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An die Freunde der Protestantischen Kirchenzeitung.

Viele von den alten Freunden unserer alten Kirchenzeitung haben uns zum Jahresschluß ihr schmerzliches Bedauern ausgesprochen über die Verwandlung der ihnen liebgewordenen Gestalt des Blattes, das seinem goldnen Jubiläum entgegenging; fie haben aber auch der neuen Folge der Protestantischen Kirchenzeitung ihre unveränderte Treue bezeugt und herzliche Segenswünsche für das Blühen und Gedeihen der Protestantischen Monatshefte damit verbunden.

Wir sagen den lieben und verehrten Freunden im Vaterlande wie in Auslande, die uns ihre aufrichtige Teilnahme so tröstlich bekundet und ihre Förderung des alten Werks auf neuer Bahn mit treuem Mannesworte zugesichert haben, unsern innigsten Dank. Die Freunde dürfen überzeugt sein, daß es dem Unterzeichneten sehr schwer geworden ist, die alte gute Fahne einzuziehn, unter der fast ein halbes Jahrhundert lang

zumeist in trüber Kirchenwinterzeit das freudige Bekenntnis eines freien vernünftigen verzensglaubens gegen Unglauben, Glaubenszwang und schwachmütige Dpportunitätspolitik zu ehrlichem Kampfe geführt ward.

Aber Feldzeichen find provisorisch wie alles Menschliche – ewig ist Gott der Herr allein. Doch seines Wesens schwaches Abbild ist wandellose Beständigkeit in wolbegründeter heiliger Ueberzeugung. Und solange die neuen Protestantischen Monatshefte leben, werden sie — getreu der alten Protestantischen Kirchenzeitung – unwandelbar dem lebendigen christlichen Glauben dienen, der als evangelisch-protestantischer im Herzensbunde steht mit aller vernünftigen Freiheit und aller Wahrheit der Wijjenschaft und darum für die Forschung und Lehre der Theologie ebenso wie für das Leben der Gemeinde und der landeskirchlichen Gemeinschaft freie Entwidlung begehren muß.

Zurzeit nun ist durch das herrschende unevangelische Parteifirchentum nichts mehr bedroht, als die Freiheit und Selbständigkeit einer ernst wisjenschaftlich arbeitenden Theologie, die doch ihren christlichen Charakter an den rechtverstandenen Schriftzeugnisjen, ihren evangelisch-protestantischen Charakter aus dem Geist der Symbole und aus dem geschichtlichen Gange der Reformationsfirche zu erweisen vermag, und die deshalb die Ermissionsklage verblendeter oder verhetzter Parteifirchenmänner ebenso wie die lieberhebung gewisser Vertreter der kaum weniger verdammten modernsten Theologie der Werturteile mit gutem Gewissen zurückweisen darf. Protestantische Monatshefte. 1. Jahrg. Seft 1.

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Angesichts, des Sturmlaufs pseudo-evangelischer Synodalmajoritäten gegen die Freiheit der theologischen Wissenschaft, in dem auch Vermittlungstheologen ein ,,tiefgefährliches Attentat auf die Lebenskraft unserer Kirche, auf ihre Widerstandsfähigkeit gegen den Naturalismus wie gegen den Romanismus" erkennen, ist im alten Jahre wiederholt in Synodalreden der Minderheit wie in protestantischen Rectoratsreden der ernste Warnruf Schleiermacher's lautgeworden, mit dem einst þeinrich Krause den ersten Jahrgang der Protestantischen Kirchenzeitung eröffnet hat: „Soll denn der Knoten der Geschichte so auseinandergehn: das Christentum mit der Barbarei und die Wissenschaft mit dem Unglauben?" Die Consistorial-Präsidenten und General-Superintendenten, die - wiederum nach vermittlungstheologischer Klage – jenem ,,Attentat nicht herzhafter entgegentraten", können nun in Stöcker's Kirchenzeitung den Autor der ,,Theologie der Tatsachen" als ,,Adventspropheten" auch für die deutsche Theologie der Unionskirche angepriesen finden. Sapienti sat!

Für uns aber heißt in solcher Zeitlage die Pojung: Samineln und festgeschlossen Widerstand leisten! Was uns die Umwandlung der Protestantischen Kirchenzeitung in eine mehr wissenschaftlich gehaltene Monatsschrift getrosten Mutes unternehmen läßt, ist die Ueberzeugung von der Notwendigkeit eines Organs, das in ununterbrochener Folge unsere Theologie vertritt, verteidigt und – da uns traditionelles Wesen und das in verba magistri jurare fremd ist – in energischer Arbeit fortbildet. Die Protestantische Kirchenzeitung konnte sich nach ihrem bisherigen umfassenderen Programm dieser Aufgabe nicht mit der Concentration widmen, die sie verlangt. Daher haben wir der vorge schlagenen Teilung der Arbeit und ihrer Vereinigung in dem alten Verlage der Kirchenzeitung zugestimmt: die populärere und mehr dem Tage gewidmete Seite der Prot. KZ. ist an das wöchentlich erscheinende Gemeindeblatt „Der Protestant“ übergegangen, während die wissenschaftliche, von der Kirchenzeitung bis dahin nur mit einer notgedrungenen Zurüchaltung von theologisch-gelehrter Erörterung geübte Tätigkeit den „Protestantischen Monatsheften“ zufallen soll.

Die Vorteile von Monats heften gegenüber einem Wochenblatt wie einer Vierteljahrsschrift werden unsere Freunde nicht verkennen. Eine Monatsschrift bietet Raum für umfassendere Arbeiten, während doch ihr jedesmaliger Lesestoff leichter und schneller zu bewältigen ist, als der einer Quartals-Zeitschrift, was besonders den in der Praris stehenden Theologen willkommen sein muß. Andererseits bietet sie durch ihr öfteres und rasderes Erscheinen Gelegenheit zu weit lebhafterer und schnellerer Auseinandersezung verschiedener Ansichten und gestattet eine viel promptere Erledigung wichtiger Einsendungen, als einer Vierteljahrsschrift möglich ist.

Unter diesen Umständen hofft der Unterzeichnete keine Fehlbitte zu tun, wenn er alle unsere Gesinnungsgenosjen, die für die Ergebnisse ibres Denkens und ihrer Forschung eines geeigneten Organs bedürfen, zu tatkräftiger Mitarbeit an den Protestantischen Monatsheften hiermit herzlich auffordert und zugleich die zuversichtliche Erwartung ausspricht, daß jeder Anhänger der freien Theologie, dem die wahrhaft wissenschaftlichen Interessen des Protestantismus am Herzen liegen, und alle Freunde der alten Protestantischen Kirchenzeitung zur Verbreitung ihrer neuen Folge nach Kräften bei: tragen werden.

Unser Programm umfaßt in erster Linie: Förderung einer wissenschaftlichen theologischen Systematik (Religionsphilosophie, Dogmatik, Ethit); in zweiter Linie aufmerksames Verfolgen und wahrhaft theologisch (nicht einseitig philologisch-) wissenschaftliche Förderung der historisch - kritischen Untersuchungen im Gebiete der eregetischen und historischen Theologie. – Eine besondere Abteilung wird der erörternden Behandlung kirchlicher Zeitfragen gewidmet sein, um hier den Freunden evangelisch - kirchlicher Freiheit ihre Stellungnahme gemäß den genuinen Principien des Protestantismus zu erleichtern. Den hier einschlagenden vielgestaltigen Interessen und Problemen des Lebens der Gegenwart in Kirche, Staat, Literatur und Kunst wird unsere stete Aufmerksamkeit zugewendet sein.

Wenn sich die reichen geistigen Kräfte, die im Reiche, in Desterreich, in der Schweiz und wo sonst noch deutsches Geistesleben regsam ist, der freien Theologie immer noch zu Gebote stehen, unserer Bitte nicht versagen, so können sich die „Prot. Monats. hefte“ zu einer Revue für protestantisches theologisches und kirchliches Leben entwickeln, die protestantischer Wissenschaft und Lebensanschauung wie evangelisch - kirchlicher Freiheit segensreiche Dienste leistet. Gott, gebe uns die Gnade, daß wir an unserm Teile einige Steine herbeitragen dürfen zu dem großen Bau des deutschen Protestantis mus!" - so schließen wir mit Heinrich Krause's Vorwort zur alten Prot. Kirchenzeitung.

Der Herausgeber.

Erkenntnistheorie und Theologie

von

D. H. Lüdemann,
Professor der Theologie in Bern.

I. Die protestantische Theologie befindet sich seit einer Reihe von Jahrzehnten in einer Krisis, in welcher es sich einfach darum handelt, ob sie eine im Kreise der übrigen Wissenschaften als ebenbürtig anerkannte und im Verbande der Universität heimische Wissenschaft bleiben, oder zur bloßen unter kirchlicher Controlle stehenden Religionslehre herabsinken solle – zu einer Religionslehre, wie die übrigen Culturreligionen sie auch haben, während man bis dahin annahm, daß allein das Christentum eine „Theologie" von wisjenschaftlicher Haltung hervorgerufen habe und – ertragen könne. Mit dem in dieser Annahme liegenden Vertrauen scheint es jegt vorbei zu sein. Eine wissenschaftliche Theologie, so meint man, könne nicht religiös, und darum auch nicht christlich und kirchlich, eine religiöse Theologie aber nicht wissenschaftlich sein.

Nichts könnte in dieser Lage der Theologie verhängnisvoller werden, als der Sieg von Compromißansichten, wie die, welche der Theologie ihren wissenschaftlichen Charakter wahren will als wissenschaftlicher Kritik der theologischen Ueberlieferung, die actuelle Glaubensüberzeugung der Gegenwart aber der wissenschaftlichen Controlle entheben und in eine Ausnahmestellung flüchten zu können meint.

Die Stritik der Ueberlieferung soll dadurch herausgefordert sein, daß die bisherige Theologie Wisjenschaft sein wollte, und sich dadurch eben der wissenschaftlichen Kritik selbst preisgebe, während die Theologie der Gegenwart durch den Verzicht auf ,,wissenschaftlichen" Charakter sich zugleich über jede wissenschaftliche Kritik stelle und so die unangreifbare Position gewinne, welche der Religion überhaupt der Wissenschaft gegenüber eigentümlich sei. Eine derartige Theologie arbeitet an ihrem eigenen Untergang. Sobald die Aufgabe der wissenschaftlichen Kritik der Vergangenheit erledigt wäre, hätte fie aus der Reihe der Wissenschaften auszuscheiden, und die ihr etwa noch ver. bleibenden blos historischen Aufgaben könnten anderen Disciplinen anbeimfallen. Für ihre ,, Dogmatit", der ein wissenschaftlicher Charakter nicht mehr beiwohnen joll, könnte sie eine Stellung innerhalb der Universität nicht weiter beanspruchen. Für ihre , Religionslehre oder ihren Unterricht in der christlichen Religion" würde die Kirche dann am besten allein forgen. Ind bei der Traditionslosigkeit und uncontrollirbaren Willfür,

die dieser Religionslehre dann anhaften würde, müßte die protestantische Kirche einer wurzellosen Augenblicssecte alsbald zum Verwechseln ähnlich werden.

Glücklicherweise bestehen im Wesen der protestantischen Theologie und im Wesen der evangelischen Gemeinde Garantien genug, die die Torheiten dieser Position unschädlich machen werden. Die Garantien der ersteren Art werden uns in dieser Studie überhaupt beschäftigen; was aber die der legteren Art betrifft, so steht es fest, daß der evangelischen Gemeinde, welche nach protestantischen Grundsägen aus Mitgliedern von eigener Urteilsfähigkeit besteht, für jene seltsame wissenschaftlich-unwissenschaftliche theologische Composition das Verständnis naturgemäß fehlt. Dies wird sich alsbald herausstellen, fo. bald die urteilsfähige Gemeinde überhaupt um theologische Dinge sich wieder bekümmert. Schon jeßt ist die völlige Unmöglichkeit, einem religiós interessirten und denkenden Laien den verzwidten Standpunkt z. B. eines „Ritschl'schen" Theologen begreiflich zu machen, ein beachtenswertes Symptom. Das Unternehmen, die Religion und mit ihr die Theo. logie von dem sonstigen Geistesleben schroff zu isoliren, und aus dieser sublimen Position heraus doch auf die Gestaltung unseres Weltlebens einen maßgebenden Einfluß üben zu lassen, hat einen so katholisirenden Anstrich, bedroht aber vor allem die Einheitlichkeit und Aufrichtigkeit unserer Ueberzeugungen so sehr, daß gar keine Aussicht besteht, für dasselbe einen irgend wie maßgebenden Teil unseres Laienpublicums zu erwärmen. So viele es auch heute geben mag, welche mit dem Ausscheiden der religiösen Gesichtspunkte aus den wissenschaftlichen Erwägungen und den practischen Lebensbeziehungen ganz einverstanden wären – eben dieselben würden es auch sein, für welche Religion und Christentum überhaupt gegenstandlos wären, und welche die trotz alledem nach Einfluß trachtenden Theologen mit ihren „unmaßgeblichen“ religiösen Ansichten einfach sich selbst überlassen würden. Höchstens daß sie sich die Befriedigung eines auch ihnen fich aufdrängenden „Trostbedürfnisses" in irgend einer ästhetischen, keinesfalls aber definitiv ernst zu nehmenden Art gnädig würden gefallen lassen.

Wenn es zweifellos eine Hauptaufgabe der Theologie ist, dem Christentum nicht etwa blos innerhalb der Kirche eine innerlich gesunde Weiterepistenz zu sichern, sondern ihm wie der Kirche die gebürende Stellung innerhalb unserer Culturwelt überhaupt zu erhalten, so kann sie das nur, wenn sie sich in ihrem ganzen Umfange als Wissenschaft zu legitimiren vermag; wenn es ihr gelingt sich im Kreise aller übrigen Wissenschaften als unentbehrliches, ja diesen Kreis erst wahrhaft integrirendes Glied zur Anerkennung und Geltung zu bringen.

Dann aber kann es unserer Theologie nicht genügen, mühselig und noch dazu im steten Kampf mit dem staatlich wie kirchlich belohnten Verrat im eigenen Lager wenigstens für ihren historischen Bestandteil die unveräußerlichen Principien der Geschichtswissenschaft in Geltung zu erhalten. Vielmehr liegt die Lebensfrage für sie auf der systematischen Seite. Kann sie nicht auch für diese Seite einer urteilsfähigen Zeitgenossenschaft den Beweis erbringen, daß ihre lage als Wissenschaft hier keine andere sei, als die der Geisteswissenschaft überhaupt, so sind ihre Tage gezählt.

Dieser Forderung aber wird nicht genügt, sondern ihr wird ausgewichen mit der Aufstellung einer besonderen Art von „theologischer Erkenntnistheorie". Die Tatjache, daß die Theologie, oder näher die Dogmatit es mit der Erplication des Vorstellungsgehalts eines positiv vorliegenden religiösen Bewußtseins zu tun hat, kann dazu nicht berechtigen. So specifisch dieje Lage ist, so enthebt sie die Theologie doch

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