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Der tellurische Hintergrund. Die Festtatsachen.

II

In diesem Kalendermythus bez. Naturmythus mit seinen tausend Variationen hat die alte Welt (zunächst der Orient, daneben auch, durch diesen beeinflußt, der Occident) ihre ý dvorégas ihnidas, insbesondere die Lehren, „wie man mit einer besseren Hoffnung sterben kann“ (Cicero), niedergelegt.

Der astrale bez. tellurische Mythus vom Sterben und Wiederauferstehen, vom Sieg der lichten Mächte über die dunklen Gewalten, gab den großen Festen des orientalischen Altertums den Inhalt, sozusagen die Festtatsache, die gefeiert werden sollte. Diese Feste fielen auf die Solstitien, sofern die astralen Beziehungen betont wurden (Geburtstag der Sonne, Todestag der Sonne), oder auf die Äquinoktien, wenn die tellurischen Erscheinungen (Saat, Ernte) hervorgehoben wurden. Sie wurden zu allen Zeiten in dramatischer Form durch Festspiele gefeiert. Wie es scheint, wurden mit Vorliebe beide Festspiele, Sterben und Wiedererscheinen, zu einem Feste dramatisch verbunden. Auf babylonischem Gebiet gehört hierher das Neujahrsfest mit dem feierlichen Götterumzug und dem Fest der Schicksalsbestimmung und das Hochzeitsfest des Jahrgottes. Das Gegenstück dazu bildet das Trauerfest in der Sommersonnenwende, über dessen dramatische Ausschmückung der Schluß der ,,Höllenfahrt der Istar" Andeutungen gibt. Spuren eines Festspiels, das den Sieg des Jahrgottes über den Wasserdrachen darstellt, hat H. Zimmern entdeckt.1 Später begegnet uns das Drama des Kalendermythus in den mythischen Gebräuchen der Mysterien.?

babylonischen Religion S. 10 ff. In dem nordischen Mythenkreise (s. S. 8 Anm. 1) wird mit Vorliebe eine dritte Parallelerscheinung des Gestirnumlaufs, der Wetterwechsel, in den Jahresmythus und Weltjahrmythus hineingezogen. Auch dieses Motiv kennt der alte Orient. Es liegt vor in den Astralmythen, die mit den Plejaden zusammenhängen; die Plejaden sind während der 40 winterlichen Tage unter dem Horizont verschwunden, s. ATAO 142. Der Wechsel der Motive beruht auf lokaler Verschiedenheit. Die Grundidee ist allenthalben dieselbe.

1) S. hierzu „Monotheistische Strömungen innerhalb der babylonischen Religion“ S. 24f.

2) Die Deutung der orphischen und eleusinischen Mysterien, soweit sie sich aus dem orientalischen Kalendermythus ergibt, versuchte ich in Monotheistische Strömungen S. 13 ff. zu geben. Der Haupteinwand gegen die „natursymbolische“ Deutung: die Eleusinien könnten nicht Sterben und Auferstehen symbolisieren, weil sie im September gefeiert wurden (Anrich, Das antike Mysterienwesen 9ff.), ist nach dem oben Gesagten von vornherein hinfällig, vgl. auch S. 21.

Wenn sich im folgenden zeigen wird, daß dieser Mythus vom Kreislauf der Natur (aus Leben folgt Tod, aus Tod folgt Leben und von der Besiegung der finsteren Mächte durch den Erretter (im griechischen Mythus heißt der sonnenhafte Jahrgott immer oorg') auch in den Darstellungsmitteln neutestamentlicher Schriften eine Rolle spielt, so darf uns das vom christlichen Standpunkte aus nicht unsympathisch sein. Im Christentum ist nicht nur das zur Realität geworden, „was Gott durch die Väter manchmal und mancherlei Weise geredet hat“, sondern im Christentum erschien auch der Heiden Heiland. Was der Heiden höchster Wunsch und Sehnen war und sich als wertvoller Schatz in der Hülle ihrer Mythen verborgen hat, ist zu Tat und Wahrheit geworden durch den, der ohne Mythus sagen kann: Siehe, ich mache alles neu.

Der rein kosmologische Kalendermythus in seiner dramatischen Ausgestaltung gibt dem biblischen Apokalyptiker Bild und Farbe

a) für die Glorifizierung des siegreichen Christus,

der durch Tod und Auferstehung den Drachen besiegt hat, und der nún feierlich die Leitung der Geschicke übernimmt. Apk 4, 21ff. 5.2

1) So verwandelt sich Serapis, der als physischer Erhalter des Menschengeschlechts gilt, im Mythus in der Frühlingszeit in den ’Aoxıýnios owing. Zeus, Helios, Dionysos heißen nach Pausanias, arc. VIII, 30 f. owing. Bei den Griechen ist ferner der Begriff auf Helden, die Sonnencharakter haben, übertragen: ňoms oorg, s. Rhode Psyche II, 250 f. Anm. 6; Herakles ist ’Aležirazos. Augustus als Erlöserkönig ist oorýo, s. S. 59, 61, Antiochus nennt sich owińg. Als Zweck aller Mysterien wird die Erlangung der oorgia angegeben.

2) Die astral - mythologische Erklärung der apokalyptischen Vision hatte bereits Dupuis, Examen de l’Apocalypse gefunden. In neuerer Zeit und mit neuem Material ausgerüstet hat Gunkel, Schöpfung und Chaos 302 ff., mit der mythologischen Erklärung Ernst gemacht. Ihm folgte Bousset, Kommentar zur Offenbarung Johannis z. St., sodann wiederum Gunkel, Zum religionsgeschichtlichen Verständnis des Neuen Testamentes S. 38 ff. Meine theologische Auffassung ist grundsätzlich von der beider Forscher verschieden. Gunkel und Bousset erklären die Form und disputieren dabei zugleich die Realität des dogmatischen Inhalts hinweg. Der Christus von Apk 4f. ist ihnen ein orientalischer mythologischer Messias. Ich sage: Dieser apokalyptische Christus ist Realität. Bei seiner Schilderung griff der Apokalyptiker naturgemäß nach dem Bilderbuch der ihn umgebenden orientalischen Welt. Aber auch bei der Erklärung der mythologischen Form stimme ich nicht mit Gunkel und Bousset überein. Beide erörtern die Frage, ob ein babylonischer, ägyptischer, alexandrinischer oder anderer Mythus zugrunde liege. Der Jahrmythus in dem Drama Apk 4 und 5.

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b) für die Weissagung vom Christus der Endzeit, der

den Weltenfrühling bringen und Hochzeit feiern wird.

Apk 12. 17.

Wir haben uns zunächst nur mit dem ersten Punkte zu beschäftigen; zu b) s. S. 34 ff.

Apk 4, 2 ff. 5, I ff. Und siehe, im Himmel stand ein Thron, auf dem Throne saß einer, und der da saß, glich von Ansehen einem Jaspis und Sardischen Stein, und rings um den Thron war ein Regenbogen, gleichwie Smaragd von Ansehen. Und rings um den Thron vierundzwanzig Throne, und auf den Thronen vierundzwanzig Älteste sitzend, angetan mit weißen Gewändern, und auf ihren Häuptern goldene Kränze. Und von dem Throne gingen aus Blitz und Schall und Donner, und sieben Feuerfackeln brannten vor dem Throne, das sind die sieben Geister Gottes. Und vor dem Throne war es wie ein gläsernes Meer gleich Kristall. Und mitten im Throne und rings um den Thron vier Tiere, überdeckt mit Augen vorn und hinten. Und das erste Tier glich einem Löwen und das zweite einem Stier, und das dritte hatte ein Angesicht wie ein Mensch, und das vierte glich einem fliegenden Adler.

Und ich sah auf der rechten Hand dessen, der auf dem Throne saß, ein Buch, innen

Gunkel sagt z. B., Bousset habe sich durch Herbeiziehung des HorusTyphon-Mythus verdient gemacht. Diese Frage ist zunächst gleichgültig. Es liegt der durch die alte Welt wandernde Kalendermythus zugrunde, der weseneinheitlich ist. In welcher nationalen Ausprägung ihn der Apokalyptiker vorfand, ist cura posterior. (Vgl. Winckler, Krit. Schriften III, 90 ff. 107 ff. über den auf rein philologisch-formaler Anschauung begründeten immer wiederkehrenden Irrtum, daß die Sprache oder der zufällige Ort der Überlieferung auch den Ursprung der Ideen geben müsse. Die Flagge des Frachtschiffs gibt nicht die Heimat der Ware an.) Übrigens sollen in theologischer Beziehung meine Ausführungen im folgenden nicht allein eine Auseinandersetzung mit Gunkel und Bousset bedeuten. Der Verfasser hat als praktischer Theologe auch einen kirchlichen Zweck im Auge. Der Herausgeber der „Reformation“ fügte einem ausführlichen Bericht über meine die Apokalypse betreffenden Ausführungen beim Baseler Religionsgeschichtskongreß (1904, Nr. 2) folgende Bemerkungen hinzu: „Das Streben, die Verwandtschaft der apokalyptischen Bilderwelt mit dem altorientalischen Weltbild in das Bewußtsein der Christenheit einzuführen, ist für alle Fälle dankenswert. Erst auf diese Weise werden wir den sektirerischen Mi Bbrauch der apokalyptischen Darstellungsweise zur Bezauberung der unmündigen Christen durch phantastische Zukunftsbilder endgültig überwinden.“ Das entspricht durchaus meiner Auffassung.

und auf der Rückseite beschrieben, mit sieben Siegeln versiegelt. Und ich sah einen gewaltigen Engel, der verkündete mit lauter Stimme: Wer ist würdig, zu öffnen das Buch und zu lösen seine Siegel? Und niemand vermochte es, weder im Himmel, noch auf der Erde, noch unter der Erde, das Buch zu öffnen, noch hineinzusehen. Und ich weinte sehr, daß niemand würdig

. befunden ward, das Buch zu öffnen, noch hineinzusehen. Und einer von den Ältesten sagte zu mir: Weine nicht, siehe der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel David, hat überwunden, um zu öffnen das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah inmitten des Thrones und der vier Tiere und der Ältesten ein Lamm stehen als wie geschlachtet, mit sieben Hörnern und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, ausgesandt auf die ganze Erde; und es trat herzu und empfing es aus der Rechten dessen, der auf dem Throne saß.

Und die vier Tiere und die vierundzwanzig Ältesten sangen ein neues Lied, also: Würdig bist du, zu nehmen das Buch und zu öffnen seine Siegel.

Und zehntausendmal Zehntausende und tausendmal Tausende, die riefen laut: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet ist, zu nehmen Gewalt und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Segen.

Diese apokalyptische Vision zeigt Christi Erhöhung. Während es Mt 28, 18 einfach heißt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erdenund Mt 11, 27: „Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater", oder bei Paulus im Philipperbrief 2, 9: Darum hat ihn auch Gott erhöhet und hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen isti, ist Sieg und Erhöhung in den Bildern und Farben des altorientalischen Mythus vom Kampf und Sieg des Jahrgottes geschildert, der zum Lohn für den Sieg das Buch der Geschicke, d. h. das Weltregiment, empfängt und darum in der himmlischen Ratsversammlung gepriesen wird.

1. Die himmlische Ratsversammlung. Gott sitzt auf dem Throne, den ein wie Smaragd leuchtender Regenbogen umgibt. Links und rechts vom Throne in zwei Halbkreisen? Die himmlische Ratsversammlung.

1) Vgl. hierzu übrigens S. 18 und 104 ff.

2) So ist die Anordnung zu denken nicht nur nach Iudicium Petri, sondern auch nach rabbinischen Stellen, z. B. Schemot Rabba zu 2 Mos 4, 28 unter Hinweis auf Jes 24, 23: „R. Abin sagt: Einst wird Gott die Ältesten Israels wie eine Tenne (d. i. nach dem folgenden im Halbrund) gruppieren, er wird an der Spitze von ihnen allen sitzen wie der Gerichtspräsident und den Völkern Recht sprechen.“

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sitzen die 24 Ältesten in weißen Kleidern (d. h. in priesterlichen, linnenen Gewändern) mit goldenen Kronen auf den Häuptern. Vor dem Throne ein „gläsernes Meer". 1 Und , mitten im Throne und rings um den Thron" 2 vier Tiere: Löwe, Adler, Mensch, Stier. 3

Das entspricht dem kosmischen Bild des Jahres- und Weltenkreislaufs. Die 24 Ältesten müssen im Zusammenhang des kosmischen Bildes 24 Zeitteilen des Tierkreises entsprechen. 4 Das würde ihre Charakterisierung als Greise erklären; die Zeit (Chronos!) wird gern im Greisenalter symbolisiert. Sie sitzen im Tierkreis auf Thronen.5 Über dem Ganzen thront der allgewaltige Gott. Die thronende Gottheit hält auf der Rechten eine Buchrolle, innen und außen beschrieben. Sieben (wohl herabhangende) Siegel zeigen, daß die Buchrolle sieben Abteilungen enthält. Wer kann das Buch auftun, wer ist würdig, die Siegel zu lösen?

2. Der zu Verherrlichende tritt auf. Er heißt I. der Löwe vom Geschlecht Juda, 2. die Wurzel Davids, 3. das Lamm, das „gleich wie ein geschlachtetes ist“ (es trägt das Mal der Schächtung am Halse, aber es ist lebendig, hat also

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1) Vgl. Ez 1, 22. Zu beachten ist vielleicht, daß bei den Arabern das Firmament als ein grenzenloses Meer erscheint, vgl. Kircher, Oedipus Aegyptiacus II, 1, p. 423. 426.

2) Das Bild der Merkaba Ezechiels. Es spielt bekanntlich in der Haggada eine große Rolle. Die kabbalistische Literatur kennt als Gegenbild eine Merkaba Sammaels (des Teufels).

3) Der Text muß verdorben sein. Sind die 4 wie bei Ezechiel als Thronträger gedacht? Dem kosmischen Bilde entsprechend müßten es die 4 „Weltecken“, die 4 Hauptpunkte des Tierkreises sein, s. ATAO 13 ff.

4) Gunkel erinnert an das Zeugnis des Diodorus Siculus II, 31, nach dem die Babylonier neben den Tierkreisgestirnen noch 24 Sterne auszeichnen, von denen 12 zum Gebiet der Lebenden gehören, während 12 an das Totenreich grenzen. Aber es werden nicht, wie Gunkel sagt, alle 24, sondern nur 12 von ihnen, die „unsichtbaren, an das Totenreich grenzenden“ „Richter der Welt“ genannt. Ganz klar ist die Sache nicht. Rein jüdisch gedacht würde man einen Divan von 12 Ratsmitgliedern (Mt „sie werden sitzen auf den 12 Thronen“) oder von 70 Ratsmitgliedern erwarten. Zum himmlischen Kollegium der 70 s. S. 67.

5) Zu den Thronen am Tierkreis, die mit Häusern wechseln, s. ATAO 14.

6) Innen ist selbstverständlich. Daß sie außen beschrieben ist, sieht der Zuschauer (Bousset).

;) Vgl. die 7 Tafeln in den Dionysiaca des Nonnus, von denen jede den Namen eines der 7 Planeten trägt.

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