst

9) Goedeke 1?, 353 f. H. Herzog, Germania 29, 216 — 218. Die Übersetzung des Filocope von Adrien Sevin erschien Paris 1542. 1555. 1575, die englische von H. Grantham London 1567 und 1587.

19) S. Vierteljahrschrift 1, 112.

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zwischen dem Dichter Knemon und einem Hofmanne. Aber Ellinger übersieht dabei, dass dieser Zug nicht in den von Cats benutzten antiken Quellen 11) vorkommt, sondern erst von diesem frei hinzugesetzt ist.

Es bleibt also Boccaccio der älteste Gewährsmann der Erzählung und ist vermuthlich auch als ihr Erfinder anzusehen. Höchstens kann man sein Vorbild in der provenzalischen Dichtung suchen, in der schon mehrere der anderen unter Fiammettas Vorsitze aufgeworfenen Liebesfragen wiedergefunden worden sind. Auch der Vierteljahrschrift 1, 112 citirte Schwank von dem Weibe und den drei Liebhabern, den Wackernagel 12) aus einigen von Isidor aufbewahrten Versen des Ennius herleitet, hat doch erst in einem solchen Joc partit zwischen Savaric de Mauleon, Gaucelin Faidit und Uc de la Bacalaria 13) seine eigentliche Ausprägung und Zuspitzung erhalten. Berlin.

Johannes Bolte.

Nachtrag
zu: Wielands Berufung nach Weimar.

(Die Züricher Abschiedsrede.) Vierteljahrschrift 1, 353 habe ich fälschlich die Bemerkung der Frankfurter Gelehrten Anzeigen (Deutsche Litteraturdenkmale 7. 8 S. 567 Z. 18), Ah quel Conte sei für Wielands Goldnen Spiegel das Vorbild, auf die PsammisEpisode eingeschränkt. Jetzt erst konnte ich das mir damals unzugängliche Werk wieder in die Hand bekommen. Der Recensent liess sich offenbar durch die Verwandtschaft

11) Herodot 2, 134 f. Aelian, Var. hist. 13, 33. Strabo p. 808 Casaub. Plinius, Hist. natur. 36, 12, 82. Vgl. Diodor 1, 64. Athenaeus p. 596 b. 0. F. Kleine, Zeitschrift f. d. Alterthumswissenschaft 1835, 186–190.

12) Zeitschrift f. deutsches Alterthum 6, 292. R. Köhler, Germania 6, 306.

13) Bartsch, Chrestomathie provençale ? p. 151 (1868). Knobloch, Die Streitgedichte 1886 S. 44.

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