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ihrer Bedrängniss genöthiget, sich in die von Natur gebildeten Felsen 39) der Balsille zurückzuziehen, welche sie befestigten, tapfer vertheidigten, und unzugänglich machten. In dieser Festung lebten sie während des Winters von Lebensmitteln, die man ihnen zuzuführen wusste. Zu Anfange des Frühlings beunruhigte sie aufs Neue der in den Thälern kommandirende französische Oberbefehlshaber vox CATINAT, und liess ohne Erfolg die Festung der Balsille im Thale St. Martin angreifen. Doch zog sich dieser talentvolle Feldberr von der Unternehmung selbst zurück, und überliess die Ausführung dem MARQUIS V. FeUQUIÈRE, der init 22,000 Mann in 14 Tagen durch Kanonen das Fort zwar in seine Gewalt brachte, aber sich der Waldenser nicht bemeistern konnte. Denn diese, von der schützenden Hand der Vorsehung sichtbar begleitet, flüchteten bei nächtlicher Weil durch unermessliche Abgründe auf die Höhen und in die Dörfer der Communen von Rodoret und von Praly, wo sie durch eine Fügung unter dem Schnee Getreide verdeckt und erhalten fanden, das man während des Kriegs nicht hatte einsammeln können und das sie nun im Laufe des Winters ernährte. Die Verhältnisse gestalteten sich inzwischen auch wieder günstig für die Waldenser. Zwischen Frankreich und Savoyen kam es zu einem Missvernehmen und Bruche, jede der beiden Mächte suchte die Waldenser, welche leider stets als Zankapfel zwischen beiden geworfen waren, für ihre Zwecke zu nutzen. Der Herzog VICTOR AMADEUS war erfreut, an seinen Gränzen ein tapferes ihm ergebenes Heer in den Waldensern zu besitzen. Sich dieses zu erhalten, liess er an die Thalleute Versicherungen und Zeichen seines Wohlwollens und seiner Gnade ergehen, er verleibte sie seinen eignen Truppen, und bestätigte und bekräftigte ihre Rückkehr durch ein feierliches Edict vom Jahre 1694; worin er frei erklärte, dass er nur auf dringendes Ansuchen einer fremden Macht genöthiget worden sey, wider seine

CLIA. ರಾಜ

29) In allen Thälern giebt es grosse kühne Hölen, wie von der Vorsebung zum Schutz gegeben gegen Verfolgung, wie sie die Thalleute su mehr denn Einer Zeit abwehrten.

getreuen Unterthanen nachtheilige Verordnungen und Verfolgungen ergehen zu lassen. Schon früher hatte dieser Fürst (1690) in einem Schreiben an den Herzog von Or leans erklärt: „dass er seine Thalbewohner dem französischen Hofe wider alle Regeln gesunder Staatsklugheit aufgeopfert habe.“ Diese willkommene Gelegenheit benutzten die auswärtigen Waldenser, um in Schaaren den Rückweg in die geliebte Heimath anzutreten. Viele in den Kerker geworfene wurden befreiet. Die Mehrzahl von denen, welche 1686 verbannt worden waren, kehrte zurück. Der edle Kurfürst von Brandenburg beeiferte sich, den in seine Staa ten Aufgenommenen die Rükkehr zu erleichtern, indem er sie selbst mit den zur Reise nöthigen Mitteln versah,

Die Geschichte der ruhmvollen Rückkehr im Jahre 1689 ist von einem einheimischen Schriftsteller geschildert. Man nimmt gewöhnlich H. ARNAUD den Geistlichen und Heerführer, der an die Heldenzeit der Richter erinnert, als V£ an, den Mann, der das Schwert eben so wohl als das Wort des Geistes zu handhaben verstand, und jene kühne Unternek mung befehligte 30). Nach Anderen ist Urheber der Schilde rung ein Pastor Mouroux, Kollege und Waffengefährte Arnald's. Letzterer, wiederhergestellt durch den Herzog von Saroyen, erhielt von ihm das Patent eines Obristen, und WILHELM III. von England, welcher um diese Zeit zwölfhundert Thalleute auf seine Kosten bewaffnen liess, um Savoyen gegen Frankreich zu unterstützen, schenkte ihm ein Regiment Fussvolk. Der Pastor Mouroux, vom Pragelat gebürtig, das zu Frankreich damals gehörte, konnte von der gegebenen Freiheit keinen Gebrauch machen, und

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30) NAPOLEON, bei seinem Marsche durch die Thäler, frug einen Geistlichen mit Interesse nach dem Zuge des. H. ARNAUD, und ob din Erzählung genau und richtig sey. Das Original jener denkwürdigen Erzählung ist höchst selten, von DIETERICI a. 0, S. 205 im pusführlichen Auszuge benutzt, S. Vorr, S. XI, XII. Es liegt in dieser unstreitig in, teressantesten Parthie der waldens. Geschichte ein dramatischer Stoff, der eine geistreiche Ausführung nach Schauplatz und Ausgang der Thaten ser. diente und noch nicht erfahren hat. Der Gegenstand des Kampfen isl ron wahrem poet. Interesse.

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kehrte daber nach Würtemberg zų der neu angesiedelten, Colonie zurück. Von diesem Amnestiedekret des Herzog, VICTOR AMADEUS vom 4. Juni 1690 an hörten die Verfolgungen auf, und die funfzehn waldensischen Kirchen mit dreizehn Pfarrern, welche noch blühen, wurden anerkannt. Aber Hindernisse, Ränke und Hemmungen wiederholten sich doch von Zeit zu Zeit, ungeachtet mancher Vergünstigungen, die ihnen ihre Treue gegen die savoyischen Für. sten zu wege gebracht hatte 31). Im 18. Jahrhunderte zieht sich die Geschichte ihrer Leiden in das Dunkel innerer Kabinetsintriguen zurück. Es wäre nöthig, die Archive za studiren und zu durchprüfen, um das traurige und fruchtlose Detail dieses inneren kleinen Krieges kennen zu lernen

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Neuere and Deveste Zeit

Zu einem freien religiös - kirchlichen Leben und Be triebe hat auch diese Zeit noch nicht die Waldenser gebracht Sie bedurften noch immer der Unterstützungen reformirter und verbündeter Mächte. Die Geschichte des Glücks lässt sich nicht berichten, wohl die des Unglücks; von den so wiederholt verfolgten Waldensern gilt im vollsten Sinne das Wort des CICERO: satis huic bene est, cui nihil est mali, Im 18. Jahrhunderte zogen sich aufs Neue, wie in frühe ren Zeiten, viele flüchtige französische Familien aus der Dauphiné in die Thäler, deren Nachfolger noch existiren, Daber wohl die noch übrigen zahlreichen französischen Familiennamen. Inzwischen saben sich die Waldenser nach

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31) VICTOR AMADEUS II. sah fast alle seine Staaten in den Händen der Franzosen und selbst seine Hauptstadt belagert, Torin ward durch ein Heer von Engländern entsetzt (1691) unter der Anführung des Here zogs KARL VON SCHONBERG, eines aus Frankreich seiner Religion halber Vertriebenen. Der Herzog nabm inzwischen seine Zuflucht in die Thäler, and bediente sich der Waldenser als seiner Leibwache, Er verweilte besonders zu Rora , wo die Familie DURAND - CANTON bis auf unsere Tage ein silbernes Trinkgeschirr aufbewahrt, dessen sich der Fürst auf seinen Reisen bediente, und welches er seinen Wirthen, als Zeichen wohlwollenden Andenkens zurück liess,

einem geheimen Artikel 32) in der Zutrittsacte des Herzogs von Savoyen zu der grossen Allianz im Haag, abgeschlos sen durch den savoyischen Minister und Präsidenten von La Tour im Jahre 1691, in ihre Rechte wieder eingesetzt, und vor jeder eigentlichen Verfolgung geschützt. Noch immer genossen sie zwar nicht völlig gleiche Privilegien mit den übrigen Unterthanen des Königs, doch waren sie mehr denn tolerirt; und der oberste Justizhof zu Turin hat die Thalbewohner in Civilstreitigkeiten mit rühmlicher Gleichbeit und Gerechtigkeitsliebe behandelt,

Eben jene erneuerten Einzüge französischer Reformirten in die Thäler brachten indess eine temporäre Hemmung und Unruhe hervor, durch ein Edict, welches König VICTOR AMADEUS II. im Jahre 1730 ausgehen liess. Frankreich reelamirte seine französischen Unterthanen; P. CLEMENS XII. machte nicht minder starke und entschiedene Ansprüche in Bezug auf die Protestanten, welche Katholiken geworden waren und die Katholiken, welche sich zum Protestantismus bekehrt hatten, und drohete, im Fall man ihm nicht Genüge thue, ein dem Turiner Hofe vortheilhaftes Concordat zu widerrufen. Der König, um beiden Theilen zu entsprechen, erliess das genannte Edict, welches viele Verbannungen zur Folge hatte, die Auswanderer gingen nach der Schweiz oder nach Brandenburg; kehrten indess grossentheils in die Thäler zurück, und auch den Franzosen ward gestattet za bleiben, unter der Bedingniss, dem Könige von Sardinien den Eid der Treue zu leisten.

Während der französischen Kriege am Ende des ver flossenen Jahrhunderts haben die Waldenser alle Pflichten guter und tapferer Unterthanen treulich geübt. Sie lieferten ihr Contingent zu dem Regiment von Pignerol, zu welcher Provinz sie gehörten, und stellten noch ausserdem eine Arzahl Freiwilliger zu den Regimentern, welche (dies waren nicht alle) Protestanten aufnahmen, wie das von Montfort und von Chablais. In Kriegszeiten waren jedoch verfassungsmässig ihre Milizen besonders organisirt und angeführt. Sie bewachten in den Jahren 1792-1798 die Gränzen vor den Invasionen der Franzosen, der Herzog von Aosta, später König unter dem Namen von Victor EMANUEL, wohnte bisweilen unter ihnen, und ward selbst vom Könige Victor AMADEUS III. beauftragt, ihnen sein königliches Wohlwollen auszudrücken.

32) Glaubwürdige ond unterrichtete Engländer haben mir versichert, dass noch jetzt geheime Pacten mit dem englischen Hofe existiren, welche die Befehdung der Waldenser der sardinischen Regierung untersagen.

Um diese Zeit zeichneten sie sich auch durch mehrere Handlungen der Milde und christlicher Wohlthätigkeit aus, die ihnen nur von ihren Feinden verargt und zum Bösen gewandt werden konnten. Falsch und durch die That widerlegt war die Beschuldigung, dass man der Revolution geneigt sey, die französische Herrschaft herbeiwünsche, und für dieselbe initwirke, im Geheimen und durch öffentliche Begünstigung. Was die Thalleute gethan haben, waren Handlungen der Menschlichkeit, welche sie gleichmässig an die Bedrängten jedes Volkes und jeder politischen Farbe, wo ihnen in ihrer Nähe Gelegenheit kam, ausübten. In dem Östreichisch französischen Kriege des Jahres 1799 wurden 300 Kranke und Verwundete von der Armee des General Sucher, von Allem entblösst, in dem Thale von Lucerne, bei Bobi zurückgelassen. Die Gemeinde lieferte Freiwillige in grosser Anzahl, ihnen beizustehen. Die Einwohner, an ihrer Spitze der Prediger Rostaing, sammelten Lebensmittel für die Verlassenen. Andere Dörfer folgten. Niemand schloss sich von dem Akte christlicher Liebe aus. Bei Annäherung des Feindes erliess der Pfarrer einen Aufruf. Er hatte die Wirkung, dass man sich vereinigte, die Kranken auf den Schultern über die Alpen durch einen sehr schweren Pass (Col de la Croix) von zehn Stunden Weges, auf welchem man die Fusssteige erst zu bahnen genöthiget war,

bis in das erste französische Dorf zu tragen. In dem Tagesbefehl der Armee yon Italien vom 12. Dec. 1799 ward dieses Verdienst vom General mit lebhaftem Danke anerkannt. Aber dasselbe haben sie geleistet für die russischen und Östreichischen Armeen, wie die Generale BAGRATION, KHEVENMUELLER, NIEMSELL und Nieper Zeugen gewesen sind. Dem

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