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Achter Abschnitt. Staatsverfassung und Rechtsleben in Babylonien

und Affyrien.

1. Staatsverfassung. Ein treffendes Gleichnis hat der Prophet Ezechiel ?) von dem assy. rischen Königreich gesagt: „Asjur war wie ein Zedernbaum auf dem Libanon, von schönen Neften, did von Caub und sehr hoch." Babylonien aber war Assyrien wie in Sprache und Schrift, Religion und Sitte, also auch in der Regierungsform und Weise sehr ähnlich. Hier und dort bestand das unabhängige Königtum, wenigstens dem Namen nach, nur mit dem Unterschied, daß der König von Assyrien, nicht aber der von Babylonien, zugleich Oberpriester war. Dieser Unterschied mochte seinen Ursprung in der verschiedenen Entwicklung haben, die beide Reiche durchgemacht, indem das Gebiet des späteren babylonischen Weltreiches aus einer Menge kleinerer Herrschaften bestand, die von Datesis regiert waren und später wieder mehrmals selbständig zu werden suchten. Ajiya rien dagegen entwickelte sich aus einer einzigen Patesiherrschaft und breitete sich durch siegreiche Kriege aus. Daher hieß der König von Babylon sar sarrani König der Könige, nachdem die Datesi zu Statthaltern geworden waren, während derselbe Titel in Assyrien einen an: dern Sinn in sich barg. Die Statthalter des assyrischen Königs waren assyrische Beamte, nicht aus königlichem Geschlecht, aber über fremde Völker geseßt, deren Könige gefangen oder tot waren. Babylonien war von Anfang zum Frieden bestimmt und meist auch im frieden erwachsen, Assyrien ein Reich aus Gewalt. Jenes aus verwandten Völkern zusammengesetzt, ähnlich wie Preußen, dieses wie Oesterreich aus ganz fremden. Daher konnte auch der Versuch, so oft und mit welchen Mit teln er auch unternommen wurde, aus Ajiyrien ein einheitliches Reich zu machen, nie gelingen. Die gewaltsam und künstlich hergestellte Schöpfung brach gleichsam über Nacht zusammen, wie die Propheten in Juda und Jsrael vorhergesagt hatten.

1) Ezech. 31, 3–14.

Der Hof eines babylonischen oder assyrischen Königs follte ein Ub. bild des Himmels sein, nur nicht in der Götter Vielherrschaft

. Sie waren Alleinherrscher und selbfi Götter. So gefielen sie sich in dem Scherz, zuweilen sich als Götter zu vertleiden und mit ihren Gewaltigen Götter-Masteraden aufzuführen“). Weil aber diese Könige sich selbst für Götter hielten und von ihren Völkern also geehrt wurden, tonnte auch der Begriff des Königtums von Gottes Gnaden gar nicht im babylonisch-assyrischen Orient entstehen, wie H. Windler ?) entdedt haben will

. Denn ein König oder fürst, der dieses christliche Bekenntnis, das Betenntis des Apostels Paulus 9), zu dem seinen macht, spricht in Demut aus, daß er seiner hohen Stellung gar nicht wert ist, und sieht man hier wieder deutlich, wie das Uergern an einer christlichen Lehre oder Sitte bisweilen aus einem gründlichen Mißverstand hervorwächit

. H. Windlér aber durfte auch daran denken, daß die ersten christlichen fürsten, die sich fürsten von Gottes Gnaden nannten, vom Orient so gut wie nichts wußten! Den Königen von Babylonien und Assyrien tam es auf das grade Gegenteil als wie jenen an: Ihre Völker sollten an ihnen wie an Göttern in die Höhe schauen. Sie waren die Herren der untern Welt, Söhne der Götter, gekleidet wie die Götter. Binde, Müße und Szepter schimmerte auch bei ihnen von blauem Easurstein“). Die vier Eden des Königspalastes wiesen auf die vier Himmelsgegenden hin, über die der Herr der Welt“ sein Szepter ausstredte. So nannten sich die Könige von Babel, bald auch die von Ninive, wenn nicht aus eigner Ueber. hebung, dann doch in herablaffender Annahme der ausgelassenen Śchmeichelreden ihrer Diener. Die hohe Sprache der assyrischen Beamten ist auch in der hl. Schrift ") treffend dargestellt und aus vielen Inschriften uns bekannt geworden.

Obwohl des Königs Wille von vornherein als unumstößliches Recht und Gesek galt, versammelten diese unumschränkten Herrn, wenn es ihnen nicht an Klugheit mangelte, doch von Zeit zu Zeit die Dornehmen ihres Reiches, um ihren Rat und Meinung über wichtige Staatsangelegenheiten zu hören. Von solchen Versammlungen berichtet Herodot; eine derselben beschreibt auch das Buch Esther 9). folgten die Könige nicht diesem Gebot der Klugheit, so wurde ihnen, trokdem daß fie für Götter galten, häufig sehr schnell und zwar mit blutiger Cat bedeutet, daß sie sterbliche Menschen waren und

daß es Leute gebe, die nur mit Widerstreben gehorchten und für den Thron einige Prätendenten bereit hielten.

1) Perrot und Hoffmann, 3. f. 4. 1896. 2) B. u. U., S. 106, 209 2. 8) 1. Kor. 15, 10. 4) K. B. VI, S. 583. 5) Jef. 36, 18—20. 37, 10-13.

Efth. 113–20.

Uus dem Priesterstand hervorgegangen, blieb der assyrische König noch weiter der oberste Priester, der nicht nur Tempel und ältäre der Götter baut, sondern auch unter dem Beistand der von ihm eingesetten Priester in der Verehrung der Götter mit täglichen Opfern vorangeht. Er nennt sich Sonne des Eandes oder des Volfes, in den Inschriften steht vor seinem Namen stets das Götterzeichen, und wie später den Kaisern zu Rom wurden ihnen Tempel gebaut und Opfer gebracht '). Hilprecht hat in seiner „Erforschung der biblischen Länder" nachzuweisen versucht, daß die babylonischen Pyramiden oder Stufentürme Göttergräber waren, während Hommel mit größerer Wahrscheinlichkeit Königsgräber in ihnen vermutet. Schon den alten Königen oder Patefi Dungi und Gude: wurden in ihren Tempeln von ihnen Priestern Opfer dargebracht. Um so greller war der Widerschein ihres meist gewaltsamen Todes, um jo erwiesener das Lügenwerk solcher Menschenvergötterung. Aber bis ju dem jähen Absturz stand der babylonische König wie auch der Großkönig hoch über seiner ganzen Umgebung, seinen Beamten, seinen Weibern, seinen Untertanen. Niemand durfte vor ihn treten ohne seine Aufforderung, die durch das Neigen des Szepters kundgetan wurde ?). Un gewissen Tagen erteilt er Audienzen, empfängt Bittschriften, hört die Beschwerden und entscheidet die Klagen der Untertanen. Königtum und Staat werden in beiden Reichen nicht unterschieden, Königstreue und Vaterlandsliebe finden dasselbe Cob. Die tollste Caune, der verwegenste Einfall des Königs verlangt Gehorsam. Als Kambyses seine persischen Richter fragte, ob das Gesek erlaube, daß der Bruder die Schwester zur frau nehme, antworteten die Richter, darüber könnten sie fein Gesets finden. Wohl aber hätten sie das Gefek gefunden, daß dem König von Persien erlaubt sei zu tun, was ihm beliebe. Also heiratete Kambyses seine Schwester. Die Perser aber hatten das Erbe der Babylonier und Afiyrer angetreten, wie uns die Geschichte gezeigt hat.

Jft der Großtönig Abbild und Stellvertreter der Götter und selbit Gott, so steht er doch unter dem Willen und Gebot der Götter, das will sagen: unter den Geseken seines Landes. Der König von Babylon konnte seine Herrschaft nur am Neujahrsfest oder Jagmuł antreten, und Jahr für Jahr mußte seine Herrschaft neu und zwar an diesem Tage be stätigt werden. An diesem Tage mußte der König „Marduts Hände ergreifen", während das vor dem Tempel wogende Volt einen Sriaven oder Verbrecher in königlichen Kleidern auf den Thron erhob und ihin andre tönigliche Ehren erwies.

Der assyrische König wurde im zweiten Monat gekrönt. Er ben fleidete im ersten Jahre seiner Regierung die Eimmuwürde. Daß aber in Affyrien wie in Babylonien die Könige ursprünglich nur ein Jahr regiert hätten und dann getötet worden seien, ist eine unbewiesene An. nahme. Glaubhafter ist eine Entwidelung von der göttlichen Würde zum Priesterkönigtum, von diesem zur militär-politischen Diktatur. Daß aber der König von Affyrien mit dem Eimmu-Amt nach einem Jahre den geistlichen Teil seiner Würde niedergelegt habe, stimmt nicht mit der Tatsache, daß er auch in den folgenden Jahren seiner Regierung den Göttern Opfer brachte.

1) fr. Hommel, Grundriß, S. 126, Unm. 2 Esth. 5, 2.

Wehe dem König, der schlecht regiert, der nicht auf die Ratschläge der fürsten, heerführer und Priester achtet, der die Schranken des Gesekes durchbricht. Dann steht dem Land, das ist die feste Ueberzeugung jedes Untertanen, ein furchtbares Unglüd bevor. Inschriftlich heißt es:

„In seinen Tagen wird der Bruder den Bruder fressen, der Mann wird die frau, die frau den Mann verlassen, die Mutter wird der Tochter das Tor verriegeln, der Schatz von Babel wird nach Ussur wandern."

Odér:

„Dann wird ein Bruder seinen Bruder, seinen Freund der freund mit der Waffe niederstreden," d. h. es wird ein Bürgerkrieg entstehn, wie das häufig eingetreten ist, so daß diese Vorhersagung auf Erfahrung beruhte.

„Richtet sich aber ein König nach den Geboten Eas, die in dem Buche sippar oder din matsu stehn"), so werden die Götter ihn erheben, und zwar Samas in Sippar, Bel in Nippur, Mardut in Babel, sei es der Oberhirte, sei es ein Tempel. vorsteher oder ein königlicher Beamte, der in Sippar, Nippur oder Babel angestellt ist; sie werden ihnen die frondienste der Tempel der großen Götter auferlegen. Die großen Götter werden zürnen, sie werden ihre Wohnungen vergessen, sie werden nicht in ihre Heiligtümer einziehen.“

Diese Inschrift muß verdorben oder lückenhaft fein. Jedenfalls will sich der Schlußlaß vom Zorn der Götter nicht zu dem Vordersak von der Götter Wohlgefallen reimen.

Die Könige von Babel und Ninive hatten wie die andern Herrscher des Morgenlandes ihre Frauenhäuser oder bit riduti, d. i. haus des Geheimnisses. Diese Einrichtung war von dem größten Einfluß nicht allein auf das königliche Haus und auf das Hofwesen und die Regierung des Landes, sondern auch auf das ganze Volk, und zwar überall von schäd. lichen Wirkungen begleitet, davon hernach noch die Rede sein wird. Diese Häuser wurden mit den schönsten Mädchen des eignen Landes befeßt; dazu kamen dann die Töchter der befreundeten oder unterworfenen Könige der Nachbarschaft. Eine unter diesen frauen nahm den höchsten Rang ein und trug Titel und Namen der Königin, tasmatum farrat, d. i. Herrin des Palastes, genannt. So war Atoffa Hauptgattin des Darius, des Hystaspes Sohn, Umestris oder Esther für Xerres, Statira für Darius Kodomanus. Als Königin trug fie Krone, Diadem oder Tiara, vor ihr beugten sich die Kebsweiber zur Erde nieder. Ein bedeutendes sondern auch nach Recht und Geseß. Die ftaueñhabilleri des Königs, schädlichen Einfluß zunächst an der Person des Königs selbst aus, sodan wirtten sie auf das Hofwesen und die Regierung des Landes, weil mit diesen Häuserii das Unwesen der Eunuchen odet frauenwächter ùrizet. trennlich verbunden ist. Diese Halbmänner standen dem König als erste Hof- und Hausbeamte besonders nahe, an ihrer Spiße der Rabsag oder Rabsafe"), was Luther mit „Erzichente“ wiedergegeben hat. Dieser Beamte fonnte allein bei dem König einführen, er war der Hofmarschall und General-Adjutant. Von ihm sagt Rawlinson, ei sei nicht nur Ratgeber des Königs gewesen, sondern er war auch zur Uusführung der föniglichen Verfügungen berufen und trug die tostbarsten Gewänder wie der König. War er bei der Uudienz zugegen, so durfte niemand zwischen ihn und den König treten. Er stand also stets neben dem König. Er begleitete auch den König auf seinen Feldzügen, jeder Heerführer war ihm Gehorsam schuldig, und er verfügte über tote und lebende Kriegsbeute.

1) Ciele a. a. O., S. 504.

Es scheint demnach, daß dem Stand der Eunuchen in Babylonien und Assyrien gar nichts Ehrenrühriges anklebte, im Gegenteil war cr hochgeehrt. Über die Hebräer hatten über diesen Stand eine gan; andre anschauung, wie die strafende oder drohende Rede des Propheten Jesaja, die er an den König Histia von Juda richtete, bezeugt: ,,Deine Söhne werden Kämmerer - sarisim, 8. i. Eunuchen im Palast des Königs von Babel sein ?)."

Neben dem Rabsat hatte der Rabsaris, den Luther Erztämmerer nennt '), die Verwaltung des töniglichen Haushaltes als Haushofmeister zu leiten. Er war Eunuche wie auch der Träger des föniglichen Sonnenichirms und der fliegenabwehrer und viele andre Diener; denn das Bcwachen der Frauen war nicht der einzige Dienst dieser Halbmänner, sondern sie tamen durch des Königs Gunst in viele hohe und niedere Beamtenstellen, sie umgaben den König selbst in der Schlacht und lämpften nicht schlecht.

Mit ihnen wetteiferten an Einfluß die Magier und Priester, Weife und Schriftgelehrte, die auch die Gesekeskundigen waren, die auch Sie Omina oder Orakel über die Erscheinungen am Himmel und auf der Érde abfaßten. Sie wohnten aber nicht in des Königs Palast

, sondern bei den Tempeln.

Eine andre Übteilung der höheren Beamten waren die Tartane, die in zwei Reihen standen als tartanu immu und tartanu sumilu, rechte und linte Tartane, vermutlich also genannt nach der Äufstellung, die sie

1) Jel. 36, 2 zc. 2) Jef. 39, 8. 3) 2. Kön. 18, 17.

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