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Das Irdische ein Abbild des Himmlischen.

diese „Schreibtafel des Geheimnisses von Himmel und Erde“ ist nichts anderes als das in die Sage übertragene Offenbarungsbuch des gestirnten Himmels. Am Himmel aber gilt insbesondere der Tierkreis', auf dem die Planeten wandeln, als das Buch? Die Planeten sind die Dolmetscher des göttlichen Willens, der Nordhimmel und der Südhimmel bietet mit seinen Gestirnen den Kommentar. Alles Irdische ist Abbild himmlischer Vorbilder und Vorgänge; Künste und Fertigkeiten, bürgerliche und staatliche Einrichtungen beruhen auf Gesetzen und Ordnungen, die die himmlische Welt vorzeichnet). Der Tafelschreiber des Priesterkönigs Gudea, dessen Inschriften zu den ältesten uns bekannten religiösen Dokumenten gehören, erzählt (um hier nur ein Beispiel anzuführen), daß Ningirsu, der als Bote die Befehle des Himmels von Anu, dem König der Götter, bringt, eine Traumvision hatte, in der er den Befehl erhielt, den Tempel E-ninnû zu bauen, und in der der Plan des Tempels, auf eine Tafel von Lasurstein gezeichnet, von einem göttlichen Boten ihm überbracht wurde4.

1) Hebräisch raķîa', s. ATAO 78, wo die irrtümliche Schreibung raķí a allenthalben zu korrigieren ist. Neue Belege fand ich inzwischen in der talmudischen Literatur. Berachot 32b: „Ich habe 12 Masaloth (d. s. die Tierkreisbilder) erschaffen an der raķía".“ Chagiga 12b: „In die raķia' sind Sonne, Mond, Planeten und Tierkreisbilder eingesenkt.“

2) S. Winckler, Forschungen III, 198.

3) Die weittragende Erkenntnis, daß das Weltenbild einem Himmelsbild entspricht, ist Ed. Stucken zu danken. Von H. Winckler wurde sie weiter ausgebaut. Urkundliche Belege und Beispiele finden sich ATAO 4 ff und im Kap. IV meines unter der Presse befindlichen Buches: Babylonisches im Neuen Testament. In der jüdischen außerbiblischen Weltauffassung (Spuren davon bereits in der Chokma-Literatur) erscheint übrigens diese vorgezeichnete himmlische Offenbarung als die personifizierte Weisheit. Im Midrasch Bereschit Rabba Par. I (vgl. Aug. Wünsche z. d. St.) ist die Weisheit die Beraterin Gottes bei der Weltschöpfung gewesen, und Gott hat sich ganz nach ihr gerichtet. Im Islam gilt der Koran als das himmlische Buch. Zur Zeit Harun al Raschids stritt man über seinen himmlischen oder irdischen Ursprung.

4) Cyl. A IV, 14 ff. vgl. X, 12, Thureau-Dangin ZA XVI, 344 ff.

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Babylonische Mysterien.

Auch die Religion ist ein Teil dieses göttlichen Wissens, das sich in der gestirnten Welt offenbart. Man wird deshalb von vornherein annehmen müssen, daß die religiöse Auffassung der Kreise, die den Zusammenhang der Lehre kannten, eine höhere gewesen ist, als die Auffassung der „Nichtwissenden.“ Es muß schon in den ältesten uns bekannten Zeiten eine esoterische Religion gegeben haben, die in der „prästabilierten Harmonie“ das Walten einer göttlichen Macht erkannte, deren Wille und Walten sich in den Konstellationen kund giebt1. In der Tat redet schon der oben erwähnte Enmeduranki-Text von „Wissenden" (mudù), die das Mysterium der großen Götter bewahrten. Enmeduranki, der Liebling der Götter, lehrte das Mysterium von Himmel und Erde, nachdem er die Tafel empfangen hatte, seinen Sohn. Dann heißt es insbesondere von der Vererbung der Wahrsagekunst: „Der Weise, der Wissende, der das Mysterium der großen Götter bewahrt, läßt seinen Sohn, den er liebt, auf die Tafel und den Tafelstift vor Samaš und Adad schwören und läßt ihn (das priesterliche Ritual) ,Wenn der Wahrsager' lernen.“ Auch die Tafelunterschriften der Bibliothek Asurbanipals kennen den Unterschied: „Der Wissende soll es dem Wissenden zeigen; der Nichtwissende soll es nicht sehen.“ Der Schluß des Epos Enuma eliš, das die Hegemonie Babylons zu verherrlichen und die gesamte Lehre auf Marduk einzurichten bestimmt war, nennt zuletzt die 50 Ehrennamen des Marduk, die ihn als Herrn des gesamten Jahres- und Weltlaufs dokumentieren, und sagt: „Die 50 Namen sollen bewahrt werden, und der Erste soll sie lehren, der Weise und Gelehrte sollen sie miteinander überdenken, es soll sie überliefern der Vater, sie seinem Sohne lehren.“

Ein monumentales Zeugnis über babylonischen Mysterienkultus haben wir nicht, werden auch kaum Dokumente zu erwarten haben; denn es handelt sich hier um Dinge, „die Anderen mitzuteilen die Scheu vor der Gottheit verbietet“. Aber wir können uns aus späteren Erscheinungen, die unter ähnlichen Voraussetzungen

1) S. Winckler, Die babylonische Kultur S. 18; A. Jeremias, Im Kampfe um Babel und Bibels S. 19.

Einweihung in das Wesen der Kosmologie.

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that geben launst, die der keit, einen mi

und deutlich unter „chaldäischem“ Einfluß entstanden sind, ein klares Bild machen. Aus einer kürzlich aufgefundenen Liturgie des Mithras-Kultust erfahren wir die Vorgänge bei Einführung eines Mysten:

„Gnade sei mit mir von dir, Vorsehung und Schicksal, wenn ich schreibe diese ersten überlieferten (!) Mysterien, allein aber für mein Kind Unsterblichkeit, einen Mysten, würdig dieser unserer Kunst, die der große Gott Helios Mithras mir hat geben lassen von seinem Erzengel, auf daß ich allein, ein Adler, den Himmel beschreite und erschaue alles.“

Es folgt ein Gebet und dann werden dem Mysten Anweisungen gegeben?:

„Hole von den Strahlen Atem, dreimal einziehend, so stark du kannst, und du wirst dich sehen aufgehoben und hinüberschreitend zur Höhe, sodaß du glaubst mitten in der Luftregion zu sein. Keines wirst du hören, weder Mensch noch Tier, aber auch sehen wirst du nichts von den Sterblichen auf Erden in jener Stunde, sondern lauter Unsterbliches wirst du schauen; denn du wirst schauen jenes Tages und jener Stunde die göttliche Ordnung, die tagbeherrschenden Götter hinaufgehen zum Himmel und die andern hinabgehen. Und der Weg der sichtbaren Götter wird durch die Sonne erscheinen, den Gott, meinen Vater3....“

Das ist nichts anderes, als Einführung in das Wesen der überlieferten altorientalischen astralen Lehre, wie sie schon die altbabylonischen Urkunden voraussetzen. Wir dürfen uns die Überlieferung dieser ,,chaldäischen Weisheit“ lückenlos vorstellen

1) Dieterich, Eine Mithrasliturgie, Leipzig 1903.

2) Die Einführung geschah in der Höhle, wo die Leiter aus 7 Metallen den Planetenhimmel darstellte, und war von allerlei symbolischen Handlungen, von Musik und spiritistischem Spuk begleitet.

3) D. h. obgleich es Tag ist, wird der Tierkreis (der Weg der sichtbaren Götter, d. 8. die Planeten) sichtbar sein.

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Chaldäische Weisheit in den christlichen Mysterien.

ohne wesentliche Änderung der Grundgedanken. „Die Zeit Sardanapals beruft sich auf die Astrologie Sargons und Naramsins (3. Jahrtausend), die römische Astrologie auf die alten Chaldäer und selbst mittelalterliche Texte berufen sich noch auf das heidnische Babylonien“ 1. Bei Beginn unserer Zeitrechnung hat die „chaldäische“ Astrologie die gesamte Kulturwelt beherrscht. Auch Clemens Alexandrinus redet von derselben kosmographischen Geheimlebre, wenn er Stromata V, c. 11 sagt:

Erst kommen die kleineren Mysterien, welche eine grundlegende Belehrung und eine einleitende Vorbereitung für das enthalten, was nachher folgen soll; dann die großen Mysterien, bei denen es nichts mehr über das Universum zu lernen gibt, sondern nur die Natur und die Dinge zu betrachten und zu verstehen 2.“

Aber das Geheim wissen bezog sich auch auf ein zweites Gebiet. Wie in der astralen Religion unter bestimmten Verhältnissen die parallel laufenden tellurischen Erscheinungen (Vegetation, Wechsel der Jahreszeiten) betont werden, so treten auch in einigen Mysterienkulten die Erscheinungen der aufblühenden und sterbenden Vegetation an die Stelle der mit dem Naturleben zusammenhängenden kosmischen Geheimnisse. Sind

1) v. Oefele in MVAG VI, 50.

2) Bekanntlich hat sich auf alexandrinischem Boden in nachapostolischer Zeit die Neigung gezeigt, die christlichen Lehren mit den alten Mysterien in Einklang zu bringen. Pantanus berichtet nach Clemens Alex. Stromata I, c. 1, Paulus sei Myste der Urkirche gewesen. Dieser Pantänus hat Clemens in die Mysterien eingeführt und Clemens rühmt von ihm, er habe die segensreiche Lehre bewahrt, die direkt von den heiligen Aposteln stamme. Wenn man nun bedenkt, daß nach altorientalischer Anschauung die Sterne als Engel gedacht sind (vgl. Ri 5, 20: „Die Sterne stritten wider Sisera"; Berachoth 37b kennt 7 Klassen von Sternen als Engel), so wird man verstehen, warum Ignatius in den Mysterien das Verständnis himmlischer Dinge so beschreibt: Die Ordnungen der Engel, die verschiedenen Arten von Engeln, Engelbeere, den Unterschied zwischen Gewalten und Herrschaften, die Macht der Äonen, der Cherubim und Seraphim lerne man dort verstehen; dazu die Erhabenheit Gottes, das Reich des Herrn und höher als alles die unvergleiche Majestät des allmächtigen Gottes.

Tammuz-Mysterien. Isis-Mysterien.

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doch sämtliche antike Unterweltsgötter zugleich chthonische Götter. Schon der altbabylonische Mythus muß die chthonische Ausprägung der Mysterien gekannt haben? Das zeigt die Höllenfahrt der Istar, die das Aufhören aller Zeugung und Fruchtbarkeit beim Hinabsinken der Muttergöttin schildert und am Schluß Andeutungen über die kultische Feier des Trauer- und Auferstehungsfestes gibt2. Das beweist jener Hymnus auf Tammuz, den in die Unterwelt hinabgesunkenen Jahrgott: „Du Hirt und Herr, Gemahl der Istar .... du bist eine Tamariske, die in der Furche kein Wasser trank, deren Krone auf dem Felde keine Zweige treibt, ein junges Bäumchen, das nicht an einem Bewässerungsgraben gepflanzt wurde, ein junges Bäumchen, dessen Wurzel ausgerissen wurde, eine Pflanze, die in der Furche kein Wasser trank.“ Auch die Isis-Mysterien betonen in ihren „tragischen Leichenbegängnissen“ (tragica funera) nach dem Zeugnis des Julius Firmicus 3 die Trauer um die Vergänglichkeit der Vegetation und feiern das Auferstehungsfest mit dem Evenxquev ovyxaiooqev „wir haben gefunden, wir freuen uns“! Wie bei den kosmischen Mysterien der Sieg der Lichtgewalten, so giebt hier das Wiederaufblühen des Saatkorns das Symbolum ab für die Hoffnung „auf ein besseres Los nach dem Tode“.

Auch die griechischen Mysterien finden hier ihre Erklärung. Hieronymus sagt zu Ez. 8, 14: „Den wir Adonis nennen, der heißt in der hebräischen und syrischen Sprache Tammuz.“ In den Adonisliedern der orphischen Mysterien wird Adonis als Repräsentant der sterbenden

1) Im entsprechenden phönizischen Kult wurde das Hinwelken der Natur durch die sog. Adonis-Gärtchen symbolisch dargestellt (xñitou 'Adúvidos). Es waren Blumentöpfe mit allerlei künstlich getriebenen oder wurzellosen Blumen und Getreidepflanzen, die rasch verblühten.

2) IV R 31, Rev. 46 ff. Die ersten Zeilen beziehen sich vielleicht auf die kultische Aufbahrung des Tammuz, dessen Auferstehung dann gefeiert wird. Dann spielen die Klagemänner und Klageweiber mit (dem wiedererstandenen) Tammuz fröhlich auf Flöten, und unter Weihrauchopfer steigen die Toten aus der Unterwelt empor.

3) De errore profanarum religionum S. 1ff., ein Brief an die Söhne des ersten christlichen Kaisers Konstantin.

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