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daselbst herrschende überreizte Konfessionalismus musste den jungen Pietisten abstossen, das ihm aufgezwungene Studium jener weltlichen Wissenschaft konnte dem so ungewöhnlich einseitig für das Geistliche Erschlossenen nicht behagen. Man wollte ihn sodann zerstreuen, wie es scheint. Zu dem Ende war, wie man meinte, das Sehen fremder Länder und Sitten das geeignete Mittel.

In die Jahre 1719, 1720 fällt die Reise nach den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz, welche ihm nach der Absicht derer, welche dieselbe ihm aufnötigten, neue Genüsse der Herrlichkeit der Kulturwelt bereiten sollte. Und diese hat er auch gekostet, aber nur — um sich für immer den Geschmack daran zu verbittern.

Er kehrte im wesentlichen als derselbe zurück, welcher er gewesen; nur um so gereifter, an Menschenkenntnis reicher, vielleicht einigermassen freier geworden von dem Knechtsdienst des pietistischen Methodismus, welchem er sich gewidmet hatte, aber sich gleich in der inbrünstigen Liebe zu dem Herrn. Indessen der Wille der älteren Familienglieder schien die Bestimmung abermals zu vereiteln, welche er so gern sich selbst gegeben hätte.

Im Jahre 1721 musste er in Dresden in den Staatsdienst treten. Das Amt eines Hof- und Justizrates verwaltete er mit aller Pünktlichkeit; aber seine vornehmsten Sorgen waren doch andere. Die Gebets- und Erbauungsstunden, welche der junge Graf, mit den ersten Adelshäusern Sachsens verwandt, in seiner Wohnung hielt, waren wohl in gewisser Weise collegia pietatis nach dem Vorbilde der einst von Spener in Frankfurt am Main eingerichteten, aber doch auch unter Leitung Zinzendorfs davon verschieden. Indessen, was Spener selbst in Dresden nicht zu wiederholen gewagt hatte, konnte auch unter dem neuen Leiter auf die Dauer sich nicht erhalten. Dieser geistliche Versuch erschien den meisten seiner Standesgenossen als höchst anstössig. Ein Misserfolg, welcher freilich den Grafen nichts weniger als entmutigte; aber doch wesentliche Gedanken seines Lebens zu vereiteln schien. In Wahrheit wurden diese, auf dem Punkte abzuirren von dem Verfolg des rechten Weges, zeitig genug umgewendet und gerichtet gerade auf das Ziel, welches er erreichen musste, wollte er die geheimste Sehnsucht seiner Seele erfüllen, den sie bewegenden Schöpfungsplan verwirklichen, den Plan, welcher, ich wiederhole das, ihn bewegte, den er nicht erwogen hatte.

Der Graf hatte seit einiger Zeit den Wunsch gehegt, sich anzukaufen, ohne das Bedürfnis zu fühlen, von den Motiven sich völlige Rechenschaft zu geben. Dieselben wurden auch da von ihm noch nicht gewürdigt, als die Gelegenheit sich dazu bot. Es war im April des Jahres 1722, als hinsichtlich der Übernahme des Gutes Berthelsdorf im heutigen Königreich Sachsen die Verhandlungen mit seiner Grossmutter Henriette von Gersdorf zum Abschluss kamen einige Monate früher, als er jenes Gespräch mit Christian David in Görlitz hatte, dessen ich oben gedachte.

5. Beide unterredeten sich damals über das Schicksal der in Mähren bedrängten Brüder, beide wurden einig in der Ansicht, dass ihr Schicksal nicht anders als durch Auswanderung geändert werden könne. Auch darüber konnte kein Zweifel sein, dass die Gründung einer Kolonie an einem passenden Orte das geeignetste Mittel sei, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Aber Zinzendorf hat damals weder die Gewährung einer Freistätte auf seinem Gebiete unbedingt zugesagt, noch versprochen, solche anderswo ausfindig machen zu wollen. Der Pilger wurde unter sehr unsicheren Auspicien entlassen; nur im Geheimen der Prediger Rothe in Berthelsdorf beauftragt, den etwa unvermutet Ankommenden daselbst ein zeitweiliges Asyl zu bereiten. Aber Christian David, von dem Eindrucke der Persönlichkeit des Unterredners übermannt, meinte die unbestimmt lautenden Worte desselben bestimmter deuten zu dürfen: er kündigte bald nach der Wiederankunft in Mähren dem in banger Erwartung harrenden Überreste der alten Genossenschaft der Brüder die Erlösung an. Schon am ersten Pfingsttage im Jahre 1722 begannen die ersten Auswanderer die Fluchtreise, welche sie in dem Grade beschleunigten, dass Anfang Juli Görlitz erreicht wurde. Sie fragten sofort nach dem Grafen, welchen sie also hier zu finden dachten, erfuhren aber, dass Der gräf

er zur Zeit in Dresden abwesend sei. Nicht gewillt, ihn daselbst aufzusuchen, und doch durch die Umstände genötigt, sich rasch ein Unterkommen zu verschaffen, war man kühn genug, weiter nach Grosshennersdorf zu wandern und hier der Frau von Gersdorf eine darauf bezügliche Bitte auszusprechen. Diese aber zeigte sich in hohem Grade befremdet. Nicht einmal bekannt mit jenen unbestimmten Zusagen ihres Enkels, von denen oben die Rede war, bisher schon genug gequält von Petitionen zudringlicher Bettler, erteilte sie einen ungnädigen Bescheid. Glücklicherweise war derselbe ohne Einfluss auf das Schicksal der Brüder. Denn der Prediger Rothe in Berthelsdorf, welcher der flüchtigen Andeutung in den neulichen Äusserungen des Grafen sich erinnerte und seines Einverständnisses gewiss zu sein meinte, ordnete sofort die vorläufige Ansiedelung der Brüder in der Nähe des Hutberges bei Berthelsdorf an. liche Gutsverwalter Heitz leitete die Ausführung.

Somit waren die Elemente, welche zu Zinzendorfs geistlicher Stiftung umgebildet werden sollten, ohne sein Wissen gesammelt. Ja selbst da, als dieselben (sozusagen) in seine Hand gelegt waren, erfasst er sie nicht sofort. Mehrere Jahre bleibt der gestaltende Gedanke schweben über diesen Stoffen, ähnlich dem Geiste Gottes über den Wassern und doch auch wieder so ganz anders. Dem Geiste Gottes ist das Urschöpferische eigen, die Harmonie des Denkens und des Handelns. In dem Grafen Zinzendorf war damals der Drang des Bildens beziehungsweise in Disharmonie mit den Entwürfen. Diese blieben nicht nur zurück hinter dem Ziele, welches ihm in seinem Ahnen und Sehnen vorschwebte, sondern er war sogar nahe daran, in der Wahl der Mittel, durch welche es schien erreicht werden zu können, sich zu vergreifen.

Dass dies dennoch nicht geschehen ist, darin ist nach dem Glauben der Brüder das besondere vorsehungsvolle Walten des Herrn offenbar.

6. Und allerdings zur Hälfte wird das, was wir oben seinen Plan genannt haben, ohne ihn verwirklicht, zur Hälfte durch ihn, - aber verwirklicht unter Umständen,

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welche ihm das effektive Bilden der schon vorhandenen, seinem Willen unterstellten Elemente aufnötigten. Die materielle Voraussetzung, ohne die eine geistliche Gründung nie hätte werden können, war nicht nur vorbereitet, sondern sogar bereitet in Abwesenheit des Grafen. Und selbst da, als er im Dezember 1722 das erste Haus der Kolonie am Hutberge erblickte, beurteilte er dieselbe doch nur als eine Freistätte, als eine Ortsgemeine in bürgerlicher Beziehung. Der Gedanke an irgendwelche Verwendung für religiöse Zwecke war, wie es scheint, ihm fern. Dergleichen verfolgte er allerdings unausgesetzt, - aber er meinte, das dazu nötige Material erst in weiter Ferne suchen zu müssen.

Jesum den Gekreuzigten, die Universalreligion des Heilandes im Unterschiede von, aber nicht im Gegensatze zu dem Detail der dogmatischen Lehre, mündlich und schriftlich zu verkündigen unter Christen und unter Heiden, eine Sammlung erweckter Seelen herzustellen war die Aufgabe des Bundes der vier Brüder“ Zinzendorf, Friedrich von Watteville, Rothe, Schäfer gewesen, - sie sollte es bleiben. Diesem Bunde waren auch in dem genannten Jahre Zinzendorfs wesentlich geistliche Interessen gewidmet, während die Niederlassung am Hutberge zunächst Gegenstand der ökonomischen Sorge war. Erst die daselbst sich ändernden Zustände erzwangen eine Aufmerksamkeit anderer Art. Nicht allein hatten in demselben Masse, in welchem die Zahl der neuen Emigranten aus Mähren zunahm, auch die religiösen Bedürfnisse dieser sich gemehrt, sich deutlicher offenbart; sondern die Kunde von dem, was am Hutberge geschehen war, lockte auch andere Auswanderer herbei. Sie gehörten zu jenen Separatisten, welche durch die Verhältnisse der deutschen Landeskirchen verstimmt, von den Kirchenbehörden bedrängt, zum Teil von allem Kultus sich losgesagt hatten. Manche ergriffen nunmehr den Pilgerstab, um, wie sie hofften, am Hutberge um so ungestörter ihren Strömungen sich hingeben zu können. Und diese entwickelten sich dann auch in regelloser Mannigfaltigkeit. Erwägt man überdies, dass auch einige „Erweckte“ aus den alten Konfessionskirchen sich daselbst einfanden

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Lutheraner und Reformierte und einzelne Bekenntnissätze in schroffer Weise verteidigten: so wird begreiflich, dass die religiösen Richtungen sich durchkreuzten; dass Konflikte unvermeidlich wurden. Gerade der ursprünglich weiche, aber um so empfindlichere Individualismus der Separatisten musste durch das, was er vielleicht konfessionelle Härten nannte, um so heftiger gereizt werden. Und die aus Mähren eingewanderten Brüder hatten die einen mehr lutherische, die anderen mehr reformierte Neigungen: was dazu gedient haben wird, den Wirrwarr zu steigern.

Aber wir können das nur vermuten. Die Zeichnung eines klaren Bildes ist dem Geschichtschreiber unmöglich, denn die Überlieferung ist allzu lückenhaft und unsicher, und nur das ist gewiss, dass man, wie es scheint, unter ziemlich allgemeiner Beteiligung über ganz bestimmte Sätze stritt. Hier war die Debatte über die Gnadenwahl, dort die über die Verfassung an der Tagesordnung. Die letztere regten die mährischen Brüder an; sie wurden immer zudringlicher in der Forderung, die Ordnungen der alten Brüderkirche seien herzustellen. Andere vermochten diesen Eifer für jene, wie sie wohl urteilten, äusserliche Institution einer Verfassung nicht einmal zu begreifen. Die eine Partei ärgerte die andere. Rechthaberei und lieblose Verurteilung griffen immer weiter um sich. Die Elemente, welche sich verbinden sollten, stiessen einander ab. Der lange Hader machte hart und störrig; am augenscheinlichsten die ersten Ankömmlinge aus Mähren. Sie wollten schlechterdings nichts wissen von irgendwelcher Modifikation ihres Antrages, geschweige denn denselben zurücknehmen. Endlich verlangte eines Tages ihr Sprecher eine rasche Entscheidung: die Seinigen seien entschlossen, entweder in kürzester Zeit die Erfüllung ihrer Forderung durchzusetzen, oder eine andere Freistätte aufzusuchen. Die Stunde der Auflösung der letzten Bande der Gemeinschaft schien gekommen zu sein. Vielmehr sollte dies Chaos der Stoff werden, aus welchem Zinzendorf seine geistliche Stiftung geschaffen hat. Je wilder in Herrnhut wie er erfuhr der Aufruhr tobte, um so anziehender war ihm das Sinnen

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