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ihren gegenwärtigen Erscheinungen eröffnet erst den Blick auf die tiefere Kenntniss Christi und die Beseligung des Lebens durch ihn, als das Salz der Erde. Desto fester hält dann der Erfahrene an der Krone, dass Niemand sie ihm raube.

So ist es dem Verfasser ergangen, und er hält darum fest an dem Gewinne, so gross und ansehnlich, so völlig noch zur Zeit von seinem nächsten Vaterlande unerkannt, ja verkannt, auch die Opfer gewesen.

Selten sind in unsern Tagen theologische Reisen: entweder haben sie einen rein gelehrten Zweck und gehen dann auf Ausmittelung und Benutzung der literarischen Schätze der Bibel und biblischen Literatur, der Uebersetzungen und der Kirchenväter, oder sie haben zum Gegenstand die Beobachtung des inneren Lebens der Völker von der religiösen Seite. Während die erste Gattung von Reisen biblischkritische genannt zu werden pflegt, so kann man die zweite kirchlich-statistische nennen. Sie tragen bei zur Gründung einer Wissenschaft, deren Anfänge kaum gelegt sind und die doch dem künftigen praktischen Geistlichen bereits im akademischen Vortrage eine unerschöpfliche Quelle nützlicher Ideen liefern, und den Freund der Menschheit ergötzen und erbauen.

Ueberall durch das menschliche Wissen und Leben zeigt sich der Unterschied der Idee und der

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Erscheinung. Gleiches gilt von dem Systeme der römisch-katholischen Kirche, welches studirt werden kann, und von dessen Erscheinung im Leben, wozu Anschauung gehört. Beide verhalten sich zu einander wie Original und Copie, wie Urbild und Abbild oder auch Zerrbild.

Die Sinne nähren den italiänischen Katholicismus, und er nähret sie; Klima, Lebensart und verwandte Einflüsse machen diese Religionsform den dort lebenden Menschen zur Sache der Gewohnheit und hergebrachter, mithin liebgewordener Uebung.

Aber die Wahrheit bleibt unter allen Zonen zuletzt dieselbe, und kehret wieder mit ihren Bedürfnissen und Ansprüchen. Was also inneren Gesetzen des Geistes und Gemüthes entsprechend ist, kann niemals durch die Macht der Gewohnheit und des Herkommens aus den menschlichen Seelen ganz vertrieben werden.

Somit ist es unwahr, dass die Bewohner der südlichen Halbinsel schon durch ihre klimatische Lage dem Protestantismus unzugänglich und abhold seyen, denn ganz Anderes lehrt der glänzende Erfolg, welchen die Sache der Kirchenverbesserung im 16ten Jahrhunderte in mehreren Gegenden besonders Oberitaliens erlebte. Auch die Gebildeten des heutigen Roms sind dafür ein Beweis, welche den Protestantismus im Herzen tragen, wenn sie

ihn auch nicht mit der Zunge zu bekennen wagen. Was gleicht der Beredsamkeit einiger Prediger des 16ten Jahrhunderts für die Sache des Evangeliums, wie der des Kapuciners Bernardino Occhino ?*)

Kirchlich-statistische Beobachtungen dieser und verwandter Art inüssen als Supplement der neue. sten Kirchengeschichte angesehen werden; gestützt auf eigene Anschanung, welche auch die Vergangenheit aufklärt.

Denn wie die Vergangenheit der Gegenwart dient, so ist anch die Gegenwart der Vergangenheit erspriesslich. Beide in ihrer gegenseitigen Hülfleistung geben erst ein klares Bild des kirchlichen Seyns und Lebens; und in dieser Hinsicht hat der Ausspruch des Dichters volle Wahrheit, dass „das Leben besser lehre als Redner und Buch.“ Hat der Katholicismus unserer Zeit das hohe mittelalterliche Gepräge verloren, so ist es doch immer noch nützlich nnd lohnend, die Reliquien seines alten Glanzes und seiner alten Hoheit im Mittelpunkte der katholischen Welt ins Auge gefasst und für die Zukunft

*) S. unter andern: Geschichte der Reformation in Italien, im 16. Jahrhunderte. Aus dem Engl. von Thom. M'Crie. Deutsch von FRIEDRICH. Leipz. 829. 8. 105 ff. 150. 165. 184 f. 362. 370. Ein eben so gewaltiger als anziehender Charakter, welcher eine durchdringende Zeichnung von Meisterhand verdienete! Er ward in seinem Exile zu Genf ein Freund Calvins und starb, nachdem er in Zürich und an anderen Orten als italiänischer Prediger gewirkt hatte, als ein unglücklicher Vertriebener in Mähren in hohem Alter 1564.

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sich selbst und Anderen weissagend die Nativität gestellt zu haben.

Eben so kann, um ein einzelnes Beispiel aufzuführen, die Geschichte der Klöster ohne eigne Anschauung des klösterlichen Lebens, so tief es auch gesunken ist, nicht klar begriffen werden. Desgleichen sind gewisse andere Institute, wie das der Kanoniker des gemeinschaftlichen Lebens und die Priesterseminarien, ingleichen die geistlichen Brüderschaften, eine Erscheinung, die nach Sinn und Bedeutung nur an Ort und Stelle verstanden werden kann.

Welch eine Fülle von Schattirungen hat der Katholicismus nach den Provinzen, zum Beispiel Italiens, Siciliens und Frankreichs, welche, da sie dem Leben angehören, auch nur durch das Leben verstanden werden können. So wie denn überhaupt der Einfluss, einer solchen Reise für den theologischen Beobachter nicht aufs Papier geworfen oder durch Sprache ausgedrückt werden kann, sondern mehr innerlich vernommen werden muss.

Aber auch für das Verständniss grosser Schriftsteller ist die Anschauung des Landes und seiner Gegenwart von der grössten Bedeutung. Der theologische Werth des Dante geht erst in Italien auf; denn ist auch der gegenwärtige Katholicismus kaum ein Schatten des früheren, in seiner Blüthe stehenden,

so erhellt doch noch aus ihm, wie der hohe Dichter das Pabstthum in seiner subjectiven Grösse und Reinheit aus seinem Standpuncte auffassen, in den männlichsten Kampf gegen das entartete und der Idee ungetreue Leben der Statthalter Christi treten und deren Bedeutung in sein grosses, sittlich religiöses Lehrgebäude kräftig verweben konnte. Es war die Zeit, wo der römische Kaiser noch als der Repräsentant weltlicher Machtvollkommenheit galt, der Pabst aber ihn, den Sohn der Kirche, mit der Fülle geistlichen Segens überschütten, oder durch den Bannstrahl vernichten konnte; wenn gleich schon die Geschichte Kämpfe genug zwischen beiden gesehen hatte. Und Dante tadelt nicht das Pabstthum als solches, das er vielmehr hochhält, sondern nur das Pabstthum in seiner Entartung; wie denn bei ihm Einer der Nachfolger Petri den Himmel mit seinen Sünden blutroth macht. Eine Reliquie dieser Vorstellung ist es, wenn die Landleute in Umbrien von dem östreichischen Kaiser als noch von ihrem Kaiser sprechen, dem gebornen Feld und Schutzherrn der Kirche.

Der Gottesdienst der südlichen Völker, und besonders Italiens, ist mit sinnlicher Frömmigkeit in reger Verbindung und von ihr unterhalten; die Madonna steht über Christus und Gott, wie schon die Weihgeschenke der privilegirten Altäre zeigen,

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