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Die Feste der sterbenden und auferstehenden Natur.

die Popularisierung des kosmologischen Systems. Darum trägt die Mythologie der gesamten antiken Welt im letzten Grunde astralen Charakter, wobei wiederum zu bedenken ist, daß die Erscheinungen des Naturlebens als Begleiterscheinungen der kosmischen Erscheinungen anzusehen sind. Die Mythen der Völker sind nur „Dialekte einer und derselben Sprache des Geistes“, nämlich der kosmologischen Weltauffassung. Die Brennpunkte dieser mythologischen Popularisierung des Weltsystems sind die großen Feste, von denen im orientalischen Altertum zwei hervortreten: die Trauerfeier der sterbenden Natur in der Sommersonnenwende (Tammuz-Fest bei den Babyloniern, Attis-Fest bei den Phrygiern, — sämtlich auf eine Quelle zurückgehend) und das Freudenfest der wiedererwachenden Natur (Akitu-Fest der Babylonier, mit dem wohl das Sakäenfest der Perser identisch sein wird).

Die Feste wurden dramatisch gefeiert. Eine dramatische Feier des Tammuzfestes ist durch den Schluß der „Höllenfahrt der Ištar“ wenigstens indirekt bezeugt? Spuren eines Festspieles, das den Sieg über die winterlichen Gewalten, also die Festtatsache der Wintersonnenwende bez, auch der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche darstellt, sind neuerdings von H. Zimmern in einem assyrischen Texte gefunden worden.

Über H. Zimmerns Mitteilung in der Sitzung der Leipziger Gruppe der Vorderasiatischen Gesellschaft vom 1. Dez. 1903 sagt der Bericht in den Geschäftl. Mittlg. der VAG. folgendes:

Der Text K 3476 (=Cun. Texts XV, 44 und 43), der in der Veröffentlichung des Britischen Museums unter den „Legenden vom Gotte Zû“ figuriert, enthält vielmehr die Schilderungen eines Festspiels. Und zwar werden hierbei, wie der Text durch seine wiederholten Gleichsetzungen mit den Worten „Das ist“ deutlich an die Hand gibt, aus dem Mythus bekannte Vorgänge im Kultus nachgebildet, wobei der König und Priester an die Stelle der Götter treten. Weiter aber legt der Inhalt des Stückes es sehr nahe, daß es sich speziell um ein Neujahrsfestspiel und im Zusammenhang damit um eine mimische Darstellung des Weltschöpfungs

1) S. oben S. 13.

Marduk von Babylon als summus deus.

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mythus handelt. Allerdings liegt dabei wohl nicht die bekannte Rezension des babylonischen Weltschöpfungsmythus zugrunde, sondern eine Variante dazu. Denn z. B. von Tiamat selbst ist, soweit der Text erhalten ist, überhaupt nicht die Rede, und von Kingu in anderer Weise, als in jenem Schöpfungsmythus, indem nämlich bei diesem Festspiel Kingu, durch ein Schaf repräsentiert, auf brennendem Kohlenbecken verbrannt wird. Dem Texte kommt insofern eine besondere Bedeutung zu, als es der erste urkundliche Beweis dafür ist, daß auch bei den Babyloniern, wie vielfach anderweits, so namentlich auch bei den Griechen, die alten Göttermythen im Kultus dramatisch aufgeführt worden sind. Allerdings handelt es sich in Babylonien dabei anscheinend nur um eine pantomimische Darstellung, ohne begleitende Rede der Darsteller. Doch wird ausdrücklich der „Sänger“ erwähnt, der zwischen einzelnen Akten der Darstellung bestimmte Gesänge gesungen hat.

bezirk jurm stellt ist, tut eld nickt. De

Aber auch der volkstümlichen polytheistischen Religion mit ihrem auf dem Mythus ruhenden Kultus fehlt es in Babylonien nicht an einer monotheistischen Unterströmung. Jeder Tempelbezirk spiegelte das gesamte astrale Göttersystem wider. Der Tempelturm stellt den siebenstufigen Planetenhimmel dar. Wer die Stufen hinaufsteigt, tut ein der Gottheit wohlgefälliges Werk und sichert sich ein gutes Geschickt. Der summus deus ist für den Bezirk der Stadtgott. Tritt an die Stelle des Stadtgebietes das Reich, so gilt der Stadtgott der Metropole als summus deus. Er ist gewissermaßen Priesterkönig unter den Göttern. Die anderen bilden seinen priesterlichen Hofstaat, sie verwalten gewissermaßen ein Bistum in partibus fidelium oder infidelium. Nun kommt fast in der gesamten uns bekannten Periode babylonischer Geschichte diese Würde des summus deus als Stadtgott der Metropole dem Gotte Marduk zu. Da ihm als Frühjahrsgott des Stierzeitalters auch im System die führende Rolle zukommt, so war es dem Priester von Babylon leicht gemacht, ihm Einzigartigkeit zuzuschreiben. So erklärt sich, daß Marduk in den Hymnen als „Gott des Weltalls“, „König Himmels und der Erde“ genannt wird. Das leuchtete dem Babylonier ein, auch wenn er ein „Nicht

1) S. ATAO 12; vgl. oben S. 16.

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Wissender“ war. Die „Wissenden“ aber, die in ihm die Personifikation des gesamten Weltsystems sahen, faßten alle andern astralen Göttererscheinungen als Erscheinungsformen Marduks auf. So erklärt sich der vielbesprochene Text, der uns aus neubabylonischer Zeit überliefert ist?:

Ninib Marduk der Kraft,
Nergal: Marduk des Kampfes,
Bel: Marduk der Herrschaft und Regierung;
Nabu: Marduk des Geschäfts (?),
Sin: Marduk Erleuchter der Nacht,
Samas: Marduk des Rechts,

Addu: Marduk des Regens.
So erklärt sich auch der astrologische Text IV R 54, Nr. 5:

„Wenn der Stern des Marduk (der Planet Jupiter) im Aufgehen ist, ist er Nebo; wenn er [11/2?] Doppelstunden hoch steht, ist er Marduk; wenn er hoch steht, ist er der Nibiru (d. h. das alles beherrschende Gestirn des höchsten Punktes im Weltall)2.

Daß diese monarchische Auszeichnung Marduk trifft, erklärt sich also einesteils aus der Kalenderreligion (Stierzeitalter)3, andrerseits aus der politischen Konstellation. Die Verherrlichung Marduks als summus deus war zugleich Verherrlichung Babylons als Weltmetropole.

Aus den Hymnen auf Marduk wählen wir folgende Beispiele: „Ich bin gehorsam deinem Namen, Marduk, Mächtiger unter

den Göttern, Fürst des Himmels und der Erde,
Der herrlich geboren wurde, der allein erhaben ist.
Ja, du trägst die Würde Anus, die Würde Bels, die Würde

Eas, Herrschaft und Majestät ....
Du befestigst alle Weisheit, Vollendeter an Kraft.
Sorgsamer Berater, Herr, Erhabener, Allgewaltiger, Herrlicher!

1) 81-11-3, 111, veröffentlicht von Pinches, Journal of the Victoria Inst. 1896, 8f., s. Delitzsch, Babel und Bibel 14, 80. 2) Vgl. ATAO 15.

3) Vgl. S. 8.

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Es haben groß gemacht seine Herrschaft, es sannen auf Un

gemach die Anunnaki .... Im Himmel bist du erhaben, auf Erden erglänzest du, kunst

voller, weiser Marduk!
Der fest gründet alle Wohnungen, der hält die Enden des

Sternenhimmels! ....
Gewaltig bist du unter den Göttern — schaffe Licht! glänzend

hat dich gemacht Ea ....
Der die Geschicke der großen Götter in deine Hand gegeben

hat ...,“1

,... Erhaben bist du im Himmel,

Alle Völker erschaust du,
Gewaltig bist du auf Erden,

Ihre Vorzeichen bestimmst du,
Wer Sünde getan hat, unversehrt erhältst du ihn!
Ich erfasse (weiß?) fürwahr, daß du barmherzig bist (?) gegen

dein Gebiet.
Wie ein Hündchen, o Marduk,

laufe ich hinter dir her.
Ich bringe das Opfer (Speiseopfer?) dar, gieße aus das Trank-

opfer.
Löse das Unheil, nimm an meine Bitte!
Dein guter Windhauch möge doch wehen!
Das Leben möge lang sein!
Ich will verkünden deine Größe den weiten Völkern!“ 2

„Großer König des Landes, Herr der Länder,
Erstgeborener Eas,
Der im Himmel und auf Erden übergewaltig ist!
Marduk, großer König des Landes, Herr der Länder,
Marduk, großer König des Landes, Gott der Götter!

1) Aus der Bibliothek Asurbanipals, s. Hehn, Sünde und Erlösung nach bibl. und babylonischer Anschauung S. 32.

2) Hehn, 1. c. 31 f.

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Fürst des Himmels und der Erde, der seinesgleichen nicht hat,
Genosse (?) Anus und Bels!
Barmherziger unter den Göttern!
Barmherziger, der es liebt, Tote zu erwecken!
Marduk, König des Himmels und der Erde,
König von Babel, Herr von Esagila,
König von Ezida, Herr von Emachtila,
Himmel und Erde ist dein!
Der Ort des Himmels und der Erde ist dein!
Die Beschwörung des Lebens ist dein!
Der Speichel des Lebens ist dein!
Die reine Beschwörung, das Wort der (Meeres)tiefe ist dein!
Die Menschheit, die schwarzköpfigen Völker,
Die beseelten Kreaturen, so viele existieren, im Lande sind,
Die vier bestehenden Himmelsgegenden,
Die großen Götter der Gesamtheit des Himmels und der
Erde, soviel ihrer sind,
Fürwahr, auf dich ist ihr Sinn gerichtet!
Ja du bist ihr (?) šedu (Schutzgott),
Ja du bist ihr (?) lamassu,
Du bist es, der ihnen Leben verleiht,
Du bist es, der sie wiederherstellt,
Barmherziger unter den Göttern!
Barmherziger, der es liebt, Tote zu erwecken,
Marduk, König des Himmels und der Erde.
Deinen Namen will ich nennen, deine Größe verkünden,
Deinen Namen sollen die Götter preisen,
Dir will ich mich ergeben!“ 1

Charakteristisch für die Beurteilung dieses monarchischen Polytheismus ist es, daß die Assyrer in solchen Zeiten, in welchen sie den politischen Gegensatz zur Marduk-Hierarchie von Babylon betonen wollen, Nebo an Stelle Marduks als „einzigen“ Gott

1) IV R 29, 1; Hehn, Sünde und Erlösung S. 27f. Jastrow, Religion S. 501 f.

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