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Erster Theil.

Theorie der deutschen Profa.

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1. Deutscher Geist und deutsche Sprache.

Unsere „Haupt- und Heldensprache“, wie leibniß die deutsche nennt, hatte außerordentliche Tas pferkeit in ihrer Entwickelung zu beweisen viele Gelegenheit. Die umwandelnden Jahrhunderte haben an dem spröden Korn ihres Urgesteins fortwährend gerieben und zerbröckelt, und die seltensten gram: matischen Vorzüge ihrer Jugend, wodurch sie mit den antiken Sprachen wetteifern konnte, find an ihr verblichen. Ein ähnliches Bild grammatischer Zerstörung, die parallel läuft mit dem höchsten Drang geistiger Entfaltung, möchte nicht aufzufinden sein, denn nur die deutsche Sprach- und Culturgeschichte zeigt diesen Contrast einer umges fehrten Entwickelung, wonach die Sprache erst im Greisenalter ihrer Formen dem ausgebildetsten Inhalt dient und von diesem geistige Mittel der Darstellung, innere Plastik des Gedankens, em: pfängt: eine neue Epoche geistigen Reichthums, nach Untergang der Naturstufe, auf der sie einen grammatischen Reichthum von Wendungen, Gefügen und organischen Eigenschaften besaß, die heut vers geblich zurückgewünscht werden.

Deutscher Geist und deutsche Sprache standen immer in einer seltsamen Gegenwirkung, und haben noch nicht seit lange ein befriedigendes Wechselverhältniß zu einander erreicht. Die deutsche Wiffen: fchaft, die fich lateinisch ausdrückte, das deutsche Gesellschaftsleben, das italienisch und französisch redete, das poetische deutsche Volksherz, das die heimathlichen Laute bald fed hervorquellen ließ, bald auch wieder wie ftumm werbend verlernte, dies waren verlegene Zustände einer Nationalbildung, die nur so lange möglich sind, als eine Nation noch nicht eine eigenthümliche Summe origineller Weltanschauung in ihrem Vermögen hat. Ift sie aber einmal zu dieser gelangt, so ist auch eine scharf geprägte Individualität in ihr fertig, welche sich jeder sprachlichen Fremdherrschaft von felbst widerseßt und einen eigenen Haushalt und Heimathsheerd ihrer Nationalsprache für alle Les bensbeziehungen verlangt und feststellt.

Ob der Deutsche im Fortgang seiner Geschichte an historischer Individualität verloren oder gewonnen habe, davon soll hier die Rede nicht sein.

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Aber in seiner Weltansdauung hat sich etwas entschieden Deutsches immer reichhaltiger individualisirt, wenn nicht durch historische, doch durch fpeculative Elemente getragen, und diese in ihre Blüthe getretene innere Persönlichkeit hat eine schon ergraute, in ihren Formen abgeplattete und so oft treulos preisgegebene Sprache wieder zu neuem Lebensgebraudan sich heraufgeranft. Die anerkannte und erwiesene Nothwendigkeit der deutschen Sprache für den deutschen Geift dauert noch nicht viel länger als ein Jahrhundert. So jung ist das harmonische Bündniß zwischen unserer Stammsprache und Nationalcultur, während noch die Lyrifer des siebzehnten Jahrhunderts zur Abwechselung auch als Nachtigallen latiums fich gebärbeten, und Leibniß, der von der deutschen Sprache groß dachte und fchrieb, doch seine eigensten und innersten Gedan: ken größtentheils nur lateinisch oder französisch ausbrücfte.

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