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nicht übergangen werden, der in sehr hübscher Weise den Nachweis führt, dass Boccaccio in seiner Novellensammlung nicht frei schaffen wollte, sondern Fernhergeholtes und Naheliegendes zu einem anmutigen Ganzen vereinigte, in welchem freilich von seinem Leben und seinen Abenteuern nicht die Rede ist, dass er dagegen in der „Fiammetta" von den Stimmungen und Ereignissen seiner Liebe ausführlich sprach.

Den lateinischen Schriften Boccaccios die uns in erster Linie interessieren, wenn wir von ihm als Renaissance-Schriftsteller reden — hatte früher Attilio Hortis eine ausserordentliche, von grossem Erfolge gekrönte Aufmerksamkeit geschenkt; leider ist dieser sorgsame, im Finden von litterarischen Schätzen und im Verwerten derselben glückliche Forscher seit Jahren gänzlich verstummt.

Über eines der lateinischen Werke Boccaccios sind neuerdings verschiedene Ansichten laut geworden. Ausser der bekannten längern Dantebiographie des Boccaccio giebt es noch eine kürzere, die ihm gleichfalls zugeschrieben wird. Sie ist offenbar später geschrieben worden, als die ausführlichere und befolgt die Tendenz zu verkürzen und zu vereinfachen, aber auch die, den Dichter und Biographen noch kirchlicher erscheinen zu lassen, als in der ersten. Neuerdings hat Scheffer-Boichhorst*) den Beweis versucht, dass auch die zweite vita (vita 11; die ausführlichere nenne ich vita 1) von Boccaccio herrührt. Die Gründe, welche Scheffer-Boichhorst anführt, sind folgende: 1. vita II benutzt dieselben Quellen wie vita I, z. B. Petrarcas Brief an seinen Bruder vom 2. Dezember 1348, aber sie benutzt sie in eigenartiger, der Eigentümlichkeit des Schriftstellers entsprechenden Weise, 2. vita II zeigt durchaus die Eigenheit Boccaccios, seine Prosa mit Anführung von Autoren, mit Namhaftmachung von Helden zu schmücken, 3. vita II stimmt genauer mit Boccaccios Dantekommentar überein, d. h. letzterer schliesst sich unmittelbar an die Fassung von vita II an. Ferner widerlegt er eine Ansicht Wittes, auf Grund deren dieser die Autorschaft Boccaccios zurückweist. Im Dantekommentar wird berichtet, dafs Andrea Paggi, ein Neffe, Dino Perini, ein Freund Dantes ersterer zugleich auch ein Freund Boccaccios die sieben ersten Gesänge der „Komödie“ wieder aufgefunden zu haben behaupten; in vita I heisst es: alcuno, in vita II: alcun parente di lui sei der Finder. Witte schliesst daraus, vita II könne nicht von Boccaccio sein, denn er hätte Perinis Anspruch nicht übergehen können. SchefferBoichhorst meint: die Ansprüche beider wären Boccaccio schon bei vita I bekannt gewesen, er sei absichtlich darüber hinweggegangen und habe in vita II aus Vorliebe zu seinem Freunde nur diesen, den Verwandten Dantes angedeutet; warum sollte man nicht aber einfacher annehmen, Dante habe wirklich erst am Ende seines Lebens die Ansprüche Perinis erfahren?

Erzählung in der Weltlitteratur erscheint. Zu dem auf die Renaissance bezüglichen Aufsätzen, die ich lieber gleich hier erwähne, um nicht nochmals an anderer Stelle auf das Buch zurückkommen zu müssen, gehört der Aufsatz über Ariosto (S. 74-83), in welchem der Gefeierte es war bei Gelegenheit des 5. Säkulartages seiner Geburt als Dichter der Heiterkeit verherrlicht und gegen die schweren und trüben deutschen Kritiker verteidigt wird, die den richtigen Standpunkt zu seiner Beurteilung nicht finden können.

*) Aus Dantes Verbannung. Litterarhistorische Studien von Paul Scheffer-Boichhorst. Strassburg, K. I. Trübner 1882, S. 191--226. Auch sonst handeln viele Stellen dieses scharfsinnigen Werkes über einzelne Briefe Boccaccios, ihre Echtheit, ihren Inhalt und Wert, über manche Abschnitte seines Dantekommentars, worauf ich aber hier nicht eingehen kann.

Gegen diese Darlegungen hat M. Kuhfuss*) opponiert. Für ihn ist das Schweigen der mit Boccaccios Kommentar gleichzeitigen Dantebiographen über vita II ein bedeutsames Zeichen gegen die Echtheit der letztern. Gegen Boccaccios Autorschaft führt er ferner an: vita I ist voll von Angriffen gegen die Florentiner, vita II ist dagegen sehr zahm, während im Kommentar die Angriffe wieder recht zahlreich sind. vita II stellt die Einwirkung der Beatrice auf Dante sehr hoch, erzählt aber auch einige Klatschgeschichten von Boccaccios Liebesverhältnissen; vita I weiss von letzterem nichts und lässt die Einwirkung der Beatrice geringer erscheinen. Das zuletzt erwähnte erscheint mir ganz irrelevant, ebenso das fernere Argument Kuhfuss', dass die Anlehnungen der vita II an I sklavisch, und, dass ihre Erweiterungen willkürlich seien; auch die früher mitgeteilten Einwände bedeuten nicht viel. Auf das Schweigen der Biographen ist deswegen kein Wert zu legen, weil die wenig umfangreiche vita II ihnen leicht entgehen konnte, zumal ja Boccaccios ausfürliche Dantebiographie existierte, die Zahmheit den Florentinern gegenüber erklärt sich aus einer eingetretenen versöhnlichen Stimmung, die bei einem leicht erregten, aber auch wieder leicht beruhigten Schriftsteller, wie Boccaccio es war, nicht sehr verwunderlich ist. Was Kuhfuss über die Sprache der vita II beibringt, um daraus ihre Authenticität zu entkräften, lasse ich dahingestellt. Die Stellen, die er aus dem Kommentar beibringt, um aus ihnen zu folgern, dass vita II später als der Kommentar abgefasst sein müsse, sind nicht schlagend. Nach alledem kann ich die

ihm angestrebte Widerlegung bei aller Anerkennung seines Scharfsinns und seiner Gelehrsamkeit nicht als gelungen bezeichnen.

von

*) Über das Boccaccio zugeschriebene kürzere Danteleben. Von Max Kuhfuss (Hallenser Dissertation) Halle 1886) 28 S.

Berlin.

Ludwig Geiger.

Paul Lange behandelt in dem Wurzener Programm: „Ronsards Franciade und ihr Verhältnis zu Vergils Äneide" (Leipzig, G. Fock, 36 S. in 4°) ein interessantes Stück vergleichender Litteraturgeschichte. Die Abhängigkeit des Franzosen ist eine stoffliche und eine sprachliche. Die stoffliche besteht z. B. darin, dass in beiden Epen der Held seinem Verhängnis entrinnt, sich jenseits des Meeres ein neues Vaterland gründet, nachdem er dem ihn verfolgenden Zorn der Götter sich entzogen, dass er eine Stadt gründet, sie aber einer Seuche wegen wieder verlassen muss, dass er in einer Vision die Helden erblickt, die von ihm abstammen sollen u. s. w. Der moderne Dichter lehnt sich, wie so manche Renaissancepoeten an den antiken auch darin an, dass er den Göttern einen breiten Platz in der Erzählung einräumt und nicht, wie mittelalterliche Erzähler dies wohl taten, Feen und Elfen mithandelnd eingreifen lässt. Trotzdem zeigt Ronsard einzelne mittelalterliche Eigentümlichkeiten, z. B. in der Schilderung der Zweikämpfe. Auch die sprachliche Abhängigkeit geht sehr weit. Ronsard beschränkt sich nicht darauf, einzelne Worte zu entlehnen, sondern er schliesst sich in Epitheten, Gleichnissen u. s. w. sehr eng an sein Vorbild an.

Als Quelle der beiden Legenden Herders „Die ewige Weisheit" und der Friedensstifter“ erweist Reinhold Köhler (Berichte der königlich sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig 1887, S. 105–124) die 1648 in Luzern erschienene Sammlung des Karthäusers Heinrich Murer: Helvetia sancta . . . d. i. ein Heyliger lustiger Blumen-Garten und tut die überraschende Ähnlichkeit beider Legenden, deren erste das Leben des Amandus Suso, deren zweite das des Bruder Claus, Niclas v. d. Flüe behandelt, im Einzelnen dar. Nach dem Abschlusse der Untersuchung eruierte Köhler aus den Ausleihbüchern der Weimarer Bibliothek, dass Herder das genannte Werk am 19. November 1796 entliehen hat, wodurch die Zeit der Abfassung beider Legenden fest bestimmt ist.

In dem Aufsatze: Probable source of Goethes , Goldschmidsgesell" (Modern language notes vol. II, Nr. 5, may 1887 p. 206—211 sucht Julius Goebel darzutun, dass das genannte 1808 entstandene Goethesche Gedicht mit Benutzung oder Zugrundelegung der englischen, volkstümlichen (zuerst 1715 veröffentlichten) Ballade: Sally in our Alley von Henry Carey verfasst worden sei. Goebel nimmt an, dass Goethe das Gedicht durch Herder oder durch Gentlemans Magazine 1795 kennen gelernt haben könnte. In Wirklichkeit hat Goethe das englische Gedicht 1808 kennen gelernt und wirklich benutzt. Riemer berichtet (Tagebücher, herausgegeben von R. Keil, Deutsche Revue, Oktober 1886 S. 33) ,,Machte Goethe Abends ein Lied aus Anlass des englischen, das mir die Frau v. Fliess gegeben.“ L. G.

*) Unter dieser Rubrik denken wir kurze Anzeigen über neuere litterarische Erscheinungen, Programme, Aufsätze in Zeitschriften zu bringen, sowie Anzeigen, die sich nicht für längere Rezensionen eignen und doch auf manche Arbeiten hinweisen, welche der Aufmerksamkeit der Fachgenossen wert sind.

Die Redaktion.

Aus dem Grenzgebiete der Litteratur und Musik.

Von

Rochus von Liliencron.

Wird

man

ird es einer Rechtfertigung oder gar einer Entschuldigung be

dürfen, wenn in diesen der Litteraturgeschichte gewidmeten Blättern auch von Musikgeschichte die Rede ist? Das mag manchem so scheinen, sollte aber nicht so sein. Vielmehr verdient es gelegentlich hervorgehoben zu werden, dass die Geschichte der Poesie der Musikgeschichte als einer Hülfswissenschaft durchaus bedarf. Giebt es doch ein der Poesie und Musik gemeinsam gehörendes Grenzgebiet, auf welchem beide von jeher in den mannigfachsten Verbindungen und unter verschiedenartig gestaltetem Abhängigkeitsverhältnis der einen Kunst von der andern gewirkt haben. Man kann daher auch den Schöpfungen der einen nicht gerecht werden – weder unter ästhetischem noch unter geschichtlichem Gesichtspunkt, wenn Wesen und Geschichte der anderen ausser Augen lässt. Es ist üblich geworden, in Beziehung auf Wagners Musikdramen von einer Verschmelzung sämtlicher Künste zu einer Gesamtwirkung zu reden, als ob dies ein ganz neuer Begriff sei, neu auch für Poesie und Musik, während doch in den Wagnerschen Werken das Verhältnis beider kein an sich neues, sondern nur ein auf neue Weise geordnetes ist. Als im Beginn des 17. Jahrhunderts die Oper zuerst als neue Kunstform erblühte, war anfangs die Musik dem Text völlig untergeordnet, nur dazu bestimmt, seiner Deklamation einen höheren Schwung zu geben und mit der gesungenen Rede in der Arie die Liedform zu verbinden. Die Musik erschien dem Text gegenüber als das zufällige und vergänglichere; derselbe Text wurde, so gut wie irgend einer der kirchlichen Texte, wieder und wieder neu in Musik gesetzt. Noch waren Text und Musik nicht dergestalt zu einem Leibe und Leben

Ztsch. f. vgl. Litt.-Gesch, u. Ren.-Litt. N. F. I.

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verschmolzen, dass sie entweder gemeinsam fortlebten oder gemeinsam vergingen. Im Laufe eines Jahrhunderts kehrte die Sache sich um: die Musik ward für den Modegeschmack Alles, der Text sank zur gleichgültigen und leblosen Schablone herab. Jetzt wurden umgekehrt aus dem überlieferten Kreise der antiken oder schäferlichen Stoffe immer neue Textschablonen zusammengezimmert, die nicht sowohl den Inhalt der Musik als die Gelegenheit dazu bildeten. Wie wollte man nun diese Poesien mit Billigkeit wägen und beurteilen, wenn man nicht zugleich die Musik in die Wagschale legt? oder richtiger gesprochen: wie kann von einer Wertschätzung der Poesie allein die Rede sein, da sie eben nur als Oper, d. h. in Verbindung mit der Schwesterkunst zu wirken bestimmt war? Wog anfangs die Poesie schwerer, die Musik leichter, später umgekehrt, so war doch das Gesamtgewicht der Oper im 18. Jahrhundert ein bedeutend erhöhtes und der Litterarhistoriker, der diese Seite der Litteratur einseitig nach den ihr zu Grunde liegenden Poesien beurteilen wollte, würde das Bild auf den Kopf stellen. Darum hört denn auch in unsern Litteraturgeschichten die Betrachtung des gesungenen Dramas ungefähr gerade da auf, wo es bis zu Schöpfungen heranreift, welche der Vergänglichkeit trotzen.

Ebenso wenig wie die Operndichtung ist die Geschichte der geistlich-kirchlichen Poesie zu fassen und richtig zu beleuchten, wenn die Betrachtung sich nicht auf dem Grunde der Kirchenmusik und ihrer Entwickelung aufbaut. Eine Kantate von Salomon Frank liest sich ohne Zweifel recht ledern; aber wenn sie als Träger der Bachschen Töne erscheint, so verschwindet das dürftige, oft weichlich süssliche, ja läppische, einzelne Wort im erhabenen Klang und Schwung der ganzen Komposition, an der doch nicht der Musiker allein das Verdienst, sondern auch der Poet seinen Anteil hat und nur

aus der Schätzung des Gesamtwerkes kann eine richtige Würdigung des Dichters hervorgehen. Wenn aber Neukirch von dem Herausgeber seiner „fünffachen Kirchenandachten“ für die Erfindung eben dieser neuen Kantatenform, welche die Kirchenmusik „in bessern Stand gesetzt und in den jetzigen Flor versetzt“ habe, so hoch gepriesen wird, so vermag der Litterarhistoriker allein die Richtigkeit dieses Lobes nicht zu kontrolieren. Erst die Musikgeschichte vermag ihn zu belehren, dass diese Kantatenform zwar die bisher höchsten und herrlichsten Blüten der evangelischen Kirchenmusik gezeitigt, sich aber dennoch sehr bald als ein höchst verhängnisvoller Abweg erwiesen

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