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Der älteste Staat, den wir kennen, war das südbabylonische Sumer (wohl identisch mit Kingi). Die Städte, die dieses Staatsgebildei umfaßte, haben wie Ur in historischer Zeit ihre politische Bedeutung verloren, soweit sie überhaupt eine solche besessen haben (Eridu, Nippur). Aber ihre religiöse Bedeutung wurde nie vergessen. Diese Hauptorte sind:

Erech mit dem Tempel des Anu (E-ana) und der Ištar,
Nippur: Bel,
Eridu: Ea,
Ur: Sin,

Larsa: Šamaš.
Man sieht, daß in diesen fünf Hauptorten von Sumer die beiden obersten
Göttertriaden lückenlos vertreten sind ?.

Das zweitälteste politische Gebilde, das wir kennen, ist das nordbabylonische Akkad. Ehe das zur Geltung gekommen ist, müssen politische Umwälzungen großen Stils vor sich gegangen sein, von denen wir nichts wissen. Dies zeigen die verschollenen Städte, von denen uns z. B. die Tempellisten von Telloh berichten, ferner die dunkle Vergangenheit von Borsippa, der Schwesterstadt Babylons, die mit ihrem Nebo-Kult in alter Zeit Babylon überragt haben muß. Wahrscheinlich ist Akkad erst durch die ersten semitischen Wanderungen in die Höhe gekommen. Leider haben hier noch nicht viel Ausgrabungen stattgefunden. Das Wichtigste haben uns die Grabungen von Sippar vermittelt. Aber es scheint, daß auch hier die Kultorte das astrale System wiederspiegeln, und zwar das System der Planeten-Gottheiten

Sin,
Sippar:

Samas,
Akkad:

Ištar,
Babel:

Marduk -Jupiter,
Borsippa:

Nebo - Merkur,
Kutha:

Nergal-Saturn, Kiš (?) (Harsagkalama): Ninib - Mars (Zamama) 3. Auffällig ist, daß Sin fehlt. Vielleicht sind die mesopotamischen Gebiete mit dem Mondkult (Haran) hereinzuziehen. Ein Kultort des Ninib, des Partners Nergals, ist bis jetzt in Nordbabylonien nicht sicher nachzuweisen (in Südbabylonien wird er in Nippur bevorzugt). Von der obersten Göttertrias findet man in den bisher bekannten nordbabylonischen Kultorten nur Anu, den Gott von Durilu, der Grenzfestung gegen Elam, s. S. 94 f.

Eine völlig neue Periode babylonischer Theologie ist mit der „Erhebung Marduks“ unter der Hammurabi-Dynastie angebrochen. Babylon wurde Metropole des geeinigten babylonischen Reiches und zugleich der geistige Mittelpunkt des gesamten vorderen Orients. Die synkretistische Gestalt des Marduk von Babylon, die mit allen Hauptgöttern und Hauptkulten in Beziehung gesetzt und in diesem Sinne durch Mythen und Hymnen verherrlicht wird, gibt dieser politischen Tatsache das religiöse Relief.

a) Zur Zeit Lugalzaggisis kann man wirklich von einem Staate Sumer sprechen.

2) Lagaš mit dem Ninib-Kult spielt nur eine kurze Zeit eine Rolle zur Gudea - Zeit.

8) Auch in Babylon ist ein Ninib-Heiligtum, s. Cod. Hammur. II, 56 ff.

Wir geben nun eine kurze Charakteristik der Hauptgestalten des babylonischen Pantheons, insbesondere in ihren Beziehungen zum astralen System.

Anu. Anu ist der Vater oder König in der Götterfamilie (ab, šar ilâni), der summus deus im eigentlichen Sinne. In der ZuLegende z. B. spricht er zu den „Göttern, seinen Kindern". Der Anfang des Epos Enuma eliš zeigt die Götterversammlung als eine Familienzusammenkunft, bei der dem klügsten Sohne (Marduk) gewissermassen vom Vater, der allerdings hier nach einer ältern (vorweltlichen) Götteremanation Anšar, nicht Anu ist, das Regiment abgetreten wird. Auch da, wo der Stadtgott als Götterkönig gilt, wird Anus Würde anerkannt. So sagt Hammurabi in der Einleitung seiner Gesetzessammlung:

„Als Anu', der Erhabene, der König der Anunnaki, und Bel, der Herr von Himmel und Erde, welche festsetzten die Schicksale des Landes, Marduk, dem Herrschersohn Eas, die Herrschaft über die irdische Menschheit zuerteilt hatten usw."

Der Sitz Anus (An „Himmel") ist der Nordhimmel. Am Nordpol des Himmels ist sein Thron, auf dem er sitzt, von dem er z. B. im Adapa-Mythus aufsteht?. Nach dem Gesetz der Entsprechungen gehört ihm auch der Nordpunkt der Weltteile, weshalb er im System als Sin und Ninib erscheinen konnte 3. Wenn Ištar auf der VI. Tafel des Gilgameš-Epos im Zorn zum Himmel Anus emporsteigt, wenn die Götter aus Schrecken über die Sintflut ,,empor zum Himmel Anus“ steigen und an den kamati (das ist wohl die Mauer der obersten der Kreisstufen, die den Tierkreis hinaufführen) niederkauern, so wird man an ein Emporsteigen auf den Tierkreisstufen zu denken habent

Die kanaanäische Benennung dieser obersten Gottheit ist ilu (d. i. 3x), z. B. in Dur-ilu, der Stadt Anus. Von ihr stammen die hebräischen Gottes

1) Es ist das Zeichen An wohl zunächst ilu zu lesen, d. i. „kanaanäisch" el; aber dieser ilu-êl entspricht dem babylonischen Anu, s. unten ilu rabû von Dêr = Anu.

2) Die volkstümliche Vorstellung in Israel denkt sich das ähnlich; vgl. Jes 40, 22: Gott thront über dem hùg der Erde, daß ihre Bewohner Heuschrecken gleichen.

3) S. zu diesen mythologischen Identifizierungen S. 27. 100 und zum Gottesberg im Norden, s. Ps. 48, 3, wo „Norden“ zweifellos zu „Berg“ gehört, und zu Hi 37, 22.

4) In der Götterdämmerung der nordischen Mythologie steigen die Götter auf den sieben Regenbogenstufen empor. Regenbogen und Tierkreis entsprechen einander, s. zu 1 Mos 9, 13. Die Stufen, die zum Palast Gottes führen, sieht Jakob im Traum, s. zu i Mos 28.

namen bis, 783x, vix. Das Wort bezeichnet gewiß nicht das „Ziel“ katexochen, wie Delitzsch BB I mit de Lagarde annimmt, vielmehr nehmen wir mit Zimmern an, daß il wie an Bezeichnungen des Nordpols des Himmels sind, s. S. 45 und Monotheistische Strömungen S. 19'.

Von Kultorten des Anu kennen wir in Südbabylonien Erech, „Wohnung Anus und der Ištar" in der sog. DibarraLegende genannt (Tempel E-ana); in Nordbabylonien Durilu = Der?

Bel. Bel, dessen ,,sumerischer" Name In-lil 3 lautet, ist Herr der „Länder“ d. h. der Erde und zwar sowohl der himmlischen Erde, d. i. des Tierkreises, als auch der irdischen Erdet. In diesem wie jenem Sinne heißt er šadû rabû, denn sowohl das himmlische als das irdische Erdreich ist als Berg gedacht (harsag-kurkura), oder bel matâti ,,Herr der Länder" (nämlich der himmlischen wie der irdischen bewohnten Länder im Gegensatz zu Luft und Meer).

Sein besonderer Kultort war in Südbabylonien Nippur mit dem Tempel E-kur. Dieser E-kur entspricht dem kosmischen Ort, der den eigentlichen babylonischen Olymp, den Gotteswohnsitz darstellt.

Ea. Ea, wohl umgekehrt A-e gelesen ('Aos bei Damascius) „sumerisch“ En-ki. Der Name E-a drückt seine Beziehung

2. Ob der Gott der Sepharwiter 1323 2 Kg 17, 31 den Gottesnamen Anu enthält, ist unsicher, s. 2. St.

2) Nebukadnezar I. nennt Dêr ,,die Stadt des Anu“ (KB III, 1, 165), und in der Eponymenenliste für 834, 815 und 786 (KT ? 76f.) heißt es: ilu rabû, der große Gott, zog aus Dêr aus.

3. Was der Name bedeutet, wissen wir nicht. Wenn Hommels Erklärung „Herr der Luft“ richtig ist, so ist jedenfalls Bel nicht „Herr der Luft“ im Gegensatz etwa zu En-ki als „Herr der Erde", s. unten S. 96. Die Ausführungen Zimmerns KAT 3 S. 355 kombinieren in nicht glücklicher Weise die von Hommel, Jensen und Winckler aufgestellten Theorien. Insbesondere ist nicht richtig, daß vom Bel-Kult in Nippur viel auf Marduk übertragen sei. Daß die Schreibung In-lil auch In-lil ausgesprochen wurde, also nicht nur Ideogramm ist, zeigt die Wiedergabe 'liluvos bei Damascius; in den alten epischen Texten aus der Hammurabi-Zeit (Cun. Texts XV, 1-6) heißt er Lillu, Lellu, vgl. IV R 27, 56 f.

*) Vgl. Sintfl. 36 f.: „Weil Bel mich haßt, will ich auf der Erde Ikakkar) Bels nicht länger weilen, zum Ozean will ich hinabgehen, bei Ea, meinem Herrn zu wohnen.“

5) Als „Herr der Länder“ besitzt er auch gelegentlich die Schicksalstafeln, s. S. 46.

5) Vgl. Hilprecht, Die Ausgrabungen im Bel-Tempel von Nippur.

zum Wasser aus, der Name En-ki vielleicht seine (indirekte) Beziehung zur Unterwelt (s. S. 14). In Ergänzung von Anu und Bel ist er Herr des apsû, sowohl des Himmelsozeans als auch des irdischen Ozeans, der die Erde umgibt und unter der Erde strömt. Der apsû selbst wird deshalb als ZU-AB „Weisheitshaus“ gedeutet, denn aus ihm steigt die Weisheit Eas empor'. Als Schöpfergott, aus dessen Reich der Äon der jetzigen

Welt hervorstieg (s. S. 8f.), ist er auch ,,Vater der Götter" 2

Sein besonderer Kultort ist Eridu, d. i. Abu Sahrein, südlich (!) von Ur. Der Tempel in Eridu heißt E-apsû ,,Haus des Ozeans" Aus den Kultvorschriften, bei denen das Wasser ,,an der Mündung der Ströme" eine große Rolle spielt, darf man entnehmen, daß in uralten Zeiten Eridu am Meere lag und daß Euphrat und Tigris dort ursprünglich getrennt in das Persische Meer mündeten. Bei den Schilderungen des Heiligtums in den religiösen Texten ist in jedem Falle zu unterscheiden, ob das irdische Eridu oder das entsprechende kosmische Heiligtum des Ea gemeint ist. Mit dem kosmischen Eridu

wird irgendwie der Eridanos am südlichen Abb. 32: Ea-Oannes-Relief Sternhimmel zusammenhängen. Der Tempel aus Kujundschik

von Eridu heißt Esagila (s. KT 99) wie später

der Marduk-Tempel von Babylon. Ea begegnet als der Gott der Weisheit und Kunst, als Schutzgott der Handwerker und als Gesetzgeber 4. Insbesondere ist er der Herr aller magischen Kräfte: „Der große Herr Ea hat mich gesandt, seinen Zauberspruch hat er mir in den Mund gelegt.“

Regelmäßig ist sein Kult mit der Vorstellung von heiligem Wasser verbunden. V R 51 tritt in einem kultischen Texte der Priester in einem „Gewande aus Linnen von Eridu“ an der Schwelle des „Hauses der Reinigung“ dem Könige entgegen und grüßt ihn mit dem Spruch:

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") S. 6 f. 43 f.. Zu Ea = Oannes (Abb. 32) s. S. 43 f.
?) King Nr. 12.

3) Auch in Šurippak, Girsu, dem Kultort des Nin-Girsu, und in Erech hat Ea besondere Heiligtümer.

*) S. 43.

Ea möge sich über dich freuen,
Damkina, die Königin der Wassertiefe, erleuchte dich mit ihrem

Angesichte,
Marduk, der große Aufseher der Igigi, möge dein Haupt erheben'.

Von Ea als ilu amelu Gott Mensch und von MardukAdapa als Sohn des Gott Menschen war bereits S. 9 die Rede. Als Ursprung aller Zeugung ist er Ea sa nabnîti oder Mummu bân kâla, der alles gestaltende Mummu?.

Der ,,Sproß der Menschheit" (zer amelûti), den Ea in Eridu schafft und der als Heros Adapa heißt, erscheint in der Göttergenealogie als Marduk; Sohn des Ea?. Als solcher ist er Herr der neuen Welt. Die Mythologie drückt diese Lehre dadurch aus, daß alle Götter ihre Gewalt in seine Hände legen und Ea sagt: dein Name sei wie der meine Ea. Darum ist er in dem Kap. III wiedergegebenen Schöpfungsbericht der Demiurg und in den Beschwörungstexten Helfer und Bannlöser, der alles Leid heilt und der es liebt, „von den Toten zu erwecken". Als solcher ist er einer der Götter mit dem großen Ohrt IV R 17a, 38-42 heißt es: „Der Gott - Mensch um seines Sohnes willen ist er dir in Demut zu

Diensten, der Herr hat mich gesandt, der große Herr Ea hat mich gesandt“ 5.

Bei den Beschwörungen entwickelt sich zwischen Vater und Sohn ein Zwiegespräch, das dem Sohne das gleiche Wissen und

:) Man beachte die Anklänge im aaronitischen Segen 4 Mos 6, 24 ff. 2) Vgl. S. 6 f. 83, Anm.

3) S. meine Monographie über Marduk in Roschers Lexikon der Mythologie II, Sp. 2340 ff., wo ich aber die ursprünglich selbständige Bedeutung dieses Marduk von Eridu gegenüber dem Marduk von Babylon noch nicht klar erkannt hatte. Auch Hehn, Hymnen und Gebete an Marduk (AB V, 279 ff.), der zuletzt gründlich über Marduk geschrieben hat, hat den Unterschied nicht erkannt. Über die Einsetzung Marduks an Stelle von Nebo, dem eigentlichen „Verkünder“ der neuen Zeit, s. S. 67. 83.

4) Diese Vorstellung eignet sich zur Illustrierung der Tatsache, daß die Ideen gewandert sind. Abb. 33 stellt Marduk mit dem großen Ohr dar. Abb. 34 eine ägyptische Weihetafel mit dem Ohr der Gottheit. Dazu vergleiche man, daß Buddha stets mit dem großen Ohr dargestellt wird. Die Buddhabilder aus griechischer Zeit zeigen auch sonst babylonischen Einfluß.

5) S. Winckler, F. III, 299 und oben S. 9. 43. Dazu vgl. IV Esr 13, 25f. (Kautzsch, Pseudepigr. 396): „Wenn du einen Mann aus dem Herzen des Meeres hast emporsteigen sehen: das ist der, durch den er die Schöpfung erlösen will.“ Nach Enuma eliš Taf. VII hat Marduk, der Drachenkämpfer, „die Menschen geschaffen, sie zu erlösen“, s. S. 169 f. Jeremias, A. Test. 2. Aufl.

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