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pfindung oder Ausdruck zugeflossen. Ich kann nicht einmal so viel
zugeben. Da soll, wie auch Brosin meint, „des Mädchens Klage“ im
ganzen Ton und in dem einzelnen Ausdruck: „Ich habe genossen das
irdische Glück; ich habe gelebt und geliebet“ an den Tod der Dido IV,
651 und besonders an ihr: „Accipite hanc animam meque his
exsolvite curis; Vixi et quem dederat cursum fortuna peregi“
innern. Die sterbende Dido, die sogleich weiter von sich sagt:
„Urbem praeclaram statui, mea moenia vidi“ und die von der Welt
Abschied nehmende Thekla, deren Leben Liebe, nichts als ideale
Liebe war – die Zusammenstellung schon erregt Fieber. Was ist im
Deutschen häufiger, als die Verbindung von leben und lieben, Licht,
Leben, Liebe? Bei Vergil fehlt ja schon der Stabreim. Gehört viel
leicht eher Katulls: Vivamus, mea Lesbia, et amemus! hierher? Ich
überlasse die Entscheidung den Parallelenjägern, ich für meinen
Teil kann nicht glauben, dass Schiller aus den Worten in des
Mädchens Klage, die einen sich von selbst aufdrängenden Gedanken
einfach und rührend aussprechen, bei Vergil ein Anlehen gemacht hat.
In eine eigentümliche Stimmung versetzt uns die Bemerkung, die
Stelle im Siegesfest: „Das Weib ist falscher Art Und die Arge liebt
das Neue“ dürfte aus Äneis IV, 569 ff. stammen: Varium et mutabile
semper femina. Düntzer, erinnert an Homer Odyssee XI, 456: OÚXéte
πιστά γυναιξίν. - Man könnte ja auch an den Spruch im Havamal, jenem
Spruchgedicht der älteren Edda, erinnern:

Mädchenreden vertraue kein Mann
Noch der Weiber Worten. Auf geschwungnem Rad

Ward ihr Herz geschaffen, Trug in der Brust verborgen. Ganz gewiss haben schon ante Helenam, wie Horaz einmal in einem anderen Zusammenhang sagt, Tausende von Menschen oder genauer von Männern Solcherlei preisgegeben, und ebenfalls ante und post Didonem sind andrerseits von verlassenen Mädchen und Frauen Klagen ausgestossen worden, wie die ist, die uns Schillers Kindsmörderin entgegentönt: „Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie!"

Gehen wir nun zu Brosin über. Er geht von der Überzeugung aus, dass die zahlreichen Anklänge an Vergil bei Schiller, wenigstens der grossen Mehrzal nach, auf bewusste oder unbewusste Reminiszenzen zurückzuführen seien. Die Parallelen, die er anführt, beziehen sich auf die Ähnlichkeit der Situationen, der Charakterschilderungen, der Bilder

aus

und Gleichnisse, der Gedanken, der Beiwörter, der Ausdrücke und Wendungen. Bei den Gedankenparallelen erklärt er ausdrücklich, wegen ihrer Masse haben wir hier nicht eine zufällige Übereinstimmung, sondern wirkliche Reminiszenzen, bewusste oder unbewusste vor uns. Aber wie stimmt mit diesen Behauptungen die Schlussbemerkung des Aufsatzes überein:

Wie aber,

wenn trotz alledem in allen jenen Übereinstimmungen das blosse Spiel des Zufalls waltete? So bliebe doch das eine Resultat, dass gewisse dichterische Schönheiten in Anschauung, Empfindung, Gedanken, Bild und Ausdruck nicht das Eigentum einzelner Völker und Dichter sind, sondern den verschiedensten Nationen, Individuen und Zeiten gemeinsam angehören.“? Ähnlich lautet der Schluss von Österleins Studie: „So viel werden wir nach Allem sagen können, dass unsere Litteratur in Schillers Gedichten, und zum Teil gerade in den bekanntesten und beliebtesten, ein gut Stück Vergil mit sich trägt. Die Litteratur eines Volkes ist zunächst national, aber sie ist auch kosmopolitisch: die Kulturvölker tun gegenseitig ihre Schätze auf und schenken sich das Edelste und Schönste, das sie haben.“ Beide Äusserungen treffen wegen ihrer Allgemeinheit und Verschwommenheit, wenigstens in Betreff Vergils, den Nagel nicht auf den Kopf. Betrachten wir aber Brosins Parallelstellen, so sind sie zum grössten Teil noch viel erzwungener, als die von Österlein beigebrachten; einige treffen allerdings in der Weise zu, dass an Schillers Abhängigkeit von Vergil zu denken ist. Nach Brosin erinnern die Worte in der „Bürgschaft“: „Mich, Henker, ruft er, erwürget — Hier, bin ich, für den er gebürget" an Nisus, der Äneis IX, 427 ff. ausruft:

Me, me, adsum, qui feci, in me convertite ferrum:
O Rutuli, mea fraus omnis.

Schade, dass bei Hygin, Schillers Quelle, Möros dem Henker von Weitem zuruft: „Halt ein, Henker! Da bin ich, für den er gebürgt hat.“

Dass Äneis X, 523 nach Ilias X, 376 gedichtet ist und Schiller in der Jungfrau von Orleans II, 6, 7 an Homer und nicht an Vergil gedacht hat, ist, wie Brosin selbst sagt, allgemeine Annahme, und ich sehe nicht ein, warum man mit Brosin den römischen Epiker als Schillers nächste Quelle denken soll. – Von den Worten, durch welche Nisus Erbarmen mit seinem unglücklichen Freunde zu erwecken sucht: Tantum infelicem nimium dilexit amicum (IX, 430) sagt Brosin, sie könnten als Motto auf dem Leichensteine des Marquis Posa stehen,

Ztschr. f. vgl. Litt.-Gesch. u. Ren. Litt. N. F. I.

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wie sie denn auch an die Anerkennung des grossen Toten aus dem Munde des Infanten erinnern:

,,Sein schöner Lebenslauf war Liebe, Liebe

Für mich sein schöner grosser Tod.“ Was für eine gewagte Sache es um diese „Reminiszenzen“ und Parallelen ist, lässt sich hier schlagend dartun. „Du warst Liebe, ganz Liebe; Gott lohne sie dir in Ewigkeit“ rief Schubarts Gattin ihrem sterbenden Gatten zu. Verdankte sie diesen Ausruf vielleicht dem Vergil oder hatte sie Schillers Don Carlos gelesen? Talbot, den weder Himmel, noch Hölle kümmert, soll das Bild des trotzigen Götterverächters Mezentius zurückrufen. Allein Talbot ist eine sehr edle und würdige Erscheinung; er glaubt an die erhabene Vernunft, die lichthelle Tochter des göttlichen Hauptes, die weise Gründerin des Weltgebäudes, die Führerin der Sterne, und ist bloss für den Augenblick pessimistisch, halb nihilistisch gestimmt, was ihm niemand verübeln wird, der sich in seine Lage hineindenkt. Diese Parallele ist ganz erzwungen und beruht wahrscheinlich auf den höchst unsicheren Mitteilungen Böttigers über den schwarzen Ritter.

Unter den Bildern und Gleichnissen mögen einige zutreffen. Wenn aber Brosin in Äneis V, 662: furit immissis Volcanus habenis, das Vorbild von Schillers Worten in der Glocke findet: Wehe, wenn sie losgelassen etc., so ist zu bemerken, dass Schiller das verheerende Feuer hier nicht, wie Vergil, unter dem Bilde eines entzügelten Rosses, sondern eines eingekerkerten oder gefesselten weiblichen Wesens darstellt, das plötzlich seine Fesseln bricht und als freie Tochter der Natur einhertritt. Ich wundre mich, dass Brosin, wenn überhaupt, was noch sehr fraglich ist, hier ein Anklang an Vergil stattfindet, nicht an die Schilderung der Fama Aneis IV, (174 ff.) gedacht hat. – Das Äneis V, 302 nur angedeutete Bild: Multi praeterea, quos fama obscura recondit soll an die Braut von Messina I,

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erinnern: „Völker verrauschen über ganzen Geschlechtern aus.“ Wie weit hergeholt! Eher möchte ich, wenn ich hier überhaupt eine Entlehnung fände, an Horaz Od. IV,

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denken: ,,Vixere fortes ante Agamemnona multi, sed omnes, illacrymabiles Urgentur ignotique longa – Nocte, carent quia vate sacro.“ Wie Vergil von einer facies laborum spricht (VI, 103), so Schiller von dem doppelten Antlitz der Tat (Braut von Messina III, 5). Aber zu einer wirklichen Parallele fehlt die Haupt

.

sache, die Verwandtschaft des Gedankens; denn bei Vergil sagt

Äneas nur, nicht eine der Mühen stelle sich neu und unerwartet vor Augen; facies ist species, genus.

Bei den Gedanken erinnert sich Brosin Äneis I, 405: Vera incessu patuit Dea (nämlich Venus, des Äneas Mutter) an die Worte in den Kranichen des Ibykus: So (wie die Erinyen) schreiten keine irdschen Weiber etc. Näher läge, an die 'Epevūs Tavúrodas bei Sophokles Aj. lor. 194 zu denken. – Die Worte: polus dum sidera pascit (Äneis I, 608), meint Brosin, könnten leicht das Thema zu Schillers Rätsel vom Mond und von den Sternen gegeben haben. Allein Düntzer bemerkt mit Recht: der Mond als Hirt, die Sterne als Schafe oder Lämmer kommen schon in einem Wiegenlied vor. Vergl. auch Herders Epigramm: Das Gesetz der Welten im Menschen (zur Litteratur und Kunst 4, 26).

Bei Äneis XII, 764, 65: „Neque enim levia aut ludicra petuntur

Prämia, sed Turni de vita et sanguine certant denkt Brosin an Tells Monolog IV, 3: Heute will ich den Meisterschuss tun etc. Die Parallele ist weit hergeholt. Der Gedanke ist in der Situation, die derjenigen gleicht, welche Vergil schildert, ganz von selbst begründet. Ähnliche Lagen erzeugen ähnliche Gedanken. Im Augenblick fallen mir zwei weitere Parallelen ein, die eine aus Schiller, die andere aus Shakespeare; ich mag sie aber nicht nennen, weil ich sie für ganz zufällig halte. Bei den Beiwörtern sollen die campi liquentes IV, 724 an das grüne krystallene Feld (Braut von Messina I, 8) erinnern. Allein die Vergleichung des Meeres mit einem Feld, des Schiffs mit einem Pflug, der Schifffahrt mit einem Furchenziehen findet sich in der deutschen Poesie sehr häufig; diese Ausdrücke gehören gewiss nicht zu denen, die „Schiller als willkommene Zier und Bereicherung seiner Sprache dem antiken Meister abgeborgt hat.“ Dies gilt auch von der Bezeichnung der Missgunst als obliqua (Vergil) oder als scheel (Schiller). Darüber brauche ich kein Wort zu verlieren. Das stärkste Stücklein findet sich indess bei der behaupteten Ähnlichkeit von Ausdrücken und Wendungen. „Die Waffen ruhn“ in der Jungfrau von Orleans (IV, 1) rufen ihm Äneis X, 836 ins Gedächtnis. Wenn aber Mezentius im Wasser des Tiber seine Wunde auswaschen will und zu diesem Behuf es sich leicht macht, seine Rüstung auszieht und sie im Grase ruhen lässt, so ist doch dieses arma quiescunt etwas ganz Anderes, als die Waffenruhe im Monolog der Jungfrau. In der Tat ein bedeutender – Bock, den der Verfasser auf der Parallelenjagd geschossen hat.

Österlein und Brosin geben mit ihren Studien einen auffallenden Beitrag zu der bei vielen Litteratoren vorhandenen beinahe krankhaften Neigung, überall, namentlich bei Schiller und Goethe, Parallelen zu andern Schriftstellern zu suchen, so dass, wie 0. Schanzenbach in seinem trefflichen Aufsatz: Französische Einflüsse bei Schiller (Programm des Eberhards-Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart zum Schlusse des Schuljahrs 1884–85, Stuttgart 1885) sagt, bei diesen beiden kaum ein Stück, eine Stelle sich zu finden scheint, zu denen man nicht aus älteren Schriften eine Parallele fände. „ „Unsere grossen Schriftsteller und Dichter,“ so schliessen Viele, „sind „grosse Abschreiber“ gewesen.“ – Diese Neigung, Parallelen aufzusuchen, ist berechtigt; aber krankhaft und unberechtigt ist die Sucht, überall eine Abhängigkeit der neueren Schriftsteller von den älteren zu wittern, wo dem tiefer dringenden Blick sich nur eine zufällige, in der Ähnlichkeit der Charaktere oder Lagen begründete oder gar auf einen Gemeinplatz hinaus kommende Übereinstimmung zeigt. Sogar tiefere Wahrheiten braucht der Neuere nicht vom Älteren entlehnt zu haben. Wenn z. B. Schiller in seinen letzten Tagen sagte: der Tod kann kein Übel sein, weil er etwas Allgemeines ist, hat er da vielleicht ein Anlehen bei Cicero gemacht, der in seinen Tusculanen I, 49 vom Tode sagt: Quod autem omnibus necesse est, idne miserum esse uni potest? Ich kann mich hier nicht enthalten, gegen diese so weit verbreitete litterar-kritische Absonderlichkeit eine Stelle aus dem Schriftsteller anzuführen, der unter dieser Geschmacksverirrung am meisten leiden muss, aus Goethe. „Die Welt,“ sagt Goethe bei Eckermann (1,190) „bleibt immer dieselbe, die Zustände wiederholen sich, das eine Volk lebt, liebt und empfindet, wie das andere; warum sollte denn der eine Poet nicht wie der andere dichten? Die Situationen des Lebens sind sich gleich; warum sollten denn die Situationen der Gedichte sich nicht gleich sein?" — „Mir sind,“ bemerkt Eckermann, „immer die Gelehrten höchst seltsam vorgekommen, welche die Meinung zu haben scheinen, das Dichten geschehe nicht vom Leben zum Gedicht, sondern vom Buch zum Gedicht. Sie sagen immer: das hat er dorther und das dort! Finden sie z. B. beim Shakespeare Stellen, die bei den Alten auch vorkommen, so soll er es auch von den Alten haben. So giebt es unter anderem beim Shakespeare eine Situation, wo man beim Anblick eines schönen Mädchens die Eltern glücklich preiset, die sie Tochter nennen, und den Jüngling glücklich, der sie als Braut heimführen wird. Und weil nun beim Homer dasselbe vorkommt, so

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