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Im ersten Abschnitt lag mir besonders daran, die Entwicklung der einzelnen Religionen von ihren ersten Anfängen an durch ihre Hauptstadien hindurch zu verfolgen. Natürlich soll das nicht eine vollständige Religionsgeschichte sein, die ja einen viel grösseren Raum beanspruchen würde; vieles von dem Stoff, den eine solche zu enthalten pflegt, konnte hier weggelassen werden, da es sich nur darum handelte, einen Ueberblick über den weltgeschichtlichen Entwicklungsgang der Religion zu geben, wie er überall von ähnlichen Anfängen ausgeht, dann in verschiedenartige Richtungen je nach der Natur und Geschichte der Völker auseinandergeht, im Christenthum aber die diese Sonderrichtungen in sich aufhebende Einheit der allgemeinen Weltreligion anstrebt. Obgleich ich mich bemühte, diesen reichen Gegenstand in möglichst knapper Form darzustellen, war doch eine bedeutende Erweiterung dieses Abschnitts gegen die vorige Auflage nicht zu vermeiden.

Auch der zweite Abschnitt, der das Wesen der Religion an sich und im Verhältniss zu Moral und Wissenschaft behandelt, hat eine vollständige Umarbeitung und mehrfache Bereicherung erfahren. Nachdem im ersten Abschnitt der geschichtliche Grund gelegt war, galt es nun hier, die psychologischen Wurzeln der Religion im Wesen unseres Geistes aufzuzeigen und hiernach ihr Verhältniss zu den verwandten Gebieten der Moral und Wissenschaft zu bestimmen. Hierbei bot sich öfters Anlass, abweichenden Denkweisen gegenüber meinen Standpunkt zu vertheidigen; indem ich dies dadurch that, dass ich die gegnerischen Standpunkte als einseitig nachwies, glaube ich zugleich ihrer relativen Wahrheit gerecht geworden zu sein; jedenfalls darf ich versichern, dass mir persönliche Streitsucht überall ferne lag.

Nachdem das Wesen der Religion, als innere Erfahrungsthatsache oder Gesinnung des Herzens, im allgemeinen Umriss gezeichnet ist, wird im dritten und vierten Abschnitt ihre Entfaltung nach den beiden Seiten, in welchen sie theoretisch und praktisch in die Erscheinung tritt: in Glaubens- und Kultusformen beschrieben. Die Parallele von Glauben und Kultus, als den beiden gleich wichtigen, aber auch gleichsehr sekundären Erscheinungsformen des religiösen Ge

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müths, fällt bei dieser Anordnung deutlicher als früher in die Augen.

Der vierte, von den Kultusformen handelnde Abschnitt ist völlig neu gearbeitet; hier vornehmlich kamen mir die neueren religionsgeschichtlichen Studien zu Statten. Ich habe mich überall bemüht, die religiösen Bräuche bis in ihre elementaren Anfänge zurückzuverfolgen, ohne zu befürchten, dass die Aufzeigung ihres piederen, sinnlich naiven Ursprungs der Achtung vor der späteren sittlich vergeistigten Bedeutung Eintrag thun könnte. Muss doch jede Pflanze, um blühen und Frucht tragen zu können, ihre Wurzeln in die Erde hinabsenken: warum denn sollte nicht auch die Religion aus der dunklen Tiefe der Natur zur lichten Höhe des freien Geistes emporwachsen?

Beim dritten, von den Glaubensformen handelnden, Abschnitt war, um den Umfang des Buches nicht ins Ungebührliche anschwellen zu lassen, vielfache Verkürzung und Streichung des in voriger Auflage gegebenen Stoffes unumgänglich geboten. Seine straffere Zusammenfassung in drei (statt sieben) Kapiteln hat, wie ich meine, der Verständlichkeit nicht geschadet, sondern im Gegentheil die leitenden Gedanken präciser und klarer hervortreten lassen. Und da die Verkürzung hauptsächlich die schulmässige Ausbildung der Glaubenslehren betrifft, so ist damit zugleich der Unterschied der Religionsphilosophie von der Dogmatik stärker betont, was im beiderseitigen Interesse liegt. Denn die Dogmatik ist die Kunstlehre (Technik) von der richtigen Deutung und Behandlung der Dogmen einer bestimmten Kirche zu einer bestimmten Zeit, dient also unmittelbar den praktischen Zwecken des Kirchendienstes; die Religionsphilosophie aber ist rein theoretische Wissenschaft von Wesen und Erscheinung der Religion überhaupt, dient also, wie alle Wissenschaft, zunächst nur dem unpraktischen Wissensinteresse; ebendarum kann sie sich auch die Beurtheilung nach den Normen jeder positiven, sei es orthodoxen oder heterodoxen, Dogmatik füglich verbitten.

Trotz dieser ihrer Eigenart, oder vielmehr gerade wegen derselben, ist die Religionsphilosophie für die Theologen eine unentbehrliche Hilfswissenschaft. Denn das bloss historische Wissen giebt

noch keine sicheren Gesichtspunkte für die Beurtheilung der leitenden Motive und bleibenden Werthe der Dogmen; dafür bedarf es der objektiven Normen, die nicht unmittelbar in Geschichtsdaten, um deren Beurtheilung es sich eben handelt, zu finden sind, die vielmehr nur aus der Idee der Religion, wie sie im Wesen unseres Geistes angelegt ist, entnommen werden können. Zur Erkenntniss dieser idealen Normen verhilft die Religionsphilosophie theils durch ihre psychologische Analyse des religiösen Bewusstseins, theils durch ihre vergleichende Zusammenstellung der analogen Erscheinungen aus verschiedenen Religionsgebieten. Es leuchtet von selbst ein, wie sehr eine so gewonnene tiefere Einsicht in die bewegenden Ideen des religiösen Lebens überhaupt geeignet ist, dem Theologen den Blick zu schärfen auch für das Eigenartige und Werthvolle an den besonderen Dogmen seiner Kirche, und ihn damit zur besonnenen und taktvollen Behandlung derselben im Kirchendienst zu befähigen. Ohne jene auf wissenschaftlichem Wege gewonnene Einsicht hingegen wird er sich immer versucht fühlen, seinen geschichtlich gegebenen Stoff nach Geschmacksurtheilen zu behandeln, die entweder dem Zufall seines Temperaments oder der jeweils herrschenden Tagesmode seiner Umgebung entstammen, in beiden Fällen aber keine Schutzwehr gegen subjective Willkür, keine Gewähr objektiver Richtigkeit und kirchlicher Heilsamkeit enthalten,

Uebrigens will ich nicht verhehlen, dass ich bei der Ausarbeitung dieses Buches durchaus nicht bloss an theologische Leser gedacht habe, sondern auch und fast noch mehr an jene Gebildeten unter den Nichttheologen, die für religiöse Dinge ein ernsthaftes Interesse haben und das Bedürfniss nach einer Verständigung über die sich ihnen aufdrängenden Fragen und Bedenken empfinden. Ich bin überzeugt, dass es solcher religiös Interessirten unter den Männern und Frauen unserer Zeit eine grosse Anzahl gibt, eine grössere, als es dem oberflächlichen Beurtheiler der gesellschaftlichen Zustände erscheinen mag. Die vielbeklagte Entkirchlichung der Gesellschaft darf doch nicht ohne weiteres mit Entfremdung von der Religion verwechselt werden; sie ist vielfach nur eine Folge davon, dass das religiöse Bedürfniss der

in der modernen Bildung aufgewachsenen Menschen bei der Kirche, deren überlieferte Sprache sie nicht mehr verstehen, keine genügende Befriedigung zu finden vermag. Dass bei diesem Uebelstand die Kirche selbst durch ihr allzu ängstliches Konserviren der alten Formen und durch ihr Ignoriren oder Verurtheilen der aus der heutigen Bildung erwachsenen Zweifel und Bedenken einige Mitschuld trägt, wird sich kaum bestreiten lassen. Um so mehr scheint es mir die Pflicht der Lehrer, deren Berufsaufgabe das Wissen von der Religion ist, zu sein, dass sie die Ergebnisse ihres Forschens und Nachdenkens in allgemein verständlicher Sprache auch den nichtzünftigen Freunden der Wahrheit zugänglich machen. Wollten die Berufenen, die den Ernst und die Schwierigkeit der Sache kennen, dieser Aufgabe sich entziehen, so würden nur um so gewisser die Unberufenen sich herzudrängen, deren tumultuarisches und pietätsloses Verfahren nur zerstören, nicht erbauen kann. Sollte es mir gelungen sein, dem Einen oder Anderen unter den nach Klärung und Befestigung ihrer religiösen Ueberzeugung Ringenden unter unseren Zeitgenossen durch dieses Buch den Weg zu dem hohen Ziel des Einklangs von Religion und Kultur zu weisen und zu ebnen, so wäre das der schönste Lohn für alle Mühe, die ich seit mehr als drei Jahrzehnten auf diese Aufgabe verwendet habe.

Für die Anfertigung des Registers bin ich meiner Tochter Else zu Dank verpflichtet.

Grosslichterfelde bei Berlin, Dezember 1896.

Otto Pfleiderer.

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