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schen Ernst? Ich sage nicht deutsche Einbildungskraft; denn in dieser heitern Himmelsgabe möchten uns unsere westlichen und südlichen Nachbarn wohl beneidenswerth vorkommen: wie sie denn zwar ein angebornes Talent und Geschenk günstiger Sterne ist; aber doch gestärkt und gross gezogen wird, durch äussere glückliche, selbst klimatische Verhältnisse. Und in dieser Hinsicht sagt so wahr unser GOETHE, dass der Deutsche Alles so schwer nehme, was ausser und über ihm sey.

Ja die besten und edelsten im Auslande erkennen es, dass in den eben genannten Beziehungen die Deutschen noch immer ihre Lehrer und Meister seyen und bleiben werden. Wie oft hörte ich solches Urtheil mit wahrer Ueberzeugung aussprechen; wie oft es mit Empfindung beklagen, dass das geistige Band noch immer ein so schwaches sey, welcbes die deutsche Literatur und wissenschaftliche Bildung mit dem Auslande in Verbindung bringe. Denn die Schwierigkeit unserer Sprache, ja deren Reichthum stehen unlängbarer Weise ihrer Verbreitung im Mittag und Abend Europa's entgegen. Doch wir dürfen aus guten Vorzeichen hoffen, dass der Geist deutscher Wissenschaft aus dem Herzen unseres Welttheils immer glücklicher nach allen Richtungen vorwärts dringen, dass er mit der Zeit ein europäischer seyn werde").

Diese allgemeinen Andeutungen, m. H., dürfen hier eine weitere Ausführung nicht finden, wenn wir uns nicht in einem unermesslichen Felde verlieren wollen. Lassen Sie uns auf das, was uns am nächsten angeht, auf den theologi

1) Die edelsten und gediegensten Italiäner, wie der Astronom PLANA in Turin, der Historiker Micali in Florenz, MEZZOFANTI und selbst A. MAI in Rom, auch der verewigte CICOGNARA in Venedig, SILVIO PELLICO in Turin, der Cav. AVELLINO zu Neapel uad Andere haben sich lebhaft für deutsche Literatur interessirt, und hegen die ungeheuchellate Achtung gegen deutsche Gelehrsamkeit und Forschung, wie sie mir selbst zou Theil versichert haben. Nur beklagen sie eben so lebhaft, dass ihnen die Schwierigkeit der Sprache immerfurt Hindernisse bereite. Diesem wird, wie zu boffen, durch häufigere Uebersetzungen auch wissenschaftlicher Werke abgeholfen werden, von denen man mit unserm Schiller einen nicht unglücklichen Anfang gemacht hat.

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schen Character unsere Aufmerksamkeit wenden. Ein Zug nach den wissenschaftlichen und künstlerischen Schätzen der italischen Halbinsel, dem gelobten Lande der Kunst und des Alterthums brachte zuerst den Entschluss der Reise in mir hervor, eine nähere Bestimmung meines Lebens oder die biblisch kritische Richtung stärkte und kräftigte ihn. Noch Reiches hoffte ich zu finden, und meine Hoffnung täuschte mich nicht. Denn niemals sind Arbeiten dieser Art, wie z. B. die für die Textberichtigung der biblischen Urkunden unternommenen, abgeschlossen und vollendet, der Nächstfolgende berichtigt und bereichert den Vorhergegangenen, das Zeitalter steigert seine Ansprüche. Erlassen Sie mir in diesem Augenblicke noch den ausführlichen Bericht über das, was ich fand, und wie ich es fand, auf welches ich später zurückkehren und dem Publikum Rechenschaft ablegen werde, und lassen sie mich vorerst den allgemeineren Eindrücken nachgehen, die ein so verlängerter Aufenthalt in Frankreich und Italien, in den Ländern des Kirchenthumes, der Glaubensdespotie und der Religionslosigkeit auf den protestantischen Fremdling, der überall nach Anschauungen und nach concreten Erfahrungen rang, hervorbringen musste.

Das christliche Leben von innen heraus ist ein Vorzug und besonderes Eigenthum der deutsch-protestantischen Kirche; es ist das Erzeugniss einer aufgeklärten und erleuchteten Frömmigkeit. In ihm gestalten und erzeugen sich die einzelnen Handlungen für die Aussenwelt wie nach einem bekannten Gleichnisse die guten Früchte eines gesunden Baumes, und wohl muss man von einem solchen sagen, dass er nicht wisse, wann und wie viel er Gutes thue; er fliesset über von dem unversiegbaren Borne, der in ihm ist, und der sicherlich hinüber reicht in ein ewiges Leben. Diese Erscheinung wird jeder, der über sich selbst, und über die Welt, die ihn umgiebt, zum klaren Bewusstseyn gelangt ist, für die höchste halten, die in diesem Leben gegeben ist; und auch der Reichste an Erscheinugen und Erfahrungen des höheren und niederen Lebens, der einen Schatz von köstlichen Erinnerungen und theueren Angedenken in sich verwahrt, der alle Lust und Heiterkeit des Lebens in sich

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aufgenommen hat, wird nicht umhin können, einzugestehen, dass, wenn er auch selbst sich untüchtig und unfähig fühlt zu jener Höhe des Lebens, er sie doch in Anderen und überhaupt als das Höchste anerkennen müsse?). Denn in ihr allein muss er das Bleibende, das Wesenhafte anerkennen, während alle übrige Thätigkeiten und Genüsse wechseln, und keine nachhaltigen Eindrücke in der Seele zurücklassen. Hierzu aber finden sich die Anbahnungen am leichtesten innerhalb des protestantischen Gebietes und hier wieder am meisten auf deutschen Boden. Das ist es, LUTHER, den deutchen Mann, in Rom befremdete, und mit ionerem Grimme erfüllte, das ist es, was die beilige Flamme des Glaubensfeuers in ihm entzündete, und das Werk der Kirchenverbesssrung weckte, dass er des äusseren Tandes und der Werkheiligkeit zu Viel entdeckte, dass Scheinheiligkeit und schlaue Gewinnsucht die Stelle christlicher Tugend einnahmen, dass das arme Volk betrogen ward un sein theuerstes Kleinod, die Freiheit der Gewissen, und als Werkzeug dienen musste priesterlicher Herrschsucht und Täuschung. Noch zeigt man die kleine Kirche Maria del popolo, wo LuTHER predigte, als Gast der Augustiner in ihrer anstossenden Herberge; nicht ohne die heiligen Schauer der Ehrfurcht betrat ich den Ort, wo seine Kanzel stand: denn hier vielleicht ward der Gedanke gefasst, der die Welt erschütternd ihr einen neuen Schwung von innen heraus gab 3). Und ist das neue Rom etwa anders geworden, als das alte ! Zwar giebt es genug der Hellersehenden unter den Gebildeten, aber die geistliche Macht ist stärker und jeder duldet um nicht mehr zu leiden. „Rom weichet nicht“),“ sagen Sprüchwort und Erfahrung. Die Schrecken der Inquisition stehen nicht bloss auf dem Papiere noch, wie Wohlmeinende wohl glauben mögen, wenn sie gleich ihr Werk im Dunkeln treibt 5). ? Und wenn auch die weltliche Macht des Pabstes gelitten : hat, und schwankend geworden ist, so ist doch die geist- 2 liche und der Grundsatz derselben sich gleich geblieben. !! Wunderbar ist in unsern Tagen die Erscheinung einer ganz von Priestern regierten Stadt. Das Regiment so vieler geistlicher Herren kann kein wohlthuendes seyn, und wo ist auch eine grössere Willkühr in allen Zweigen der Verwaltung)? Der wahre Character des katholischen Gottesdienstes trifft das Gemüth nicht um es zu erheben; aber er schmeichelt den Sinnen, um den äusserlichen Menschen zu fesseln, und wir beklagen es sehr, dass viele weiche Individuen, ja geniale und grosse Künstler, diesem Sinnenreize nachgehend, den Glauben ihrer Väter abschwaren, um in unerschöpflichen Gebilden stets neu genährter Phantasie mit ihrem ganzen Wesen zu leben, ihren Anschauungen noch die Ueberzeugung des inneren Menschen beizufügen, und sich ganz zu versenken in die süsse Bequemlichkeit des Glaubens ohne Prüfung und des Seelenfriedens ohne selbstthätige Begründong. Wohl kann die strenge Einheit und Consequenz des römisch-katholischen Kirchensystemes den

2) Nirgends ist das christliche Leben, wie wir es hier zeichnen, als einen unwillkürlichen Erguss guter Thaten, treffender dargestellt, als in der kleinen Schrift von APPIA (Waldenserprediger zu Frankfurt am Main): la cie chrétienne sermon sur ce texte : en elle était la vie et la vie était la lumière des hommes. Jean. 1, 4. prêché le 22. Janvier 1820. dans le temple de l'oratoire à Paris à l'occasion d'une collecte fuile en fateur des églises vaudoises des l'allées du Piémont : suivi d'une courte notice sur les l'audcis. Paris. 1826, 8.

3) Veber LUTHERS Predigt in dieser Kirche und seinen Aufenthalt in dem beigelegenen Augustinerkloster berichtet eine achtungswerthe Tradition. Denn es ist auffallend und noch nicht erklärt, dass LUTHER selbst sie oder nur mit grösster Zurückhaltung von seiner im Jahr 1510 in Auge. legenheites des Augustinerordens nach Bom unternommenen Reise spricht, die unstreitig seine Zweifel zum Durchbruche brachte. S. PLANCK Geschichte des protestantischen Lehrbegriffs. I. S. 63, 64.

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4) Rome ne recule pas.

5) Das Gerücht gehet in Rom, dass noch vor wenigen Jahren frei. müthige, verwegene Geistliche in dem Locale des S. UFFIZIO hinter der Peterskirche eingemauert worden seyen, dass andere verschwunden, ist eine Thatsache. Man hört sehr wenig von der Wirksamkeit der Inquisition in Rom; dass sie sistirt sey, hat noch niemand behauptet. In Rom, in dem von Fremden angefüllten Rom ist man vorsichtig.

6) Bekannt ist der Ausspruch eines ältern Reisenden, dass in Rom 75,000 Menschen leben, die befehlen, und 75,000, die nicht gehorchen,

hülfios nach geistlichem Heile Durstenden anziehen und betäuben, sie kann ihm ein leicht gewonnenes Ruhebett für seine Zukunft diesseit und jenseit des Grabes ?) unterlegen. Aber auch ein dauerndes ? Nur dann, wann jeder Zweifel fern gehalten wird, wann der Zweifel selbst schon für Verbrechen gilt, und der Verstand sich eigenwillig verschliesst klaren Begriffen und deren Entwickelung. Ja oft, sehr oft habe ich die Segnungen des Protestantismus immitten katholischer Länder empfunden, wenn ich die Vernachlässigung so vieler und wichtiger menschlicher Anlagen beobachtete, wenn ich den Mangel wahrer Erziehung bemerkte, die stets in den Sitzen des Katholicismus grosse Hindernisse finden wird, und nur bis zu einem gewissen Grade durchgeführt werden kann. Denn keine freie intellectuelle und sittliche Bildung ist da möglich, wo die letzten und höchsten Fragen durch unbegründete Voraussetzungen beantwprtet werden.

7) Denn Rom sparet, wo es sein Interesse gilt, eben so wenig die Geldspenden der Erde, als die Verheissungen himmlischen Lohnes. Der Protestantismus schämt sich und mit Recht, Proselytenkassen zu führen, die in Italien ungescheuet bestehen. Ein grosser Vorzug der römischkatholischen Kirchendisciplin ist, dass der Geistliche schon als solcher, als Abbé eine kleine Besoldung geniesst, und drückenden Nahrungssorgen, welche leider so oft bei uns die künftigen Glieder des geistlichen Standes treffen, dadurch entzogen ist. Die Messen werden ihm besonders bezahlt. Man denke an das Schicksal unserer armen Schullehrer, selbst noch in Sachsen, die oft ohne alle Unterstützung sind. Schon manchen talentvollen jungen Mann hat die Aussicht zu schneller Gewinnung eines übrigens mässigen Glücks, das bei aller Anstrengung innerhalb der evangelischen Kirche ihm unerreichbar schien, hinübergelockt; da ihm in seinem einheimischen Boden das Leben alle seine Gaben zu verweigeru schien, Das nambafte Beispiel des Dr. Herbst in München liegt vor, über dessen innere anregende Gründe wir nicht zu entscheiden wagen, dem Herrn solch' Gericht überlassend. Möchten sich doch die protestantischen Regierungen veranlasst finden, für ihre theologischen Candidaten besonders die tüchtigeren auf eine eben so würdige and verhältnissmässig schnelle Art zu sorgen, als katholischer Seits bei weit geringerem Verdienst dies für die katholisehen jungen Geistlichen geschieht. Aus diesem Missverbältniss unser Sprichwort: „es ist zum Katholischwerden.“ Wie die Sache jetzt liegt, befindet sich upläugbar die protestantische Kirche gegen die katholische in dieser Beziehung im Nachtheil.

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