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Ištar als höchste Gottheit.

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Wo (gilt) nicht dein Name, wo nicht dein Gebot? wo sind deine Bilder nicht wo deine Tempel nicht gegebildet,

gründet? wo bist du nicht groß, wo du nicht erhaben? Anu, Bel und Ea haben dich unter den Göttern deine Herrerhoben,

schaft groß gemacht; haben dich erhöht, in der der Igigi deine Stelle hervorGesamtheit

ragend. Beim Gedanken an deinen Namen

zittern Himmel und Erde, die Götter zittern, . es beben die Anunnaki, auf deinen furchtbaren Namen haben acht die Menschen. Du bist groß

und bist erhaben; die Gesamtheit der Schwarz- das Gewimmel der Menschen köpfigen,

huldigt deiner Macht..... Wo du hinschaust, wird der Tote lebendig,

steht der Kranke auf, kommt der Verwirrte zurecht, da er auf dein Antlitz schaut. Ich, ich schreie zu dir, hinfällig, seufzend,

dein schmerzerfüllter Knecht. Scbau auf mich, meine Herrin, nimm an mein Seufzen! Treulich blick auf mich, höre auf mein Flehen! ....

IV. Die Theologie der sog. babylonischen Bußpsalmen.

Eine besondere Gattung der religiösen Literatur der Babylonier bilden eine Anzahl poetischer Gebete, in denen leidende Menschen vor dem Angesichte der Gottheit ihre Sünden bekennen und um Rettung aus dem Verderben bitten!. Sie stammen wohl

1) Die erste kritische Bearbeitung der wichtigen Texte gab H. Zimmern im 6. Bande der Assyriologischen Bibliothek. Zum Folgenden vergleiche die wertvolle Monographie von W. Caspari (Stadtvikar in Augsburg), Die Religion der assyrisch-babylonischen Bußpsalmen, Gütersloh, Bertelsmann 1903.

Die Theologie der babylonischen „Bußpsalmen",

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sämtlich aus sehr alter Zeit. Bei einigen ist die Herkunft aus den ältesten uns bekannten Epochen nachweisbar. Aber auch diejenigen unter ihnen, welche assyrischen Königen in den Mund gelegt wurden, stammen gewiß von alten Vorlagen. Sie wurden aufgefrischt, wie bei uns Gebete aus alter Zeit. Jedenfalls gehörten sie ihrem Ursprunge nach sämtlich in einen gemeinsamen Strom religiösen Lebens, von dem sie eben nur als geringe Spuren übriggeblieben sind?. Man nannte diese Dichtungen nach biblischer Analogie Bußpsalmen. Die Benennung Bußpsalmen ist nur statthaft, wenn man unter Buße die Auferlegung einer Sühne versteht?. Sie klagen über Folgen der Sünde und bitten um Fortschaffung der Folgen. Buße im Sinne von Sündenerkenntnis, Reue, Gelübde der Besserung kennen sie nicht.

hi

„Ich dein Knecht, seufzend rufe ich dich;
wer Sünde hat, du nimmst an sein inbrünstig Flehen,
wenn du einen Menschen anblickst, so lebt selbiger Mensch,
Allmächtige Herrin der Menschheit,
Barmherzige, der sich zuwenden gut ist, die annimmt das

Gebet!
Sein Gott und seine Göttin zürnen ihm, dich ruft er an;
deinen Nacken wende zu, ergreife seine Hand!
Außer dir gibt es ja keine rechtleitende Gottheit!“ 3

Ein an Marduk gerichtetes Bußgebet 4 lautet:

„Gewaltiger Marduk, dessen Zürnen Sturmflut,
dessen Erbarmen mir ein barmherziger Vater ist;
Rufen und nicht Erhören hat mich niedergeschmettert,

1) Sie heißen babylonisch takkaitu, „düsterer Gesang“, oder sigu, Klagelied (von yw heulen), oder a-ši-ša-ku-ga, „Klagelied zur Herzensberuhigung".

2) Hierauf hat zuerst Fritz Jeremias in Chantepie de la Saussaye, Religionsgeschichte2 I, 198 ff. hingewiesen.

3) IV R 29; Zimmern, babylonische Bußpsalmen Nr. 1; Hehn, Sünde und Erlösung S. 12.

4) King, Babylonian Magic Nr. 11; Hehn, Sünde und Erlösung S. 29 f. 36

Babylonische „Bußpsalmen“.

Schreien und Nichtantworten hat mich niedergedrückt.
Meine Kraft hat er aus meinem Innern ausgehen lassen,
wie einen Greis hat er mich niedergebeugt.
Großer Herr Marduk, barmherziger Gott,
die Menschheit, soweit sie existiert,
wer handelt nicht trügerisch, wer schmäht nicht?
Den Weg Gottes, wer kennt ihn?
Ja, ich will ihn preisen, Frevel (2) begehe ich nicht,
auf die Heiligtümer des Lebens will ich bedacht sein;
die Bedrängnisse (?) zu überwinden (?) befiehlst du unter

den Göttern
...... Gott zum Menschen zu bringen.
Vor dir (?) habe ich Frevel begangen,
den Weg Gottes will ich wandeln!

.... gebührend bekannt, nicht bekannt, vergiß!
Deine .... möge nicht .... die Sünde löse, das Vergehen

vergib!
Meine Verwirrungen mache klar!
Von meiner Unruhe läutere mich!
Die Sünde meines Vaters, des Vaters meines Vaters, meiner

Mutter, der Mutter meiner Mutter,
meiner Familie, meines Geschlechtes, meiner Verwandschaft
möge sich mir nicht nahen und das böse Geschick möge

weichen! Es spricht zu mir der Gott, und wie eine KAN-KAL-Pflanze

reinigt er mich. In die reinen Hände des Gottes des Heils befiehl mich! Mit Huldigung, Gebet und Inbrunst möge ich immerdar bei

dir stehen! : Das zahlreiche Volk des Landes, das im Heiligtum wohnt, möge dich preisen! Die Sünde löse, die Sünde vergib, Starker Marduk, die Sünde löse, die Sünde vergib!“

Auf der Rückseite der Tafel werden auch andere Götter angerufen:

Babylonische „Bußpsalmen".

„Große Herrin Erda, die Sünde löse!
Guter Name Nabù, die Sünde löse!
Große Herrin Tašmêt, die Sünde löse!
Starker Nergal, die Sünde löse!
Ihr Götter, die ihr im Himmel wohnt, die Sünde löset!
Die große Sünde, die ich seit meiner Jugend begangen,

vernichte, siebenmal löse!
Dein Herz, wie das des Vaters, meines Erzeugers,
Und wie der Mutter, meiner Gebärerin, an seinen Ort kehre

es zurück!
Starker Marduk, dir will ich gehorsam dienen!“

Der schönste der babylonischen Bußpsalmen ist wohl der folgende:

„O Herr, meiner Sünden sind viel, groß sind meine Vergehen.
Mein Gott, meiner Sünden sind viel, groß sind meine Vergehen;
meine Göttin, meiner Sünden sind viel, groß sind meine

Vergehen.
Gott, den ich kenne, nicht kenne, meiner Sünden sind viel,

groß sind meine Vergehen.
Göttin, die ich kenne, nicht kenne, meiner Sünden sind viel,

groß sind meine Vergehen. Die Sünde, die ich begangen, kenne ich nicht; das Vergehen, das ich verübt, kenne ich nicht. Das Tabu, von dem ich gegessen, kenne ich nicht; Das Unflätige, auf das ich getreten, kenne ich nicht. Der Herr hat im Zorn seines Herzens mich angeblickt. Der Gott hat im Grimm seines Herzens mich feindlich gei troffen; die Göttin hat wider mich gezürnt, mich einem Kranken

gleich gemacht, Der Gott, den ich kenne, nicht kenne, hat mich bedrängt; die Göttin, die ich kenne, nicht kenne, hat mir Schmerz

angetan.

Babylonische „Bußpsalmen".

Ich suchte nach Hilfe, aber niemand faßte mich bei der Hand
ich weinte, aber niemand kam an meine Seite.
Ich stoße Schreie aus, aber niemand hört auf mich;
ich bin voll Schmerz, überwältigt, blicke nicht auf.

Zu meinem barmherzigen Gotte wende ich mich, flehe ich

laut; die Füsse meiner Göttin küsse ich, rühre sie an. Zu dem Gott, den ich kenne, nicht kenne, flehe ich laut; zu der Göttin, die ich kenne, nicht kenne, filehe ich laut.

O Herr, deinen Knecht, stürze ihn nicht;
in die Wasser des Schlammes geworfen, fasse ihn bei der

Hand!
Die Sünde, die ich begangen, wandle in Gutes;
die Frevel, die ich verübt, führe der Wind fort!
meine vielen Schlechtigkeiten zerreiße wie ein Kleid!

Mein Gott; sind meiner Sünden auch sieben mal sieben, so

löse meine Sünden; meine Göttin, sind meiner Sünden auch sieben mal sieben,

so löse meine Sünden! Gott, den ich kenne, nicht kenne, sind meiner Sünden auch

sieben mal sieben, so löse meine Sünden; Göttin, dich ich kenne, nicht kenne, sind meiner Sünden

auch sieben mal sieben, so löse meine Sünden!“ 1

Man hat in diesen Psalmen, besonders in dem zuletzt wiedergegebenen, „Monotheismus“ finden wollen. Aber schon die Unterschrift für diesen Psalm: „Klagelied für jedweden Gott“, zeigt, daß das ein Irrtum ist. Der Sänger des Liedes ist erfüllt von Dämonenfurcht. Er preist die Gottheit, weil er meint, sie müsse Gewalt über die Dämonen haben. Aber dabei redet er als Polytheist. Er wägt ab, welche Gottheit die stärkste ist, und spielt

1) IV R 10. Übersetzung Zimmerns in KAT 611 f.

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