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Einleitung

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Die „religionsgeschichtliche Schule“ hat in dem ernsten Bestreben nach Verständigung mit den „Gebildeten“ unserer

“ Zeit die Forderung aufgestellt, man müsse bei der Religionsvergleichung darauf verzichten, das Christentum als „absolute Größe“ anzusehen, man dürfe ihm keine „Vorzugsbedingungen“ einräumen. Es zeigt sich in diesem Verlangen die Konsequenz der auf die Religionsgeschichte übertragenen Evolutionstheorie. Innerhalb einer gradlinigen oder auch wellenförmigen Entwicklung hat eine absolute Größe keinen Raum. Das Christentum erweist sich hier im besten Falle als der Höchstpunkt der bisherigen Entwicklung. Der Losung: „Fortentwicklung der Religion“ ist freie Bahn gegeben.

Bei den konsequentesten Vertretern der religionsgeschichtlichen Methode ist das Resultat bereits klar zutage getreten: das Christentum soll eine synkretistische Religion sein! Die Person Jesu Christi ist nach dieser Anschauung wie das Eintreten des Christentums in die Welt durchaus geschichtlich bedingt. Die Theologie des Paulus und Johannes hat den historischen Jesus mit dem Prachtmantel orientalischer MessiasMythologie ausgestattet. So ist die Christologie und Eschatologie des Paulus und Johannes entstanden. Die Fortentwicklung der Religion würde darin zu bestehen haben, daß man zu der schlichten Gestalt des Menschen Jesus mit seiner Lehre und seinein sittlichen Vorbild zurückkehrt.

Man vermeidet die letzte Konsequenz der Entwicklungstheorie, nach der man die Existenz einer objektiven, ewigen Wahrheit und das Eingreifen des lebendigen Gottes in die Erziehung des Menschengeschlechts überhaupt ausschließen müßte. Aber man wird sich gefallen lassen müssen, daß Vertreter monistischer Weltanschauung das schließliche Zurückziehen der Religionsgeschichtler auf den Glauben“, der am Ende doch

Jeremias, Bab.

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absolute Werte im Christentum findet, als letzte „theologische Eierschalen" charakterisieren, die schließlich vor konsequentem Denken weichen müssen.

Wir halten im Gegensatz zur religionsgeschichtlichen Schule" daran fest, daß das Christentum auf vollkommene Einzigartigkeit Anspruch zu erheben hat, und daß ihm deshalb in der vergleichenden Religionsgeschichte nicht nur relative, sondern schlechthinnige Vollkommenheit zuzugestehen ist. Auch wir gehen aus von der Frage nach dem Wesen der Religion und erkennen, nachdem wir Umschau unter allen Religionen der Welt gehalten haben: Religion ist Gemeinschaft mit Gott. Das Heidentum sucht die Gemeinschaft mit Gott in der Natur; alle Abweichung von diesem Wege ist entartetes Heidentum im Sinne von Rö 1, 19 f. Das Christentum bietet die gesuchte Gemeinschaft mit Gott dar in Jesu Christo. Darum ist das Christentum die Religion. In ihm haben wir Gott voll und ganz. Das wird uns verbürgt durch die Heilsgewißheit, die in der christlichen Kirche auf Grund von Geschichtstatsachen lebendig ist und die das gläubige Bewußtsein des einzelnen auf dem Wege der christlichen Erfahrung sich aneignen kann: Es ist in keinem andern Heil!

Aber welchen Wert hat dann, so wird man fragen, die Heranziehung fremder Religionen für das Verständnis des Christentums? Man hat gesagt: die christliche Theologie mus vergleichende Religionswissenschaft treiben. Die Verhältnisse drängen dazu. Man denke nur an den Kampf um Babel und Bibel und an die buddhistische Missionsbewegung. allein treibt uns nicht zur Vergleichung. Das Verlangen nach immer tieferem Verständnis der christlichen Religion selbst fordert uns auf, die Lehren und Institutionen anderer Religionen zu erforschen. Eine doppelte Erkenntnis macht sich hier unabweisbar geltend:

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1. Die Offenbarung Gottes, die in unserm Heiland Jesus Christus sich vollendet hat, ist menschlich vermittelt. Sie knüpft allenthalben an Gegebenes an und verkündigt ihre Wahrheiten mit den Darstellungsmitteln der realen Welt, innerhalb deren sie in die Erscheinung getreten ist. Hierin liegt die Wahrheit des Entwicklungsgedankens, sofern er auf die Religionsgeschichte übertragen wurde. Diese reale Welt ist für die biblischen Schriften der alte Orient.

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In den letzten zwanzig Jahren ist von verschiedenen Gesichtspunkten aus mit Nachdruck auf den „israelitisch-jüdischen Hintergrund“ und auf den „palästinensischen Erdgeruch“ der neutestamentlichen Schriften hingewiesen worden. Wir wissen jetzt, daß dieser israelitisch-jüdische Hintergrund nichts anderes als der babylonische, oder besser gesagt, der altorientalische Hintergrund 2 ist. Die neutestamentlichen Schriftsteller haben ebensogut wie die alttestamentlichen unter dem Einfluß des großen orientalischen Kulturbereiches gestanden; sie sind nicht magisch aus der sie umgebenden Welt herausgerissen worden. Ihre Bildersprache greift wie die der alttestamentlichen Priester und Propheten nach dem unerschöpflich reichen Bilderbuch des alten Orients, und auch die tiefsten Gedanken neutestamentlicher Offenbarung sind den Menschen durch die Darstellungsmittel der ihnen bekannten Welt vermittelt worden. 3

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1) Mit besonderem Nachdruck ist das geschehen in den Arbeiten von Georg Schnedermann. Für die Erforschung der Zeitgeschichte ist das grundlegende Werk: Schürer, Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi.

2) Wir sagen „babylonisch“, weil in Babylonien die altorientalische Kultur und Weltauffassung in der uns geschichtlich bekannten Zeit am frühesten und deutlichsten zum Ausdruck kam. Vor hundert Jahren war man der Wahrheit bereits einmal auf der Spur (Dupuis, Görres u. a.; ihre Arbeiten bieten wertvolles Material). Der Weg wurde bald wieder verschüttet. Die hervorragendsten Führer des Rationalismus, in dessen Dienst einseitig die religionsgeschichtliche Betrachtung gestellt wurde, versagten, z. B. David Friedrich Strauß. Die kirchliche Theologie verhielt sich schroff ablehnend. Sodann führte eine wüste Etymologisierungsmethode, dazu die einseitige Betonung des indischen Altertums, zu Trugschlüssen. Die erneute Aufrollung der Frage „Babylonisches im Neuen Testament“ im engeren Sinne des Wortes und unter Verwertung des keilinschriftlichen Materials ist nach der eschatologischen Seite hin unter Mitwirkung H. Zimmerns von Gunkel vorgenommen worden in ,,Schöpfung und Chaos in Urzeit und Endzeit“, nach der christologischen Seite und auf einigen anderen Gebieten von Zimmern in Schraders „Keilinschriften und Altes Testament“ 3, ferner in Gunkels „Zum religionsgeschichtlichen Verständnis des Neuen Testaments“. Die genannten Werke dienen dem Nachweis, das Christentum sei eine synkretistische Religion. Das vorliegende Buch will durch positiven Aufbau der Auflösung des Christentums in religionsgeschichtlichen Synkretismus entgegentreten. Es stellt in den ersten Kapiteln die den gesamten Orient beherrschende, dem Wesen nach einheitliche Erlöserhoffnung dar und versucht zu zeigen, wie die Schemata in der Christologie zur Realität geworden sind.

3) Wir schalten absichtlich die Frage nach dem hellenistischen Einfluß aus. Daß die Hypothese in ihren Konsequenzen übertrieben wurde,

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Hierbei ist aber noch energischer als beim Alten Testament die Warnung vor Verwechslungen von Inhalt und Form auszusprechen. Die Evangelisten und Apostel sind Kinder ihrer Zeit. Sie bieten goldene Äpfel in silbernen Schalen, tragen ihren Schatz in irdenen Gefäßen; aber die Form und Ausschmückung des Gefäßes ändern nichts an dem Werte des Schatzes, sie bieten die Darstellungsform für einen analogielosen Inhalt. Man kann beispielsweise die Frage erörtern: Wie würden die apostolischen Aussagen über Christi Person und Werk lauten, wenn das Christentum innerhalb der kopernikanischen Ära auf die Welt gekommen wäre? Wie auch die Antwort im einzelnen lauten würde, es könnte sich nur die Ausdrucksweise, nicht aber der reale Inhalt der christlichen Glaubenssätze ändern. Und es würde sich herausstellen, daß auch der moderne Mensch in tausend Fällen zu den alten Darstellungsmitteln greifen müßte, wie man ja trotz Kopernikus noch heute sagt: ,,Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter.“ Nicht nur unser Wissen, sondern erst recht unsere Ausdrucksmittel bleiben Stückwerk.

Am wenigsten wird vom „altorientalischen Hintergrund" in dem Evangelium Jesu zu spüren sein. Jesus ist zwar durchaus nicht, wie neuerdings behauptet worden ist, im Sinne seiner Zeit und seines Volkes „Laie" gewesen. Die Pharisäer würden sich dann gar nicht mit ihm eingelassen haben. Sie haben ihn wohl „von Sinnen“ gescholten, aber sie haben ihn nie einen ,,Am haarez“ genannt. Das Evangelium Matthäi zeigt klar und deutlich, daß Jesus ein Gebildeter im Sinne seiner Zeit war.

Aber das schlichte Evangelium Jesu bedurfte nicht der phantastischen Bilder der orientalischen Mystik. Spuren finden sich, abgesehen von den Gerichtsreden, die unleugbar spätere Einflüsse zeigen, beispielsweise in der Ausdrucksweise von Stellen wie: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen"; „Der unsaubere Geist wandert durch dürre Stätten"; „Ich sahe Satanas herniederfahren als einen Blitz"; „Ich könnte

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ist wohl allgemein anerkannt. Übrigens war der Hellenismus der apostolischen Zeit stark orientalisiert. Fast in allen Fällen, in denen religionsgeschichtliche Untersuchungen über das Neue Testament griechische Motive finden wollten, handelt es sich in Wirklichkeit um orientalische Motive.

1) Vor allem von W nle, Die Anfänge unserer Religion, der verhängnisvolle Schlüsse daraus zieht.

2) Vgl. A. Wünsches Abhandlungen in Vierteljahrsschr. f. Bibelk., talmud. und patrist. Studien, 1. und 2. Jahrgang.

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mehr denn 12 Legionen Engel erbitten"; „Sie werden sitzen auf den 12 Stühlen“. 1

Häufiger stoßen wir auf orientalische Formen in den apostolischen Schriften, insbesondere bei Paulus, der den Juden ein Jude und den Heiden ein Heide wird und die gesamte Bildung seiner Zeit seiner Verkündigung dienstbar macht, um Formen zu finden für den neuen Inhalt, den kein Ohr gehört, und der in keines Menschen Herz gekommen ist. Vor allem aber zeigt die Apokalypse altorientalische Formen. Sie greift mit vollen Händen in das bunte Bilderbuch der alten Welt. Ihre Gedanken bewegen sich auf Gebieten, auf denen auch der Christenheit die religiöse Erfahrung fehlt. Deshalb muß sie insbesonders dort, wo sie über die individuelle Hoffnung hinausgreift und den Kosmos in die Zukunftsbilder hineinzieht, ihre Bilder und Farben der alten mythischen Kosmologie entnehmen.

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2. Die reale Welt, in die Gottes Offenbarung in Christo eintrat, war keine gottverlassene Welt. Die auf die Erlösung hingerichtete Leitung Gottes beschränkte sich auch nicht auf

2) Während der Drucklegung werde ich auf die Ausführungen Kählers in seinen Dogmatischen Zeitfragen 89 f. aufmerksam gemacht, denen ich rückhaltlos zustimme: Jesus verhandelte mit den Juden seiner Zeit. Sie mußten ihn doch wenigstens äußerlich verstehen können. Auch ist er ja in allem, was Darstellung, Verdeutlichung, Anschaulichkeit angeht, notwendig der Sohn seines geschichtlichen Ortes. (In der Anmerkung heißt es: Auch der Bilderstoff Jesu ist örtlich und zeitlich bedingt.) Aber dafür ist der Inhalt seiner Rede jener Zeit so fremd, wie jeder andern Zeit, sofern eine solche den Inhalt nicht von ihm angenommen hat oder aus der ihn vorbereitenden Offenbarung. Und dieser Inhalt von Tatsachen und Gedanken der Ewigkeit, dieser Ausdruck des allzeit Gleichen und allzeit Geltenden, in dieser unvergleichlichen Sicherheit des überirdisch Tatsächlichen gedacht und gesprochen dieser Inhalt zieht auch die Darstellung in ihre Art hinein. ... Renan bedauert den armen Rabbi mit seinem ausgesprochenen dégout gegen alle Zeitbildung. Hätte Jesus nun seine Stoffe aus der Bildungsaristokratie von Jerusalem und Cäsarea gewählt, wer wollte es unternehmen, den Batta und Sulu, den Südseeleuten und Papua seine Gleichnisse zu überliefern? ..... Die Probe ist ja oft genug gemacht, wie allgemein verständlich seine Worte sind, und wie schwer es dagegen schon ist, die Schriften seiner Jünger ganz verständlich zu machen.“

2) Einer besonderen Beurteilung unterliegt die paulinische Engellehre und Eschatologie, vgl. hierzu S. 83 ff. Sie stehen nicht auf gleicher Linie z. B. mit der paulinischen Rechtfertigungslehre. Das erklärt sich genügend daraus, daß sie Gebieten angehören, die außerhalb der christlichen Erfahrung liegen.

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