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Wohnungen sind freilich grossentheils armselig, ausser den Dörfern sieht man hie und da zerstreuete Häuser oder Weiler an den Bergen; wo aber einige Wohlhabenheit herrscht, wie z. B. in la Tour, da hat die Freundlichkeit und selbst die Bauart der Wohnungen durchaus etwas Schweizerisches. Auch giebt es reizende Standpuncte. So ist z. B. Villars ein fast pittoresk auf einer mässigen Höhe gelegenes Oertchen; die Mauer eines Hauses war ganz mit Epheu begrünt. Das lange Thal Lucerne wird gegen das Ende hin enger; der Ort, welcher ihm den Namen gab, ist katholisch. Es ist das Hauptthal mit sieben Gemeinden, wovon das Wappen der waldensischen Kirchen, ein brennendes Licht mit sieben Sternen, und der Umsehrift: lux lucet in tenebris, zunächst entnommen. Die grösste Gastfreiheit und eine ächt evangelische Humanität herrscht unter den stillen friedfertigen Bewohnern dieser Thäler, so gering auch ihre Mittel sind. Während der Tage, als ich unter ihnen verweilte, ging ich mit einigen Empfehlungen von Turin versehen, von einem Prediger zu dem andern, von einer Familie zu der anderen. Denn die meisten sind unter einander verschwägert und verschwistert, man kann sagen, dass sie Eine grosse Familie bilden. Besonders habe ich die freundliche Aufnahme des würdigen und verständigen Pfarrers BONJOUR zu St. Jean (früher Ge. sandtschaftspredigers zu Turin) und der achtungswerthen und liebenswürdigen Familie des verstorbenen verdienten modérateur's BERT zu la Tour oder St. Marguerite zu rühmen. Schon ihre Physiognomie, selbst im gemeinsten Volke, flösst mehr Vertrauen ein, als die der katholischen Piemontesen, eines rührenden Beispieles erinnere ich mich im Hofe des Gasthauses zu Pignerol, wo ich einen katholisch-piemontesischen und einen waldensischen Armen neben einander, und beide um ein Allmosen bitten sah. Die Miene des waldensischen Alten rührte durch ihren Ausdruck, ihre Ehrlichkeit und Treue. Mit reinem evangelischem Glaubenseifer verbinden die Waldenser im Ganzen eine Biederkeit und Zuverlässigkeit, von der man, ohne zu Viel zu sagen, behaupten kann, dass sie nicht in diesem Grade in katholischen Theilen sich finde. Daher sind auch die waldensischen Dienstleute z. B. in Turin sehr beliebt und gesucht. Man athmet in protestantischer Luft, und wer wie ich, Viel in katholischen Ländern gereist ist, weiss was das sagen will und wird mich verstehen.

Wahr ist's, dass fast überall in den Thälern die katholische Kirche, die nur eine sehr geringe Anzahl von Gläubigen hat, der protestantischen gegenüberstehet. Auch fehle es nicht an Erschwerungen und an Proselytenmacherei, Der protestantische Theil muss zur Unterhaltung der katholischen Pfarreien beitragen, hat überhaupt } oder der Staatsabgaben mehr, und seine Unterhaltung der Geistlichen und Kirchen wird nicht von den Staatsabgaben gedeckt, wie im katholischen Antheil. Die Catechisation geht von Weihnachlen bis Ostern vor; von Ostern bis Pfingsten schliesst sich an die gottesdienstliche Austheilung des heil. Nachtmahls. Wenigstens an den drei Hauptfesten und im Sept. wird die Communion gefeiert. Jede Pfarrei hat 8 - 14 Districte, Ehedem gab es weit mehr Pfarrherren, als ein Theil des Pragelats, einst zu Frankreich gehörig, noch Waldenser hatte. Eine christliche Sittenzucht wird durch Fragen der Geistlichen über den Wandel und sonst erhalten. Ein Blitz traf im Sommer 1832 die Kirche von St. Jean, die geräumigste und akustisch am besten nämlich als ein völliges Rundtheil gebauete aller Waldenserkirchen; er tödtete zwei Individuen, die in der Schwebe hängend, beschäftiget standen, innerhalb der Höhlung des Kirchthurines Vogelnester auszunehmen; ein dritter wurde gefährlich verwundet, ist aber hergestellt. Der Blitz traf auch das Metall eines kleinen Monumentes innerhalb der Kirche, schlug einige Löcher in die Mauer, und fuhr selbst am Geländer der Kanzeltreppe herab. Die Katholiken ermangelten nicht, dieses Ereigniss als besonderes Gottesgericht darzustellen, obgleich ihnen an einem benachbarten Orte, wenn ich nicht irre, beim Läuten etwas Aehnliches begegnet war, Die Kirchen sind sehr einfach, ohne Bilder (dies absichtlich), ohne Orgeln; nicht aus Grundsatz, sondern weil die Gemeinden zu urbemittelt sind, deren anzuschaffen. Dieser Umstand ver

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diente daher eine thätige Mitwirkung protestantischer Wohlthäler. In der sonst ziemlich grossen Kirche zu la Tour ist zwar ein kleines Positiv, aber verdorben und unbrauchbar. Der Kirchengesang ist daher noch sehr vernachlässigt und roh. Auch zu la Tour steht die katholische Kirche der protestantischen gegenüber. Der dortige Pfarrer soll ein eifriger Proselyteninacher seyn, wie auch der zų Rora. Den Protestanten wurde hie und da auch ein Drittel des Erlasses der Abgaben angeboten, unter der Bedingung des Uebertritts. Die Kreuze sind nicht beliebt, eben weil die Katholiken selbst so viele anpflanzen; es ist eine alte in ihrer Geschichte selbst begründete Abneigung, denn schon ClauDIUS's Anhänger, ihre Ahnherren, eiferten gegen Kreuzesverehrung. Die Haupterzeugnisse der Thäler sind türkischer Mais (grano turco), der mit Salz und Pfeffer zubereitet, und als Mehl gekocht, die Lieblingsspeise der Armen ist, pulenta genannt; Kartoffeln, die in grosser Anzahl gebauet werden, und deren Misswachs, wie in einem der letztvergan, genen Jahre, grosse Noth und Theuerung unter dem Volke hervorbringt, ausserdem sieht man viele Maulbeerbäume, und die Cocons sind ein Vertriebszweig. Neben dem Seia denbau liefert auch das Thal St. Martin guten Honig. Fleisch wird von dem Volke sehr selten, höchstens einige Male an Sonntagen, genossen. Wein wird nicht ausgeführt, wozu der dort erbauete zu schlecht ist; Holzkohlen werden versandt, die auf den Bergen am Ausgange des Hauptthales Lucerne in einer Schlucht bereitet werden (combe des charbonniers). Kastanien wachsen in grosser Menge, eben so Nüsse, aus denen Oel bereitet wird. Dagegen muss Vieles in das bedürftige Land eingeführt werden, z. B. Salz. Das Brod isst man in dünnen Stöcken, wie überall in Piemont; welches VOLTAIRE'N Gelegenheit zu der Bemerkung gab: je n'aime pas le pays, on mange le pain en bâtons; er ist's auch, der von diesem Lande sagt: la dernière messe se fera en Piemont.

Im Singen wird in den unteren Schulen einiger Unterricht ertheilt; doch sind die régents (Schullehrer) in dieser

Hinsicht nicht tüchtig genug 34). Die armen Leute arbeiten die langen Winterabende in den Ställen, um Feuerung zu sparen, sie wärmen sich durch die Ausdünstungen des Viehes, durch das Heu und die Herbstblätter, die diesem als Unterlage gegeben werden; diese Atmosphäre soll vorzüglich gesund seyn. Die Beleuchtung wird wechselsweise gegeben, zur Ersparniss, ein Licht dienet Vielen. Eine völlig eigenthümliche Sitte ist die der barrières bei den Hochzeiten, wo den Brautleuten vor und nach dem Kirchgange mit Vorhaltung einer Barriere allerhand kleine Geschenke, z. B. Zuckeräpfel dargebracht werden, wie ich dergleichen selbst bei Mad. Revel, der Gattin des Professors der projektirten, waldensischen Akademie für Theologen in la Tour sah. Die Cyther und die Querpfeife (pfiffre genannt) sind noch die Lieblingsinstrumente der Waldenser, und in einer schönen Sternennacht, die ich in la Tour genoss, börte ich eine vollständige Serenade, die bei der tiefen Stille, die über den Ort ausgegossen war, alle Tiefen des Gemüths weckte und mit Ahnungen des Vollkominneren erfüllte; Ahnungen der mit Gott versöhnten und in sich ausgeglichenen Menschheit 35).

34) Der verstorbene modérateur Bert machte sich auch dadurch um sein Volk verdient, dass er den Volksgesang durch Einführung erhebender uod heiterer Lieder in seinem livre de famille zu verbessern streble, während man vorher unter dem Volke entweder keine oder nur obscoene Lieder kannte. Sie sind gedichtet auf die Hauptepochen des waldensischen Jahres und Lebens, die türkische Mais-, Hanf-, Kartoffel-, Heu-, Cocons-, Noss-, Weinerndle, die Auswanderung des Viehes auf die Alpen, die Aussaat.

35) Man kann, obne zu viel zu sagen, annehmen, dass in den Bewohnern dieser Thäler, die darin den Insulanern gleichen, welcbe, wie mir dieses in Sicilien lebbaft vor die Seele trat, von dem Zeitverkehr wie abgeschnitten, und von den Ideen des Festlandes fern sind, gewisse patriarchalische Züge sich erhalten haben. So hörte ich öfter die Loosung: „Gott und der Oberst BECKWITH“ (ihr grosser Wohlthäter, dem sie mit fast religiöser Verehrung zogethan sind). Das kleine Mädchen des Predigers Bonjour sagte beim Anblick des Sternhimmels, ihr Grossvater (der verst. Bert) zünde im Himmel die Lichter an. Ein kindischer, oder im Munde des Kindes, dem man gesagt hatte, dass sein Grossvater im l!immel sey, kindlich - rührender Zug. Bert starb aus Gram über das Schisma der Methodisten, da seine ganze Seele voll Vaterlands- und Friedens. iebe war.

Die lateinische Schule, von den Holländern in la Tour angelegt, hat fünf Classen und einen einzigen Lehrer. Man will nicht die Vereinigung dieser Schule mit dem für jetzt nur projektirten Gymnasium, wozu die Engländer einen Fonds von 100,000 Thlr. zusammengebracht haben, von dem die Zinsen zufliessen. Man fürchtet, ich weiss nicht ob gegründeter Weise, dass die Engländer Methodisten bilden wollen. Die meisten dieser Methodisten, vierzig bis sechzig an der Zahl, sind in St. Jean. Sie sind seit 7-8 Jahren durch einzelne Reisende angeregt worden, haben Störungen herbeigeführt und die kirchliche Einigkeit auf kurze Zeit unterbrochen, so wie denn auch andererseits durch eine kleine Anzahl junger Leute einige Insulten und Excesse an ihnen verübt wurden. Auf dem Wege nach Villars wurden sie angefallen und geschlagen. Es war ein vorübergehender Ausbruch, der von den Waldensern im Ganzen entschieden gemissbilliget und verdammt worden ist. Nicht verdient war also das Geschrei, das man z. B. in England erhob, als seyen die Waldenser aus den Verfolgten die Verfolger geworden. Im Ganzen ist der Geist dieser alten Kirchen entschieden ein gemässigt evangelischer, der sich von Auswüchsen frei zu erhalten sucht. Durch besondere Zusammenkünfte trennten sich jene sogenannten Methodisten von den kirchlichen Versammlungen; hielten und erklärten sich für die alleinig Erwählten, griffen die Lehrer und Gemeindeglieder an und bezeichneten sie als Verdammte. Der Vater, wie der Erlöser sagt, war gegen den Sohn, die Schwiegermutter gegen die Schnur. Aus dem Angriffe einiger jungen Leute mit Steinwürfen und Schlägen machten einige Jour

wie die archives du Christianisme zu Paris und ein anderes Blatt im pays de Vaud einen allgemeinen, klagten das gesammte waldensische Volk der Verfolgungssucht an, und beschuldigten sie der Feindseligkeit gegen wahre Christen.

Ein Excess von 25 Menschen begangen, konnte

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