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die religiöse Entwicklung innerhalb Israels. ,,Gottließ die Menschen ihre eigenen Wege gehen“, aber „er war nicht ferne von einem jeglichen unter ihnen". In dieser Wahrheit liegt die Position, von der aus wir die These der „religionsgeschichtlichen Schule", nach der das Christentum eine synkretistische Religion sein soll, bekämpfen. Augustinus sagt: „Was jetzt christliche Religion genannt wird, war schon bei den Alten vorhanden und fehlte nie von Anfang des menschlichen Geschlechts, bis das Christus ins Fleisch kam; seitdem fing man an, die wahre Religion, die schon vorhanden war, die christliche zu nennen.“ Dieses kühne umstrittene Wort enthält eine tiefe Wahrheit. Es ist der Gedanke vom lóyos onequatıxós. „Weithin ist ausgestreut der göttliche Same." Insbesondere zieht sich durch die gesamte Welt, vor allem durch die Welt des Orients die Hoffnung auf einen Erlöser. Die Väter der Kirche haben das mit Staunen gesehen und einige unter ihnen sind geneigt gewesen, die heidnischen religiösen Institutionen als teuflische Nachäffungen christlicher Wahrheiten anzusehen. Dieser Irrtum beruht auf einer ungerechten Beurteilung des antiken Heidentums, die noch heute tief in der Theologie eingewurzelt ist. Wenn wir das antike Heidentum nach seinen lasterhaften Auswüchsen beurteilen, so ist das ebenso ungerecht, als wenn ein Buddhist das Christentum nach irgendwelchem fratzenhaften Heiligenkultus beurteilen wollte. Der Naturdienst des Heidentums enthält Schattenbilder der Wahrheit. „Alle Theologen unter Hellenen und Barbaren haben das Wesen der Dinge verborgen und die Wahrheit in Rätseln und Symbolen, in Allegorien und Metaphern überliefert“, sagt Clemens von Alexandrien.? Im Christentum ist zur Realität geworden, was der Kult der „Eingeweihten“ erstrebte und nie erreichen konnte 2: 1. Die Erkenntnis Gottes im Angesicht Jesu Christi, und 2. die Gewißheit des Lebens jenseits des Todes in der Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

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Endlich sei noch eine Bemerkung gestattet angesichts der Warnungstafeln, die neuerdings für die Vergleichung des Christentums mit anderen Religionen aufgerichtet wurden?: man solle vorsichtig sein 1. im Aufsuchen von Analogien, 2. in der Kon

1) Stromata V, 4, 21.

2) Über den entsprechenden doppelten Sinn der Mysterienkulte vgl. meine Broschüre: Monotheistische Strömungen innerhalb der babylonischen Religion, Leipzig J. C. Hinrichs 1904.

3) Reischle, Theologie und Religionsgeschichte.

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stituierung von Abhängigkeit dort, wo sich Analogien finden, 3. in der Konstituierung von Entwicklungsgängen. Die Warnungen sind an sich berechtigt. Aber sie werden zum Teil hinfällig, sobald man erkannt hat, daß es sich in den wichtigsten Punkten überhaupt nicht um Analogien und literarische Entlehnungen handelt, sondern um Wanderung gewisser Grundideen durch die gesamte Menschheit.

Wer die Einheitlichkeit des altorientalischen Weltsystems, die man einfach das vorkopernikanische nennen kann, durchschaut hat, sieht sich nämlich in bezug auf die neutestamentliche Zeitgeschichte von zwei Irrtümern befreit. Man erkennt erstens, daß der religiöse Synkretismus, der damals die Welt beherrschte, nicht ein gedankenloser Wirrwarr der Religionen ist, sondern daß er unbewußt eine großartige Bewegung darstellt, alle Religionen der bekannten Welt auf einen Gesichtspunkt zurückzuführen. Es ist auch unstatthaft, von jüdischen, persischen, alexandrinischen und sonst welchen Einflüssen auf die neutestamentliche Literatur zu reden, ohne diesen Nachweis im einzelnen Falle auf die Wurzel einer allgemeinen altorientalischen Weltanschauung zurückzuführen. Zum zweiten ergibt sich aus der altorientalischen Weltanschauung die Forderung, daß das vorexilische Judentum und das nachexilische Judentum in bezug auf kulturelle und „wissenschaftliche“ Anschauungen nicht mehr geschieden werden darf. Der Unterschied liegt nur darin, daß in vorexilischer Zeit unter dem Einfluß der großen religiösen Persönlichkeiten das altorientalische Weltbild unterdrückt wird, während das nachexilische Judentum der altorientalischen Weltanschauung und zwar insbesondere in ihrer neubabylonischen und persischen Ausprägung freie Bahn

gibt.2

) Vgl. hierzu die grundsätzlichen Bemerkungen S. 65, Anm. 2 und

S. 67.

2) Der Talmud wird häufig als eine Mauer gegen fremde Kultur angesehen. Das gilt höchstens in gewisser Beziehung von der griechischen Kultur. Wir werden an vielen Beispielen zeigen, daß das talmudische Schrifttum mit seinen Ausläufern von altorientalischer Weisheit durchzogen ist. Man vergleiche z. B. die Analogien, die bei J. Jeremias, Moses und Hammurabi ? zwischen dem Cod. Hammurabi und dem talmudischen Strafrecht festgestellt sind.

Erstes Kapitel.

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Der Kalendermythus vom sterbenden

und siegreichen Jahrgott. Die Lehre von den Weltzeitaltern, die von Babylonien aus durch die ganze Welt gewandert ist, findet seit den ältesten uns bekannten Zeiten ihren dramatischen Ausdruck im Kalendermythus, im Mythus vom Jahrgott, der in die Unterwelt hinabsteigt und nach dem Sieg über den Wasserdrachen der Welt neues Leben bringt. Dabei spiegelt der Jahreslauf im kleinen das Weltenjahr wieder. Insbesondere entspricht der Sieg des Sommers über den Winter der Welterneuerung, die im Uranfang nach Besiegung des Wasserdrachens aus dem Chaos hervorging. Und was in der Urzeit geschah und jährlich im kleinen sich abspielt, wird das Schlußdrama am Ende des Weltenkreislaufs bilden. 1

Den astralen Hintergrund dieses Jahrmythus bilden entweder die Erscheinungen der Sonne oder die des Mondes oder die des Planeten Venus, die sich im Naturleben als lebentötende und lebenerweckende Kräfte widerspiegeln. Der auf Venus angewendete Jahrmythus bildet den Hintergrund des Mythus von der „Höllenfahrt der Ištar". Ein Mond-Jahrmythus ist der ägyptische Mythus von Osiris.? In der uns historisch bekannten Zeit spielt die wichtigste Rolle der Sonnen-Jahrmythus. Als Jahrgott gilt dabei jeweilig die Gestirngottheit, als deren Offenbarungsstätte der Frühlingspunkt des Sonnenkreislaufs zu gelten hat. Das ist auf babylonischem Boden während der 24/2 Jahrtausende, die uns die Urkunden am deutlichsten erschließen, Marduk, der Stadtgott von Babylon. Die Sonne steht seit der Gründung Babylons ca. 2800 im Bilde des Stiers. Der Stier ist Marduks Symbol.3 Sofern im Kalendermythus der Jahrgott beide Seiten des Naturlebens vertritt, heißt er Tammuz. Der

2

*) Auch in Voluspâ, dem nordischen Mythus, wird der Jahresmythus zum Weltenmythus. „Was Frühling und Sommer war, ist ein Weltalter; der Winter ist Weltuntergang und Götterdämmerung; der junge Frühling ist eine neue Welt und Wiedergeburt der Götter. Das ist die Kunde der Nornen vom Weltbaumbrunnen“. S. Hans von Wolzogen, Die Edda S. 139.

2) Er lebt (bez. regiert) in der Sage 28 Jahre Mondzahl.

3) Auch der Jupiter-Charakter Marduks wird bei der auf Marduk zugeschnittenen Kalenderreform eine Rolle gespielt haben. Und dann Der astrale Hintergrund des Jahrmythus.

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sterbende Tammuz, dessen kritischer Punkt die Sommersonnenwende ist, ist der in die Unterwelt sinkende Marduk; der emporsteigende Tammuz, dessen ,,Geburtstag“ die Wintersonnenwende ist, ist identisch mit Marduk im eigentlichen Sinne. Im Widderzeitalter, das mit Nabonassar einsetzen sollte, dessen Kalenderreform jedoch unter dem wuchtigen Einfluß der Kultur von Babylon nur mühsam sich durchsetzte, mußte der Jahrgott durch eine mit dem Widder symbolisierte Gestirngottheit ersetzt werden. Spuren davon zeigen sich in der Bevorzugung des widderköpfigen Amon-Kultus durch Alexander den Großen, in dem Kult des widdertragenden Hermes (xológogos, biformis), im Kult der ,,Sabäer“ nach dem Zeugnis des Maimonides und, wie wir unten zeigen werden, in dem kosmologischen Hintergrunde des „Lammes“ („Widder“) in dem apokalyptischen Bilde Apk 5.

Die mythologischen Requisiten dieses Kalendermythus, die in epischen Dichtungen und in kultischen Festspielen ihre Verwendung und Darstellung finden, sind die folgenden:

1. Die Geburt des Jahrgottes durch die Muttergöttin. 2. Seine Verfolgung und Vernichtung durch die feindliche

Macht; der Jahrgott wird zerstückelt? oder entmannt oder geköpft. Oder er wird vom Drachen verfolgt, bez. ver

schlungen. 3. Der Hinabgesunkene wird beweint oder verspottet. Alles

Leben ist mit ihm erstorben. 4. Seine Errettung bringt die neue Zeit. Er besiegt den

Drachen. Oder er wird in einem Kasten gerettet, der in den Fluß, ins Meer geworfen wird. Oder in dem Kasten

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kam der „Zufall“ zu Hilfe. Die Geltendmachung des Stierzeitalters traf zeitlich zusammen mit dem Beginn der politischen und kulturellen Vorherrschaft Babylons. Wie Marduk-Jupiter im Kalendersystem des Stierzeitalters zum Beherrscher des Morgen- und Frühjahrspunktes der Sonnenbahn wird, darüber vgl. ATAO 13 und die dort zitierte Literatur.

1) So erklärt sich die Benennung Marduks als bèl nubatti, „Herr der Totenklage“ (Maqlu II, 157; VII, 19). Die Bezeichnung des Neujahrsfestes (vgl. S. 11) als tabû bezeichnet die Kehrseite, das Emporsteigen aus der Unterwelt im Frühjahr (so mit Jensen, vgl. Zimmern KAT 3 371). Auch das „Grab des Bel“ Herodot I, 183 hängt gleich dem Grabe des Osiris, von dem S. 19 die Rede sein wird, gewiß mit der Toten- und Auferstehungsfeier des Marduk-Tammuz zusammen (vgl. Lehmann, Beitr. z. alten Geschichte I, 276), wenn wir auch noch keine bestimmten Zeugnisse von einem Toten- und Auferstehungsfest des Tammuz - Marduk besitzen.

2) Näheres in den Nachträgen S. 120 f.

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1

wird nur der Phallus des Zerstückelten gerettet, aus dem dann die Erneuerung hervorgeht. Oder das Herz des Zer

. stückelten wird zum Keim des neuen Lebens." 5. Nach Sieg und Errettung erhält der Jahrgott am Neujahrs

tag die Leitung der Geschicke (Schicksalstafeln, Buch mit

7 Siegeln). 6. Er feiert Hochzeit. Oder: 7. Er schafft das neue Leben (Semach; „Siehe ich mache

alles neu"). Im besonderen wird der Held als Wein-Erfinder geschildert, wobei der Wein als Symbolum der neuen

Fruchtbarkeit gilt. 8. Der Lobpreis auf den Herrn des Jahres- und Weltkreislaufs,

der alles neu macht, wird angestimmt.

Wie die letzten Punkte zeigen, ist dieser Kalendermythus, der an astrale Erscheinungen (Sonnen- und Mondumlauf usw.) anknüpft, eng mit tellurischen Erscheinungen verknüpft. Der Zweiteilung des Jahres, insbesondere dem Hinabsteigen und Emporsteigen der Sonne, entspricht ja Sterben und Auferstehen in der Natur: Saat und Ernte, Sommer und Winter. Darum läuft parallel zu den Astralmythen der Mythus von den chthonischen Göttern, deren Wirksamkeit im sterbenden und wieder aufkeimenden Samenkorn, in der jährlich vergehenden und auferstehenden Vegetation sich kundgibt. Daß beide Mythenkreise eng verwandt sind, kann man daran erkennen, daß sämtliche astralen Göttergestalten, die mit der Unterwelt und demgemäß auch mit der Befreiung aus der Unterwelt in Zusammenhang gebracht werden, zugleich Vegetations - Götter sind. In den Mysterien, die den Eingeweihten über die Geheimnisse des Todes und Lebens unterrichteten, waren beide Mythenkreise verwendbar. Es entspricht jedoch den gegebenen Verhältnissen,

im Orient, in der Welt der Sternkunde, der astrale Mythus im mystischen Kult betont wurde, während im occidentalischen, vom Orient beeinflußten Mysterien -Kult der rein tellurische Mythus vom Samenkorn in den Vordergrund trat.2

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wenn

1) Auch die Sintflutsagen sind mit den Motiven des Weltjahr-Mythus durchzogen. Hier sind es die Paare, die das neue Leben ins neue Weltzeitalter im „Kasten“ hinüberretten; das Schiff Noahs 1 Mos 7, i ist mit demselben Worte bezeichnet, wie der Schilfkasten des kleinen Moses 2 Mos 2, 3. Diesen Zug hatte ich ATAO 134f.: „Die Sintflut als Astralmythus“ noch nicht erkannt. Vgl. S. 30 ff.

2) Zu den beiden Mythenkreisen im Kult der Mysterien und ihr Verhältnis zueinander s. Monotheistische Strömungen innerhalb der

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