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Einleitung zur Lutetia II.

Der zweite Band der „Lutetia“ umfaßt in seiner jeßigen Gestalt alle Berichte Heines über französisches Kunstleben, sowohl diejenigen, welche im ,,Salon“ enthalten, als auch die, welche vordem in die beiden Bände der „Lutetia“ verteilt waren. Dem Zweck, den Heine bei der Herausgabe seiner „Vermischten Schriften“ verfolgte, mochte eine solche Vermischung damals entsprechen; allein es ist wohl kaum eine Frage, daß Þeine selbst in seinen „Gesammelten Werken“ diese Sonderung vorgenommen hätte, durch die alles nicht Zusammengehörige von einander geschieden und die politischen wie die fünstlerischen Berichte für sich als ein Ganzes erscheinen können. Selbst die Fanatiker des historischen Prinzips, welche die Werke eines Dichters unter allen Umständen genau jo herausgegeben haben wollen, wie sie zuerst erschienen sind, werden sich mit dieser Trennung von Politik und Kunst vielleicht einverstanden er: klären, wenn sie durch die Prüfung beider Teile zu der Einsicht gelangt sind, daß jeder derselben eigentlich nun erst zu seinem Rechte gelangen kann. Wie wenig übrigens dieses Prinzip gerade bei Heine rücksichtslos durchzuführen ist, mag ein Blick in die Entstehungsgeschichte seiner ein. zelnen Werke lehren, bei denen die Zensur, der Verleger, ja nicht selten der Zufall oder die materielle Not oft eine entscheidende Rolle gespielt haben, so daß ein genauer Wiederabdruck keineswegs immer den wirklichen künstlerischen Intentionen des Autors entsprechen möchte.

In dem zweiten Bande der , Lutetia,“ wie er uns nun vorliegt, spiegelt sich das französische Kunstleben zur Zeit des Bürgerfönigtums in getreuer Weise ab. Beines Berichte haben ebenso großen historischen wie ästhetischen Wert. Seine Mitteilungen über die bildende Kunst in Frankreich erregten bei ihrer ersten Veröffentlichung großes Aufsehen; sie trugen nicht wenig dazu bei, die Kenntnis der französischen Kunst in Deutschland zu verbreiten. Seine ästhetischen Ansichten und Urteile sind von tiefem künstlerischen Verständnis beseelt; das Technische tritt hinter dem Ästhetischen zurüd, und nur die große fünstlerische Auffassung des Lebens bildet den Gegenstand der Behandlung. Dadurch erhalten diese

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Berichte eine Frische und Klarheit, die sie zu jeder Zeit lesenswert machen. Heine hatte ein feines Empfinden für die Kunst, und den Einfluß der Zeitideen auf dieselbe hat kaum ein Ästhetiker oder Kunstrichter vor ihm klarer und charakteristischer nachgewiesen. Er war ja selbst ein Künstler, und eben sein künstlerischer Sinn lieh diesen Darstellungen Farbe und Leben. Der Grundgedanke aller seiner Berichte ist der einer neuen Kunstperiode, die die neue politische Periode erzeugen und in der Kunst und Leben zu harmonischem Einklang gelangen würden.

Weniger bedeutsam als liebenswürdig und graziös sind Heines Be: richte über die dramatische Kunst in Frankreich in den „Vertrauten Briefen über die französische Bühne.“ Was uns hier vor allem fesselt, ist der eigentümliche fünstlerische Standpunkt peines. Ja, es sind weniger die Berichte über die französische Bühne, welche unser Interesse erregen, als vielmehr die Streiflichter, die nebenher auf das deutsche Theater fallen. Mit seinem großen Scharfsinn hat Heine, wie fern er auch zeitlebens dem Theater gestanden, die Mängel herausgefunden, an denen die deutsche Bühne, damals wie heute, litt, und die einer Entwickelung des deutschen Lustspiels stets hinderlich in den Weg traten.

Die legten dieser Briefe vermitteln den Übergang zu Þeines musikalischen Berichten aus Paris, die, obwohl von jenen Saitenspielen schon längst das lepte Lied verweht, dennoch immer ein eigentümliches Interesse in Anspruch nehmen werden. Heine hat von Musik weder praktisch noch theoretisch sonderlich viel verstanden; aber gerade diese Berichte legen ein beredtes Zeugnis dafür ab, daß die Intuition oft weit eher und besser zum Ziele künstlerischen Verständnisses führt als die gründlichste Gelehrsamkeit. Die Beziehungen, die eine seit frühester Jugend zu genialen Musikern und Sängern hatte, gaben seinem Urteil auch eine gewisse Sicherheit. Andrerseits erhielten freilich seine Berichte gerade durch seine Beziehungen zu Meyerbeer, Liszt, MendelssohnBartholdy, Hiller, Rossini, Ernst u. a. oft einen persönlichen Charakter, der für die humoristische Seite derselben wohl als ein Vorteil, für den künstlerischen Eindruck aber weit eher als ein erheblicher Nachteil erscheinen möchte. Denn diese Berichte über Opern, Konzerte und andere künstlerische Ereignisse bieten so viel an geistvollen Bemerkungen, an schlagenden Aperçus, an tiefsinnigen Betrachtungen über das Wesen der Kunst an sich und ihr Verhältnis zu den Zeitideen, daß jene persönlichen Angriffe und Scherze eher störend als anregend und fördernd zu wirken geeignet sind.

Ludwig Börne.

Wenn man Heines Buch über Börne, dasjenige, welches unter seinen Schriften am meisten Widerspruch und Entrüstung hervorgerufen hat, unbefangen und freimütig beurteilen will, so muß man das persön= liche Verhältnis zwischen beiden genau kennen. Heine selbst hat es in seinem Buche etwas einseitig geschildert. Nur bis zu beider Übersiedelung nach Paris ist seine Relation ziemlich genau; von da ab sind wir durch spätere Veröffentlichungen besser unterrichtet. Von dieser Zeit ab beginnt nämlich die planmäßige Verfolgung Heines durch Wörne und seine Anhänger, eine Verfolgung, die nahezu sieben Jahre ununterbrochen fortgedauert hat, und die man in den Briefen Börnes aus Paris, in seinen Auffäßen, sowie in den Korrespondenzen seiner Freunde und Gefinnungsgenossen für deutsche Blätter, nau beobachten kann.

Das Motiv zu all diesen Angriffen und Verfolgungen lag nahe Börne sah in Heine, den er in Deutschland für einen treuen und wichtigen Bundesgenossen gehalten hatte, nunmehr in Paris bei längerem Zusammensein einen Verräter an der Sache der Freiheit, und zwar einen um so gefährlichern Verräter, je höher er dessen Talent anzuschlagen geneigt war. Einzig und allein aus dieser Quelle stammte seine Abneigung gegen Heine. Wer diese in anderen Motiven, etwa gar in Neid oder Eifersucht und dergleichen Dingen, suchen möchte, der würde Börne schweres Unrecht zufügen. Sein Groll gegen Heine lag tiefer; er war in seinem durchaus einseitigen und engherzigen politischen Standpunkt begründet. Für Börne war die Freiheit eine Göttin, die höchste des Olymps; für Heine war sie höchstens eine Geliebte, noch dazu eine solche, der man nicht einmal unbedingte Treue zu halten brauchte. Demgemäß war ihre Weltanschauung auch eine weit auseinandergehende. Börne sah in der Idee der Freiheit die Religion der Zukunft, Heine in der Idee der Freude; naturgemäß führte Börnes Glaube in den Schoß der katholischen Kirche, peines Weltanschauung dagegen in die ballen des Saint-Simonismus und wahlverwandter Geistesrichtungen.

Es kam dazu, daß man beide, weil sie jüdischer Abstammung waren und lange Zeit auf gleichem Boden für dieselben Ideale gekämpft hatten, beständig zusammen nannte, fortwährend miteinander verglich. Dabei geschah natürlich beiden unrecht. Erst eine spätere Zeit hat es ausgesprochen, daß Heine ungleich größer und bedeutender als Börne, dieser hinwiederum viel edler und wahrer als Heine gewesen ist.

Die Antipathie aber zwischen beiden Schriftstellern ward durch übereisrige Freunde und Anhänger geflissentlich genährt. Es ist kaum zu glauben, wie viel Heine von dieser Antipathie zu leiden hatte. Und wenn man die Briefe und andern zeitgeschichtlichen Dokumente genau prüft, so muß man sagen, daß er stets der Angegriffene war und in diesem Verhältnis uns ungleich sympathischer ist als Börne.

Kaum zwei Tage war Börne in Paris, so nergelte er schon an þeines Wesen und erklärte, allerdings nur in seinem verschwiegenen Tagebuche: „Heine habe keine Seele;" es sei ihm nichts heilig, an der Wahrheit liebe er nur das Schöne, er besiße keinen Glauben. In der: selben Tonart geht es dann die nächsten Jahre weiter; offen und versteckt allerdings öfter versteckt wird Heine der Charakterlosigkeit, der Verlogenheit und Eitelkeit geziehen. Ja, in seiner Beurteilung der „Französischen Zustände“ im ,, Reformateur“ (1835) geht Börne sogar so weit, Heine der Bestechlichkeit zu beschuldigen. Dieser verhält sich

man muß es eingestehen all' diesen Nadelstichen und Verleumdungen gegenüber ziemlich ruhig und gelassen.

Vergleicht man die Briefe Heines mit denen Börnes, die nach dessen Tode in der Broschüre: „Ludwig Börnes Urteil über H. Heine" (Frankfurt a. M. 1840) erschienen sind, so wird man unbedingt sich auf die Seite des erstern stellen. Ein einzig Mal entwischt ihm bei all' diesen Angriffen das Wort: „Schufte wie Börne und Konsorten.“ Wie oft dagegen und wie ungescheut wird Börne dies Wort auf Heine angewendet haben!

Nach dem Tode Börnes, der am 12. Februar 1837 erfolgte, wurde die Sache noch schlimmer. Man lobte ihn nun in Deutschland nur noch auf Kosten Heines. Keiner seiner Freunde ließ sich die Gelegenheit entgehen, wenn er dem Heimgegangenen die Bürgerkrone der Tugend aufseßte, dem Überlebenden den Dornenkranz der Charakterlosigkeit zu widmen. Börnes Bedeutung wurde übertrieben um die Heines herabzuseßen. Jeder Vergleich zwischen beiden endete zu Ungunsten Heines, dessen Feinde damals in allen Lagern waren, und der selbst von seinen Freunden nur sehr lau und keineswegs ohne Vorbehalte verteidigt wurde. In dieser Lage entschloß er sich, das Buch über Börne zu schreiben. Vielleicht hatte er auch schon davon Wind bekommen, daß von seiten der Anhänger Börnes in Deutschland ein solches Werk geplant worden. Mindestens in dem ersten Briefe an Campe, der dieser Arbeit Erwähnung thut (vom 12. April 1839) heißt es: „Da Sie mir vor einiger Zeit gemeldet, Gugkow schreibe eine Biographie Börnes, 10 halte ich es für nötig, Ihnen zu bemerken, daß das oben erwähnte

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