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Der „unbekannte Gott" in den Bußpsalmen.

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die Götter gelegentlich gegeneinander aust. Man hat gefragt, was unter dem „unbekannten Gott“, der „unbekannten Göttin" zu verstehen ist2. Etwa der unbekannte Gott im Sinne von Act. 17, 23? Es kann doch wohl nur so gemeint sein, daß der Klagende unsicher ist, von welcher Gottheit ihm sein Unglück auferlegt ist, welche Gottheit er durch seine Sünde verletzt hat. Und was bedeutet die Anrufung: „Mein Gott, meine Göttin“, ohne daß ein Name hinzugesetzt ist? Daß auch hier eine Gottheit aus dem Bereich der vielen Götter gemeint ist, dafür spricht nicht nur die erwähnte Unterschrift: „Klagelied für jedweden Gott“, sondern auch der Umstand, daß gelegentlich dieser namenlose Gott (bez. Göttin) in Gegensatz gebracht wird zu der bestimmten nambaft gemachten Gottheit, die um Hilfe angerufen wird. Oft wird das „mein Gott“, „meine Göttin“ im Sinne von Schutzgottheit gemeint sein, deren Namen der Benützer des Gebetes im stillen einsetzte. Und selbst wenn solche Anrufung für den Wissenden“ den Sinn einer höheren Gottesauffassung gehabt hätte, so würde doch die weibliche Hälfte die Annahme einer monotheistischen Gottesverehrung zum mindesten einschränken. Auch der relativ höchste heidnische Gottesbegriff kommt nicht über die Zweigeschlechtigkeit hinaus. Der heidnische Gottesbegriff projiziert Menschengedanken hinaus in das Weltall. Als das Höchste erscheint dem Menschen das Geheimnis des Lebens. Darum kann er auch die Gottheit nicht ohne das Geheimnis der propagatio denken.

Andererseits ist die Skepsis zu weit getrieben, wenn man mit M. Jastrow urteilt: „Nicht der geringste Zug einer Annäherung zu wirklichem Monotheismus ist in Babel vorhanden, noch kann man sagen, daß die Bußpsalmen zu solcher Annäherung die Brücke schlagen.“ Die Brücke zum Monotheismus im Sinne einer Einheitlichkeit der göttlichen Macht fanden wir auf andern Gebieten. Aber Züge einer Annäherung finden wir auch in den

1) „Sein Gott und seine Göttin zürnen dich ruft er an,“ s. S. 35.

2) Die Formel ,den Gott, den ich kenne, den ich nicht kenne,“ zeigt, daß es sich um Gebetsformulare handelt (F. Jeremias).

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Die Gottheit in den Bußpsalmen.

Bußpsalmen. Es ist die Neigung vorhanden, das Geschick des Menschen, „das Kind seines Gottes“, unter der Leitung einer höheren Hand zu denken. Und der Beter nähert sich der Gottheit, er darf sich ihr selbst nähern, vielleicht sogar ohne Vermittelung des Priesters. Wenn Delitzsch, Babel und Bibel I, 47 sagt: „Die Götter der Babylonier sind lebendige, allwissende und allgegenwärtige Wesen, die die Gebete des Menschen erhören und, wenn sie gleich zürnen über die Sünden, sich doch immer wieder zur Versöhnung und zum Erbarmen bereit finden lassen“, so haben sich in dies Urteil zwar unbewußt christliche Gedanken eingeschlichen, aber es kann sich doch mit einigem Recht auf die „Bußpsalmen“ berufen. Sie sind Zeugnisse einer religiösen Strömung in Babylonien, deren Ursprung und Verlauf wir geschichtlich nicht feststellen können, die sich aber hoch über krassen Polytheismus, wie ihn Jesaias und Echeziel verspotten, erhebt1.

Wohl der wichtigste Text für unsere Kenntnis der durch die „Bußpsalmen“ gekennzeichneten Strömung innerhalb der babylonischen Religion ist der von H. Zimmern KAT: 385 ff. zum ersten Male vollständig übersetzte Text IV R 60*, der einem leidenden König in den Mund gelegt ist2. „Ich gelangte ins Leben, in der Lebenszeit rückte ich vor, wo ich mich auch hinwandte, da stand es schlimm, schlimm

1) Über das Sündenbewußtsein in den babylonischen Bußpsalmen, 5. ATAO 109 ff. und Caspari l. c., der aber S. 27 „Die Sünde, die ich begangen, kenne ich nicht“ unrichtig auffaßt. Nicht darum handelt es sich, daß dem Sünder das Bewußtsein entschwunden ist, oder daß er nichts mehr von ihr wissen will, sondern es ist die Falle, in die der Laie gestürzt ist. Der Priester allein kennt die kultischen Finessen, an denen sich der geplagte Mensch versündigt hat.

2) Auch hier handelt es sich sicherlich um Verwertung eines alten Textes, wenn der Psalm auch vielleicht einem bestimmten assyrischen König in den Mund gelegt ist. Wenn die Gedanken dieses Psalms der assyrischen Staatsreligion entsprochen hätten, dann wären die Flachheiten eines offiziellen Religionsbuches, wie sie z. B. in den Anfragen Asarhaddons an den Sonnengott vorliegen, nicht denkbar.

Klagelied eines leidenden Königs.

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Drangsal nahm überhand, Wohlergehen erblickte ich nicht, Rief ich zu meinem Gott, so gewährte er mir nicht sein

Antlitz, flehte ich zu meiner Göttin, so erhob sich ihr Haupt nicht. Der Wahrsager deutete nicht durch Wahrsagung die Zukunft, durch eine Spende stellte der Seher

mein Recht, nicht her. Ging ich den Totenbeschwöreran, so ließ er mich nicht vernehmen, der Beschwörer löste nicht durch ein Zaubermittel meinen

Bann.
Wie (erscheinen) doch die Taten anders in der Welt!
Blickte ich hinter mich,

so verfolgte mich Mühsal. Als ob ich eine Spende

meinem Gott nicht dargebracht

hätte und bei der Mahlzeit

meine Göttin nicht angerufen

worden wäre, mein Antlitz nicht niedergeschlagen,

keinen Fußfall gezeigt hätte, (wie einer) in dessen Munde stockten

Gebet und Flehen; (bei dem) der Tag Gottes aufhörte,

die Neumondsfeier ausfiel, der sich auf die Seite legte, ihren Ausspruch verachtete, (Gottes) Furcht und Verehrung sein Volk nicht lehrte; der seinen Gott nicht rief, von dessen Speise aß, seine Göttin verließ,

Getränk ihr nicht brachte; der den, der geehrt war,

seinen Herrn, vergaß, den gewichtigen Namen seines leichtsinnig ausprach So erGottes

schien ich. Ich selbst aber dachte nur an Gebet und Flehen, Gebet war meine Regel, Opfer meine Ordnung, der Tag der Verehrung Gottes war meine Herzenslust, der Tag der Nachfolge der Göttin war (mir) Gewinn und Reich

tum; und Gesang eines solchen, das war mir genehm.

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Klagelied eines leidenden Königs.

Ich lehrte mein Land

den Namen Gottes bewahren, den Namen der Göttin verherrlichen,

unterwies ich mein Volk. die Furcht vor dem Könige machte ich riesen(?)gleich, auch in der Ehrfurcht vor dem Palaste

unterwies ich das Volk. Wüßte ich doch, daß vor Gott solches wohlgefällig ist! Was aber an sich selbst gut erscheint,

das ist bei Gott schlecht, und was in sich verächtlich ist, das ist bei Gott gut. Wer verstände den Rat der Götter im Himmel, den Plan Gottes, voll von Dunkelheit,

wer ergründete ihn! Wie verständen den Weg Gottes die blöden Menschen! Der am Abend noch lebt, der ist am Morgen tot, plötzlich wird er betrübt, eilends wird er zerschlagen; im Augenblick

singt und spielt er noch. im Nu

heult er wie ein Klagemann. Wie Tag und Nacht

ändert sich ihr Sinn. Bald hungern sie

und gleichen einer Leiche, bald sind sie satt

und wollen ihrem Gotte gleichkommen.

[Himmel, Geht's ihnen gut,

so reden sie vom Aufsteigen zum sind sie in Kummer,

so sprechen sie vom Hinabfahren

zur Hölle.“ (fehlt ein größeres Stück). Nun schildert der König sein Leiden, das ihm den Palast zum Gefängnis gemacht hat. Niemand half ihm, kein Beschwörer, kein Gott, keine Göttin. Schon öffnete sich ihm das Grab mit seinen Schrecken. Das ganze Land rief:

Das ganze Land rief: „Wie ist er übel zugerichtet.“ Seines Feindes Angesicht leuchtete vor Schadenfreude. Der Text schließt mit der Aussicht auf Errettung.

In den Strom religiösen Lebens, den diese „Bußpsalmen“ andeuten, werden auch die mit ilu zusammengesetzten Namen

Monotheismus in den Bußpsalmen.

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gehören, von denen S. 1, Anm. 1 die Rede war. Sie gehören der Hammurabi-Epoche an. Vielleicht ist das ein Anhaltepunkt für die Bestimmung des Alters der „Bußpsalmen". Die HammurabiDynastie ist, wie Hommel nachgewiesen hat, arabischen Ursprungs. Auch in südarabischen Inschriften finden sich Eigennamen, die von verhältnismäßig hoher religiöser Einsicht Zeugnis ablegen 1: waddada-ilu, „es liebt Gott“, sadak-ilu, „gerecht ist Gott“, kariba-ilu, „es segnet Gott“; il-amara, „Gott hat geboten“, il-amina, „Gott ist treu“; abî-jadhua, „mein Vater hat geholfen“, ‘ammisaduķa, „mein Oheim ist gerecht“, dâdî-kariba, „mein Oheim hat gesegnet“, abi-kariba, „mein Bruder bat gesegnet“.

V. Die monotheistische Strömung im 6. vorchrist

lichen Jahrhundert.

Die Weltgeschichte geht in Wellenbewegungen vorwärts. Das gilt auch von der Religionsgeschichte, die im Christentum ihr Ziel gefunden hat. Wenn die Geschichte der altorientalischen Welt klar vor uns läge, so würden wir sehen, daß der alte Orient mehr als einmal religiöse Erhebungen im Sinne einer monotheistischen Reform gesehen hat. In den Bußpsalmen finden wir Spuren einer über den Polytheismus sich erhebenden religiösen Strömung. Die monotheistische Reform Amenophis IV. scheint nur die ägyptische Welle einer großen über den vorderen Orient gehenden Bewegung gewesen zu sein. Vor allem aber zeigt die Geschichte des 6. Jahrhunderts vor unsrer Zeitrechnung eine merkwürdige Neigung zum Monotheismus. Wir finden die Spuren im Orient wie im Occident, ja in Indien und im fernsten Asien.

Der Prophet Jesaias begrüßt Cyrus als den Gottgesandten, „den Jahve bei der rechten Hand ergreift“, und von dem er sagt:

1) Vgl. Hommel, Die altisraelit. Überlieferung S. 78 ff. ; Detlef Nielsen, Die altarabische Mondreligion, S. 8ff.

2) Gemeint ist der Mondgott, der als „Vater" (vgl. S. 20), „Oheim“ oder als „Freund“ bezeichnet wird.

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