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Die Verfolgung des Erlöserkönigs.

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hatte vor Kronos (Zeitgott!), der seine eigenen Kinder verschlang. Die Bienen des Gebirges und die Ziege Amalthea versorgen das Kind mit Milch und Honig (!), während die Kureten durch Waffentänze das Geschrei des Kindes übertäuben. Thoas wurde bei dem allgemeinen Männermorde von seiner Mutter in einen Kasten eingeschlossen, welcher nach Skythien schwamm.1 Ägisthus, der über Agamemnons Volk herrschte, wurde als neugeborenes Kind von seiner Mutter ausgesetzt, mit der Milch einer Ziege aufgezogen. Telephos von Auge, durch Herakles erzeugt, wird von Aleos, seinem Großvater (dessen erstgeborener Sohn war Lykurgos) samt seiner Mutter in eine Lade gesteckt und ins Meer geworfen. Sie kamen zu dem mächtigen Teuthras in der Ebene Kaïkos, der sich mit der Mutter vermählte. Telephos wird später um seiner Heldentaten willen im Bezirk von Pergamos verehrt, s. Pausanias VIII, 4, 7. Anios ist Sohn der Rhoio; sie wurde, schwanger von ihrem Vater, in einen Kasten gesteckt und ins Wasser geworfen. Auf Delos angeschwemmt, gebar sie den Sohn, der König der Insel und Priester Apollos wurde, s. Lycophron, Tzetzes’ Kommentar, S. 570. Die Beispiele sind längst nicht erschöpft.

Den Zusammenhang dieser Aussetzungsmythen mit dem Kalendermythus vom sterbenden und aus der Unterwelt heimkehrenden Jahrgott zeigt besonders deutlich die von Panyasis nach Apollodor, Myth. Bibl. III, 14, 4 überlieferte Gestalt der Tammuz-Adonis-Sage: Smyrna, Tochter des Assyrerkönigs Thias, hatte Aphrodite beleidigt und wurde aus Rache 12 Nächte hindurch zur Liebe gegen ihren Vater entflammt. Als der Vater es inne wurde, verfolgte er sie mit gezücktem Schwert. Das Mitleid der Götter verwandelte sie auf der Flucht in einen Baum, den man Smyrna (Myrrhe) nennt. Zehn Monate nachher platzte der Baum, und Adonis wurde geboren. Aphrodite verbarg den schönen Knaben in einer Kiste und stellte ihn der Persephone zu, die ihn nicht wieder herausgeben wollte, sobald sie ihn erblickt hatte. Durch einen richterlichen Ausspruch des Zeus wurde nun das Jahr in drei (!) gleiche Teile geteilt, wovon Adonis einen Teil sich selbst leben durfte, einen bei Persephone und einen bei Aphrodite zubringen sollte. Seinen eigenen Teil wußte nun Adonis nicht besser zu benutzen, als daß er auch diese Zeit über bei Aphrodite blieb. Später starb Adonis, von einem Schwein auf der Jagd verwundet.

3. Der Erlöserkönig bringt Segenszeit und wunderbare Fruchtbarkeit. Insonderheit ist er der Weinerfinder.

Der Weltenfrühling der messianischen Zeit wird in vollständigen Gemälden von Zeiten überschwenglichen Glückes

1) S. K. Otfr. Müller, Orchomenos und die Minyer S. 310.

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ausgemalt. Das goldene Zeitalter ist wiedergekommen. Schilderungen wie sie im Alten Testament Ps 72; Jes 61, Iff. sich finden, kennt mutatis mutandis auch die außerbiblische orientalische Literatur. So spricht ein assyrischer Brief an den König Asurbanipal, der nach dem Eingang seiner Annaleninschrift als ein Erlöserkönig auftreten wollte, wie die S. 27 f. genannten Könige, vom Segen des mit Asurbanipal angebrochenen Zeitalters mit folgenden überschwenglichen Worten 1 :

„Tage des Rechts, Jahre der Gerechtigkeit, reichliche Regengüsse, gewaltige Hochwasser, guter Kaufpreis. Die Götter sind wohlgeneigt, Gottesfurcht ist viel vorhanden, die Tempel reichlich versehen Die Greise hüpfen, die Kinder singen, die Frauen und Mädchen .... heiraten . . . geben Knaben und Mädchen das Leben. Das Werfen verläuft richtig. Wen seine Sünden dem Tode überantwortet hatten, den hat mein Herr König am Leben gelassen. Die viele Jahre gefangen saßen, hast Du freigelassen, die viele Tage krank waren, sind genesen. Die Hungrigen sind gesättigt, die Ausgemergelten sind fett geworden, die Nackten sind mit Kleidern bekleidet worden.“

Wie die gesamte Natur in die Sagen der messianischen Zeit hineingezogen wird, schildert z. B. das 4. Fragment der alexandrinischen Sibyllinen 619ff. und 743ff.:

Große Freude alsdann wird Gott den Menschen verleihen; Denn auch das Land und die Bäume und große Herden von Schafen Werden untadlige Früchte den Menschen spenden in Fülle, Viel an Wein und Honig gar süß und an schimmernder weißer Milch und an Weizen, der ja das Beste ist für die Menschen.

Denn den Sterblichen wird in Menge die nährende Erde Geben gar treffliche Frucht an Weizen und Wein und Oliven, Auch das süße Getränk des lieblichen Honigs vom Himmel, Bäume und Früchte vom Baum und auch gemästete Schafe, Lämmer und Ochsen, Kühe und Kälber, Ziegen und Böcke; Und es ergießen sich Bäche von Milch, der weißen und süßen, Und der Boden ist fett, kein Krieg oder Schlachtlärm auf Erden.

Hierher gehören auch Stellen aus der talmudischen Literatur, wie Bamidbar rabba Par. 132: „Sechs Dinge ... wird der Messias

1) S, Zimmern KAT3 380 f. u. vgl. dazu S. 59 die Augustus-Sage.

2) Der Messias wohnt hier im Norden und errichtet das Heiligtum im Süden. Es wird auf Jes. 41, 25 Bezug genommen.

Die Segenszeit. Erlöserkönig und Wein.

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wiederbringen: Lichtglanz, Leben, Statur 1, Erdfrucht, Baumfrucht, Himmelslichter." Schabbat 300: „Rabban Gamaliel der Lehrer Pauli) saß und sagte: Dermaleinst [zur Messiaszeit wird jede Frau täglich gebären ... die Bäume werden täglich Früchte tragen .

das Land Israel wird Kuchen und Seide hervorbringen.“ (Ähnliches Ketubot in", Sanhedrin 1004.)

In den orientalischen Kalendermythen ist der siegreiche Jahrgott insbesondere Erfinder des Weinbaus. Wie Noah, der Anfänger des neuen Weltzeitalters, den Weinstock baut, so lebt im Osiris-Dionysos-Mythus der zerstückelte Jahrgott wieder auf und erfindet den Weinbau. Nach einer Variante des Dionysos-Mythus findet Diana das zuckende Herz und vergräbt es in der Erde: daraus entsteht der Weinstock. Nicht ohne Zögern und unter der Voraussetzuung, daß die Sache aus dem Zusammenhange des folgenden heraus beurteilt wird, erhebe ich die Frage: Findet hier die scheinbar zusammenhanglos stehende Gleichnisrede Jesu Jo 15 eine neue Beleuchtung: Ich bin der Weinstock? Man denke auch an die nach Mt 26, 29 kurz vorher gesprochenen Worte: Ich werde vom Gewächs des. Weinstocks neu mit euch trinken in meines Vaters Reich. Aus dem Motiv der Fruchtbarkeit erklärt sich auch der terminus technicus der prophetischen Sprache, der den Messias. ,,Semach“ nennt. Sach 6, 12: „Siche, es ist ein Mann, der heißt Semach, denn unter ihm wird es wachsen"; vgl. Sach 3, 8. Jes 4, 2: An jenem Tage wird der Șcmach Fahves zur Zierde und zur Herrlichkeit werden, und die Frucht des Landes zum Stolz und Prangen für die Entronnenen Israels." Die Verhandlung über die Frage, ob Şemach Jahves persönlich (so schon das Targum zu Sach 3, 8 und 6, 122) oder sachlich gemeint sei, ist gegenstandslos. Der Weltenfrühling bricht an. Der Messias ist Bringer des Weltenfrühlings. Daß der Ausdruck selbst auch dem außerbiblischen Vorstellungskreis vom erwarteten Erlöserkönig angehört, beweist das Vorkommen desselben in einer phönizischen Inschrift.3 Eine spezifisch jüdische Ausprägung dieses Motivs liegt in dem Ehrennamen des Messias „Wurzel Davids" Apk 4, 5 vor. 4

1) Adams Statur wurde nach rabbinischer Sage nach dem Falle verkürzt.

2) Zu 3, 8: „Meinen Knecht Messias werde ich kommen lassen, und er wird sich offenbaren"; zu 6, 12: „Der Held Messias wird hervortreten.“

3) ATAO 345 f.: Inschrift von Narnaka, vielleicht auf Kleopatra zu beziehen. Zu Semach s, auch S. 45 u. 46, Anm. 1. 4) S. S. 45 f. Jeremias, Bab.

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Die Spuren dieses altorientalischen Mythus finden sich nun ebenfalls in den Darstellungsformen neutestamentlicher Schriften. Sie geben dem Apokalyptiker Bild und Farbe für das Gemälde vom Siege Christi in der Endzeit.

Apk 121 Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel, ein Weib, gekleidet in die Sonne, der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Kopf ein Kranz von zwölf Sternen, und sie war schwanger und schrie in Wehen und Qualen der Geburt. Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel: siehe, ein großer feuriger Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern, und auf seinen Köpfen sieben Diademe, und sein Schweif fegte ein Drittel der Sterne des Himmels weg und warf sie auf die Erde. Und der Drache stand vor dem Weibe, die im Begriff war zu gebären, um ihr Kind, wenn sie geboren, zu verschlingen. Und sie gebar einen Knaben, der soll weiden alle Nationen mit eisernem Stab. Und ihr Kind ward weggenommen zu Gott und zu seinem Thron; und das Weib floh in die Wüste, wo sie eine Stätte hat von Gott bereitet, sich dort pflegen zu lassen eintausendzweihundertsechzig Tage. Und es ward Krieg im Himmel von Michael und seinen Engeln gegen den Drachen. Und der Drache und seine Engel stritten, und sie vermochten es nicht, und es gab keinen Platz mehr für sie im Himmel. Und der große Drache wurde geworfen, die alte Schlange, die da heißt Teufel und Satan, die den Erdkreis verführt; er ward auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm geworfen; und ich hörte eine laute Stimme im Himmel rufen: Nun ist gekommen das Heil und die Macht und das Reich unseres Gottes und die Vollmacht seines Christus.

Und wie der Drache sah, daß er auf die Erde geworfen ward, verfolgte er das Weib, das den Knaben geboren hatte. Und es wurden dem Weibe gegeben die zwei Flügel des großen Adlers, daß sie fliege in die Wüste an ihren Ort, woselbst sie gepflegt wird eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit, weg vom Angesicht der Schlange. Und die Schlange spie aus ihrem Rachen dem Weibe Wasser nach wie einen Strom, daß sie vom Strome fortgerissen werde; und die Erde half dem Weibe, und die Erde tat sich auf und verschlang

1) Vgl. zum folgenden Bousset, Apokalypse Johannis z. St., und Gunkel zuletzt Zum religionsgesch. Verständnis des NT., S. 54 ff. Meine Stellung zu beiden ist S. 3, Anm. 2, S. 12, Anm. 2 und S. 46 gekennzeichnet.

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Das Sonnenweib in Apk 12.

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den Strom, den der Drache aus seinem Rachen geworfen hatte. Und der Drache zürnte über dem Weibe, und ging hin Krieg zu führen mit den übrigen von ihrem Samen."

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1. Das Weib, mit der Sonne bekleidet, das Haupt von 12 Sternen umstrahlt, der Mond zu ihren Füßen, ist die Himmelskönigin als Repräsentantin des Jahreslaufs bez. des Kreislaufs im Weltenjahr. Im kosmischen Mythus, der dem Gemälde zugrunde liegt, entspricht sie dem Jahrgott in dem oben geschilderten Ideenkreise. 1 Nur das hier zunächst die göttliche Mutter auf den Plan tritt, die dort im Hintergrunde steht, die wir aber Test. Jos. (s. S. 18) als Mutter des „Lammes“ fanden. Wenn die katholische Symbolik auf Brunnenanlagen und Denksäulen das Weib von Apk 12 als Maria darstellt, so entspricht das ihrer Auffassung von der Maria als Himmelskönigin, d. i. die malkat ha-šamaim des Alten Testaments. Eine babylonische Darstellung der Himmelskönigin ist uns aus den Keilschriftdenkmälern nicht bekannt. Aber Martianus Capella 2 in seiner Enzyklopädie über die freien Künste I, S 75 sagt, die assyrische Juno habe eine Krone mit 12 kostbaren Steinen getragen. Vielleicht gehört auch die Bezeichnung der Göttin Damkina, der Mutter des Marduk, als „Herrin der himmlischen Tiara" hierher 5, schließlich auch jenes babylonische Götterbild, dessen Oberkörper in einem Gestirn steckt und vor

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") Die Himmelskönigin wird auch mit dem Tierkreisbild der „Jungfrau“ identifiziert, s. S. 48. Denn um Mitternacht der Wintersonnenwende steht die Jungfrau im Ostpunkte des Horizontes. Nach ihr steigt die Schlange (Drache) auf (über der Wage), die die Jungfrau zu verfolgen scheint. Eine vollständige Übersicht des Standes der Gestirne um Mitternacht des 25. Dezember für die in Betracht kommende Gegend findet sich bei Dupuis, Origine de tous les cultes, Atlas Nr. 19. Auf der persischen Himmelskugel hat nach Dupuis die Jungfrau 2 Ähren (sie heißt ja Sibylle, die Ähre) und nährt an der Brust ein Kind.

2) Das enzyklopädische Werk dieses nordafrikanischen Advokaten aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts über die sieben freien Künste war im Mittelalter wissenschaftliches Unterrichtsbuch.

3) Ausg. v. Kopp S. 116 f. Die 12 Steine, die ihre Gestalt umstrahlten, werden einzeln aufgeführt. Vgl. auch I, § 67. Auch Nonnus, Dionysiaca lib. 32 beschreibt das Diadem.

4) Edelsteine repräsentieren die Zodiakalbilder; vgl. Apk 21 und dazu S. 88 ff.: die 12 Apostel und die Tierkreiszeichen, ferner S. 65 u. 68.

5) Zimmern KAT 3, 360, Anm. 3.

6) Mittlg. der Orient. Samml. des Berl. Mus. XI, 43: Gunkel, Zum religionsgesch. Verständnis des N. T., S. 56.

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