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In verschiedenen Abschnitten entwickelt Harnack auf der Grundlage von Goethes Lebensansicht seine sittlichen und religiösen Anschauungen, seine Naturbetrachtung, seine Kunstanschauung, seine politischen und sozialen Gedanken. Er hält sich dabei vornehmlich an die Prosaschriften, an Briefe, an Gespräche des Dichters, um dann abschliessend vornehmlich in den grössten poetischen Werken, dem Faust und dem Wilhelm Meister, mit Einschluss, ja mit besonderer Betonung des zweiten Teils und der Wanderjahre, die Summe zu ziehen. Er zeigt sich bemüht, das Tatsächliche festzustellen und so im Zusammenhang das Ganze zu verstehen; man folgt seinen massvollen und milden Erörterungen gerne, und sieht daraus, warum er sich Goethe zum Lebensführer erwählt hat.

Seine Auffassung des Dichters konzentriert Harnack selbst in den Worten: „Zu dem eigenen Innenleben die entsprechenden Gegenbilder in der äusseren Welt zu finden und diese darzustellen, dass war seine Poesie, darum lag seine Grösse in der Beschränkung seiner Individualität. Aber indem sein Dichten so streng an die Realität seiner Person und die ihn umgebende Welt gebunden war, empfand er es doch zugleich als einen Zustand erhabenster und reinster Idealität, in dem er über sich selbst hinaus ging. In Kraft dieser von ihm oft betonten, nicht selten sehnsüchtig erwarteten, dann durch lange Zeit wieder ununterbrochen getreuen Stimmung gelang es ihm, das Individuelle zum Allgemeinen zu erheben und das Gemein-Wirkliche als Ewig-Wahres darzustellen. Aber immer blieb das Vorwiegen des Individuellen der spezifische Charakter seiner Dichtung, und er hatte daher wohl Recht sich Niemandes Meister zu nennen, sich nicht als das Haupt einer Schule zu bezeichnen; aber mit demselben Recht durfte er auch fortfahren, sich den Befreier der Deutschen zu nennen.“

Legt uns Harnack vorzugsweise den Inhalt der Goetheschen Geistesarbeit dar, so versucht Rudolf Steiner die Grundlinien der Erkenntnistheorie Goethes zu ziehen in einer Abhandlung, die als Zugabe zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners deutscher Nationalbibliothek erschienen ist.*) Unmittelbar, sagt er, bietet uns die Erfahrung nur ein zusammenhangloses Neben- und Nacheinander von Einzelheiten; erst wenn wir darüber nachdenken, die Erfahrungstatsachen bearbeiten, kommen wir zur Erkenntnis. Der gesetzliche Zusammenhang, den wir für die Welt suchen, ist im Denken von Anfang an vorhanden, selbst Erfahrungstatsache; alle Einzelgedanken sind Teile eines grossen Ganzen, unserer Begriffswelt. Die wahrgenommene Wirklichkeit durchtränken wir mit den von unserem Denken erfassten Begriffen, so kommen wir dazu, die Gedankenbestimmungen in ihr zu erfahren. In das dunkle Chaos der Eindrücke uuserer Sinne bringt der Verstand Ordnung durch die Unterscheidung von Ursache und Wirkung, Freiheit und Notwendigkeit; die Vernuntt zeigt wieder wie diese Verstandesbegriffe in einander übergehen; die Einheitlichkeit alles Seins in der Mannigfaltigkeit wird von ihr erkannt; sie sieht im Denken das Wesen der Welt, in unserer Vernunft eine Erscheinungsform der in der Welt waltenden Vernunft. So erheben wir uns dazu, das Wirkliche nicht sowohl als Produkt, sondern als Produzierendes zu erfassen.

*) Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller. Berlin und Stuttgart. Verlag von W. Spemann, 1886. IV u. 92 S. 8°

Der Verfasser hat diese Sätze ausführlich und doch im Kampf mit anderen Ansichten erörtert; was ich vermisse, das ist die nähere Darlegung wie sie in Aussprüchen Goethes und wie sie in seinen Arbeiten sich als seine Methode zu erkennen geben. Er kommt dann auf Goethes Bestreben, in der anorganischen Natur die Urfänomene zu erfassen, die Grundtatsachen, bei welchen der Charakter eines Vorgangs unmittelbar aus der Natur der ihn umgebenden Faktoren folgt, Fänomene, die uns ihr Gesetz selbst kund thun. Der wissenschaftliche Versuch soll zu ihnen hinführen. In der organischen Natur hält Goethe daran fest, die Gestalt aus einem inneren bildenden Prinzip abzuleiten, und den Typus oder die allgemeine Form zu finden, die in der Pflanzenund Tierwelt aufs Mannigfaltigste ausgeprägt wird. Im Geistigen ist Goethe fern davon, das Denken oder den Willen als ein Prinzip für sich zu nehmen; sie sind wie das Fühlen Manifestationen des Geistes, Äusserungen der Persönlichkeit; er hält an der Freiheit des Geistes fest, der durch seine Vernunft sich selber das Gesetz giebt, nach welchem er handelt. Ich schliesse diese Betrachtungen mit einem tiefsinnigen Worte des Dichters: ,,Alles was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist eine aus dem Inneren am Äusseren sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt; es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung giebt.“ Darin liegt die Einsicht, dass unser Erkennen der Wirklichkeit nur möglich ist, wenn die Denkgesetze zugleich die Weltgesetze sind, wenn in der Subjektivität das objektive Sein seiner selbst inne wird; wenn nicht ein Haufwerk blindwirkender Atome, sondern eine sich selbst bestimmende Einheit das Ursprüngliche ist, die nicht blos Naturkraft, sondern Vernunft und Wille der Liebe sein muss, wenn sie der zureichende Grund der Wirklichkeit sein soll, und so führt auch dies uns wieder zu der Gottesidee, die im Gemüt unserer Dichter als inneres Licht waltete, wenn sie solche sich auch nicht begrifflich entwickelt haben; das überliessen sie der neueren Philosophie, die diese Anschauung wiederum durch die vergleichende Geschichte der Litteratur sowohl in der Bhavagadgita der Inder als in der Gedankendichtung der Perser bei Dschelaleddin Rumi, in den Epigrammen von Angelus Silesius und den lateinischen Gesängen Giordano Brunos entdeckt, aber erst entdecken konnte, als sie die Idee des sowohl immanenten als transszendenten, welteinwohnenden wie über Allem für sich seienden Gottes selbst ausgebildet hatte.

München.

Die Entstehungszeit des ersten deutschen Hamlet.

Von

Berthold Litzmann.

ie Frage nach dem Alter der ersten deutschen Hamletbearbeitung

ist namentlich in den Kreisen der englischen Shakespeareforscher viel erörtert worden, ohne dass man bisher, so viel ich sehe, zu einem irgendwie befriedigenden Ergebnis gelangt wäre.

Aus inneren Gründen ist man in England geneigt ihr ein verhältnismässig sehr hohes Alter beizumessen, sie in den Anfang des 17. Jahrhunderts zu setzen, und lässt dabei ausser Augen, dass die Sprache des deutschen Hamlet entschieden auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts als Abfassungszeit hindeutet. In Deutschland hat man sich noch verhältnismässig wenig mit diesem Teil der Frage beschäftigt. Man begnügt sich im Wesentlichen damit, den deutschen Hamlet als ein Erbstück der englischen Komödianten zu bezeichnen, das allerdings durch den Bühnenschlendrian entstellt, Bestandteile der ältesten oder doch einer sehr frühen englischen Hamletredaktion enthält, deren Original als verloren angesehen wird.

Diesen Standpunkt vertritt auch noch in der Hauptsache Wilhelm Creizenach, der in dem soeben erschienenen zweiten Beitrag seiner Studien zur Geschichte der dramatischen Poesie im 17. Jahrhundert eingehend und erfolgreich die Bedeutung des deutschen Hamlet für die Kritik des Shakespeareschen Hamlet behandelt hat.*)

Auch Creizenach verzichtet darauf, der Frage nach dem Alter der deutschen Hamletredaktion näher zu treten. Und doch ist die Entscheidung derselben keineswegs von untergeordneter Bedeutung für

*) Berichte der philologisch-historischen Klasse der königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften, 1887. p. 1–43. (Vgl. unten Besprechungen.)

die Geschichte des deutschen Theaters. Auch sind die Anhaltspunkte für eine Zeitbestimmung keineswegs so unsicher, als man nach der bisher seitens

seitens der deutschen Shakespeareforschung beobachteten Zurückhaltung annehmen sollte. Ich glaube vielmehr mit ziemlicher Bestimmtheit die Frage nach Zeit und Ort der Entstehung der deutschen Hamletredaktion, wie sie die zuerst von H. A. O. Reichard veröffentlichte*) und seitdem leider verlorene Handschrift bietet, lösen zu können.

Die fragliche Handschrift trug nach Reichards Mitteilung den Titel: „Tragödie. Der bestrafte Brudermordt oder Prinz Hamlet von Dännemark“ und am Schluss den Vermerk: „Pretz, den 27. Oktober 1710.“ Dass Jahreszahl und Datum sich nur auf die Anfertigung der Abschrift beziehen, hat schon Reichard angenommen und Creizenach**) hat daran die ansprechende Vermutung geknüpft, die Abschrift sei für die Theaterbibliothek der Spiegelberg-Dennerschen Truppe, die sich 1710 von der Veltenschen abzweigte, hergestellt worden.***)

Damit ist freilich für die Zeit der Abfassung des Textes nichts gewonnen. Auch die, ausserdem nicht genügend verbürgte Mitteilung E. Mentzels †) über einen angeblich bis vor kurzem vorhanden gewesenen Theaterzettel der Veltenschen Truppe von 1686, der den Hamlet unter demselben Titel, wie unsere Handschrift: „Der bestrafte Brudermord oder Prinz Hamlet aus Dänemark“ ankündigte, ist, so lange sie nicht durch stärkere Beweismittel Unterstützung erhält, nur mit grosser Vorsicht zu verwerten.

Dagegen und das hat man bisher immer übersehen bietet der Text des deutschen Hamlet selbst Anhaltspunkte für die Datierung, deren Gewichtigkeit jedem einleuchten muss. Ein Blick auf die Schauspielerszenen der deutschen Bearbeitung überzeugt uns nämlich, dass dieselben nicht nur, wie alle zugestehen, vom englischen Original sich weit entfernen, sondern dass sie ein so zeitlich wie örtlich indivi

*) Zuerst auszugsweise im Theaterkalender von 1779 p. 47–60, später vollständig in der Olla Potrida 1781, T. 2. p. 18—68. Neuerdings wieder abgedruckt bei Cohn, Shakespeare in Germany 1865, p. 237 - 304.

**) a. a. O. p. 2.

***) Reichard hatte die Handschrift aus Ekhofs Besitz erhalten und Ekhof war der Schwiegersohn Spiegelbergs.

+) Geschichte der Schauspielkunst in Frankfurt am Main, 1882 p. 120. C. Heine „Johannes Velten. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters im 17. Jahrhundert" (Hall. diss.) 1887, nimmt, wohl gestützt auf diese Notiz und im Anschluss an R. Prölss, Geschichte des Hoftheaters zu Dresden (1878) p. 55 ff., Joh. Velten als Redakteur an,

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