Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

es ,

völlig partheilos nennen kann, jenen ältern Ursprung der Waldenser hartnäckig vindicirten. Die einheimische Sage beweiset nämlich wohl etwas, kann aber eben so wohl von einheimischer Nationalliebe und einheimischem Nationalstolze eingegeben seyn. Unschwierig bleibt, welcher Ableitung des Namens man folgen müsse, wenn man die gemeine von Petrus Valdo verwirft. In den Thälern selbst hörten wir öfter die Erklärung durch Thalbewohner“

von vallée (vaud, pays de Vaud, vergl. Vaucluse, vallis clausa. Vaux im Waldensischen entspricht dem Französischen Vallées), als die allein richtige anpreisen. Sie ist die natürlichste, Nur sehr Wenigen konnte die Ableitung von einem völlig unbekannten Städtchen Waldis an der französischen Grenze zasagen. Eben so unfruchtbar ist

an einen andern WALDO, den Freund des berühmten BERENGAR , zu denken. Ueberzeugender noch für den im höheren Alterthume sich verlierenden Ursprung der Waldenser ist der Umstand, dass papiştische Schriftsteller, wie RAYNERUS-Sacco, Cassini, Ros RENCO U. A., wenn sie von den Berichten reden, welche ausgeschickte Beauftragte des römischen Hofes über den Geist des häretischen Völkchens abstatten mussten, stets hervor- . heben, dass jene Berichterstatter von „undenklichen, ja den apostolischen Zeiten" sprechen, von welchen her die waldensischen Gemeinden ihre eigenen Religionsübungen gehabt hätten. Dasselbe Alterthum machen die Waldenser in ihren Gesuchen an ihre Landesfürsten geltend, ihnen die freie Uebung ihrer Religion ferner zu gestatten. Indessen führt dieser Punkt, streng angesehen, nur auf das Vorherrschen der inländischen Tradition im Volke über das Alter der von ihm geübten evangelischen Gottesverehrung.

Halten wir indess das Für und Dawider der Ueberlie. ferung und Schriftsteller, glaubwürdiger Thatsachen und unverbürgter Vermuthungen mit rücksichtsloser Schärfe gegen einander, so tritt als das wahrscheinlichere Resultat im Ganzen heraus, dass die Waldenser der heutigen piemontesischen Thäler zwar jedenfalls gegen Ende des zwölften Jahrhunderts init den Armen von Lyon oder den flüchtig gewordenen Anhängern des Petrus Valdus in Verbindung

[ocr errors]

waren, dass aber ihr früheres Leben und Wirken innerhalb dieser Thäler vom neunten Jahrhunderte an, wenn gleich innerlich nicht unwahrscheinlich, doch in grosses Dunkel zurücktritt, und geschichtlich keine hervorstechenden Data darbietet 16).

16) Alles, die Uebereinstimmung der katholischen, prolestantischen und waldensischen Zeugnisse, führt auf einen älteren Ursprung der piemontesischen Thalkirchen und Glaubenslehren, als den des 12. Jahrhunderts durch Petr, Waldo (auch Valdius , Baldo, Baldon, Valdensis genannt), sie bildet eine achtụngawerthe Veberlieferung und einen Collektivbeweis, wie man beide in geschichtlichen Dingen nur verlangen kann. Zuerst geht ein gemeinschaftliches früheres Band durch die provençalischen pod piemontesischen Glaubensgenossen, und bei einem tieferen Studium der Erlebnisse der kleineren französischen Kirchen wird es immer wahrscheinlicher, dass sie bereits vor VALDus ip Berührung und gegenseitiger Beschiekung geblibet haben. Die Thätigkeit dieser kleinen Gemeinden war unglaublich; auch in die entferntesten Antheile, wo ein Schatten einer Niederlassung war, ging ihre Wirksamkeil. Nach Nicol. VIGNER wurden sebon 1214 sieben Waldenser aus Provence verbrannt, nebst anderen von Agenois, Perigeux, Limosin, Quercy, Rovergne u. a. Ortschaften in Frankreich. Aber bereits hundert Jahre früher (1114) zeigten sich als von ihnen entstanden die Albigenser, zuerst Anwohner von Albi im Langoedoe, dann überhaupt Abtrünnige dieser Richtung. Auch haben sich 1017 zu Orleans Ketzer hervorgethan, deren Nachfolger Simon von MontFORT bekämpfte, nach dem Zeugnisse Petri des Mönches vom Thal Serne. Diese Ketzerei war demnach schon vielleicht zu Anfange des 10. Jahrhanderis verbreitet. Gleiches bestätiget GLABERIUS RODULPHUS hist. 1. 3. Later Innocenz II. 1130 war ihre Auzahl, bedeutend gewachsen. Ein Kennzeichen ihrer Verwandtschaft ist, dass sie sich, gleich den Anhängern des ebrwürdigen CLAUDIUS von Turin, besonders nachdrücklich gegen Bilderdienst erklären, wodurch sie vielleicht ihre Abkunft aus den

piemontesischen Gebirgen, oder doch ihr gemeinsames Gepräge und ihren | Zusammenhang zu erkennen geben. Ja der Missionar und Mönch BALVE

DERE, der erste unter den päbstlichen Missionaren, behauptet, dass dergleieben Leute in den Thälern von Angrogne 6 allezeit anzutreffen ge

M. AURELIUS RORENCUS, Grossprior von S, Rocco zu Turin, und Glied des Raths von Lucern, findet sie schon im 9. und 10. Jahrbunderte, datirt aber ihre Entstehung weit höher hinauf, und nennt sie Apostoliiche ", ja er zweifelt selbst an der Möglichkeit ihren Ursprung aufzufinden.

REYNERCS SACCO oder Sacchoni, dominikan. Schriftsteller der luçaisition († 1259), geht so weit, zu sagen: „dass die Waldenser oder Albizeaser von der Zeit Sylvesters oder wohl gar der Apostel her bekannt

wesen,

}

II.
Mittlere Zeit.

Die Schicksale der piemontesischen Waldenser in mittlerer Zeit sind wechselvoll gewesen, abhängig von politischen Verflechtungen, insbesondere der Höfe Frankreichs

gewesen. CLAUD, SEISSELIUS, Erzbischof zu Turin, ist der Meinung, dass die Sekte der Waldenser von einem gewissen Leone, einem frommen Manne zur Zeit Constantins des Grossen im Anfange des 4. Jahrhunderts herrühre, was sich sogleich als höchst unkritische Tradition verräth; 80 auch P. COMENIUS und die franz, Kirchenhistoriker. Tiebertrieben und flach ist die Meinung eines italienischen Ordensgeistlicben, SAM. CASSINI, nach welcher sie so alt sind als die christliche Kirche selbst. Und dass die Waldenser seit 1100 in dem Bekenntniss und der Ausbreitung ihrer alten Lebre sich gleich geblieben, bis auf die Ausstellung eines Glaubensbekenntnisses an Franz I. von Frankreich im J. 1544, ist die Meinung des französischen Historikers DE LA POPELINIÈRE. Auch Jo. CRISPINUS versichert, dass sie von ältester Zeit her in den piemontesischen Thälern sich aufgehalten, und von ihnen die Albigenser in Provence stammen. Der Jesuit CAMPANUS nennt sie majores nostros“ und behauptet ihr Allerthum von der römischen Kirche. Zu dieser Wolke katholischer Zeu. gen gesellen sich die reformirlen, wie Rob. OLIVETANUS (freilich ursprünglich selbst Waldenser ), der verdiente Urheber der französischen Bibelübersetzung, Beza, SLEIDANUS und Andere, welche diese Anwohner der Alpen für Ueberreste der ersten und reinsten Christen erklären. End. lich der innere Beweis aus waldensischen Bekräftigungen selbst wird nicht allein aus der noble leiçon (s. ob.) geführt, sondern auch aus anderen gleichzeitigen alten Schriften: wie aus einem Traktat vom Antichrist, aus einem wider Anrufung der Heiligen, und aus einem andern Manuscripte, welches bis zu der Apostel Zeiten hinaufreichen soll. Wiederholt in allen Deklarationen und Bittschreiben an die Herzöge von Savoyen, ihre Landesfürsten, haben sie sich, ohne Widerspruch von Seiten ihrer Feinde, auf ihre uralte gottesdienstliche Einrichtung und auf die Ausübung des reinen Evangelii seit ungedenklicher Zeit berufen. Das argu. menlum a silentio der Gegner hat hier, wenn irgendwo, eine Kraft. Am weitesten geht Ta. Beza, welcher umgekehrt die Entstehung des Na. mens Waldus von den Waldensern behauptet. Der andere Waldus, der innigste Freund des Berengar, im 9. Jahrhundert, welcher letzteren ab. rieth , auf das Concilium zu Vercelli in Piemont (1049) zu gehen,

kana bei gänzlicher Abwesenheit aller weiteren Spur als Gründer nicht in Betracht kommen. Auch VOLTAIRE, freilich hier keine Autorität, ist der Meinung vom Ursprunge der Waldenser von Vaud ele. FUESSLIN a. o. II. 193,

[ocr errors]

ond Savoyens, von bitterer Ungunst oder verdienter Gunst der Fürsten. Schädlich wurde ihnen die Verbindung mit den stets als ketzerisch behandelten Albigensern, den ursprünglichen Bewohnern von Albi in Languedok, die sodann weiter im südlichen Frankreich sich ausbreiteten. Die Verwechselungen oder Identificirungen der ursprünglichen oder ältesten Waldenser (in den piemontesischen Thälern), der Schüler des Petrus WALDO, und der Albigenser sind in den päbstlichen Bullen häufig; sie gelten den Römischen für Zweige Eines bösen Stammes des Unglaubens und Irrthums 17). Die Albigenser überliessen sich nicht selten Ausschweifungen und Grausamkeiten, welche die bescheidenen, edlen und stillen Waldenser der Thäler vereinigt mit den späteren Schülern des P. WALDO nie getheilt haben. Dennoch wurden sie unter den Züchtigungen der päbstlichen Ballen begriffen. Bereits vor P. WALDO ward auf dem Concil zu Veropa im Jahre 1114 durch LUCIUS III. vorläufig entschieden. Man erkannte die Verbindlichkeit an, die Ketzer auszurotten. Man machte den Gläubigen ein Verdienst daraus, die der Ketzerei Verdächtigen zu deferiren. Doch wurden in demselben Beschlusse die Opfer der Häresie von der Kirche menschenfreundlich der Milde des weltlichen Armes empfohlen. Vor 1230 ist indess kein Kreuzzug gegen die Waldenser geführt worden. Der erste ward gepredigt durch Isrocexz III., besonders gerichtet gegen die Albigenser und Waldenser des südlichen Frankreichs. Damals flohen Viele. Diese Verfolgungen gehören, genau genommen, nicht in die Geschichte der piemontesischen Waldenser. Diese letzteren haben mithin auch keinen Theil an den Gräueln, Ausschweifungen und Schandthaten, deren sich im südlichen Frankreich nicht bloss die Verfolger, sondern auch die Verfolgten, wenn auch nur nach dem Gesetze der Wiedervergeltung und gereizten Leidenschaft, schuldig machten. Südliche Leidenschaft hat beide Theile entzündet und regie

17) In diesem Sinne sagt Gregor IX. von ibnen ; sie seyen: „diversas quidem facies, celerum caudas ad invicem colligatas habentes. “ Thuan. kistt. sui temp. 1, VI. p. 125. (ed. Offenbach. 1609. f.) FLECK theol. Reisefrüchte.

3

[ocr errors]

ret. Es ist kein Zweifel, dass eine Parthie der südfranzösischen Albigenser oder Waldenser etwas Manichäisches hatte, das den Bewohnern der Thäler immer fremd geblieben ist. Die Kämpfe gegen Albigenser und Waldenser in dem südlichen Frankreich, begonnen zu Ende des zwölften Jahrhunderts, wurden von den päbstlichen Legaten mit unbedingter Vollmacht von Rom geführt zur Ausrottung der ketzerischen Schlechtigkeit. Diese Bevollmächtigten waren Feldherren und Glaubensrichter in Einer Person. Die Herren der Provence, insonderheit die Grafen von Toulouse, erkannten in den Albigensern und Schülern des Petr. Waldo ihre geschicktesten, treuesten und bravesten Unterthanen 18), und hatten daher kein Interesse, an den Kreuzzügen gegen sie Theil zu nehmen; vielmehr traten sie öfter entschieden auf Seiten der Ueberfallenen. Die Macht der päbstlichen Legaten, die mit Heeren anzogen, ward selbst den übrigen hohen Geistlichen, wie dem Erzbischof von Narbonne bedenklich und lästig. Auch fühlte man das Demuthsvolle und Apostolische, das in den Bestrebungen jener kleinen Sekten war, wohl von Seiten der römischen Kirche, und strebte ähnlichen Bedürfnissen und Regungen durch den Prediger- und Franziskanerorden abzuhelfen, von denen der erste als ein ambulatorischer und recht eigentlich apostolischer ausdrücklich darauf ausging, die Ketzer zu bekehren 19).

[ocr errors][ocr errors][ocr errors]

18) Man nannte sie im Volke halb spottweise, halb mit Wahrheit bons hommes. Der eifrige Mönch von Wallcernay, der gleichzeitige Hauptschriftsteller über diese kleinen und verheerenden Kriege spricht öfter von einer dolosa Tholosa (Toulouse).

19) Die Schüler des P. WALDUS predigten als Laien ohne Genehmigung des Bischofs oder des römischen Stuhles ihre Besserung der Kirche und ihre Lehre. Da sie dabei auch das ausschweifende Leben der Geistlichen tadelten, und viele Missbräuche schonungslos rügten, so griff ibnen der Clerus von Lyon in die Arme. Als sie das ihnen gebotene Stillschweigen nicht achteten, erfolgle der Bann. Um so reissender verbreiteten sie sich in andern Staaten. PETER von Arragonien im Jahre 1197 verbannte sie aus seinem Reiche. BERENGAR, Erzbischof von Narbona, sprach das Verdammungsurtheil über sie. Es war vergeblich, dass sie damals sich entschlossen, nach Rom Recurs zu nehmen, um vom apostol. Stuhle Bestätigung ihrer Einrichtungen zu erhalten,

« ͹˹Թõ
 »