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Einleitung

dem 6. vorchristlichen Jahrhundert überliefert ist und der sagt, daß Nergal und Nebo, Mondgott und Sonnengott, der Donnergott Ramman und andere Götter Erscheinungsformen Marduks seien'.

Man hat erwidert, daß Eigennamen, mit ilu zusammengesetzt, höchstens besagen, daß jene Leute etwas allgemein Göttliches als Substrat ihrer Einzelgötter annahmen und dafür einen Namen besaßen2; daß selbst für den Fall der Richtigkeit der Lesung Jahve in babylonischen Texten der Name nichts über den Inhalt des Gottesbegriffs bestimme); endlich, daß der Text des 6. Jahrhunderts nichts anderes als eine erfreuliche Höhe zeige, zu der die „Spekulation“ an einem gewissen Punkte der Geschichte gedrungen sei, ohne daß die „eigentliche Religion“ dadurch beeinflußt worden sei4.

Bereits vor den Vorträgen über Bibel und Babel hatte Fritz Hommel 5 und mit ihm sein Schüler Ranke 6 von einem babylonischen Monotheismus geredet?, und zwar ebenfalls im „durch Gott trat er ins Dasein“, Avêl-ilu, „Knecht Gottes“; Mut(um)-ilu „Mann Gottes“, Ilûma-le'i, „Gott ist mächtig“, Ilûma-abi, „Gott ist mein Vater", Ilûma-ilu, „Gott ist Gott“, Šumma-ilu-lâ-ilia, „wenn Gott nicht mein Gott wäre" u. 8. W. Vgl. hierzu S. 43.

1) Vgl. S. 26.
2) Grimme, Unbewiesenes S. 10.
3) A. Jeremias, Im Kampfe um Babel und Bibel4 S. 20f.

4) Gunkel, Israel und Babylonien S. 30, (vgl. Grimme, l. c. S. 10; Zimmern, Keilinschriften und Bibel S. 34). Es erhebt sich hier freilich die Frage: Was ist „eigentliche Religion“? Gunkel versteht darunter den „krassen Polytheismus“. Wenn uns im folgenden der Nachweis gelingt, daß schon in den ältesten Zeiten die „geistige Höhe, die zu dem Einen dringt“, erreicht wurde, so dürfte diese „Spekulation“ den Anspruch auf die Bezeichnung „eigentliche Religion" erheben, wenn man nicht vorzieht, diesen Titel für die Religion der „Bußpsalmen" (S. 34 ff.) in Anspruch zu nehmen.

5) „Die altisraelitische Überlieferung“ 1897. „Der Gestirndienst der alten Araber 1902.

6) „Die Personennamen in den Urkunden der Hammurabi-Dynastie“.

7) Auch Eberhard Schrader an verschiedenen Orten; A. Jeremias in den Leipziger „Volkshochschulvorträgen“ 1901 (gedruckt in der Allg. ev. luth. Kirchenzeitung) hatte ebenfalls monotheistische Unterströmungen geltend

Einleitung.

Zusammenhange mit der über das Euphratland gekommenen semitischen (arabischen) Wanderung. In der Verehrung des Mondgottes wollen sie die Spuren einer hohen und reinen Gottesauffassung nachweisen. Und wie Delitzsch die nach ihm von nordsemitischen Stämmen importierte Ilu- und Jahve-Religion in Gegensatz zu dem krassen Polytheismus der älteren euphratensischen Religion stellt, so stellen Hommel und Ranke die monotheistisch anmutende Mondreligion in Gegensatz zu der „abergläubischen Furcht der Sumerier vor den zahllosen bösen Geistern“.

In beiden Fällen, bei Delitzsch wie bei Hommel-Ranke, ist meines Erachtens eine Unterschätzung der geistigen Höhe der ältesten uns bekannten altbabylonischen Religionsstufe der „vorsemitischen“ Periode zu konstatieren. Von der Entstehung und Herkunft des von Hommel getadelten Animismus wissen wir garnichts. Es ist reine Hypothese, wenn man in dem Geisterspuk der altbabylonischen sog. „sumerischen“ Texte das Charakteristikum der vorsemitischen euphratensischen Religion erkennen will. Vielleicht ist der Animismus für das „vorsemitische“ Euphratland selbst ein fremdes Gewächs, abgesehen davon, daß er als „Aberglaube“ zu allen Zeiten die Kehrseite des „Glaubens“ repräsentiert haben wird. Die ältesten historisch datierbaren religiösen Urkunden, die in den Inschriften Gudea's vorliegen, sind über den Zauberkult hoch erhaben. Gudea polemisiert dagegen und sagt: „Kein Verständiger werde den Tempel eines Zauberers betreten 1.“ Wenn die „nordsemitische“ („kananäische“, „arabische“) Wanderung erlauchte Geister mitgebracht haben soll, so werden wir mit demselben Rechte behaupten und auch nachgemacht: „Zu dem Monde redet man mit einer Innigkeit, die den Gedanken aufkommen läßt, daß der Mond ursprünglich, ehe von seiner Gemahlin und von seinen Brudergöttern die Rede war, nur das Sinnbild des reinen, erhabenen Gottes sein sollte, dessen 'Anbetung man suchte.“ Freilich möchte ich jetzt hinzufügen: der Mondkultus kann schon deshalb nie „Monotheismus“ sein (im Sinne von Verehrung eines Gottes mit Ausschluß von andern), weil er nie ohne das Gegenstück des Sonnenkultus denkbar ist. Vgl. S. 32 und zum Weibe des Mondgottes S. 39.

1) Statue B, Col. V, 7-11, s. Jensen, KB III, S. 33.

Einleitung

weisen können, daß es auch in der vorsemitischen, euphratensischen Welt Leute von höherer religiöser Erkenntnis gegeben haben muß.

Freilich müssen wir im Auge behalten, daß unsre Kenntnis der babylonischen Geschichte rückwärts geschichtlich beschränkt ist. Wir wissen von den Anfängen nichts 1. Wir können nur über die Religion der ältesten uns durch Monumente bekannten Zeit reden, und wir machen dabei die Beobachtung, daß Kultus und Religion reiner und abgeklärter erscheinen, je höher wir hinaufkommen. Die Hammurabi-Zeit z. B. verhält sich zur ältesten uns bekannten Epoche wie Mittelalter zu klassischer Zeit 2. Man hat gesagt 3: „Es wäre eine lohnende Aufgabe der Keilschriftforschung, deren Lösung, wenn sie gelänge, alle bisherigen Funde überragen und über alle Enttäuschungen und Fehlschlüsse hinüberhelfen würde, zu zeigen, daß es in grauer Vorzeit dort im Osten wirklich noch Menschen gab, die das Erbe einer höheren Gotteserkenntnis ungetrübt besaßen, das einmal den Menschen mitgegeben sein muß.“ Wir müssen hier fragen: Was ist unter grauer Vorzeit zu verstehen? „Uroffenbarung“ ist wissenschaftlich, historisch nicht greifbar. Sie mag vom Standpunkte der christlichen Weltanschauung aus eine selbstverständliche Prämisse sein. Beweisen werden wir sie nie können. Aber die Erkenntnis, daß im höchsten uns historisch bisher zugänglichen Altertum hohe, geistige Ideen lebendig sind, nicht Animismus, Totemismus, Fetischismus – macht das Axiom von einer gradlinigen Entwicklung der religiösen Erkenntnis aus niederen Anfängen zuschanden.

1) Im Juli 1904 ging durch die Zeitungen die Nachricht: „Wie aus Chicago gemeldet wird, hat Professor Banks, der Leiter der Chicagoer Universitäts-Expedition nach Babylon, wichtige Funde gemacht. Banks glaubt, die älteste menschliche Niederlassung entdeckt zu haben.“ Das wäre ein Fund! Aber es wird wohl auf ein arges Mißverständnis hinauslaufen.

2) S. Winckler, Geschichte der Stadt Babylon AO VI, 1 S. 17 ff.

3) R. Kittel, Die babylonischen Ausgrabungen und die biblische Urgeschichte3 S. 36.

I. Das Geheimwissen in der babylonischen

Sternreligion.

Die babylonischen Schrifterfinder haben das Zeichen für Stern dadurch hergestellt, daß sie das Zeichen für Gott 3 mal als eine Zeichengruppe schrieben. Das beleuchtet die Tatsache, daß die babylonische Religion ihrem Wesen nach durchaus Gestirnreligion ist, wobei zu bedenken ist, daß die großen Erscheinungen des Naturlebens: Sommer und Winter, Aussaat und Ernte, Wetter und Hitze, Tag und Nacht mit dem Umlauf der Gestirne aufs engste verbunden sind". Wir besitzen dafür monumentale Belege. Die babylonischen offiziellen Urkunden (Grenzsteine, Denksteine) stellen die Götter mit denselben symbolischen Bildern dar, die uns bis auf den heutigen Tag als Symbole am Sternhimmel bekannt sind. Das für die Astrologie der gesamten Welt hochwichtige Heptagramm der 7 Planeten, aus dem auch das Pentagramm sich erklärt, wurde auf einer altbabylonischen Tafel in Nippur gefunden? Die Regierungstaten Sargon's I., des Gründers von Babylon, sind uns in der Form von Orakeln aus der Gestirnwelt überliefert. Die Prärogative Babylons wird durch Vorgänge des astralen Weltenlaufs begründet. Babylon ist Weltmetropole, weil Marduk in jenem Zeitalter als der siegreiche Jahrgott gilt, der den gesamten astralen Weltkreislauf repräsentiert3. Denn die Sonne hat seit der Gründung Babylons (2800) ihren FrühlingsDas Offenbarungsbuch des gestirnten Himmels.

1) Die Hervorhebung dieser tellurischen Erscheinungen im Kultus (Tammuz, Adad, Baal-Moloch, Astarte) ist das Charakteristikum der „kanaanäischen" Religion. 2) S. ATAO 16, Abb. 9f.

3) S. ATAO 41 f.

punkt im Stier, dem Symbolum Marduks1. Ihm wurde deshalb der alte Mythus vom Sieg über den Winterdrachen und von der Welterneuerung seitens der Priester Babylons auf den Leib geschrieben.

Diese astrale Religion, deren Lehre seit der Mitte des 3. Jahrtausends (im Stierzeitalter) auf Marduk zugeschnitten ist, will die Welt nach ihrem Ursprung, Zweck und Ziel erklären. Sie ist identisch mit Wissenschaft und ruht auf dem Axiom (denn im alten Orient gab es, wie heutzutage noch, keine voraussetzungslose Wissenschaft): alles Wissen ist göttlichen Ursprungs. Es ist alles in ein Buch (auf Tafeln) geschrieben, und von diesen Tafeln haben die Menschen im Anfang göttliche Unterweisung empfangen. Das ist der Sinn der „Schicksalstafeln“, die in den ältesten uns bekannten babylonischen Mythen von großer Bedeutung sind. Ein aus altbabylonischer Zeit stammender Text sagt, Enmeduranki („sumerischer“ Name!), der König von Sippar (der 7. der Urkönige), babe das Geheimnis Anu's (Bel's und Ea’s), die Tafel der Götter, die Omentafel (?) des Mysteriums von Himmel [und Erde] empfangen? Ein anderer Text spricht von dem Buche (šipru - hebr. sepher), in dem die Vorschriften des Königtums aufgezeichnet sind. Die spätere Überlieferung spricht von den „Büchern der Urzeit“, die vor der Sintflut vergraben wurden. Wenn der babylonische Priester Berosus in der Oannes-Sage sagt, seit jener ersten Offenbarung sei nichts Neues erdacht worden, so muß das allgemein als Sinn dieser Buchoffenbarung gelten. Alles steht darin geschrieben. Sache der Priester ist es, die Dinge dieser Welt dadurch als „vernünftig“ zu erweisen, daß sie mit dem Offenbarungsbuche zusammenstimmen. Dieses „Buch“,

1) Auch der Jupiter-Charakter muß bei der Begründung der auf Marduk zugeschnittenen Kalenderreform eine Rolle gespielt haben. Stand Jupiter, der jährlich ungefähr ein Tierkreisbild durchwandert, in politisch entscheidender Zeit im Zeichen des Stiers ? Jedenfalls spielte der Zufall eine Rolle, die politische und wirtschaftliche Lage kam der Kalenderreform, die durch das Vorrücken der Präcession bedingt war, zu Hilfe. Vgl. übrigens S. 26.

2) In einer Abschrift im Archiv Asurbanipals erhalten: K 2486 + K 4364, s. Zimmern KAT: 533.

3) IV R 48, 8. ATAO 5.

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