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II. Die Individualität und die Sprache.

Ale Sprache, alle Fähigkeit der Darstellung, ist auf die Individualität zurückzuführen. Der Ursprung unserer Sprache hat dieselbe Geschichte, wie der Ursprung unserer Gedanken. Beide liegen im Individuum, und das Individuum felbft ift nichts und nichteristirend ohne ste. Es wäre schwierig zu sagen, was das Individuum noch fei, außer feiner Sprache und seinen Gedanken, die, gegen einander felbft unzertrennlich, zusammen den Bast und das feste Gewebe der Persönlichkeit ausmachen. Bei den Stummen muß eine innere Sprache, die ihnen im Stillen die Seele bewegt, angenommen werden, weil ein menschliches Dasein ohne Sprache undenkbar ist. Die Sprache entsteht aus der Individualität, oder sie ist vielmehr diese felbst, und mit diesem Gesichtspunkt schließt man alle so viels fältig und wunderlich angestellten Untersuchungen über den Ursprung der Sprache. Süßmilch führte im vorigen Jahrhundert den Beweis, daß der Ursprung der menschlichen Sprache göttlich sei, und Herder widerlegte ihn in seiner berühmten Preissdrift, in der, neben vielen sentimentalen und declamatorischen Augemeinheiten, worin fo häufig Herder's Untersuchungen verschwimmen, doch der schlagende Grundgedanke festgehalten ist: daß menschliche Vernunft und menschliche Sprache etwas Identisches und gleichzeitig miteinander Hervorgegangenes. Wird daher bei dem sogenannten göttlichen Ursprung der Sprache Gott wie ein Schullehrer gedacht, der uns die Wörter erfunden und zuerst Fibel und Grammatik verfertigt, so wäre diese Vorstellung, obwohl sonstigem populairen Verhältniß zu Gott analog, doc eben so uns sinnig, als wenn man behauptet hat: die Thiere würden Alles erreichen, was der Mensch ist, wenn ste nur die Sprache besäßen. Das Thier kann eben, weil es kein Mensch ist, die Sprache nicht besiken, und die Thiersubstanz wird in den eigenthümlichen Lauten, die ihr vergönnt sind, hinlänglich sich und Andern klar, ohne noch etwas in fidy zu tragen, was nicht lautbar an ihr werden fönnte. Die Stimme der Nachtigal ist die Nachtigall felbft. In den hellen Wirbeln der Frühe verhaucht das Morgengeschöpf, die derde, Teine ganze Eristenz. Sonst wäre es mit der Schöpfung schlecht bestellt, wenn die Thiere nur Thiere wären, weil der Schöpfer sie bei der also mechanisch gedachten Sprachvertheilung willkürlich übergangen.

Der göttliche Ursprung der Sprache hat in einem andern Sinne seine Wahrheit, in welchem er in den Ursprung der menschlichen Individualität sich verliert. Herder würde sich mehrere Umwege erspart haben, wenn er die Sprache sogleich als die Auseinanderlegung der menschlichen Persönlichfeit selbst aufgefaßt hätte. Bei aller zugegebenen Einheit und Unzertrennlichkeit von Vernunft und Sprache, Wort und Gedanke, ist doch die menschliche Sprache etwas Gemischtes, das nur nach der einen Seite in unser rein Vernünftiges und Göttliches, nach der andern aber in unser Seelisches und in das Nervenleben hineinreicht. Dies ist die ächte Mischung des Individuellen, welches Sprache wird, und so gehen Temperament, Blut und Leidenschaften der Völker in ihre Grammatik und Wörterbücher über. Die reine Vernunft, die alle Nationen zu einer gleichen intellectuellen Anschauung führt, würde als Sprachbildnerin eine allgemeine Sprache erzeugt haben, die bis jeßt nur als fünstliches Problem erfindenden Köpfen vorgeschwebt hat. Der Ursprung der Sprache als Puslautung und Wortwerdung der Individualität gestaltet die volksthümliche Verschiedenheit der Spras chen. Der verschiedenartige Eindruck, den ein und berselbe Gegenstand auf verschieben erregte und nationell gefärbte Gemüther hervorbringt, giebt derselben Sache die mannichfaltigsten Klangbezeichnungen und lautfiguren, abhängig von Luft, Himmel, Wasser und Erde.

Wilhelm von Humboldt sagt sehr treffend in der Einleitung zu seinem großen Werk über die Kawi - Sprache*): „Die Geistes eigenthü mlichkeit und die Sprachgestaltung eines Volkes stehen in solcher Innigkeit der Versớmelzung in einander, daß, wenn die eine gegeben wäre, die andere müßte vollständig aus ihr abgeleitet werden können. Denn die Intellectualität und die Sprache gestatten und befördern nur einander gegenseitig zusagende Formen. Die Sprache ist gleichsam die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker; ihre Sprache ist ihr Geist, und ihr Geist ihre Sprache; man kann sich beide nie iden: tisch genug denken. Wie sie in Wahrheit mit

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*) Ueber die Kawi-Sprache auf der Insel Java, nebst einer Einleitung über die Versdiedenheit des menschlichen Spradibaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicelung des Menschengeschlechts. Erster Band 1836, mit einer schr sdön geschriebenen Vorrede des Herausgebers, Alexander von Humboldt.

einander in einer und ebenderselben, unserem Begreifen unzugänglichen Quelle zusammenkommen, bleibt uns unerklärlich verborgen. Ohne aber über pie Priorität der einen oder andern entscheiden zu wollen, müssen wir als das reale Erklärungsprinzip und als den wahren Bestimmungsgrund der Sprachverschiedenheit die geistige Kraft der Nationen ansehen, weil sie allein lebendig felbstständig vor uns steht, die Sprache bagegen nur an ihr haftet. Denn insofern fich auch diese uns in schöpferischer Selbstständigkeit offenbart, verliert sie sich über das Gebiet der Erscheinungen hinaus in ein ideales Wesen. Wir haben es historisch nur immer mit dem wirklich sprechenden Menschen zu thun, dürfen aber darum das wahre Verhältniß nicht aus den Augen lassen. Wenn wir Intellectualität und Sprache trennen, fo eristirt eine solche Scheidung in der Wahrheit nicht. Wenn uns die Sprache mit Recht als etwas Höheres erscheint, als daß sie für ein menschliches Werf, gleich andern Geisteserzeugnissen, gelten könnte, fo würde sich dies anders verhalten, wenn uns die menschliche Geisteskraft nicht bloß in einzelnen Er: scheinungen begegnete, sondern ihr Wesen selbst uns in seiner unergründlichen Tiefe entgegenstrahlte

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