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Märchen aber keineswegs die Rede sein könne, weshalb auch die ersteren den letzterwähnten gegenüber von ganz untergeordnetem Wert seien. *) Allerdings müssen dann die Anhänger jener Schule, die den Wert der Märchen eher zu hoch als zu niedrig veranschlagt, mit aller Gewalt gegen die ihren Lieblingen so gefährliche Lehre von der Wanderung ankämpfen, da nach ihrer eigentümlichen Auffassung ein Märchen, dem der verhängnisvolle Importstempel aufgedrückt ist, sofort all des tiefen Sinnes, der ihm ohne jenes Brandmal innewohnen würde, verlustig wird. Wir sind den Herrn, die uns manchmal in ihre Karten gucken lassen, zu grossem Danke verpflichtet, können aber von einer Mythologie, Kultur- und Sittengeschichte keine hohe Meinung haben, die ihre gewichtigsten Belege aus Märchen holen, d. h. aus Quellen, die nach unserer Überzeugung

wie die Schwänke und Anekdoten

als „erborgte Waare“ einem Ende der Welt zum andern getragen werden und für uns in erster Reihe litterarische Monumente und Zeugnisse für den Verkehr um nicht zu sagen: den geistigen Tauschhandel unter den verschiedensten Völkern sind. Litterarische haben wir gesagt und müssen das Wort im Gegensatz zum Traditionellen betonen, wenn unter diesem, im Widerspruch mit der räumlichen und zeitlichen Ubiquität der meisten Märchenstoffe, eine blos auf stammverwandte Völker beschränkte Überlieferung verstanden wird, die wir nicht einmal für Elemente des Volksglaubens und der Sitte gelten lassen können, da eine solche Annahme im Bezug auf den Aberglauben und Brauch des magyarischen Volkes z. B. zum ungeheuerlichen Schluss führen müsste, dass die Ungarn keine Ugrier, auch keine Turko-Tataren, sondern die reinsten Indogermanen seien. Haben aber die Magyaren in auffallend kurzer Zeit den unverhältnismässig grösseren Teil ihres angestammten Aberglaubens und ihrer ureignen Sitten gegen jenen und diese der mit ihnen in nähere Berührung gekommenen arischen Völker eingetauscht, so müsste man dieser Tatsache gegenüber entweder die reine ungetrübte Überlieferung und das treue Festhalten an dem Althergebrachten für ein ausschliessliches Privilegium der arischen Rasse erklären, oder sich zur Annahme verstehen, dernach die Magyaren in ihren Ursitzen und mit andern Völkern noch unvermischt ein aufgeklärter, ganz vorurteilfreier Stamm gewesen und erst aus dem Ver

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*) „Der Wert dieser Gebilde wird schon dadurch wesentlich beeinträchtigt, dass sie als erborgte Waare auf dem Markte der Volkstradition coursieren.“ G. Krek, a. a. O. S. 778. (Hinter der eigensinnigen Distinktion Hahns scheint mir eigentlich doch nur Wuks geistreiche Einteilung der Märchen in „männliche und weibliche“ zu stecken).

kehr mit den Ariern ihrer neuen Heimat die grosse Menge blöder und schädlicher Meinungen, die heutzutage bei den unteren Klassen dieses Volkes so fest eingewurzelt sind, sich angeeignet haben. Allerdings giebt es noch ein Drittes, dieses ist aber eben die von den Rigoristen der Traditions-Theorie in Acht und Bann gelegte Lehre von gegenseitigem Austausch, die freilich die Möglichkeit nicht ausschliesst, dass auch der indogermanische Volksglaube ein Produkt wiederholter Fusionen heterogener Bestandteile sein könnte.

Aus dem Bisherigen müssen wir den Schluss ziehen, dass eine selbständige Folklore-Wissenschaft insofern überflüssig ist, als die meisten Untersuchungs-Objekte, die man unter den Sammelnamen „Folklore“ zusammenzufassen pflegt, zu dem Gebiet der vergleichenden Litteraturgeschichte gehören, - die übrigen aber, wie Aberglauben, Sitte und Brauch, so wie die kulturhistorischen Zeugnisse der Sprache, welche Hahn in den ersten Abschnitt seines ,formalen“ Teiles verweist, Gegenstände der Volkskunde (Ethnologie) d. h. der Natur- und Kulturgeschichte eines Volkes sind und aus dem untergeordneten Verhältnisse zu dieser Wissenschaft herausgerissen nur dann zu einer der vergleichenden Litteraturgeschichte oder der vergleichenden Sprachforschung analogen Disziplin entwickelt werden könnten, wenn man sich eben bezüglich einer jeden dieser Kategorien zu „Spaziergängen um die Welt“ *) entschliessen wollte, die gewiss auch hier ungemein lehrreich sein und der Völkerpsychologie zu gute kommen würden.**)

Will man demnach die Gesamtmasse dessen, was heute unter „Folklore“ verstanden wird, auf ein bestimmtes Volk und dessen Sprache bezogen untersuchen, so könnte man dies dem Obigen entsprechend ungefähr in der folgenden Ordnung vornehmen: I. Objekte der vergleichenden Litteraturgeschichte, und zwar 1. Märchen, (auch Tiermärchen, doch keine Fabeln, da ich

unter solchen bloss didaktische Tiermärchen verstehen

möchte, die wohl jeder Volkslitteratur fremd sein dürften). 2. Schwänke, Schnurren, Anekdoten etc.

*) Hugo Schuchardt: Über die Lautgesetze. Gegen die Junggrammatiker. Berlin, R. Oppenheim. Dezember 1885. S. 38, 9. Z. v. u.

**) Es freut mich, in W. Wundts unlängst erschienenem wertvollen Aufsatz „Über Ziele und Wege der Völkerpsychologie“ (Philos. Studien, IV.) – Folklore, Volkskunde, Völkerpsychologie und ihr gegenseitiges Verhältnis betreffend im Wesentlichen derselben Anschauung zu begegnen, die ich oben ausgesprochen habe.

unsern

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Dänemark, *) auch an andern Hochfürstlichen Höfen mit agiren uns Aller- und unterthänigst haben sehen laassen,

Eure Hochfürstl. Durchl. wolle gnädigst erlauben und zu laassen, dass in dero Residentz-Statt Güstrow gegen bevorstehenden Marckt oder Umschlaag, etliche gute, neue, sinnreiche Comoedien und Schauspiele wir dehnen Liebhabern und Zuschauern zur Ergötzlichkeit ohne einige Ärgernüs vorstellen mögen.

Eurer Hochfürstl. Durchl. wünschen langes Leben nebenst glücklich blühender und friedlicher Regierung

unterthänigst und gehorsamste

Diener die sogenandte Carlische deutsche Comoedianten-Geselschafft.“ Da Herzog Gustav

Gustav Adolph 1695 starb, so muss also die Einreichung der Bitte vor dieses Jahr fallen, während aus der Form des Schreibens hervorgeht, dass der Prinzipal nicht mehr am Leben ist.

Ist hierdurch die Existenz eines zwischen 1670 und 1690 Norddeutschland und Skandinavien mit seiner Truppe bereisenden Komödiantenprinzipals Namens Carl nachgewiesen, so glaube ich durch eine ziemlich naheliegende Konjektur diese Angaben noch vervollständigen und dadurch zugleich erklären zu können, warum seiner sonst nirgend gedacht ist.

In der letzterwähnten Eingabe beruft sich die Carlische Gesellschaft darauf, dass sie bereits vor einigen Jahren am Güstrower Hofe gespielt.

Nun findet sich im Schweriner Archiv aus dem Jahre 1668 ein vom Herzog Gustav Adolph ausgestelltes Attest,**) worin dem Komödianten Carl Andreas Paul, „So sich mit seiner Truppe eine zeitlang in der fürstl. Meckl. Residenz Güstrow aufgehalten und unter

*) Schweden und Dänemark ward im 17. (auch noch im 18.) Jahrhundert mehrfach von deutschen Komödiantentruppen bereist: 1680 erscheinen Deutsche Komödianten in Stockholm. 1691 spielten ebenfalls in Stockholm „Chursächsische hochteutsche Comoedianten“ die sich auch „nordische Comoedianten in hochteutscher Sprache" nannten und die von da nach Dänemark gingen.“ (Vgl.' F. A. Dahlgreen, Förteckning öfver Svenska skådespel upförda på Stockholms theatar. 1866, p. 8 f.) Es sind dieselben „nordischen Comoedianten in hochteutscher Sprache“, welche in einer Eingabe an die Güstrowsche Interimsregierung im Juli 1697 (vgl. Bärensprung a. a. O. p. 30 f.) berichten, dass der Tod Karls XI. von Schweden sie veranlasst habe „nachdehme wihr bey 6 Jahren unss in den nordischen Plätzen auffgehalten, unser liebes Vaterland wieder einmahl zu besuchen.“

**) Abgedruckt bei Bärensprung a. a. O. p. 28.

schiedliche Male vor des Durchl. Fürsten und Herrn, Herrn Gustav Adolph, Herzog zu Mecklenburg agiret“ behufs Empfehlung beim Lübeckischen Rat bezeugt wird, dass er mit seiner bey sich habenden Compagnie dabier wohl präsentiret und sich im agiren gebührlich verhalten habe.“

Da Zeit und Ort zusammentreffen, scheint es mir nicht zu gewagt, den Prinzipal Carl und den Prinzipal Carl Andreas Paul für ein und dieselbe Person zu halten. Ich bin sogar aus denselben Gründen geneigt, den Carl Paulson, welcher 1665 aus Holstein kommend auf der Frankfurter Ostermesse auftauchte und der sich rühmte in Dänemark, Braunschweig und Lüneburg agiert zu haben, ebenfalls mit jenem Prinzipal Carl für identisch zu erklären.*)

Von einem Karl Paul, dem Sohne eines Oberstlieutenants, der 1628 als Führer einer Gesellschaft junger, meistenteils studierter und wohl erzogener Leute, welche den alten Wust der Meistersänger, der Fastnachtspiele und geistlichen Komödien durch Vorstellung übersetzter Stücke zu verdrängen suchten, weiss ja übrigens auch die „Chronologie des deutschen Theaters“ (1775 p. 26) zu berichten. Bei der bekannten Unzuverlässigkeit dieses Buches besonders in allem, was Chronologie betrifft, ist jedoch auf diese Angabe nicht allzu viel Gewicht zu legen.

Jedenfalls unterliegt es nach dem Gesagten wohl keinem Zweifel mehr, dass wir es bei dem Prinzipal Carl“ des deutschen Hamlet mit einer historischen Persönlichkeit zu thun haben und es ist gestattet, aus den für diese festgestellten Daten einen Schluss auf die Entstehungszeit des deutschen Hamlet selbst zu ziehen. Offenbar rührte die Redaktion von Carl selbst oder einem Mitgliede seiner Truppe her. Auf diesen Ursprung weist, abgesehen von allem anderen, auch die Verherrlichung des Schauspielerberufs, die Hamlet in den Mund gelegt wird:

Die Komödie hat die gewünschte Wirkung gehabt, der König hat sich mit dem Hof entfernt (II, 9.):

Corambus: Die Comödianten werden eine schlechte Belohnung bekommen, denn ihre Action hat den König sehr missfallen.

Hamlet. Was sagst du Alter, werden sie eine schlechte Belohnung empfangen? und ob sie schon übel von dem König belohnt

*) Man braucht um diese Zeit in dieser Beziehung nicht allzu ängstlich zu sein. Die Komödianten wechseln die Namen. Ich erinnere nur an: Joris Jollifous, George Jeliphus, Joseph Jori, alles ein und dieselbe Person. Vgl. Mentzel a. a. 0. p. 75 ff.

werden, so werden sie doch von dem Himmel desto besser belohnet werden.

Cora mbus. Ihro Hoheit, kommen denn die Comödianten auch in den Himmel?

Hamlet. Was, meinest du, alter Narr, dass sie nicht auch allda ihren Platz finden, darum gehet hin und tractiret mir diese Leute wohl.

Corambus. Ja, ja, ich will sie tractiren, wie sie es verdienen.

Hamlet. Tractiret sie wohl, sag ich, denn es geschiehet kein grösser Lob, als durch Comödianten, denn dieselben reisen weit in die Welt; geschiehet ihnen an einem Orte etwas gutes, so wissen sie es' an einem anderen Orte nicht genug zu rühmen, ihr Theatrum ist wie eine kleine Welt, darinnen sie fast alles, was in der grossen Welt geschieht, repräsentiren. Sie erneuern die alten vergessenen Geschichten und stellen uns gute und böse Exempel vor; sie breiten aus die Gerechtigkeit und löbliche Regierung der Fürsten, sie strafen das Laster und erheben die Tugenden, sie rühmen die Frommen und weisen, wie die Tyrannei gestraft wird: darum sollt ihr sie wohl belohnen.

Corambus: Nun sie sollen schon ihren Lohn haben, weil es solche Leute sind.“

Aus allen angeführten Gründen komme ich zu dem Schluss: die Redaktion des deutschen Hamlet, wie sie uns die Reichardsche Handschrift überliefert, ist sicher nicht vor 1650, wahrscheinlich erst um 1670, unter allen Umständen also in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auf norddeutschem Boden entstanden.

Ich kann aber nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit noch eine Vermutung auszusprechen, welche die Schauspielerszenen des deutschen Hamlet noch in einem ganz besonderen Lichte erscheinen lässt.

Wir wissen aus der oben angeführten Urkunde, dass die Carlische Truppe ihre Reisen über Deutschland hinaus erstreckt, dass sie sowohl in Dänemark wie in Schweden bei Hofe gespielt hat; und es ist daher nicht unmöglich, dass die Details der Reise, welche dem Prinzen Hamlet berichtet werden, wirkliche Erlebnisse der Gesellschaft auf einer ihrer Fahrten nach Norden wiedergeben.

Sie erscheinen als „fremde hochdeutsche Komödianten“, die sich auf die Nachricht hin, dass am dänischen Hofe Festlichkeiten bevorständen, übers Meer gewagt haben. Konträrer Wind hat ihre Reise verzögert, sie kommen zu spät und bitten nun nur um Erlaubnis, eine Vorstellung geben zu dürfen, damit wir unsere weite Reise nicht gar

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