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So ist es z. B. geschehen, dass, wie ich aus dem eigenen Munde der betheiligten Personen weiss, in Piemont bei den Waldensern die Versuche die lancastersche Methode des Unterrichts einzuführen, von der Regierung unterdrückt wurden, als zu einer allzufreien Entwickelung der Geister führend, und dass man auf dem Gebiete von Toskana, in der Nähe von Pisa die edeln Bemühungen einer genser Erzieherin 8) für einen gleichen auf dem Lande zu verwirklichenden Zweck von Seiten des geistlichen Armes zu hemmen und endlich zu vernichten wusste. Da wo die einzelben wissenschaftlichen Facultäten entweder in Einer Stadt in den Privatwohnungen der Lehrer verstreuet sind, oder gar darch die Provinzialstädte vertheilt, wie in den päbstlichen Staaten und in Piemontesischen), da hört aller höhere akademische Verband und freie Ideenaustausch auf, der Begriff einer universitas studiorum ist verloren, das volle geistige Leben der besseren Jugend geht unter in Engherzigkeit und kleinstädtischem Misstrauen. Und, um zunächst bei unserer Wissenschaft stehen zu bleiben, ist ein höheres wissenschaftliches Studium der Theologie noch möglich innerhalb des Gebietes des kirchlichen Italien und des glaubenlosen Frankreich! Ich wünschte, m. H., diese Fragen nach der Wahrheit bejahen zu dürfen. Aber die Erfahrung lehrt Anderes. Denn die Exegese ist keine, da wo einige Belegenheit in der lateinischen Kirchenübersetzung schon für Gelehrsamkeit gilt, und die Anspielung auf Stellen der Vulgata der theologischen Rede und Schrift zur Hauptzierde dienet, wo Kenntniss des griechischen und hebräischen Grundtextes der Bibel schon als ein ausserhalb der Theologie befindliches und seltenes Studium angestaunet wird, wo die nachdrückliche Empfehlung der griechischen und hebräischen Exegese selbst von Seiten der dazu angestellten Lehrer schadet und verdächtiget, und archäologische Werke, wenn sie in die Bibelerklärung eingreifen, wohl mit Beschlag belegt werden, sobald sie die Vulgata auch nur mittelbar bekämpfen 10). Die crassesten Vorstellungen herrschen noch über LUTHER und sein Werk, und werden eifrig von der Geistlichkeit unterhalten; in Rom, der Stadt der Fremden, glaubt man noch unter dem Volke an die sinnlichsten und eigennützigsten Motive in dem Character des grossen Deutschen, welche die Kirchenverbesserung anregten und zu Stande brachten"), tiefer unten in Neapel und Si

8) MATILDE CALANDRINI, jetzt zu Pisa, aus einem edeln nun ausge. storbenen lucceser Geschlechte, das nach Genf geflohen war, gründete anfänglich auf einer Gesundheitsreise von Genf her nach dem Süden begriffen und bei sehr geschwächter Körperkraft, mit wahrhaft christlicher Aufopferung die Schulen des gegenseitigen Unterrichts (scuole infantili, salles d'asile) für Mädchen, besonders der niederen Stände, die ich besuchte, und bei sichtbarer Aufregung und Lust zum Lernen bei den Kleinen zugleich eine uubeschreibliche Anhänglichkeit an ihre geistige Pflegemutter fand. Hier offenbarte sich wirklich der italiänische Character in seiner schönen, reinen und gewinnenden Erscheinung. Die Mädchen waren den ganzen Tag über beschäftigt, mit eingeschalteten körperlichen Erholungen, die in einem nur zu militärisch gehaltenen Herummarschiren, die Hände auf dem Rücken, bestanden. Ein Gleiches suchte die Vorsteherin während eines Sommeraufenthaltes auf dem Lande in der Nähe von Pisa durchzuführen, allein die Geistlichkeit ruhete nicht eher, bis sie dieses Unternehmen gestört und durch den Dazwischentritt der Regierung vereitelt sah. Noch immer hat das toskanische Gouvernement diese Schulen nicht förnlich anerkannt und concessionirt, sondern nur bis auf Widerruf tolerirt. In Pisa wie in Livorno sah ich auch Knabenschulen des wechselseitigen Unterrichts, die auf eine fast militärische Weise organisirt waren, und sich sehr glichen. Einer der ehrwürdigsten Beförderer des Unterrichtes der Normalscholen, in der Lombardei ist D. FERRANTE APORTI, Inspector der Kinderschulen des wechselseitigen Unterrichts zu Cremona (Ispettore delle scuole infantili di carità), über dessen ausgezeichnete Methode und Erfolge der treffliche Abate D. RAFAELLO LAMBRUSCHINI zu Florenz der Gesellschaft der Georgophili in meiner Anwesenheit im Juli 1833 einen ausführlichen Bericht erstattele, der in den Akten der Gesellschaft, die ich zu Paris wiederfand, abgedruckt ist. Ich theile hier ein von der genannten edeln Frau mir auf die Reise mitgegebenes lit. Ver. zeichniss der wichtigeren Schriften über die Asylsäle oder Schulen gegen. seitigen Unterrichtes für arme Kinder mit, da sie vielleicht in Deutschland nicht durchaus bekannt sind, und Manchem nützlich werden können : Noles

ouvrages sur les salles d'Asile, le nom, d'écoles enfantiles.

Chez Louis Calas rue Dauphine

ou connues encore

Souls

%. 81. il faut acheter : Notice sur les salles d'asile de Paris. Nolice sur Pécole des petits enfans de Genève, par Monod. (Verf, ist nicht der Präsident des reformirten Consistorii zu Paris, gleiches Namens.) Les rapports de Lausanne, sur les écoles des petits enfans. Mad, Millet $27 les salles d'asile d'Angleterre. Prendre chez Mr. Aporti à Crémonie le Manuel d'enseignement sur les écoles enfantiles de Carilà à Crémona publié par lui même. Mais le livre le plus complet est celui de Wilder spin en Anglais. Il a été le fondateur de ces établissements en Angleterre, on y trouve expliqué l'origine et les motifs pour ouvrir des selles d'asiles aux pauvres enfans. Ce livre si complet et si bien fait meriteroit d'être traduit en Allemand; il plairoit beaucoup et seroit d'une grande utililité pour l'Allemagne entière. Il ne semble tout -fait adapté eu génie et aux idées de la nation allemande,

Der Titel: Infant education, or pratical remarks on the importance of educating the infant poor, from the age of 18 months a 7 gears, by S. Wilder spin. Bereits nach dem Messkatalog von 1820 ist eine deutsche Uebersetzung erschienen : S. WILDERSPIN, über die früh. zeitige Erziehung der Kinder ele, mit Anmerkungen und Zusätzen v. Jos. WERTHEIMER. Wien. Gerold.

9) So sind z. B. in Rom die Facultäten und Vorlesungen der Uni. versität in von einander entlegene Stadtquartiere vertheilt, um eine Concentration der studirenden Jugend uud jugendlichen Ideen in Einem Hauptgebäude zu vermeiden. Die Theologie ist noch in der Sapienza, die Jurisprudenz zu S. Andrea deila Valle, die Philosophie in der Minerva u.s.w. Aehnlich in Bologna. in Piemont aber sind die Facultäten gar in die Profincialstädte verlegt, wie z. B. das Recht nach Vercelli. Den Professoren des Atheväi zu Turin bleiben fast nur die Examinationsgeschäfte und eigene Studien übrig.

10) AEMILIANO SARTI, ein bekannter römischer Gelehrter, Professor der griechischen Sprache am Collegio Romano, und Scrittore an der Vaticana, in der topographischen Kunde des alten Roms, in der Kenntniss der Inscriptionen und in den orientalischen Sprachen gleich ausgezeichnet, erregte durch seine nachdrückliche Empfehlung der griechischen Exegese des N. T. vielen Anstoss. Ein anderer talentvoller Bibelforscher WYSMAN, Rektor des englischen Collegii, ward aus gleichen Gründen verdächtiget, weiss rich indessen in der Gunst des Pabstes zu erhalten. Der gelehrte Archäolog LANCI sah sich in seinem grossen Werke über hebräische Archäologie mitten im Drucke desselben gehemmt, indem die Censur es confiscirte, als an vielen Orten die lateinische Kirchenübersetzung indirect oder direct bestreitend, wobei besonderer Hass und Neid gelehrter Feinde auch mitgewirkt haben mögen. Soweit Ref. bekannt, dauert der Process über diese Sache, die in Rom vieles Aufsehen machte, noch fort, indem der Verf. Ansprüche auf Entschädigung bei schon begonnenem Druck geltend zu machen sucht,

11) Dahin gehört besonders die Meinung, dass LUTAER nur hahe hei. rathen wollen, und dass er für einen Bischofsstab oder Cardinalshut leicht zu bewegen gewesen seyn würde, seine Sache im Stiche zu lassen. Wie

cilien werden die Begriffe darüber immer dunkler, roher; die unwürdigsten Vorstellungen über die Protestanten und deren vermeinten Unglauben sind im Schwunge und niemand wagt die Nichtkatholischen noch Christen 12) zu nennen. Einen Mangel an Wissenschaft bemerkt der Unbefangene leicht in dem Treiben der Geistlichkeit, das Ausländische ist ihnen durchaus fremd, bei den Klostergeistlichen füllen die kleinlichen Eintheilungen des Gottesdienstes die Tagesstunden aus, so wie andere kleine Beschäftigungen, die sie mit einer eigenthümlichen Harmlosigkeit und Leichtigkeit 13) verrichten, für das Innere des Klosters ihre Thätigkeit in Anspruch nehmen; ihre Studien sind lückenhaft, gemischt und ermangeln aller festen Richtung 14). Wenn ihre Dienstfer

ganz anders kannte ihn nicht einer seiner deutschen Gegner, der auf den Rath eines anderen, LUTAER durch ein Paar tausend Gülden zur Ruhe zu bringen, erwiederte: das hilft nichts, das ist eben das Schlimme, die Bestie nimmt kein Geld,« (S. LUTHERS Leben.)

12) Die neugebornen Kinder protetantischer Aeltern nennt man dort öfter Turchicelli, kleine Türken. Auch hört man nicht selten aus dem Volke die naive Frage aufstellen, ob denn die Evangelischen auch an einen Gott glauben. Einige Mitglieder der achtungswerthen und liebenswürdigen Familie A, in Neapel, deren auch wir freundlichst gedenken, pflegten, wenn sie in die preuss. Gesandtschaftscapelle zum Gottesdienst gingen, ihren Dienstleuten, um sie zu beruhigen, zu sagen: andiamo a sentire la messa prussiana (wir gehen, die preussische Messe zu hören). Selbst die Geiste lichen haben bisweilen noch sehr rohe Begriffe. So frug mich der Bibliothekar in der Augustinerbibliothek zu Rom, ein Mönch, als ich ihm eine wichtige Uncialhandschrift des N. T. zur Vergleichung abverlangte, zu wessen Gudsten ich Gebrauch davon machen wolle, ob für die römischkatholische Kirche oder die Kirche von Berlin? Als ich ihm entgegnete, für keine von beiden ; ich habe einen rein gelehrten Zweck, so beruhigte er sich dabei noch nicht, sondern frug noch einen elwas gelehrteren Priester UXGHARELLI, der im Seitenkabinet arbeitete, ob es rathsam sey, mir die Handschrift anzuvertrauen. Dieser willigte ein. LUTHER nennt man auch gegen die Protestanten „ euer Heiliger (il vostro santo). Als ich von einer Aetnareise vom Gipfel zurückkehrte, knüpfte mein sonst sehr geschickter und redlicher Maulthiertreiber ein Gespräch über den Glauben an, worin er herzlich bedauerte, dass er so viele brave Leute anter den Ketzern kennen gelernt, und doch müssten zuletzt diese alle ohne Ausnahme, wie ihm seine Geistlichen gesagt bätten, in die Hölle kommen und brennen. Dies wollen wir alle beide abwarten, gab ich ihm zur Antwort, worauf er schwieg. Der Ausdruck für Katholik durch cristiano ist in ganz Italien und Sicilien herrschend, er hat sogar einen statistischen Nebenbegriff erhalten, und steht schlechthin für Seele, Individuum. Der Gegensatz ist acatolici, erelici, das erstere Wort ist das mildere, und wird seltner gehört. Wie viel Christen ? fragt wohl der Führer eines Zuges von Fremden oder ein Gastwirth,

13) Diese Eigensebaft ist es, welche GOETHE treffend an einem Orte seiner Reise als eigenthümlich den Italiänern, besonders den südlichen, heraushebt. Sie thun alle laufenden Geschäfte des Lebens mit einer Leichtigkeit und Harmlosigkeit ab, wie gutgeartete und wohlgezogene Kinder das ihnen Aufgetragene gern und heiter verrichten. Ein von den gewöhalichen Fremden meist übersebener Zug im Volkscharacter,

14) Ich selbst war für meiue wissenschaftlichen Zwecke der Forschungen in den bibl. Handschriften an mehreren Orten dieses heiteren Müssigganges, wie man insbesondere die Benedictinerklöster, als die verhältnissmässig noch am besten dotirten Stiftungen nennen kann, zu Subiaco im Sabinergebirge bei Rom, zu la Cava bei Neapel, zu Monte Cassino auf dem Wege zwischen Rom und Neapel, kürzere Zeit auch bei dcu Benedictinern zu Monreale bei Palermo und in Catanien. Einige derselben, wie das Stammkloster zu Monte Cassino und das zu Monreale unterhalten Novizen oder Zöglinge, die oft noch im zarten Knabenaller, von allen Freuden dieser Jahre abgeschnitten, mit der priesterlichen Tracht, in die man sie kleidet, zugleich eine mehr als priesterliche und klösterliche Richtung des Geistes erhalten, die jeder freieren Entwickelung unselig hemmend entgegentritt. Glücklich, wenn sie noch vor unnatürlichen Lastern gehütet werden. Auf mich machte stets der Anblick dieser frischen Kindheit und Jugend in klösterlichen Hallen uud Umgebungen den widrigsten Eindruck. Die jungen Benedictinermönche sind gewöhnlich aus den ersten Ständen; es ist herkömmlich, die Söhne die nach dem Erstgebornen kommen, theilweise in dieser Art im geistlichea Stande zu versorgen. Ausser einer Besoldung, die ihnen das Kloster reicht, ziehen sie noch die Unterstützung ihrer Aeltern. Es sind junge Leute, die nie predigen, den Gottesdienst mechanisch abwarten, und sonst ihre Vergnügungen am Orte selbst haben, wie Billards, Gärten und dergleichen. Oefter machen sie Ausflüge in die benachbarten Städte, wie nach la Cava, Salerno, Amalli, Paestum und dergleichen, sie gehen dann in bürgerlicher Tracht, und unterscheiden sich, ihre Tonsur ausgenommen, weder in ihrem Wesen noch sonst in etwas von den Laien. Für die alte Literatur ist so gut wie kein Sina mehr da, selbst nicht in Monte Cassino, dem einstigen Sitze ächter Gelehrsamkeit und Frömmigkeit. Der alte und gelehrte Bibliothekar D. OTTAVIO FRAJA FRANGIPANE, Herausgeber zehn unediter Sermonen des Augustin (Rom. de Romanis. 1829. fol.), ein würdigər Nachfolger des gefeierten ERASMUS GATTOLA, der die Geschichte der Bibliothek sehr gelehrt beschrieb, ist jetzt der einzige übrige; er hat sich viel mit Lesung

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