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386 SEECK, DAS SOGENANNTE EDIKT VON MAILAND. skript (avtıygach), durch welches diese Duldung verliehen sei, habe Bedingungen · hinzugefügt, welche nach kurzer Zeit viele wieder vom Christentum abgeschreckt hätten. Nun erinnere man sich, dass Maximinus in seinem Reichsteil das Toleranzedikt des Galerius gar nicht publiziert hatte, sondern nur durch ein Rundschreiben seines Präfekten den Statthaltern hatte mitteilen lassen, dass die Verfolgungen aufhören müssten. Bald darauf aber waren Reskripte von ihm ausgegangen, welche zwar formell das Galerische Gesetz als zu Recht bestehend anerkannten, aber die Ausführung desselben in solcher Weise regelten, dass sie es dadurch thatsächlich wieder auf hoben. Prüft man nun den Text des sogenannten Ediktes von Mailand genauer, so wird man finden, dals es keinen anderen Zweck hatte und haben konnte, als jene chikanösen Bestimmungen des Maximinus Daja wieder zu beseitigen. Im ganzen übrigen Reiche waren ja die letzten Befehle des sterbenden Galerius loyal ausgeführt worden; eine weitere Sicherung der religiösen Toleranz war also hier ganz überflüssig. Nur im Orient hatte durch den Fanatismus seines Beherrschers die Verfolgung fortgewütet. Dem trat Licinius durch unseren Erlass entgegen, sobald er in Nikomedia, der Hauptstadt der ersten Provinz, welche er dem Maximinus entrissen hatte, als Sieger eingezogen war.

Das Gesetz betraf also nicht das gesamte Reich, sondern nur den Orient; es ist nicht von Konstantin, sondern von Licinius ganz allein gegeben, und wenn man dafür einen Namen haben will, so darf man es künftig nicht mehr das Edikt von Mailand, sondern nur den Erlass von Nikomedia

nennen.

1) Das Wort aipédels ist hier für das lateinische condiciones gesetzt, wie dies auch X, 5, 6 geschieht, wo das amotis omnibus omnino condicionibus des Originals bei Lactanz durch αφαιρεθεισών παντελώς 1@v aigéoewv wiedergegeben ist. Das bat schon Keim richtig erkannt.

Die Arnoldist e n.

Von
Dr. Robert Breyer,
Oberlehrer in Halle a. S.

Wenn man die Entwickelungsgeschichte des Christentums im 12. und 13. Jahrhundert überblickt, so findet man als charakteristische Erscheinung des religiösen Geistes in dieser merkwürdigen Zeit die Bildung zahlreicher Sekten und ihre schnelle Verbreitung. Das Recht der Entstehung des vielseitigen und vielfachen häretischen Widerstandes gegen das herrschende Kirchentum war begründet in dem tiefen sittlichen Verfall des Klerus in allen seinen Schichten ?, in dem Abscheu sittlich ernster und religiös erregter Personen vor dem Treiben der Geistlichen und in der daraus hervorgehenden Abwendung zahlreicher Klassen von der Kirche selbst, die ja freilich von der Verwirklichung ihrer Idee sehr weit entfernt war 2

Durch die Verquickung politischer und geistlicher Interessen seit den Zeiten Gregor's VII. , durch die Doppel

2

1) Über die Verweltlichung und Entsittlichung des Klerus im 12. Jahrhundert hat die fleissige Dissertation von K. Sturmhöfel, Gerhoh von Reichersberg und die Sittenzustände der zeitgenössischen Geistlichkeit, Leipzig 1888, zahlreiches Material zusammengestellt.

2) Aus dem Passauer Anonymus bei Preger, Beiträge zur Geschichte der Waldesier im Mittelalter, in den Abhandlungen der historischen Klasse der bayerischen Akademie XIII (München 1877), 1. 223 und 242 ff.

3) Gerhob von Reichersberg nennt ausdrücklich Gregor VII. als

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stellung der Bischöfe, die nicht nur Kleriker, sondern auch Reichsfürsten waren, als solche einen kostspieligen Hofstaat zu unterhalten, Kriegsmannschaften aufzustellen, am Hofe des Kaisers zu leben gezwungen waren, ja häufig selbst als Feldherren an die Spitze eines Heeres traten, war das Bedürfnis grosser materieller Mittel entstanden. Da nun die Einkünfte der bischöflichen Sprengel dazu nicht ausreichten, so nahm man zu den unkirchlichsten Mafsregeln seine Zuflucht. Besonders traurig lagen die Verhältnisse in der römischen Kurie. Allgemein war die Klage über die römische Habsucht, und offen wurde ausgesprochen, dass sich die Laster der römischen Kurie über alle Glieder der Kirche verbreitet hätten 2.

Diese klerikale Verirrung hatte aber auch einen bösen Einfluss auf die Praxis der Kirche. Er zeigt sich hier in einem rein äusserlichen Wesen von verderblichster Wirkung. Das Buss- und Ablasswesen, die mirakulöse Wertschätzung der Sakramente, die Heiligen- und Reliquienverehrung, alle diese Dinge, welche, der alten Kirche unbekannt, mehr und mehr auch dogmatisch begründet wurden, beförderten einen roh sinnlichen Aberglauben. Und das Schlimmste war, dass alle diese Irrtümer im Interesse habsüchtigen Geldgewinnes unter dem betrogenen Volke verbreitet wurden. Man darf nicht glauben, dass niemand warnende Worte gegen diese Veräusserlichung des kirchlichen Lebens erhob. Aber diese Ergiisse einer geistigen Richtung, wie sie in einem Abälard, in einem Guibert von Nogent uns begegnen, verhallten

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den Urheber der klerikalen Habsucht. De investig. Antichr. ed. Scheibelberger, Linz 1875, p. 53.

1) Gehohi Reichersb. de aedific. Dei bei Migne, Patrol. lat. CXCIV, 1209 ff. Comm. ad ps. 64 a. a. 0. S. 29 ff.

2) Gesta di Federico I in Italia ed. Monaci (Roma 1887), p. 798 .:

A capite in corpus vitium fluxisse maliguum
Canotaque membra sequi pretium munusque benignum,
Omnia cum pretio fieri divinaque vendi,

Quod precio careat, despectum prorsus haberi.
3) A bael. sermo de sancto Joanne bapt. bei Migne, Patrol.
CLXXVIII, 582 ff. Guiberti Novigent. de pignoribus sanctorum

wie die Stimme eines Predigers in der Wüste. War es ein Wunder, dass sich viele Kreise von der verweltlichten Kirche trennten, in antikirchliche Sekten abschlossen und über Italien, Frankreich und Deutschland verbreiteten? Mehr als vierzig, zum Teil sehr sonderbare Namen für ketzerische Kreise treten uns gegen Ende des 12. Jahrhunderts entgegen', und man begreift, wenn Ricchini unmutig ausruft:

Qui vero eorum nominum interpretationem instituunt, hi divinatione magis agunt et conjecturis quam certis verisque argumentis. .. Nec enim vacat singula persequi aut incertis dubiisque etymologiis tempus et operam ludere“ 2. Doch wird sich eine befriedigende Darstellung der Ketzergeschichte im Mittelalter nicht früher herstellen lassen, als bis alle diese Sekten einer genauen Durchforschung unter

zogen sind.

Zu den unbekanntesten Sekten nach Ursprung, Lehre und Verbreitung gehören nun jedenfalls die Arnoldisten, und es dürfte sich wohl verlohnen, die Mitteilungen der sehr spärlichen Quellen über diese Ketzer, über welche die Ansichten der Kirchengeschichtschreiber so sehr auseinandergehen, einmal zusammenzustellen. Schon über die Abstammung der Arnoldisten stimmen die Forscher nicht überein; man kann dieselben in zwei Gruppen teilen, von denen die eine Arnold von Brescia, die andere irgendeinen anderen Arnold als Begründer dieser Sekte aufstellt 3.

a. a. 0. CLVI, 611ff. Dazu Neander, Der heilige Bernhard und sein Zeitalter, 3. Aufl. (Gotha 1865), S. 290 ff.

1) Hahn, Geschichte der Ketzer im Mittelalter (Stuttgart 1816 bis 1850) I, 49.

2) Moneta adv. Catharos et Valdenses ed. Ricchinius (Roma 1743), XVII.

3) Zu der ersten Gruppe gehören: Leger, Histoire des églises vaudoises (Amsterd. 1680) I, 155; Füesslin, Neue und unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie der mittleren Zeit (Frankfurt u. Leipzig 1770) 1, 262; Muratori, Antiq. Italic. med. aevi V, 90; Dieck. hoff, Die Waldenser im Mittelalter (Göttingen 1851), S. 163; Preger, Beiträge zur Geschichte der Waldesier, S. 220; Tocco, L'eresia nel medio evo (Firenze 1884), S. 187 u. 258; Keller, Die Reformation und die älteren Reformparteien (Leipzig 1885), S. 17. Un

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Der Grund für diese Spaltung liegt einerseits in dem mangelhaften Quellenmaterial, anderseits aber auch in der Thatsache, dals bisher die Frage nach diesen Ketzern nur beiläufig berührt, noch nie aber einer eigenen Untersuchung unterzogen worden ist.

Zunächst fragt es sich also, wer der Stifter dieser Sekte gewesen ist, ob sie auf Arnold von Brescia oder irgendeinen anderen Arnold zurückgeführt werden muss. Die gleichzeitigen Quellen geben darüber keine bestimmte Auskunft. Wenn sich aber darthun lässt, dass Arnold von Brescia wirklich der Stifter einer Sekte gewesen ist, und dass die später in Italien auftretenden Arnoldisten in ihrer Lehre mit Arnold's Bestrebungen übereinstimmen, dann, glaube ich, ist der Beweis für die Behauptung erbracht, dass allerdings diese Sekte nicht nur nach Arnold von Brescia ihren Namen hat, sondern von ihm geradezu ihren Ausgang genommen hat.

Nun berichtet die historia pontificalis, die von W. v. Giesebrecht und R. Pauli als ein Werk des Johannes Saresberiensis nachgewiesen ist, dass Arnold von Brescia während seines Aufenthaltes in Rom, wo er ungefähr seit 1145 erscheint ?, Anhänger um sich gesammelt habe, welche noch

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bestimmt ist Ch. Schmidt's Artikel „, Arnoldisten“ in Herzog's Realencyklopädie, in der 1. und 2. Auflage gleichlautend. – Zur zweiten Gruppe gebören: Gottfried Arnold, Unparth. Kirchen- u. Ketzerhistorie (Schaffhausen 1740), S. 378 u. 395; Guadagnini, Vita d'Arnaldo in Niccolini, Arnaldo da Brescia (Firenze 1852), S. 9 ff. ; Giesebrecht, Arnold von Brescia (München 1873), S. 34. Hahn erwähnt die Arnoldisten in seiner Ketzergeschichte nicht, wahrscheinlich weil er ihren Ursprung in Arnold von Brescia findet, dessen Häresieen als mehr politischer Art er aus seiner Darstellung ausschliesst.

1) Giesebrecht, Arnold von Brescia, S. 4 ff.; Pauli, Über die kirchenpolitische Thätigkeit des Joh. Saresberiensis in der Zeitschrift für Kirchenrecht XVI, 265 ff.

2) Ott. Fris. gesta Frid. 2, 20: Circa principia pontificatus Eugenii Urbem ingressus. In demselben Kapitel aber datiert Otto Arnold's Wirksamkeit in Rom von Cölestin's II. Tode. Die hist. pontif. erzählt, dass Arnold nach dem Tode des Papstes Innocenz II., der am 24. September 1143 starb, nach Italien gekommen sei.

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