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auf den Zustand der Menschen überhaupt bezieht; und je nachdem das Gemüth gestimmt ist des Einen eher traurige, des Anderen lieber fröhliche Ereignisse vorzubilden, wird der Eine mit Furcht, der Andere mit Hoffnung erfüllt werden. Wieviel schmeichelhafte Erwartungen mögen heute schon das stolze Herz der raschen Jugend angeschwellt, wieviel Seufzer mag der Schwermüthige schon ausge: stoßen, wieviel Thränen der Leidende schon geweint, haben über die Seufzer und Thránen, welche ihnen dies Jahr wieder entlokken wird! Und die großen Verwirrungen auf dem Schauplaz der Welt, denen wir mit so vieler Theilnahme zusehen, was für Vermuthun: gen mogen diese schon veranlaßt haben! Wie hat jeder Leidenschaft, liche, jeder Partheisüchtige gewiß schon berechnet, auf welche Art Alles in einander greifen und auf einander folgen müsse, um endlich denen, zu welchen er sich gewendet hat, den entschiedensten Sieg über ihre Feinde zu verschaffen, und wie sucht er schon begierig nach den ersten Spuren von der Erfüllung seiner Wünsche. Das ist so die Art, wie nicht etwa nur irdischgesinnte Menschen, welche allein nach dem Angenehmen und Nůzlichen fragen, die Zukunft zu betrachten pflegen, sondern auch bessere Menschen, die das Gute vor Augen haben. Daß es nicht die zuträglichste ist, muß uns Allen einleuchten. Oder was bleibt von übertriebenen Erwartungen zurükk, als ein bitterer Nachgeschmakt, wenn das, was geschieht, sich nicht mit ihnen vereinigen wil ? Und womit sollen wir in dem flüchtigen Leben Seufzer und Thrånen zurükkaufen, wenn wir sie uns zu früh vergeblich ausgepreßt haben? Oder warum sollen wir uns in den Fall sezen, unsere Thorheit zu strafen, wenn sich alles anders begiebt, als wir in unserm Rathe beschlossen hatten? Alein vom Zuträglichen soll hier gar nicht die Rede sein, sondern nur da: von, was einem frommen Menschen natürlich ist. Dieser wird in jenen Bildern, welche eine gespannte Einbildung zeichnet, die Welt, wie sie ihm erscheint, nicht wieder erkennen; und in jener Art die Zukunft zu betrachten und zu behandeln, spiegelt sich seine Gesinnung nicht ab. Ihn werdet Ihr auch hier måßig und besonnen finden ; keine fieberhafte Thätigkeit der Einbildung verändert den Pulsschlag seines Gemüthes, keine Ebbe und Fluth von Furcht und Hoffnung treibt ungestüme Wellen auf dem ebenen Spiegel seiner Seele hervor ; sondern Ruhe und Gleichmüthigkeit, das ist seine Stimmung beim Hinsehen auf die Zukunft, und das ist die Stim: mung, in welche ich uns que versezen möchte, indem ich uns die innern Gründe derselben vor Augen stelle.

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Tert. Pred. Salomo 1, 8. 9. Was ist es, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist es, das man gethan hat? Eben das man her: nach thun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Diese Leußerungen hålt man gewöhnlich für den Ausbruch eines mißvergnügten Herzens, welches übersåttiget von den eiteln Freuden der Welt allen Geschmakk an derselben verloren hat. Und wenn wir sie uns in einem klagenden Tone vorgetragen denken; wenn Sehnsucht nach Neuem dabei zum Grunde liegt, und Be: fchwerde geführt wird, daß dies nicht gefunden werden kann: To lassen sie sich auch nur aus einer solchen Gemüthsverfassung ableiten. Eine so kleine Seele muß ein immerwährendes Verlangen haben nach neuen Eindrukken, und um auch dergleichen nicht mehr zu finden, muß ihre Reizbarkeit schon gånzlich abgeftumpft sein. Allein diese Worte stehen hier ohne Beziehung auf selbsterfahrne Schiffale, als eine ganz gelassene kaltblütige Bemerkung, der eine anhaltende und vielseitige Betrachtung der Welt vorangegangen ist; und so, aus diesem Grunde hervorgehend ist

die Stimmung, welche nichts Neues unter der

Sonne findet, ganz im Geiste der Religion. Davon möchte ich Euch gern überzeugen. Ich werde zu dem Ende darthun : Erftlich, daß fie ganz die Unsicht der Welt enthålt, die einem auf Gott gerichteten Herzen natürlich ist, und zweitens, daß darin ganz die Gesin: nungen liegen, durch welche sich die Frommen überall auszeichnen.

I. Der Gedanke, daß nichts Neues unter der Sonne geschieht, ist der natürlichste Ausdrukt der Art, wie die Welt dem Auge desjenigen erscheint, welcher überall in derselben den Herrn sucht. Eine aufmerksame Betrachtung dessen, was in jedem Augen: blikke geschieht, wird uns zeigen, daß entweder Alles oder Nichts neu ist sowohl über als unter der Sonne. Die zahllosen Welten, die wir sehen, und die wir nicht sehen, bewegen sich jeden Augen: blikk vorwärts in ihren bekannten und unbekannten Bahnen; das Gestirn, dem wir folgen, wekkt und nåhrt jeden Augenblikk auf unserer Erde durch die milden Einflüsse des Lichtes die Kraft des Lebens, in jedem Augenblikk verschwindet dieser wohlthåtige Anblikk einem Theile derselben, und geht einem andern wieder auf; der große Tauschhandel zwischen Leben und Tod geht ununterbrochen mit der größten Lebhaftigkeit und in ungestörtem Gleichgewicht

fort; hier kehrt zur toðten Masse zurükk, was bisher ein Theil eines edleren Körpers gewesen war, dort werden neue Bestandtheile eingesogen aus dem Strom der umgebenden Luft, aus dem Schooß der mütterlichen Erde, aus den Trümmern zerstörter lebendiger Wefen; hier verlöscht in Einem Geschópf der Funken des Lebens, dort fangen seine geheimnißvollsten Bewegungen in einem andern an; hier entflieht ein unsterblicher Geist seiner Hülle, dort feiert ein Anderer mit klåglichem Geschrei seinen Eintritt in die Welt. Jede menschliche Seele wird immerdar von Liebe oder Abneigung bewegt; Gedanken und Empfindungen gehen aus ihrer innern Kraft hervor, und bilden einen eignen Moment ihres Daseins, wogegen die Erinnerung eines frühern in sanften Schlummer gewiegt wird, aus dem fie vielleicht nie wieder erwacht; im Strom der Rede, im Blikke des Zuges fließen Einsichten und Gefühle von Einem zum Andern, und jeder sendet sie weiter mit seinem eigenthümlichen Gepråge bezeichnet. Dies ist das Gåhren und Bewegen jedes Augenblikkes, und siehe da, jedes Einzelne ist etwas Neues. Noch nie waren die Welten in dem unendlichen Raume so gegen einander gestellt wie jezt; noch nie fand das Licht der Sonne unsere Erde gerade so geschmůkkt und bekleidet wie eben jezt; noch nie war ein Wesen dem gleich, welches eben jezt ein eignes Dasein anfängt oder beschließt; noch nie ist derselbe Gedanke mit derselben Kraft und Wirkung in einer menschlichen Seele gewesen, wie irgend einer jezt in einem von Euch ist: überall verkündiget sich unendliche Mannigfaltigkeit ohne unbedeutende Wiederholung. - So stellt fich die Welt demjenigen dar, der seine Aufmerksamkeit auf die åußern Erscheinungen richtet, und diese nicht nur mit seinen Sinnen, sondern auch mit dem Auge seines Verstandes betrachtet; für ihn geschieht nichts wieder, was schon einmal geschehen ist, und was man einmal gethan hat, wird man nicht wieder thun. Aber ganz das Entgegengesezte erfährt derjenige, der in der Welt den Höchsten finden, bewundern und anbeten will; der muß mit dem Verfasser unseres Tertes ausrufen, daß nichts Neues unter der Sonne ges schieht. Laßt uns einer so geordneten Weltbetrachtung folgen, so werden wir biezu eine zwiefache Veranlassung finden.

Einmal muß ein solcher nicht auf das Neußere, sondern auf das Innere der Begebenheiten feb en, sowohl in der kørs perlichen als in der geistigen Welt; und wenn jenes immer ein anderes ist, so ist dieses immer dasselbe. Was liegt an der Stel: lung, welche die Weltkörper jezt eben am Himmel einnehmen? Eine

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jede entwikkelt sich aus der vorigen nach denselben Gesezen, welche ihnen Gott von Anbeginn an zu ihrer Bewegung vorgeschrieben hat. Was liegt daran, ob jezt dieses oder ein anderes Theilchen des todten Stoffs meinem Körper angehört? er ist die Werkståtte derselbigen Kräfte, deren Verbindung sein eigenthümliches Wesen ausmacht, und dieselbigen Theile, die ihm nothwendig sind, werden immer wieder in ihm hervorgebracht. Dieselbe Kraft, durch welche eine Pflanze aus dem Saamen erwuchs, bringt aus dem ihrigen auch eine andere åhnliche hervor; regelmäßig erzeugt sich immer wieder dieselbe Gestalt, und jede Abweichung erfolgt ebenfalls durch dieselben Kräfte und nach den nemlichen Gesezen. So drůkkt der Unveranderliche sich deutlich ab in allen seinen Werken! Was ist es, das geschehen ist? Dasselbe was hernach geschehen wird. Sehet auf die geistige Welt, die Euch noch nåher angeht, und in welche ihr noch tiefer eindringen könnt. Ihr steht bewunderungsvoll vor einem Wesen Eurer Art, das Euch einen neuen und uner: hörten Anblikk gewährt durch seine Tugenden oder durch seine Laster, durch die Weisheit seiner Rathschlüsse oder durch die Thorheit seines Beginnens, durch die Entdekkungen die er macht im Gebiete der Erkenntniß, durch die Thaten die er ausführt an der Spize der Gesellschaft, vielleicht auch nur durch eine unbegreifliche Sonder: barkeit in seinem Thun, im Wechsel seiner Gedanken und Empfin: dungen. Blikkt nur in sein Inneres hinein! Ihr findet dieselbe Kraft der Vernunft und des guten Willens, dieselbe Trägheit des Herzens und des Verstandes, dieselbe Thåtigkeit der Einbildungs: kraft, dieselbe Verblendung der Leidenschaften, und eine nach den: selben Gesezen fortgehende Verbindung der Gedanken. Hat noch keiner gerade diese Werke hervorgebracht, diese Unternehmungen ausgeführt, diesen Einfluß auf die Bildung oder den åußern Zu: stand der Menschen gehabt: so ist das nur die äußere Erscheinung, und auch das erfolgt nach den nemlichen Gesezen, nach welchen immerdar die Thätigkeit der Menschen sich gegenseitig unterstüzt oder zerstört. Was ist es also, das man gethan hat? Dasselbe das man hernach thun wird. Sehet auf das große Geheimniß, wie beide Welten, denen Ihr angehört, mit einander verbunden sind, wie die Natur den Menschen immer mit neuen Kräften versieht, wie er durch diese immer größere Herrschaft über sie gewinnt, wie durch diese Herrschaft die Gemeinschaft der Menschen unter einan: der zunimmt, wie durch diese Gemeinschaft ihre Bildung befördert wird, und alle ihre Angelegenheiten fich verbessern! Erstaunt auch hier über nichts, als wäre es etwas Neues und unerhörtes; es find Alles nur Entwikkelungen derselben göttlichen Gedanken, Annabes rungen zu demselben Ziel seiner Gnade, nach demselben Entwurf seiner Weisheit: kurz es geschieht nichts Neues unter der Sonne.

Zweitens giebt es für denjenigen, der in der Welt überau den Herrn sucht, keinen Unterschied des Großen und des Kleinen. Wenn der Herr es ist, der Alles thut, und in Quem wirksam ist, so muß auch Alles seiner würdig, ques groß und herrlich sein; nichts darf über das Undere hervorragen, denn Er ist nicht wie ein Mensch, welcher iezt sich selbst übertrift, iezt hinter sich selbst zurükkbleibt. Ist also Euere Betrachtung auf Ihn hingewendet: so werdet Ihr in der kleinsten Begebenheit dieselbe qu: macht, in jeder tugendhaften Handlung, in jeder frommen Regung des Gemůthes denselben Geist Gottes erblikken wie in der ausges zeichnetsten That. Nichts wird Euch gleichgültig und unbedeutend sein; aber eben deshalb kann auch nichts, wie groß und bewuns dernswürdig es sei, Euer Gemüth über das Maaß, welches dem Weisen und Frommen anståndig ist, bewegen und erschüttern. Dies ist denen, welche in der Welt nur die Begebenheiten und die Ver: ånderungen sehen, und alles nach dem Eindrukk abmessen, den die Außenseite auf ihren Sinn und ihr Gefühl hervorbringt, allerdings etwas fremdes. Sie übersehen die Große und Herrlichkeit des Kleinen, und darum finden sie überall große Begebenheiten aus kleinen Ursachen, und schnelle unerwartete Umwålzungen, die ihnen den Eindrukt des Neuen geben; darum staunen sie Einiges an, ohne es zu begreifen, und gehen stumpfsinnig bei Anderm vorüber, ohne die Offenbarung des Herrn zu finden. Stürme und Erds beben verwüsten ganze Lånder, und sie erschrekken über die pidza lichen Veränderungen in der Natur und über ihre verborgenen Kräfte – als ob sie den Wind besser verstanden, der des Morgens vor der Sonne hergeht, und den Thau, der sich auf ihre Wiesen senkt. Der Tod rafft Menschen hin mitten aus dem frohen und geschäftigen Leben, und sie erschrekken wie plôzlich der Herr ein Ende macht mit dem Menschen; sie erschrekken, weil sie nicht Acht haben auf den Kampf, den Leben und Tod immer in uns kämpfen, und auf den ersten Anfang von dem Siege des Jodeß. Ein hartes Schiksal bricht herein über einen Einzelnen, plózlich wanken und stürzen unter ihm alle Säulen seines Wohlergehens, und er versinkt in den Abgrund des Elendes ; sie erschrekken über die schnellen Ge: richte des Herrn;, aber sie hatten nur nicht gesehen den Hochmuth,

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