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I.

Geschichte und Geographie

von

Hugo Winckler.

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Einleitung

Die Wiedererschliessung des Verständnisses der Urkunden, welche der alte Orient hinterlassen hat, bedeutet eine völlige Umwälzung dessen, was man als alte Geschichte zu bezeichnen pflegt. Rein äusserlich kommt das schon zum Ausdruck in der Verschiebung der Anfangsgrenze unserer geschichtlichen Kenntnis von ca. 700 auf ca. 3000 v. Chr. – das heisst in einer Verdoppelung desjenigen

. Zeitraumes, den wir an der Hand geschriebener Urkunden überblicken können. Nicht weniger einschneidend wird sich aber eine immer mehr erweiterte Kenntnis altorientalischer Denkmäler für die Beurteilung alles Wissens und Schriftwesens des Altertums erweisen, insofern sich immer mehr herausstellt, dass

in genauer Parallele des Verhältnisses der sogenannten arabischen Wissenschaft zum Geistesleben Europas im sogenannten Mittelalter der Orient den klassischen Völkern des Altertums Lehrmeister in aller Wissenschaft gewesen ist, und dass das erwachende Griechenland die Grundlagen seines positiven Wissens von den uralten Pflegestätten der Weisheit am Euphrat und Nil empfangen hat. Nicht genug damit stellt das Griechentum in der Gestalt, in welcher es die Herrschaft über die alte Kulturwelt errungen hat, im Hellenismus, eine Verschmelzung griechischen Wesens mit dem am Ende seiner Entwicklung stehenden Orient dar, und mit den beiden orientalischen Lehren und Weltanschauungen des Christentums und Muhammedanismus verfällt die Kulturwelt aufs neue gänzlich orientalischer, d. b. altbabylonischer, Denkweise, bis die griechisch-römische Unterströmung am Schlusse des » Mittelalters « im Anschluss an die Erweiterung des Horizontes durch die Entdeckung der »neuen Welt«, durch die Erkenntnis der Stellung unseres Erdballs im Weltenraum durch Kopernikus und Galilei, durch die Gründung unserer Weltanschauung auf die empirischen Grundsätze der Naturwissenschaft eine neue Weltanschauung gebiert. Es giebt sonach zwei Weltanschauungen im Bereiche unsrer Kulturentwicklung von ihren Anfängen bis auf die Neuzeit: die altbabylonische, welche bis zum Ende des Mittelalters in ihren verschiedenen Verzweigungen herrscht, und die moderne naturwissenschaftliche, deren Wurzeln in der griechischen Philosophie beruhen, insofern diese die alte orientalische Die Keilinschriften u. d. A, T.

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Dritte Aufl.

2: Die attorientalische Weltanschauung und die Überlieferung.

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Lehre durch eigene Forschung ersetzt hatte, die aber durch einen von Christentum und Muhammedanismus ausgelegten Aristoteles im orientalischen Geiste an die Stelle der Forschung die Überlieferung hatte treten lassen, bis das neue Zeitalter mit seinem erweiterten Gesichtskreis und den neuen Bedürfnissen durch die Renaissance diesen Bann auc im Gebiete der Geisteswissenschaft brach.

Diese Entwicklung der Dinge wäre vielleicht von geringerer Bedeutung für eine Darstellung der Geschichte, insofern sie nur Entwicklung der Kulturen und Völker schildern will, und käme nur für eine Schilderung der Herausbildung von Wissenschaft und Weltanschauung in betracht, allein unsere Quellen der Geschichte des Altertums sind zum überwiegend grössten Teil, soweit sie nicht durch gleichzeitige Urkunden und Aufzeichnungen dargestellt werden, unter dem Einfluss jener Weltanschauung geschrieben, und wie der moderne Naturforscher keine Untersuchung vom Standpunkte scholastischen, aprioristischen Wissens aus führen kann, so konnte umgekehrt kein alter Autor aus der modernen Anschauung heraus ein geschichtliches Bild im Zusammenhang von Ursache und Wirkung entwerfen, sondern musste unter dem Einflusse und in der Denkweise seiner Weltanschauung sprechen. Alles, was daher nicht einfache Erzählung von selbst Beobachtetem ist, sondern was Ergebnis von Schlussfolgerungen, Nachweis des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung, also Forschungsergebnis sein will, steht im Zeichen der altbabylonischen Weltanschauung.

Das gilt zum grossen Teil auch von der Geschichtsdarstellung des klassischen wie des israelitischen Altertums

auch von der islamischen gilt dasselbe soweit sie eben nicht aus mittelbarer Anschauung das Geschehene berichten. Wie tief einschneidend aber die Kenntnis dieser alten Weltanschauung und ihrer Systeme für eine Beurteilung der alten Geschichtsüberlieferung wird, das wird uns die Betrachtung der israelitischen Geschichte zeigen. Dass die Erzählungen, welche jede Überlieferung an die Anfänge ihrer Geschichte stellt, Märchen und Legenden sind, lehrt die einfachste Kenntnis vom wirklichen Handeln und den natürlichen Entwicklungsbedingungen der Menschheit. Dass all die volkstümlichen Anekdoten, die von einem David erzählt werden, die Städtegründung eines Romulus, die Gesetzgebung eines Lykurg, die Wundertaten eines Moses und die Einzelheiten des Lebens eines Muhammed nicht Geschichte sind, das einzusehen bedarf es nur des gesunden Menschenverstandes; die Tatsache, warum sie erzählt werden, die Erklärung des oft scheinbar ungereimten Zeuges giebt der Einblick in die altorientalische Weltanschauung und Wissenschaft. Das unverständliche Märchen erscheint dadurch als Rest einer wissenschaftlichen Speculation, die aus jener uralten Wissenschaft herausgenommen wurde. Es ist dieselbe Anschauung, dasselbe Weltensystem, welches den Erzählungen der israelitischen Urgeschichte wie der römischen und arabischen (islamischen) zu Grunde liegt, und das auch im weiteren Bereich der Menschheit in den Grundzügen sich überall wieder

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Die bisherige Auffassung.

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findet. Es tritt uns wieder in den Berechnungen eines neuen Zeitalters, in den Zeitberechnungen des Kommens eines Messias in jüdischer und christlicher Apokalyptik, eines Imâm im Islam entgegen, wie es die Grundlage der Lehre vom Zusammenhange der Dinge bildet, welche die Astrologie und Kabbala bis zur Begründung der modernen Astronomie bewahrt hatten.

Dieser Zusammenhang, in dem wir die Überlieferung der israelitischen wie der übrigen Geschichten des Altertums zu betrachten haben, erweist für sich allein auch einen Zusammenhang der Geschichte der betreffenden Völker selbst. Wo Wissenschaft und Weltanschauung von einander abhängig sind, da muss auch der Entwicklungsgang der Kultur und der Völkerschicksale sich gegenseitig bedingt haben, ein Neben- oder Nacheinander ohne gegenseitige Berührung ist dabei nicht denkbar.

Die Menschheit hat lange gebraucbt, um sich über die Kräfte und Gesetze klar zu werden, welche ihren Entwicklungsgang bestimmen. Die Wissenschaft, welche den Kampf ums Dasein im Ringen des Menschen um die Herrschaft über die Kräfte der Natur verfolgt, und die Entwicklung der Kultur in ihrer Gesamtheit als Inhalt der Geschichte der Menschheit zu erfassen strebt, ist erst ein Kind der letzten Zeiten. Von jeher hat die menschliche Aufmerksamkeit statt dieses friedlichen und in seiner Alltäglichkeit der oberflächlichen Betrachtung nichts Bemerkenswertes bietenden Kampfes der Ausbruch der Gewalt gefesselt, der Krieg, durch welchen der Mensch sich nicht die Natur, sondern den Menschen zu unterwerfen, und die Früchte von dessen Arbeit anzueignen sucht. In seiner Aussergewöhnlichkeit und seiner Furchtbarkeit bildet er einen müheloseren und der unentwickelten Betrachtungsweise leichter erfassbaren Gegenstand der Schilderung.

Die naive Darstellungskunst des Altertums hat unter solchen Verhältnissen uns in ihrer Geschichtschreibung kaum etwas anderes geliefert als Nachrichten über die feindlichen Berührungen der Völker. Da diese im allgemeinen nur zwischen den Angehörigen eines Kulturkreises oder Nachbarn stattzufinden pflegen, so war der Gesichtskreis, der auf Grund solcher Schilderungen den alten Völkern untergeschoben wurde, recht begrenzt, und wurde noch enger gefasst durch das Übergewicht, welches man den beiden klassischen Völkern, besonders aber dem Griechentum in der Beurteilung der Menschheit einräumte. Gerade der Grieche in der Zeit seiner nationalen Entfaltung, also vor Alexander und dem Hellenismus, ist aber in seiner Kenntnis alles Nicht-Griechischen stets einseitig und beschränkt gewesen. Die römische Weltherrschaft hat schon einen weiteren Überblick erzeugt, aber die Versuche des Römertums, über den vom Hellenismus vorbereiteten Boden nach Osten vorzudringen, scheiterten am Widerstand der Parther und den unüberwindlichen Schwierigkeiten, welche die Natur Arabiens ihnen entgegenstellte. Erst eine Entwicklung der Schiffahrt, welche den Ocean statt des Mittelmeerbeckens zur Strasse des Verkehrs machte, konnte den

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