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Die Schicksalsbestimmung am Neujahrstage.

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und Versöhnungs-Tage keinen Lobgesang (55) vor dir an? Gott antwortete ihnen: Wenn der König auf dem Throne sitzt und entscheidet und vor ihm die Bücher des Lebens und des Todes aufgeschlagen sind, können dann die Israeliten sich gestimmt fühlen, vor mir einen Lobgesang abzusingen“ in einem Zeitpunkte, wo es passender für sie erscheint, sich der Buße hinzugeben)? Die gleiche Auffassung findet sich in dem vom Neujahrsfeste handelnden Traktat Rosch ha-schana. 16a: „Alles wird am Neujahrstage gerichtet und das Urteil“ (Schicksal; denn es handelt sich auch um Früchte etc.) „am Versöhnungstage besiegelt." Rabbi Jochanan (um 260) kennt nach j. Rosch haschana 57 a drei Verzeichnisse für Gerechte, Gottlose und Mittelmäßige, die zu Neujahr aufgeschlagen werden. In dem Buche Henoch, das von Anfang bis zu Ende altorientalische Vorstellungen wiederspiegelt, wird der Held als „himmlischer Schreiber“ geradezu mit den Zügen des Nebo ausgestattet; er besitzt die himmlischen Tafeln und liest daraus die Taten der Menschen.2 Hen. 47, 3; 104, 1: „Eure Namen stehen geschrieben vor der Herrlichkeit des Erhabenen"; 108, 3: ,,Das Buch des Lebens und die Bücher der Heiligen". Andererseits erscheint Michael Hen. 89 f. als Buchhalter über das Verhalten der 70 Völkerhirten, Ascensio Jesaiae über die Akten des himmlischen Jerusalem (vgl. S. 43). Im Buch der Jubiläen 30, 20 (vgl. 30, 22) heißt es: ,,Er ist eingetragen in die himmlischen Tafeln als ein Freund und gerechter Mann." Mit besonderer Vorliebe bemächtigte sich dieses Gegenstandes die jüdischkabbalistische Literatur. Im Sohar chadasch? fol. 19" (Sulzb.

3 Ausg.) heißt es: „Am Neujahrstage sitzt Gott zu Gericht über die Menschen, die Bücher des Lebens und des Todes sind vor ihm aufgetan.“ Auch die christlichen Apokalyptiker nahmen das Bild auf. Die Apokal. Pauli 10 (Tischendorff, Apocal. apocr.

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1) S. Dalman, Worte Jesu I, 171.

2) In anderem Zusammenhange (Buch der Jub. 4, 21) erscheint er als der große Myste, dem die Engel Gottes während eines Zeitraumes von sechs Jubiläen alles zeigen, was auf der Erde und in dem Himmel ist, die Herrschaft der Sonne, und er schrieb alles auf. Vgl. Sohar Chadasch fol. 35, col. 3: „Als Henoch in den Himmel gehoben war, wurde ihm alles Verborgene offenbar, welche Wahrnehmungen er in ein Buch verzeichnete (der Sage nach das kabbalistische Buch Jezirah) und seinem Sohne hinterließ. Wie der Myste des Mithraskultes (s. Monotheistische Strömungen S. 12 ff.) wird er in die Geheimnisse der babylonischen Kosmographie eingeführt.

3) Vgl. S. 65 Anm. 2.

S. 39f.) sagt, daß in der Abendstunde im Himmel von den Engeln alles aufgeschrieben wird, was die Menschenkinder am Tage getan haben. Nach der jüdischen, christlich überarbeiteten Apokalypse des Sophonias 2 sitzen sie am Tore des Himmels und schreiben die Taten in Buchrollen. . Dann bringt der angelus interpres die Rollen der guten Taten zu Gott, damit er die Namen ins Buch der Lebendigen schreibe, während der Engel des Anklägers, der gleichfalls am Tore des Himmels sitzt und die Sünden aufschreibt, seine Rollen dem Ankläger übermittelt, der sie in seine Rollen schreibt, um die Menschen anzuklagen, wenn sie zu ihm hinabkommen.

Von dieser Anschauung aus würde nun auch die biblische Bildersprache vom Buch des Lebens" etc. zu beurteilen sein.3 2 Mo 32, 32f. sagt Moses: „Tilge mich aus aus dem Buche, das du geschricben hast.Ps 69, 29: Tilge sie aus dem Buche der Lebendigen, daß sie mit den Gerechten nicht angeschrieben werden.Jes 4, 3 spricht von denen, die in Jerusalem zu dem Leben eingeschrieben sind. Da 7,13 ist die Rede von den Büchern des Alten der Tage und 12, I werden die gerettet, die sich im Buche aufgeschrieben finden. Nach Ma 3, 16 ist vor Jahve eine Gedenkschrift aufgezeichnet, in der die eingezeichnet sind, die Jahve fürchten und vor seinem Namen Achtung haben.

Im Neuen Testament liegt die gleiche Anschauung den folgenden Stellen zugrunde: Lc 10, 20: Freuet euch, daß eure Namen im Himmel angeschrieben sind. Phil 4, 3: ... meine übrigen Mitarbeiter, deren Namen im Buche des Lebens stehen". Hbr 12, 23: Die Gemeinde von Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind. Apk 3, 5: „Sein Name soll nicht aus

3 getilgt werden aus dem Buche des Lebens"; 13, 8 und 17, 8:

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1) Eine verwandte Vorstellung der rabbinischen Literatur sei hier um ihrer Schönheit willen angeführt, obwohl der Gedanke hier anders gewendet ist, Tanchuma fol. 30, col. 3 (Nork, Rabb. Quellen 82): Gott stellt den Menschen zur Rede: Wie groß ist deine Schuld, die du mir abzutragen hast. Du sündigst gegen mich, und ich habe Geduld mit dir. Täglich kommt deine Seele, wenn du entschläfst, zu mir, und legt Rechenschaft ab, und bleibt als Schuldnerin vor mir; ich hingegen gebe dir deine Seele zurück, die doch mein Eigentum ist. Also erstatte auch du an jedem Abende deinem Schuldner das Pfand zurück. Wer dächte nicht an das Gleichnis vom Schalksknecht Mt 18, 23 ff.?

2) Beide Stellen zitiert nach Lueken, Erzengel Michael S. 85 f.

3) Daß das Bild von der öffentlichen Aufzeichnung in die Bürgerlisten (vgl. Na 7, 5f.; 12, 22 f.) hergenommen sei (Bousset, Apokalypse 262 vgl. 297), ist angesichts des vorgelegten Materials unhaltbar.

Das Buch des Lebens im NT.

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Lebensbuch, in das vom Anfang der Welt Namen geschrieben sind"; 20, 12: Bücher, in die die Werke eingeschrieben sind, und nach denen die Toten gerichtet werden. Auch das Buch mit sieben Siegeln, das von dem „Lamme" geöffnet wird Apk 5, das identisch ist mit dem Buch des Lebens“, das von dem Lamme Apk 21, 17 verwaltet wird", und das kleine Buch der Mysterien Apk 10, I ff. gehören in diesen Zusammenhang.

Auch in der Sprache der Kirche ist das Bild reichlich verwendet worden. Im dies irae heißt es:

„Und ein Buch wird aufgeschlagen,
darin ist es eingetragen,
wes die Welt ist anzuklagen.“?

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Sechstes Kapitel.

Wasser des Lebens.
Brot des Lebens. Stein des Lebens.

1. Wasser des Lebens.

Die babylonische Paradiesesvorstellung kennt neben dem Baum des Lebenso das Wasser des Lebens. Es ist als Strom gedacht oder als Quelle im göttlichen Heiligtum, s. ATAO 101. Verwandt ist das Bild Ez 47, I ff., Apk 22, 1: ,,Er zeigte mir

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1) S. oben S. 17.

2) Wenn Euripides, Fr. 506 spottet: „Glaubt ihr, daß die Sünden ... in ein Buch für Zeus geschrieben werden, und daß Zeus sie liest und danach die Menschen richtet? Der Himmel wäre nicht groß genug, die Sünden aufzuschreiben“, so kann man das als Beweis dafür anführen, daß derartige Gedanken an verschiedenen Orten unabhängig entstehen können („Völkeridee“). Aber das wird hinfällig, sobald auch Einzelheiten zusammenstimmen wie oben das Aufschlagen des Buches am Neujahrstag usw.

3) Verwandt ist die babylonische Vorstellung vom Lebenskraut. Dieses Lebenskraut wirkt durch seinen Geruch, s. ATAO 101. Im TalmudTraktat Joma 72 b heißt die Thora ein Geruch des Lebens für die Würdigen, ein Geruch des Todes für die Unwürdigen (O DO, ona bo, assyr. sammât: Wohlgeruch). Man vergleiche hierzu 2 Ko 2, 16: den einen ein Geruch von Tod zu Tod, den andern ein Geruch von Leben zu Leben. Der Wohlgeruch Christi2, 15 ist dagegen m. E. aus der Opfervorstellung zu erklären wie Am 5, 21 usw., s. ATAQ 143.

einen Strom von Lebenswasser, hervorkommend aus dem Throne Gottes. hüben und drüben am Strom der Baum des Lebens.

Aber auch getrennt von der Paradiesesvorstellung spielt im alten Orient das „Wasser des Lebens“ eine große Rolle, S. ATAO 93 f. 98. 101 ff. Bis auf den heutigen Tag leben in Südbabylonien in der Nähe des alten Schauplatzes des EaKultus Zeugen dieser babylonischen Wasserverehrung, nämlich in der Sekte der Mandäer (bei den älteren abendländischen Gelehrten Zabier genannt), die wegen ihrer Verehrung Johannis des Täufers (293IRO X3N714) von den Entdeckern im 17. Jahrhundert Johanneschristen genannt wurden trotz ihres christentumfeindlichen Charakters.1 Bei ihrem fünftägigen Tauffest (an den fünf Schalttagen, die nach dem zweiten Sommermonat eingeschoben werden müssen sich Männer und Frauen dreimal täglich im Flusse dem Tauchbade (12) unterziehen und weiß kleiden. Alle von Fremden gekauften Eßwaren müssen durch Wasser geweiht werden. Die Taufe ist ,,das Zeichen des lebenden Wassers, durch das ihr aufsteigt zum Licht“, das Kennzeichen der Zugehörigkeit zum ,,Geschlecht des Lebens“. Sie darf nur „in lebendem Wasser“ vollzogen werden.2

Wenn danach die Judäer in Babylon mit dem altorientalischen Kulte des „heiligen Wassers“ während des Exils in nahe Berührung kommen mußten, so erklärt es sich, daß das ,,Wasser des Lebens“ die Bildersprache des Neuen Testamentes noch mehr beeinflußt als die des Alten Testamentes.3 Daß auf die Judäer im Exil der Wasserkult der Babylonier am Euphrat einen großen Eindruck gemacht haben muß, beweisen die zahlreichen hebräischen Zauberschalen („Wasserschalen“), die in den Trüm

1) Ihr Kultus geht direkt auf die Ea-Marduk-Verehrung zurück. Von der Gestalt Johannis des Täufers erfuhren sie jedenfalls durch die jüdische Diaspora. Sie nahmen ihn in ihren Kultus auf wegen der Verwandtschaft der Johannis-Taufe mit ihrem Wasserritus, wie auch sonst ihre Lehre mit jüdischen Reminiszenzen vermischt ist.

2) S. Keßler in RPrTh3 Art. Mandäer; Brandt, Mandäische Schriften

101 ff.

3) Eine Heilung durch siebenmaliges Untertauchen im Jordan erzählt die Geschichte von Naeman 1 Kg 5. [Boissier, Dokuments S. 33 erwähnt ein babylonisches Heilmittel gegen den Skorpionstich: „Zum Flusse soll er hinabgehen, siebenmal untertauchen, beim siebenten Untertauchen was in seinem Munde ist, in den Fluß ausspeien“). Naeman weigert sich und sagt: „Sind nicht Abana und Pharphar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Wasser in Israel?" Die Heilkraft heiliger Flüsse ist ihm also bekannt.

Lebenswasser und Taufe im NT.

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הישועה

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mern von Babylon gefunden wurden. Die Rabbinen reden von

Wassern des Lebens“ (61439 ) und „Quellen des Heils“ (33n HU). Als eine Frucht babylonischen Einflusses dürfte das „Wasserschöpfen“ am ,herrlichsten Tage“ des Laubhüttenfestes 2 zu erklären sein, das keinerlei Stütze an den Vorschriften der Thora hat. An diesem Tage sprach Jesus nach Jo 7, 37f. das Wort: Wenn einen dürstet, komme er und trinke; wer an mich glaubt, aus dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.Auch im Gespräche mit der Samariterin bedient sich Jesus der Vorstellung vom Lebenswasser zu seiner Gleichnisrede Jo 4, 10 ff.: ,. ... er würde dir lebendiges Wasser geben das Wasser wird cin Quell von Wasser, das ins ewige Leben fließt." Die eschatologischen Gemälde der Apokalypse nehmen das Bild wieder auf: Apk 7, 17: Das Lammwird sie leiten zu Wasserquellen des Lebens; 21, 6: Ich will dem Dürstenden geben von der Quelle des Lebenswassers umsonst; 22, 17: Der Durstige soll kommen, und der es verlangt, Lebenswasser umsonst zu empfangen.

AG 16, 17f. findet Paulus die jüdische Gemeinde zu Philippi am Wasser. Auch sonst ist bezeugt, daß man die Kultorte am Wasser zu bauen pflegte. 4 Vielleicht ist auch Ps 137, 1: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten“, dahin zu erklären.

Einen besonderen heiligen Ritus des Untertauchens, eine Wassertaufe (3430), kannten die Juden”; sie war bei der Aufnahme der Proselyten neben Beschneidung und Opfer vorgeschrieben. Bei der Taufe Johannis am Jordan und bei der

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.nannte ניסוך המים

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1) S. Nork, Hebr.-chald.-rabb. Wörterbuch.
2) Im Traktat Succa IV, 7 wird die Zeremonie beschrieben, die man

Mit einem großen goldenen Becher schöpfte man das Wasser aus dem Quell. 70 Stiere wurden bei dem Feste (für die 70 Völker!) geopfert. „Wer die Freude des Wasserschöpfens nicht gesehen, hat nie eine Freudenfeier gesehen.“ Die babylonische Gemara Succa 48b weist auf Jes 12, 3: „Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Heilsbrunnen.“ Der Umstand, daß die Asche der roten Kuh und ebenso auch der vom Priester für unrein Erklärte damit besprengt wurde, beweist, daß man dem Siloah-Quell eine magische Kraft zuschrieb.

3) Verwandt ist die Üdqevois, das Wasserschöpfen am achten Tage der Eleusinien, wovon er den Namen Alnuogoń hatte, Athen. XI. Hängt auch die Wasserweihe der griechischen Kirche, die zur Winterwende gehalten wird, mit dem antiken herbstlichen Wasserfest zusammen?

+) S. zu AG 16, 13.
5) S. Nork, Rabb. Quellen XXVII ff. Schürer, Gesch. des jüdischen

129 ff.

Volkes II,

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