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Endlich gilt das Fest Marduks als Hochzeitsfest! Von der Festfeier Marduks heißt es einmal: ihiš ana hadaššûtu, ,,er eilte zur Brautschaft“ 2. Schon zu Gudeas Zeit ist das Neujahrsfest Hochzeitsfest des Gottes Ningirsu mit Bau? Von der Hochzeit Marduks mit Şarpanîtut ist sonst nichts bekannt.

Dem Fest des Aufstehens Marduks entspricht die Feier des Todes des Jahrgotts, die Trauerfeier der sterbenden Natur. Daß eine solche Trauerfeier dem Neujahrsfest vorausgegangen sei in Babylonien, ist bisher nicht bezeugt, falls man nicht das Zeugnis Herodots vom ,,Grabe des Bel" gelten lassen will, mit dem es die gleiche Bewandtnis hat wie mit dem ,,Grabe des Osiris" 5 und mit dem mit Grün bekleideten Grabe der Malkat-Ištar in Sippar 6. Nach der oben festgestellten Lehre konnte man das dem Frühjahrsfest entsprechende Totenfest im Herbst feiern (nach Sonnenrechnung), aber auch 3 Tage vor dem Auferstehungsfest nach Mondrechnung (vgl. S. 32 ff.).

Die Todes- und Auferstehungsfeier im Herbst und Frühling entspricht der Vierteilung des Jahres?. Bei Zweiteilung feiert man

das Fest der Sonnenwenden. Die Wintersonnenwende ist dann der Geburtstag des Jahrgottes (dies solis invicti im römischen Kalender), die Sommersonnenwende das Fest des Todes des Tammuz. Der Tod des Tammuz wird mit dem Eber zusammengebracht, dem Tier des Ninib-Mars, dem der Sonnenpunkt des Sonnenkreislaufs gehört. Da das Eber-Motiv alt ist und das alljährliche Weinen der Ištar

1) Über den astralmythologischen Zusammenhang des HochzeitsMotivs mit der neuen Weltzeit vgl. S. 32 ff., s. BNT 45.

2) Reisner, Hymnen Nr. VIII, s. Zimmern KAT3 371.
3) Gudea C II, 1-7, s. Zimmern I. c.
*) Gemahlin Marduks, mit Ištar identisch, s. Dt 109, AB V, 375f.

• Herod. I, 183, Herod. II, 1709.; Plutarch, Isis et Osiris 359, S. BNT 9, 19 und die dort zitierte Literatur. Zum Grab des Set s. Chwolsohn, Ssabier II, 617: nach der Nabatäerschrift El Asojůthî hielten die kopten die beiden großen Pyramiden für Königsgräber, die Ssabier hielten sie für Gräber des Set und des Hermes und opferten dort.

6) Hamm. Cod. II, 26 ff. Der Mythus von der herabgesunkenen Venus hat aber mit Neujahr nichts zu tun, s. S. 110.

>) Plutarch, Isis et Osiris c. 69: die Phryger feiern ein Fest im Herbst, wenn Attis einschläft, ein zweites im Frühling, wenn er erwacht.

8) Stucken, Astralmythen 18 ff. Ninib gehört der Monat Tammuz IV R 33, Nr. 2, 6) und ihm ist der Eber (humşiru) heilig. Nach einer syrischen Überlieferung ist Tammuz Jäger und Wildschütz, s. Stucken, Astralmythen S. 89. Varianten sind der Löwe (Tierkreisbild der Sommer

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Abb. 29: Griechischer Sarkophag, Abschied und Tod des Adonis und Adonis-Trauer

darstellend. Nach Roscher Lex. d. Myth. s. v. Adonis.

(Muttergöttin und zugleich verderbenbringende Gemahlin) um Tammuz schon in der VI. Tafel des Gilgameš-Epos bezeugt ist, so wird auch das Motiv bereits in alter Zeit verwertet worden sein.

Von der Trauerfeier selbst geben für Babylonien neben der hernach zu erwähnenden Höllenfahrt der Ištar einige Hymnen Zeugnis, die wohl bei den Festen rezitiert wurden: „Hirte, Herr, Tammuz, Gatte

der Ištar, Herr des Totenreichs, Herr

der Wasserwohnung, Eine Tamariske, die in der

Furche kein Wasser trank, Deren Zweig in der Steppe

Blüte nicht hervorbrachte, Ein Bäumchen, das man nicht

in seine Wasserrinne ge

pflanzt hat, Ein Bäumchen, dessen Wur

Abb. 30: Adonisgärtchen. Wandbild in Pompeji.

Nach Annales du Musée Guimet XVI (Vellay). zeln ausgerissen sind"!.

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sonnenwende im Stierzeitalter, so bei Hygin, s. Winckler, Krit. Schriften III, 108, Landau, Beitr. IV, 24 f.) und der Bär (entsprechend dem Sternbild des Bären am Nordpunkt des Himmels, das von den Arabern als Bahre, nämlich als Totenlager des sterbenden Jahrgottes angesehen wird), vgl. Stucken I. c. 34 f. und s. Abb. 31.

') IV R 27; vgl. mein Hölle und Paradies AO I, 32, 10, s. jetzt Zimmern VII, 3, 1of. Vgl. die Adonisgärtchen xi1.01 Adóvidos, deren wurzellose oder in flache Erde gesäte und der Sonne ausgesetzte Blumen rasch welken. Abb. 30 stellt ein solches Adonisgärtchen nach einem pompejanischen Wandbilde dar. In den Anthosphorien wurde die Rückkehr der Persephone gefeiert durch Flötenspielen und Jungfrauen mit Blumenkörben. In einem andern Liede ? ist ausdrücklich von der Wehklage die Rede, an dem Tage, da Tammuz in große Trübsal fiel (Sommersonnenwende), in dem Monat, der sein Lebensjahr nicht zur Vollendung kommen lässt, Šamaš (hier = Ninib) habe ihn in die Totenwelt sinken lassen auf den Pfad, da es aus ist

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Abb. 31: Tod des Tammuz durch den Bär (vgl. S. 88 Anm. 8) und Klage um Tammuz.

Felsenrelief im Libanon.
Nach Landau Beitr. IV. Vgl. Renan, Expedition en Phénicie, Pl. XXXVI.

mit den Menschen, oder, wie der Tafelschreiber resigniert hinzufügt, „der die Menschenkinder zur Ruhe bringt“.

Der Schluß der Höllenfahrt der Ištar bezeugt eine solche Todes- und Auferstehungsfeier. Genauer unterrichtet sind wir über die Festfeier im Kult der Baalat von Byblos in späterer Zeit durch Pseudo-Lucian, de dea Syria, und für Kleinasien und Rom durch die Berichte vom Kybele-Attis-Fest, vor

1) Hölle und Paradies 1. c. 10.

allem im Briefe des Astronomen Firmicus Maternus an die Söhne Konstantins, über den Irrtum der heidnischen Religionen. Von den Felsenreliefs in el-Ghine im Libanon im Bereiche des Adonisflusses (nahr Ibrahim), die den Tammuz-Mythus darstellen (Abb. 31), wird S. 116 die Rede sein. Bei den Judäern scheint das Fest sehr beliebt gewesen zu sein, besonders in Zeiten, da man fürchtete, ,,Jahve habe das Land verlassen“, Ez 9, 9, und anderweit nach Tröstungen ausschaute. Ez 8, 14 weinen die Frauen am Stadttor um Tammuz (die Kehrseite ist die Auferstehungsfeier). Das Fest der Himmelskönigin, das nach Jer 44, 17 ff. zu allen Zeiten in Israel gefeiert wurde, ist mit dieser Todes- und Auferstehungsfeier identisch?; es ist das Fest Jer 7, 18 vgl. 44, 17 ff., bei dem von der Jugend Feuer angezündet (Sonnenwendfest) und der „Himmelskönigin“ Kuchen gebacken werden. Als Josia sein tragisches Ende gefunden hatte, beweinte man ihn nach Sach 12, II vgl. 2 Chr 35, 25 mit Hadad-Rimmon, d. i. Tammuz-Liedern, die vielleicht zugleich von der Hoffnung auf seine Wiederkunft sprachen ? Der Erzähler der Josefs-Geschichten läßt Tammuz-Motive anklingen in der Geschichte von dem ins Unglück sinkenden und als Segenspender emporsteigenden Volksheroen (S. Kap. Josefsgeschichte).

Was in den Josefs-Geschichten etc. als poetische Verwendung mythologischer Motive erscheint, ist in dem von Ezechiel und Jeremia getadelten judäischen Tammuz-Kult Rückfall ins Heidentum. Nahe beieinander wohnen die Gedanken. Wir erleben es heutzutage bei uns, daß germanische Wotan - Poesie zur Rückkehr zum Wotan - Kult in der Sommersonnenwende führen kann. Aber in Israel kommt noch eine andre Beziehung in Betracht. Man kann vielleicht nirgends so deutlich wie hier sehen, wie verwandt die israelitische und auch die christliche

2) Weiteres über den babylonischen, phönizischen und phrygischlydischen Kult 114 ff. In dem wertvollen Buche von Hepding, Attis seine Mythen und sein Kult, ist der Zusammenhang des Systems nicht erkannt, sonst würde der Verfasser z. B. nicht eine Trennung des Kultes der großen Mutter von dem des Attis (S. 12 f.) für möglich halten; auch die Verwandtschaft mit den entsprechenden griechischen Kulten ist hier unterschätzt.

2) Tammuz ist im Mythus des Naturlebens die sterbende und aufkeimende Saat (s. BNT 23 ff.). „Weil Tammuz' Gebeine in der Mühle gemahlen worden“, darf man bei den „Ssabiern“ zu gewissen Zeiten nichts Gemahlenes essen (Chwolsohn II, 204). Das Kuchenbacken ist der Gegensatz bei der Freudenfeier.

3) Wie man in Ägypten zur Mumie sagt: du bist Osiris, d. h. du wirst wieder leben, so gilt hier: du bist Tammuz. Am Grabe des Achilles in Elis halten die Frauen die gleiche Feier nach Pausanias VI, 23, 1.

Religion mit der altorientalischen Mysterienweisheit ist und zugleich, wie hoch sie über ihr steht, indem sie neuen Schatz in die irdenen Gefäße der Naturbetrachtung legt. Die Sprüche der tiefsinnigsten Erlösererwartung bei den Propheten, vor allem Jes 53 der Spruch von der Auferweckung des in den Tod gesunkenen Lammes, sind in ihren Motiven eng verwandt mit den Motiven des sterbenden und zum Leben erwachenden Jahrgottes, s. zu Jes 53, und die Apokalypse benutzt die gleichen Motive zur Verherrlichung des siegreichen, das Weltregiment antretenden Christus, wie ich BNT 13ff. zu zeigen versucht habe.

IV. Das Pantheon. Das babylonische Pantheon erscheint bei oberflächlicher Betrachtung als eine unentwirrbare Anhäufung von Göttergestalten und Dämonen. Das oben geschilderte Weltbild bietet den Ariadne-Faden für das mythologische Labyrinth. Jede Gottheit entspricht einer astralen Erscheinung oder einem mit dem Gestirnlauf in Zusammenhang gebrachten Vorgang oder Gegenstand des Naturlebens. Die in der Natur waltenden göttlichen Kräfte erscheinen in Menschengestalt. Denn wie der Mensch nach altorientalischer Anschauung als Bild Gottes geschaffen ist, so muss die Gottesvorstellung anthropomorphisch sein! Eine niedere Anschauung, die die Gottheit selbst in der Tierwelt oder in Bäumen und Pflanzen sucht (Totemismus, Fetischismus), ist für die historisch bekannte altorientalische Welt ausgeschlossen. Wenn in Ägypten (wie in Mexiko) die Götter als Tiere erscheinen, so entspricht das der babylonischen Darstellung, in der die Götter auf Tieren stehen (s. z. B. Abb. 7 u. 40). Man könnte darin Zeugen einer prähistorischen Kulturstufe sehen, die von der „Lehre“ überkleidet worden ist. Aber zwingend ist das nicht. Wir sehen in den Tieren das Abbild der Gestalten am Himmel, in denen sich die göttlichen Kräfte offenbaren 2.

Im ältesten Babylonien finden wir Stadtkulte. Der Kultort entspricht dem Ort am Himmel, s. S. 51 f. 56. Aber indem Teile und Ganzes sich entsprechen, spiegeln zusammengehörige Kultstädte das gesamte Himmelsbild wieder 3.

1) Im Mythus vom Vogel Zu will Zu die Schicksalstafeln rauben. Er wartet, bis der Tag anbricht, bis Bel sich mit reinem Wasser gewaschen, auf seinen Thron gesetzt und die Krone aufgesetzt hat.

2) Wie man dazu kam, Tierbilder an den Himmel zu versetzen, ist eine prähistorische Frage. Wir können nur die Erscheinungen feststellen.

3) Ob in diesem Falle die Gottheiten des Weltsystems im fertigen Staatengebilde auf die Hauptorte in dem S. 50 geschilderten Sinn gleichsam verteilt wurden, oder ob umgekehrt, was ja näher liegt, die Hauptkultorte mit ihren Gottheiten die Bildung des Systems beeinflußt haben, läßt sich bei der Dunkelheit der alten Verhältnisse natürlich nicht entscheiden.

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