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Einleitung

Was ist metaphorisch? Wir lernen auf der Schulbank und lesen in den Handbüchern der Rhetorik und Poetik alter und neuer Zeit, dass die Metapher zu den Tropen gehört, ja die häufigste und schönste Form dieser Schmuckmittel der Rede ist. Ein Tropus so werden wir belehrt - ist eine Redewendung der künstlerischen oder schönen Darstellung und bedeutet die Vertauschung des eigentlich gemeinten Begriffs mit einem anderen, durch welchen jener gehoben, veranschaulicht, belebt, versinnlicht oder vergeistigt werden soll. Bildlichkeit im Ausdruck

heißt es

und die Freiheit der Bewegung waren früher die natürlichen Eigenschaften der Sprache; jetzt sind sie für den Dichter und Redner freigewählte künstlerische Mittel, welche aber in ihrem Gebrauche den Charakter der Natürlichkeit und Ungezwungenheit an sich tragen müssen.)

Wie Quintilian der Tropen vierzehn kannte, so unterscheidet auch noch die neueste Poetik deren eine stattliche Reihe: die Hyperbel (z. B. Wer deine Nase mißt – Stirbt, eh' er fertig ist), die Ironie (z. B. Man weiß, um welcher Tugend willen Anna von Boleyn das Schaffot bestieg), die Allusion oder (zeitgemäß verdeutscht) Anspielung (z. B. 0 Fluch dem Tag, da dieses Landes Küste Gastfreundlich diese Helena [Maria Stuart] empfing!), die Periphrase oder Umschreibung (z. B. Kennst du das Land, wo die Citronen blühn u. s. w.), die Distribution oder Verteilung (z. B. Auf den Stapel schüttet die Ernten der Erde der Kaufmann; Was dem glühenden Strahl Afrikas Boden gebiert,

1) Statt vieler sei hier nur erwähnt: P. Gross, die Tropen und Figuren, Koeln 1880, und Kleinpaul, Poetik, Leipzig 1879, 2. Teil, 5 Abschnitt. Biese, Philos. d. Methaph.

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Was Arabien kocht, was die äußerste Thule bereitet u. s. w.), die Synekdoche (Vertauschung von Art und Gattung, Teil und Ganzem, z. B. Sommer statt Jahr, ein Nimrod statt ein Jäger, mein Tier statt mein Pferd, Jugend statt junge Leute, das Kind statt die Kinder, die Schönen statt die schönen Mädchen!), die Metonymie (Vertauschung von Ursache und Wirkung, z. B. Griffel statt Schrift, sein Stahl statt sein Dolch, Scepter statt Herrschaft, Geldsack statt reicher Mensch, ganz Italien trauerte statt alle Italiener trauerten, Schatten pflanzen statt schattende Bäume pflanzen), Personifikation (der Mund der Nordlandssage, die Thäler singen, die Lohe klettert, es atmet der Wald), endlich Allegorie, Vergleichung, Gleichnis, Metapher d. h. die Vertauschung zweier bloß in Gedanken mit einander verglichenen Gegenstände oder Begriffe. Es ist demnach metaphorisch, wenn ich Lebendiges für Lebloses setze, z. B. vom Fuße oder Haupte des Berges spreche, oder Lebloses für Lebendiges z. B. Wolke des Grams, Blüte der Jugend, oder Lebendiges für Lebendiges, z. B. hinfliegen die Rosse, oder Lebloses für Lebloses, z. B. die schimmernde Blüte der Wellen. Da nun die Vergleichungspunkte zwischen Natur und Menschenleben unzählige sind, so sind auch die Metaphern zahllose, und wir werden unterwiesen, daß sie sehr verschieden sein können, bald edel, bald gemein, bald frisch, bald erblaßt, bald kräftig, bald matt, bald einfach, bald zusammengesetzt, direkt oder indirekt; ja, man hat ihnen auch in der Hinsicht ausführlich nachgespürt,-) ob die metaphorischen Substantiva als Subjekt oder Prädikat auftreten, als direktes oder indirektes Objekt, ob als genetivus subiectivus oder obiectivus oder partitivus, ob die metaphorischen Eigenschaftswörter Kohaerenz oder Schwere oder optische Eigenschaften oder Wärme oder Ausdehnung im Raume oder den Stoff bezeichnen u. s. w. Was nur irgend an ähnlichen Spielereien und Künsteleien einer ganz mechanischen Auffassungsweise zu denken ist, das ist auch geleistet worden.

Wer sich nun aber einmal die Mühe macht, in der Sprache, im Denken und im Dichten den Spuren des Metaphorischen nachzugehen, der muß finden, daß was gemeinhin in der Sprache,

1) Vgl. Brinkmann, die Metaphern, Bonn 1878, I, die Tierbilder der Sprache.

besonders in der Poesie, als eine künstliche oder künstlerische Redeweise, als ein rhetorischer und poetischer Tropus gilt, vielmehr eine naturgemäße und naturnotwendige Ausdrucksweise ist, daß das Metaphorische nicht nur in der Sprache, sondern in unserem ganzen geistigen Leben von hervorragendster Bedeutung ist, daß die Synthese des Inneren und des Äußeren, die Verinnerlichung des Äußeren und die Verkörperung des Geistigen, der notwendige Ausdruck unseres geistigleiblichen Wesens ist. Das Metaphorische, in welcher Form es sich auch kundgiebt, ist der naturgemäße Ausfluß jener centralen Nötigung unserer ganzen geistigen Existenz

nennen wir sie das Anthropocentrische diese selbst zum Maße aller Dinge zu machen, das Äußere, also das an sich Fremdartige durch das einzig voll Bekannte d. i. eben unser eigenes inneres und äußeres Leben uns zugänglich, begreifbar zu machen und andererseits unser Inneres mit allen seinen Regungen, Gedanken und Empfindungen auszugestalten in der Sprache und in der Kunst, in der Religion und in der Philosophie.

Doch bevor wir an diese Auseinandersetzung selbst gehen, mögen wir in aller Kürze die Geschichte des Begriffs „metaphorisch“ verfolgen.

Bei dem Altmeister der Rhetorik und Poetik, bei Aristoteles, finden wir bereits die Auffassungen, welche bis auf den heutigen Tag die herrschenden geblieben sind; nur ist sein Blick weiter und sein Verständnis tiefer, als wir beides bei seinen Nachfolgern in alter und neuester Zeit finden.

Er fast den Begriff Metapher im weitesten Sinne als Tropus und sagt (Poet. C. 21): Eine Metapher ist die Übertragung einer Benennung, die eigentlich etwas anderes bedeutet, sei es nun von der Gattung auf die Art z. B. dort ruht mir das Schift, oder von der Art auf die Gattung z. B. schon tausend (= viele) edle Thaten verrichtete Odysseus, oder von der Art auf die Art z. B. mit dem Erze das Leben wegschöpfen (= wegnehmen), und endlich gemäß der Analogie (xuta avclofov). Hiermit würde Aristoteles also das bezeichnen, was wir im engeren Sinne heute Metapher nennen. Und seine Auseinadersetzung ist vortrefflich, denn sie trifft den Kern der Sache.

Er sagt: Ich nenne es Analogie (oder Proportion), wenn das Zweite sich zum Ersten verhält wie das Vierte zum Dritten; dann nämlich kann man statt des Zweiten das Vierte und statt des Vierten das Zweite setzen, und manchmal fügt man dabei auch noch die Bezeichnung des Gegenstandes hinzu, zu welchem dasjenige in Verhältnis steht, statt dessen man den übertragenen Ausdruck setzt. Als Beispiel führt Aristoteles Folgendes an:

Die Trinkschale steht in ähnlichem Verhältnis zum Dionysos wie der Schild zum Ares, und daher kann man denn die Trinkschale den Schild des Dionysos und den Schild die Trinkschale des Ares nennen. Oder wie sich das Alter zum Leben verhält, so der Abend zum Tage, und man kann daher den Abend als das Alter des Tages und das Alter als den Abend oder, wie Empedokles thut, als den Niedergang des Lebens bezeichnen. Manchmal fehlt es für eins der proportionalen Glieder an einer eigenen Benennung, aber nichts destoweniger kann man dann eine ähnliche Vertauschung des Ausdrucks yornehmen. Z. B. das Ausstreuen des Samens heißt säen, für das Ausstreuen ihrer Strahlen durch die Sonne aber giebt es keine eigene Benennung, aber dies letztere verhält sich zur Sonne ähnlich wie das Säen zu dem, welcher den Samen ausstreut, und daher sagt denn der Dichter: sie säet den gottgeschaffenen Strahl.

Es ist hierbei nicht nur wichtig, dass Aristoteles Synekdoche und Metonymie mit unter den Begriff justacopo begreift -- und in der That, auch bei ihnen findet doch nur eine Übertragung des Einzelnen auf das Allgemeine oder umgekehrt statt -, sondern dass er das innerste Wesen des Metaphorischen in der Analogie, in der Proportion, gefunden hat.

So sagt auch Kant:1) Eine Erkentnis nach der Analogie ist nicht etwa, wie man das Wort gemeiniglich nimmt, eine unvollkommene Ähnlichkeit zweener Verhältnisse zwischen ganz unähnlichen Dingen. Z. B. Es verhält sich die Beförderung des Glücks der Kinder a zu der Liebe der Eltern

b, wie die Wohlfahrt des menschlichen Geschlechtes =- = C sich verhält zu dem Unbekannten in Gott x, welches wir Liebe nennen.

Unter den vier bezeichneten Arten des bildlichen (metaphorischen Ausdrucks nennt Aristoteles die auf der Analogie beruhende die schönste (Rhet. III 10) indem er als Beispiel das bekannte Wort des Pericles anführt, mit der gefallenen Jugend

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1) Prolegomena zu jeder zukünftigen Metaphysik $ 58.

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sei der Frühling aus der Stadt gewichen, und des Kephisodotos, der die Trieren bunte Mühlen nannte. Aristoteles lobt die Metapher κατ' αναλογίαν, weil sie den Vergleichungspunkt veranschaulicht; denn das Durchschlagende ist eben, dass nicht die vertauschten Begriffe, sondern die Verhältnisse, innerhalb derer sie an den einander entsprechenden Punkten erblickt werden, eine Gleichung bilden. Sagen wir z. B., führt Aristoteles an, Gott hat den Geist als ein Licht in der Seele angezündet, so ist das Gemeinsame der Sphären des Geistes und des Lichtes, dass sie etwas kundthun. Aber ins Innerste der wirklich anschaulichen Metapher führt uns nach Aristoteles der Begriff der Lebensbethätigung, der svépre!a: Veranschaulichung nenne ich das, was etwas Lebendes (oder Totes) in lebendiger Thätigkeit wirkend darstellt. Wenn ein Mann Tetpdrovoc d. i. eigentlich „viereckig“ genannt werde, wie es Simonides thut, so sei das eine Metapher, und die Analogie liege in dem „Vollendeten“, das vom Körperlichen auf das Geistige übertragen werde, aber es kennzeichne keine Thätigkeit, kein Leben, keine Energie; anders liege es, wenn Isocrates einen Mann, der im besten Alter steht, bezeichnet als einen in blühender Reife dastehenden, oder wenn Homer das Unbelebte metaphorisch als belebt darstelle, indem er von dem Stein des Sisyphos (Od. 11, 598) sagt: und immer wieder hinab rollte der mitleidlose Stein, oder wenn es vom Pfeile heisst: er flog dahin (Il. 13,587), vom Geschoss: es verlangte in den Haufen hineinzufliegen (Il. 4,126), von den Speeren: sie standen empor aus der Erde, voll Gier, im Fleische zu schwelgen (Il. 11,574), von der Spitze: hervordrang aus der Brust die stürmende Spitze (Jl. 15,542).

In allem diesem, sagen wir mit leiser Fortbildung der Worte des Aristoteles, wird Lebensthätigkeit durch die Beseelung (od to šje buza sival) dem Leblosen geliehen; und Aristoteles erkennt völlig klar und scharf, dass die Analogie zwischen Lebendem und Leblosem die Bewegung ist; der Dichter macht „alles bewegt und lebend, die Thätigkeit aber ist Bewegung“.

Da nämlich das Verhältnis vom Innerem und Äusserem das formgebende, ja das fundamentale im menschlichen Geiste ist, zwingt die Analogie, von der Bewegung, welche wir in der Aussenwelt wahrnehmen, also von diesem bewegten Äusseren auf

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