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ly. Verhältnis von Sprache und Gedanke.

Die Sprache, als Offenbarung der ganzen menschlichen Individualität, hat ohne Zweifel and großen Antheil an unsern Gedanken und deren Bildung. Darüber hat (don Wilhelm von Hum: boldt in seiner Abhandlung „über das Entstehen der grammatischen Formen und ihren Einfluß auf die Ideenentwickelung''*) einzelne treffende Andeu: tungen gegeben und besonders hervorgehoben, daß der Geist auch von der Sprache empfängt. Gs tritt hier auch in der intellectuellen Welt das Verhältniß von Geist und Körper ein, das in seiner geheimnißvollen Wechselwirkung das eigenste Leben des Organismus darstellt. Wie sehr der Geist auch seine Unabhängigkeit behauptet, um sich lediglich aus sich selbst zu begründen, so kann doch auch dem Körper selbst in seiner ganz physischen Bedeutung nicht bestritten werden, daß er geister: zeugend und zum Geiste mitwirkend ist. So schießen auch aus der Sprache eigenthümliche Säfte zum Gedanken hin, die denselben befruchten und ausbilden helfen.

*) in den Abhandlungen der Verliner Akademie der Wissenschaften 1822--23.

Die Sprache ist daher ebenso sehr Inhalt wie Mittel, und auf der vollendetsten Einheit und Verschmelzung beider beruht die Vollkommenheit aler Darstellung. Darstellung ist Bildung, und hat, wie diese, einestheils ein überliefertes und lehrbares, anderntheils ein productives Element an sich, deren eigenthümliche Verbindung Sache des Talents ift. Dem im Volksgeist arbeitenden Talent muß überhaupt überlassen bleiben, das Verhältniß von Sprache und Gedanke nach seiner freien Art zu organisiren, denn jede absichtliche und fünstliche Ausbildung einer Sprache, abge: trennt von der geistigen Production, ist erfolglos für dieselbe. Der im Allgemeinen richtige Saß Humboldts: „daß nur die grammatisch gebildeten Sprachen vollkommene Angemessenheit zur Ideenentwickelung besigen“ (a. a. D. S. 427.), erleidet die vielfältigste Nüancirung in der Anwendung und der Geschichte der Sprachen. Grammatische Bils dung einer Sprache ist überhaupt etwas sehr Relatives und einzeln schwer zu Fafsendes, denn man gebe den Eskimo's eine Sprachakademie, welche ihnen die Sprache nach Gefeßen gliederte und ordnete, und man hätte vergeblich zu warten, ob eine Eskimo - Literatur danach entstande, wenn auch

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das grammatische Kunststück noch so glüdlich gelingen follte.

Die Entwickelung der Sprachen ist vielmehr die, daß fie den grammatischen Naturzustand abstreifen und sich zu vergeistigen trachten. Eine gebildete Sprache heißt am Ende die für den weites ften Gedankeninhalt am meisten aufnahmefähige, und ste kann das Paradies ihrer schönsten leiblichen Formenbildung längst verloren haben. Was wir im vorigen Abschnitt von der deutschen Sprache bemerkten, daß die höchste Stufe ihrer geistigen Entwickelung gerade mit ihrem grammatischen Vers fall zusammentrifft, hat Jacob Grimm*) noch allgemeiner zu der Behauptung ausgedehnt: daß die Bildung des menschlichen Geschlechts mit der Vollendung seiner Sprache in einem reinen Gegensaß stehe, und, je mehr von der allgemeinen Cultur des menschlichen Geistes in die Sprache übergehe, die leştere desto mehr an der Größe und Originalität ihrer eigensten grammatischen Natur verliere. Indeß darf man es, glaube ich, mit solchem Ver

*) in der Einleitung zur ersten Ausgabe feiner deutschen Grammatik (f. besonders S. XXVII ff.), die leider in den folgenden Auflagen fortgeblieben.

luft nicht allzu genau nehmen, da der Ersaß ihm hinlänglich die Wagschale hält, und es mit dem grammatischen Paradies ohne Zweifel dieselbe Bewandtniß hat, wie mit dem Unschuldszustande der Menschheit. Man beklagt ihn häufig, aber man vermißt ihn selten. Unsere Sprache hat allerdings außerordentliche Vortheile Ser Flerion, eine ganze voltönende Musik runder und ausgeschriebener Fors men, eine ganze Plastik schwellender und von finns lichem Leben stroßender Wortfiguren eingebüßt, die uns aus dem Gothischen und Althochdeutschen wie Riesen der Vorzeit entgegentreten. Grimm fagt fehr schön: „Man kann die innere Stärke der alten Sprache mit dem scharfen Gesicht, Gehör, Geruch der Wilden, ja unserer Hirten und Jäger, die einfach in der Natur leben, vergleichen. Dafür werden die Verstandesbegriffe der neueren Sprache zunehmend klarer und deutlicher. Die Poesie vergeht, und die Prosa (nicht die gemeine, sondern die geistige) wird uns angemessener."

v. Poefte und Profa in der Sprache.

Die Poefte der Sprache ist die noch unents färbte Bildlichkeit, welche auf der Naturstufe an ihr blüht. In dieser Zeit giebt es überhaupt noch keine Prosa, weil jedes Wort schon durch seine Wurzel und Zusammenseßung einen poetischen Eindrud erregt, weil jede Bezeichnung ein Versuch zu dichten ist. Die Sprache wendet sich den gebankenschwereren und dem bloßen Inhalt dienenden Verknüpfungen der Prosa dann erst mit Kunst und Erfolg zu, nachdem die bildliche Bedeutung, die am Worte haftet und dabei verweilen macht, ab: geblüht ist. Dann werden die Wörter für sich felbst nicht mehr empfunden, ste stehen mehr oder weniger als wesenlose Zeichen da und haben ihr Leben nur in dem allgemeinen Inhalt des Gedankens, zu dessen Chiffrirung fte zusammengestellt find. Wer denkt noch bei dem Worte Rind (chint, von der Wurzel chin, keimen) daran, daß er etwas Metaphorisches: das Gefeimte, Erblühte, das mit ausspricht? Andere Ausbrüde, die besonders durch ihre Zusammensepung poetische Metaphern machen, g. B. halsstarrig, widerspänstig, und unzählige ähnliche, find ebenfalls in dem Sinne

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