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Stein des Lebens. Drei Himmel.

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Siebentes Kapitel.

Die drei und sieben Himmel.

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Das altorientalische Weltbild kennt ein System von Himmeln. Dem irdischen All mit seiner Dreiteilung: Wasser, Erde, Lufthimmel – entspricht ein dreigeteiltes himmlisches All: Himmelsozean, Tierkreis, Nordhimmel. Sie bilden drei Stufen, durch die man in den Himmel des summus deus kommt. In Babylonien wird dieses Weltbild durch drei- bez. vierstufige Tempeltürme abgebildet. Im obersten Himmel thront Anu. Häufiger aber begegnet die Vorstellung von sieben bez. acht Himmeln. Sie wird hergeleitet von den sieben Kreisstufen, die vom Umlauf der sieben Planeten über den Tierkreis gebildet werden. Auf den sieben Stufen steigt man empor zu dem Himmel des Gottes Anu. Wenn von acht Himmeln die Rede ist, wird der Anu-Himmel mitgezählt. Da die Stufenkreise nach dem Tierkreis zwölf Stationen haben, so entsteht die Vorstellung von zwölf Toren, die in den Himmel führen.

Der gesamte alte Orient kennt die ,,sieben Himmel". 4 Die arabischen Legenden lassen Muhammed durch sieben Himmel reisen. Im Mithraskult ist das Emporsteigen durch die Leiter

. mit sieben verschiedenen Metallen symbolisiert.5 Origenes contra Celsum VI spricht von der κλίμαξ επτάπυλος, aus der die Seele herab- und hinaufsteigt, und deren jede ein Tor hat. Nach Bereschit Rabba, Par. 19, zieht sich die Schechina Gottes immer weiter zurück, bis sie den siebenten Himmel erreicht, als Abraham in Ägypten weilt. Auch Resch Lakisch (3. Jahrh. n. Chr.) kennt sieben Himmel. Ebenso sagt R. Levi im babylonischen Talmud (Chagiga 12"): „Es gibt sieben Himmel; sie heißen: Wilon (velum, Vorhang), Raķia (Veste), Schechakim (Wolken), Zebûl (Wohnung), Maon, Makon und Arabột." Daselbst heißt es ferner: „Der König, Gott der Lebendige, Hocherhabene wohnt

1) S. ATAO S. ioff. und Abb. 7.
2) S. ATAO S. 12. 27.
3) Die sidratu 'l muntahâ der Araber, s. OLZ 1904, Sp. 103.

4) Auch Indien kennt sieben Himmel, s. Nork, Brahminen u. Rabbinen S. 189, Anm. Die sieben Himmel haben hier vielleicht ihr irdisches Korrelat in den sieben Vegetationsstufen des Himalaya, vgl. Bischoff, Koran, S. 223.

5) Zur entsprechenden Leiter des Osiris s. ATAO 234, Anm. Jeremias, Bab.

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in Arabột, wie es heißt Ps 68, 5: Machet Bahn dem, der einherfährt in Arabột, Jah ist sein Name." In dem Buche Emek hammelech im Kapitel ,,von den sieben Erden“ heißt es: ,,Die heiligen Welten umgeben einander, daß eine unter der andern ist, so daß der Nabel der Erde, welcher Tebel genannt wird, in der Mitte ist; und es findet sich, daß sieben Himmel sind, welche sie umgeben" usw. Also auch hier ein irdisches Korrelat! Der Sohar Chadasch sagt im Midrasch Ruth, dem Rabbi Perachja sei an der Himmelspforte sein Gewand ausgezogen worden; dann habe er, in die Luft des Paradiesgartens gehüllt, den äußersten Himmel erblickt. Die Fragmente des Celsus kennen über den sieben auf die Planeten sich beziehenden Pforten eine achte, die als regíodos årlavs im Gegensatz zu dem περίοδος εις τους πλανήτας γεγεννημένη steht. Eine interessante Variante zeigt in dem Testament der XII Patriarchen das Testament Levi.1 Das 3. Buch handelt von sieben Himmeln, das 2. Buch von drei Himmeln; eine Textrezension hat hier aus den drei Himmeln mit Gewalt sieben Himmel gemacht.

Auf alttestamentlichem Gebiet finden sich nur leise Spuren dieser Anschauung. Der Name für Himmel ist ein Plural: šamajim. ,,Die Himmel ersählen die Ehre Gottes", Ps 19, I. Himmel und aller Himmel Himmel" 5 Mos 10, 14. Das Symbol von der Leiter finden wir im Traume Jakobs i Mos 28, 13 ff. Jakob sieht den Zugang zum himmlischen Palast. Hier steht der göttliche Palast, hier ist das Tor des Himmels.Bethel erscheint ihm als Nabel der Erde; ein sullâm (Stufenrampe) führt hinauf.2 Wir haben S. 64 darauf hingewiesen, daß die Stufen, die zum Tempel hinaufführen, die Planetenstufen bedeuten. Wenn unsre Deutung von 0735a, den Stufenpsalmen, S. 64, Anm. 2, richtig ist, so bedeutet die Wallfahrt der Psalmsänger das Hinaufsteigen zur Nähe Gottes, womit man dann vergleichen möge, daß nach altbabylonischer Anschauung das Hinaufsteigen auf den siebenstufigen, den Planetenhimmel abbildenden Tempelturm ein Gott wohlgefälliges Werk bedeutete.?

Man wird sich nach alledem der Einsicht nicht verschließen können, daß Paulus, der nach 2 Ko 12, 6 bis in den dritten Himmel entzückt ward, aus dem gleichen Vorstellungskreis heraus redet. Und da der alte Orient wirklich eine Dreiteilung

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1) Lueken, Erzengel Michael S. 92 f. 2) S. S. 79. 3) S. ATAO 12.

Die Himmel im AT und NT.

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des Himmels kennt, so ist gewiß auch hier der oberste Himmel, nicht etwa, wie die Kommentare meinen, der dritte von sieben Himmeln gemeint. Eph 4, 10 hingegen: „aufgefahren über alle Himmelmag Paulus die Vorstellung von 7 bez. 8 Himmeln vorschweben. Auch 2 Pt 3, 10, Apk 12, 12 liegt die Vorstellung von mehreren Himmeln vor.

Das dreistöckige Weltbild ist aus den orientalischen Mysterien in die gnostischen Systeme übergegangen und hat sich von dort weiter vererbt in die dramatischen Mysterien des Mittelalters: Hölle, Erde, Himmel mit ihren Bewohnern. Springer, Ikonogr. Studien 125 ff. hat erkannt, daß mit dieser dreistöckigen Mysterienbühne wiederum die Gestaltung der großen Schnitzaltäre des Mittelalters zusammenhängt.

Achtes Kapitel.

Die Engel.

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Auf Grund der in christlicher Weltanschauung niedergelegten religiösen Erfahrung ersehen wir in den Berichten von Engelerscheinungen, wie sie in gewissen altisraelitischen biblischen Erzählungen und im engen Anschluß an diese Erzählungen in den Evangelien und in der Epistelliteratur des Neuen Testamentes vorliegen, Realitäten der überirdischen Welt. Gott macht Winde zu seinen Boten und Feuerflammen zu seinen Dienern(Ps 104, 4); aber er verfügt auch über andere dienstbare Geister(Hbr 1, 14), um seinen Willen kundzutun. Jeden „wissenschaftlichen“ Einwand dagegen beantworten wir mit Shakespeare: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen läßt.“ Ebenso erkennen wir an, daß in außerchristlichen Engelvorstellungen, z. B. in den „Gnadenboten“ und „Wächtern des Heils und Lebens“ sich eine religiöse Wahrheit ausprägt. Denn auch die außerchristliche Welt kann sagen: „Gott ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns.“

Von dieser schlichten Engelvorstellung ·, die frei ist von allem mythologischen Beiwerk, ist nun aber in der Welt, in

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1) Zur Vorstellung von den Schutzengeln s. zu AG 12, 15.

deren Mitte die biblischen Schriften entstanden sind, eine mythologische Engellehre zu unterscheiden, die mit der astralen Kosmologie zusammenhängt und die von der Anschauung ausgeht: Die Gestirne sind beseelte Wesen. Diese kosmologische Engelvorstellung taucht vielfach in der israelitischen Literatur auf. Jes 24, 1, vgl. Ps 148, 2, sind die Heere der Höhe die heidnischen Astralgötter, denen Jahve die Herrschaft abgenommen hat.1 Aber Jahve selbst ist Herr von Zebaoth, von Engelheeren, die in den ,,Kriegen Jahves“ mit ihm zusammen streiten. Im ,,Lied der Deborah“ Ri 5, 20 ,stritten die Sterne wider Sisera. Wie auf den Siegesstelen der babylonischen Könige Sonne, Mond, Venus und andere Gestirne Zuschauer der Heldentaten sind?, so sind die Gestirnengel Zuschauer der großen Taten Gottes: „Als mich die Morgensterne .... lobten und jauchzten alle Gottessöhne, Hi 38, 7. Man vergleiche hierzu die Auslegung der rabbinischen und pseudepigraphischen Literatur. Berachoth 320 (A. Wünsche) sagt Gott zu der Gemeinde: „Meine Tochter, ich habe 12 Masaloth erschaffen (das sind die Tierkreisbilder) an der Raķiʻa 3, und zu jedem Masal habe ich 30 Chajil erschaffen, und zu jedem Chajil 30 Ligjon (Legionen), zu jeder Ligjon 30 Rahaton („Läufer“?), und zu jedem Rahaton 30 Ķarton (zoategós? Befehlshaber?), und zu jedem Karton 30 Gistra (castra), und zu jedem Gistra gab ich 365 000 Myriaden Sterne nach den Tagen der Sonne.“ Philo erklärt die Himmellichter für die reinsten und tugendhaftesten aller erschaffenen Geister. Nach Buch Henoch 21, I sah Henoch sieben böse Sterngeister, die in ödem Raume gebunden waren. Ascensio Jesaiae 4, 18 kennt einen Engel der Sonne und des Mondes. R. Bechai im Kommentar zum Pentateuch fol. 9° sagt: die Engel seien die Himmelskörper.

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1) S. ATAO 341 f.
2) ATAO 286, Abb. 95-97.

3) Vgl. Chagiga, fol. 12a: „In die Raķía sind Sonne, Mond, Planeten und Tierkreisbilder eingesenkt.“ Übrigens ein neuer Beweis, daß das biblische Raķîa' der Tierkreis ist, s. ATAO 8.78. Die Deutung Chagiga 12b: „Es gibt zwei Raķîa““ (Himmelsvesten) nach 5 Mos 10, 14 (nämlich „Himmel“ und „Himmel der Himmel“) will vielleicht zwischen dem sichtbaren Himmelsgewölbe und einer im darüber liegenden Himmel selbst noch befindlichen Scheidewand zwischen unterer und höchster Himmelsregion unterscheiden.

+) Targ. hieros. zu 2 Mos 22, 23 stellt beides nebeneinander: „Macht euch nicht zum Anbeten Bilder von Sonne, Mond, Sternen (kokabim, d. h. in diesem Zusammenhange, wie auch sonst oft, die Tierkreisbilder) und Planeten oder von Engeln, die vor mir dienen.“

Kosmologische Engelvorstellung.

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In einem jüdisch-babylonischen Zaubertexte heißt es 1: „Ich beschwöre euch bei den heiligen Engeln und im Namen des Metatron, Hadriel und Nuriel und (Sasgabiel?) und Haphkiel und Mehaphkiel – dies sind die 7 Engel, welche gehen und umwandeln Himmel und Erde und Sterne und den Tierkreis und den Mond und das Meer - daß ihr weggeht.“

Da die Anschauung von den Sterngeistern in der alten israelitischen Literatur nur leise Spuren hinterlassen hat, hingegen in der spätjüdischen Literatur eine große Rolle spielt?, so ist anzunehmen, was ja auch an sich sehr nahe liegt, daß der Einfluß der orientalischen Kosmologie während des Exils und nach dem Exil von neuem gewirkt hat, und zwar in den Formen, die damals in Vorderasien die Kosmographie unter persischen Einfluß gewonnen hat.

Findet sich diese kosmologische Engelvorstellung auch im Neuen Testament? Vor allem werden wir sie in der Bildersprache der Apokalypse suchen dürfen. Wenn Apk 1, 21 sagt: Die Sterne sind Engel der sieben Gemeindenund wenn 3, I die sieben Sterne als Geister Gottes erscheinen, so liegt offenkundige Verwandtschaft mit der oben vorgeführten jüdischorientalischen Engellehre vor. Derartige Engelvorstellungen sind durchaus verschieden von den Engelerscheinungen, die das Leben Jesu und der ersten apostolischen Gemeinde begleiten. Aber auch sonst sind im Neuen Testament Spuren jener kosmologischen Engellehre zu finden. Das ,,Kriegsheer des Himmels" (orgarà oùgavoû) in der Weihnachtsgeschichte Lc 2, 12 erinnert durch seinen Namen an den Jahve Zebaoth, aber auch an spätjüdische Namen für die Engel, die den Thron Gottes umgeben, wie wir sie oben in Berachot fanden.3 Jesus spricht: „Ich sahe Satanas herniederfahren als einen Blitz" Lc 10, 18. Erinnert · das nicht an den vom Himmel meteorartig gefallenen Morgen

1) Stübe, Jüdisch-babyl. Zaubertexte S. 23, vgl. Lueken, Erzengel Michael S. 55 f. Die von Lueken S. 55 zitierte Stelle Bereschit rabba zu i Mos 2, 1: „es gibt kein Kraut, welches nicht ein Gestirn am Himmel hätte“ gehört aber nicht hierher. Es erklärt sich aus der S. 68 angedeuteten Vorstellung, nach der jede Pflanze einem der Planeten zugehört.

2) Die Zusammenhänge mit der babylonischen Religion wurden von Gunkel, Schöpfung und Chaos S. 294 ff. aufgedeckt; die persischen Beziehungen hat mit Nachdruck Bousset hervorgehoben.

3) S. 84. Jalkut Schimeoni II werden sie Kriegsheere des Himmels (obsen 3W X73078) genannt. In Schemot Rabba zu 2 Mos 1, i werden die Kinder Israels mit den Heeren des Himmels verglichen.

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