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vember 1620 feierte die katholische Reaktion ihren blutigen Einzug in Böhmen. Die evangelischen Gotteshäuser wurden geschlossen oder zerstört; denen, welche sie bisher besucht hatten, gab man anheim, zwischen Exil oder Abfall zum Katholicismus zu wählen. Man erreichte im wesentlichen, was man beabsichtigte: des Landes Grenzen deckten sich fortan mit denen des Katholicismus. Nur geringe Reste der Brüderschaft konnten dem bisherigen Glauben treu ihr verkümmertes Leben erhalten und verheimlichen. In Wäldern und auf Feldern, auf einsamen Bergeshöhen und in Felsenklüften sammelte man sich nach der Weise der Voreltern, um sich wieder zu trennen. Man trennte sich, um sich wieder zu sammeln. Durch Anstimmung der Lieder, welche das herrliche Gesangbuch bot, in traulichen Gesprächen, durch das Lesen der heiligen Schrift suchten die Versprengten das gemeinsame teuere Erbe zu bewahren. Aber durch die List und Gewalt der Inquisition wurde es doch, wie es scheint, den meisten der übrig gebliebenen Brüder geraubt. Verfolgt, gehetzt, leiblich und moralisch gefoltert, begannen selbst ursprünglich starke Naturen zu wanken. Mehr und mehr schwächten sich ihre Gewissensskrupel ab, als sie, zuerst gezwungen, an den katholischen Kirchengebräuchen sich beteiligten. Und je öfter dies geschah, um so schneller ward das protestantische Bewusstsein in ihnen herabgestimmt.

Das scheint (wenigstens) vorausgesetzt zu werden durch die Zustände, in welchen im Anfange des 18. Jahrhunderts diejenigen sich befanden, welche wir wissen nicht, mit welchem Rechte behaupteten, die letzten echten Sprösslinge der einst so grossen einheimischen Genossenschaft der Böhmischen und Mährischen Brüder zu sein. Es waren einige leicht zu zählende Familien, welche damals in dem nördlichen Mähren in den Dörfern Kunewalde, Zeuchtenthal, Senftleben wohnten. Sie lebten, wie es scheint, verhältnismässig abgesperrt von dem Verkehr mit der katholischen Bevölkerung, aber doch so, dass sie dieser keinen Anlass zu Verdächtigungen gaben. Kaum aber hatte der edle Samuel Schneider (gest. 1710) als der Träger der alten Traditionen des Brudergeistes hier eine geistliche Erweckung begründet, als auch die rohen Gewaltthaten wiederkehrten, welche von den katholischen Prälaten und dem katholischen Volke zweckmässig genug gewählt waren, um den dauernden geistlichen Aufschwung zu hindern.

Zu einem solchen sollte es unter ganz anderen Umständen, an einem ganz anderen Orte, nicht durch die Anstrengungen dieser noch übrigen Brüder, sondern infolge der Einwirkungen anderer kommen, welche ihrer Gemeinschaft nicht angehörten. Was in jenen von dem verjüngten geistlichen Leben sich erhalten hat, ist höchstens mit verwandt worden bei jener Umfassung, Umgestaltung, welche in Herrnhut durch Zinzendorf unter Umständen bewirkt ist, welche durch einen Freund dieser ehrwürdigen Überbleibsel der alten Genossenschaft vorbereitet waren.

3. Christian David, in Böhmen geboren, ursprünglich ohne Zusammenhang mit den Brüdern, vielmehr katholischer Abstammung, hatte wohl in der Jugendzeit von jenen gehört, aber denselben sich nicht angeschlossen. Dem Namen nach katholisch, gehörte er doch als Jüngling mit dem Herzen dieser Kirche nicht an; aber auch nicht einer von derselben verschiedenen. Ihn quälten damals nicht Bedenken über die rechte Konfession, sondern ganz andere. Nicht bloss an dem katholischen Glauben wurde er irre, sondern an allem Glauben!. Religiöse Zweifel der schlimmsten Art erschütterten selbst die ersten Voraussetzungen des Christentums. Erst eine tiefgehende Krisis gab ihm den Glauben wieder, der gleichwohl dem seines Kindesalters nicht glich. Evangelisch geartet, wie er war, verlangte er um so inbrünstiger nach einer auch kirchlichen Heimat. Der Übertritt zu der lutherischen Kirche in Berlin gab ihm diese nach seiner Meinung nicht. Dieselbe stellte wohl einen festen reich gegliederten Organismus dar, bot aber nicht, was Christian David suchte, eine geistliche, geistlich erwärmende Gemeinschaft gleichgestimmter gläubiger Seelen. Ebensolche Gemeinschaften herzustellen, aus den grossen

1) Vgl. Geschichte der erneuerten Brüderkirche I, 14.

Gemeinden eine Zahl Erweckter zu sammeln, daran hat sich der deutsche Pietismus versucht. Und einer der selbständigeren Jünger Spener's war jener Magister Schäfer in Görlitz, mit welchem daselbst im Jahre 1717 der genannte Böhme auf seinen Wanderungen zusammentraf. Damals kam es zu jenem Austausch der Gedanken, welcher für beide gleich beseligend war. Der eine war ein Suchender, der andere ein solcher, welcher meinte gefunden zu haben; der eine ein Flüchtling, der andere ein bereits gereifter Arbeiter in einer geistlichen Werkstätte. Christian David hatte überwiegend Bedürfnisse; Schäfer zeigte ihm die Mittel, sie zu stillen. Um so inniger sehnte sich jener nach Verlauf der Tage, welche er als die seiner Bekehrung bezeichnete, danach dieselben selbst zu gebrauchen. – Aber wie sollte das geschehen? Christian David hatte bisher unstät gelebt. Die Geschicke des Lebens“ hatten dies verschuldet, kann man meinen, urteilen zu dürfen. Aber diese Meinung scheint nicht unbedingt das Richtige zu treffen. Vielmehr beberrschte ihn offenbar eine unüberwindliche Reiselust. Nun war er, wie er sagte, ein anderer geworden; aber die Reiselust dessenungeachtet dieselbe geblieben. Obwohl ihm das Zusammenleben mit Schäfer überaus wohlthuend, obwohl er in Görlitz in die Ehe getreten war, machte er sich dessenungeachtet noch in dem Jahre 1717 auf den Weg nach Böhmen und Mähren. Hier angekommen, verkehrte er

begreiflich genug am liebsten mit solchen, bei denen er am ehesten auf Verständnis hoffen konnte. Und das waren jene wenigen, der alten Brüderschaft zugehörigen, in den erwähnten Dörfern wohnenden Familien, welche unter dem Drucke der Staatsgewalt ihr geistliches Leben kümmerlich fristeten, es verheimlichen mussten. Aber wie ward das erweckt durch die Bekenntnisse, durch die Mitteilungen ihres neuen Freundes über die Zustände, welche er in der genannten deutschen Stadt kennen gelernt hatte! Unter solchen Gesprächen kam über sie alle jenes unnennbare Heimweh nach einer uneingeschränkten sympathischen Gemeinschaft, nach einer friedlichen Stätte, wo sie diese erneuern könnten. Eine solche konnte aber weder in Mähren

noch in Böhmen gefunden werden. Der Gedanke an die Notwendigkeit der Auswanderung tauchte auf und wurde bald der allgemeine, Christian David derjenige, welcher helfen sollte und wollte, denselben auszuführen. Er reiste wieder ab, hauptsächlich in der Absicht, für seine geliebten Mähren ein zweites Vaterland zu entdecken. Er forschte hier und da. Im Mai 1722 fragte er bei dem gerade damals in Görlitz anwesenden jungen Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf an.

4. Dieser wäre wenn wir seiner eigenen Versicherung Glauben schenken dürften 1

selbst ein Abkömmling der Hussiten gewesen. Der Grossvater hatte einst um des Glaubens willen Österreich verlassen müssen. Der Vater hatte sich (nebst seinem Bruder) in Kursachsen niedergelassen. Er war Staatsminister, als sein Sohn Nikolaus Ludwig am 26. Mai 1700 in Dresden geboren wurde.

Die eigentümlichen Verhältnisse des Familienlebens und die eigentümliche Natur des jungen Kindes, welches darin sich entwickeln sollte, schienen auf einander angelegt zu sein. Bei der Taufe noch von Spener eingesegnet, wenige Tage nach derselben des Vaters durch den Tod beraubt, empfing es vornehmlich Eindrücke der weiblichen Leitung. Seine edle Grossmutter Henriette von Gersdorf, zu seiner Hüterin erkoren, war eine Frau von ungewöhnlicher Bildung und nicht ohne das eine oder andere derjenigen Bedürfnisse, welche besonders dem männlichen Geiste eigen zu sein pflegen. Man rühmte ihre ernste Frömmigkeit, aber auch das andere, dass sie zugleich das wissenschaftliche Leben fördere. Um so weniger hat man ein Recht zu urteilen, dass sie lediglich jenes erstere in dem jungen Zinzendorf zu pflegen beflissen gewesen sei. Er ist freilich, wie jedes andere Kind, durch die Erziehung geführt; aber nicht infolge dieser und der weiteren Erziehung ist er geworden, was er war; sondern man kann doch sagen, er habe sich selber gefunden. Und dieses , Sich-finden“ ist nicht das Ende eines längeren unsteten Umhertastens gewesen; vielmehr kann

1) S. jedoch Ritschl, Geschichte des Pietismus III, 359.

man wenigstens sich versucht fühlen zu urteilen, es sei mit einer Sicherheit zustande gebracht, welche eine divinatorische zu sein scheint, zustande gebracht nicht in einsamer Selbst besinnung, - sondern im Verkehr mit dem Heilande. Dieser ward bereits in dem fünften Lebensjahre von ihm als sein Gebieter vorausgesetzt, als ihm gegenwärtig nicht in der Phantasie, nicht in den träumenden Gedanken; sondern die nämliche Evidenz, welche für das gewöhnliche Kind der Gegenstand der sinnlichen Erfahrung hat, hatte für ihn die geistliche. Es redete den Herrn an und meinte von ihm gewisse Antworten zu empfangen. Man konnte die (einseitigen) lauten Gespräche belauschen, welche stundenlang währten, die Predigten in leeren Zimmern. Ich will nicht ausführen, was nur angedeutet werden soll, dass das alles schwerlich ohne Selbsttäuschungen geschehen sei, sondern nur das eine betonen, dass diese Thatsachen in der Geschichte seiner Jugend als Ankündigungen des Themas seines späteren Lebens betrachtet werden können.

Dasselbe hat er freilich sich selbst gestellt, um es zu lösen, aber die Lösung ist ebensowohl ihm bereitet, als er sie gefunden hat. Das erstere geschah in gewisser Weise, schon in der nächsten Wendung seines Schicksals. Der Aufenthalt auf dem Pädagogium des Waisenhauses in Halle wirkte bestätigend und befreiend zugleich. Der Pietismus, den er hier wiederfand, war freilich schon das Erbteil seiner frühesten Jugend gewesen; aber das eigentümlich Regelmässige in den dort herrschenden Ordnungen weckte doch als ein Neues die bis dahin schlummernden Sympathieen für das, was er selbst das Anstaltliche nennt. Und während die hier einlaufenden Nachrichten aus dem Gebiete der Heidenmission ihm die Aussicht in die Weite dessen, was man als „Reich Gottes“ vorstellte, in ausserordentlicher Weise entschränkten, konnte er infolge des Zusammenlebens mit manchem Jugendgenossen auf Grund der individuellsten Wahlanziehung das engste Vereinsleben führen.

Im Jahre 1716 musste Zinzendorf nach dem Willen der Verwandten die Universität Wittenberg besuchen, um Jurisprudenz zu studieren: beides gegen seine Neigung. Der

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