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hervorquillt. Hochwipflige Tannen, Eichen, das Laubdach des Platanus und andere Bäume sind die Zierde und Schönheit für Quellen und Bäche (vgl. Jacobs a. a. O. p. 60, 62, 65, 67). Bei Horaz carm. II, 3, 9 ist es die hohe Fichte und die Silberpappel, welche ihr Laubgewölbe zum gastlichen Schattendach vereinen, während durch des Bettes Krümmung zitternd der flüchtige Bach dahinstrebt. – „Die in den unzähligen kleineren Tälern von Griechenland fliessenden Bäche gewähren im Reize des Frühlings, wo ihre Wiesen reichlich mit Anemonen und anderen Feldblumen geschmückt sind, oder im dichten Gebüsch von Oleander, Myrten und Lorbeer — selbst bei der jetzigen Verödung des Landes einen überaus lieblichen Anblick“ (Preller, Griechische Mythologie 1, p. 343). Dieser Anblick gab dem Naturgefühl der Dichter die Veranlassung in ihren Darstellungen mit den Quellen auch die Blumen liebevoll zu erwähnen. In der homerischen Schilderung der Landschaft bei der Kalypsogrotte fehlen auf der quellendurchrieselten Wiese die Veilchen und der Eppich nicht; bei Sophokles (O. C. 685) haben die schlummerlosen Quellen (üünvol zoīvae) die Gemeinschaft des Narkissos, der von Alters her die grossen Göttinnen bekränzt, und den Krokos mit dem goldenen Auge. Von Euripides (Iph. Aul. 1294) wird das weissglänzende Wasser (deuxòv bòwp) genannt, wo der Nymphen Quellflut fliesst, wo von Blumen die Wiesen glänzen, wo Hyacinthen und Rosen in Fülle blühen für Göttinnen zum Schmuck.“ Unter den späteren Dichtern hat ausser anderen Marianus in zwei Gedichten (Fr. Jacobs, Griechische Blumenlese 1, 2, p. 64 bis 65) den Hain des Eros in seiner Quellenschönheit geschildert, wo auf Wiesen im Lenz feuchtduftende Veilchen lächelnd erblühen, mit dem Kelch duftender Rosen gemischt.

Den höchsten Grad der Innigkeit erreicht das liebevolle Naturgefühl durch die Beseelung. Das Gemüt und die Phantasie des Menschen, zumal des Dichters, sieht in der Natur ein seelenverwandtes Wesen. Faust schaut in ihre Brust wie in den Busen eines Freundes. Der erhabene Geist lehrt ihn seine Brüder im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen. Für einen Dichter, wie für E. Mörike, ist der Fluss eine liebende Person, ein menschlich empfindender Sucher und Forscher: „er trägt seit alten Tagen ein seltsam Märchen mit sich um und müht sich, es zu sagen; er eilt so sehr und läuft so sehr, als müsste er im Land umher, man weiss nicht, wen, drum fragen.“ Dieses beseelende Gefühl für die Natur kennen die Alten überhaupt und es tritt mannigfach und reich in Bezug auf das Wasser, das Meer, die Flüsse, Bäche und Quellen hervor. Diese haben in der antiken Dichtung ein Wissen, Mitwissen; sie werden als Zeugen angerufen, ein Schwur wird bei ihnen geleistet. Sie nehmen Teil an menschlichen Empfindungen, schon bei Homer: wenn Poseidon mit seinem Gespann üher das Meer fährt, treten die Wogen freudig bewegt auseinander. Mit dem schönen Grussworte: yaipe wird bei Sophokles fr. 825 (Nauck, Fragm. trag. gr., p. 259) mit dem Lande auch die Quelle Hypereia, das verwandte Wasser, ein gottgeliebtes Nass, angeredet. In dem Epigramm des Leonidas von Tarent (Jacobs, Anthol. gr. I, 169) grüsst Aristokles dankbar das Quellwasser, aus dem er getrunken hat. Die Freude äussert sich im Lachen und Lächeln: beides, Freude und Lachen, ist verbunden in dem Gedichte des Apollonidas XXXI, 3 (Jacobs, Anthol. gr. II, 126), wo das Meer sich an der Aphrodite erfreut und die Freude durch Lachen zu erkennen giebt. Das Lachen der Meereswogen allein wird schon bei Aeschylus vernommen, Prometh. 89 (ποντίων κυμάτων ανήριθμον γέλασμα). Andere Stellen sind angeführt von Blomfield zu Aesch. Prom. 89 (und Hense, Poetische Personifikation in griechischen Dichtungen etc., Halle 1868, p. 262). Wenn es wahr ist, was Horaz sagt, dass es ein Trost ist für die Unglücklichen, Genossen im Leiden zu haben, so hat das Naturgefühl der Alten diesen Trost auch in der von ihnen beseelten Natur gefunden: die Meere, Flüsse und Quellen empfinden das Leid des Menschen; um des Prometheus Geschick (Aesch. Prom. 431) rauscht klagend der weiten See Wogenschlag, die Tiefe seufzt, der heilgen Ströme rieselnde Quellen beklagen seine Trübsal. Die Bäche, die Wogen des Meeres beweinen bei Pindar frühzeitiges Sterben geliebter Menschen (Biese I, 34), Flüsse und Bäche beweinen bei Bion das Leid der Aphrodite, da sie den schönen Adonis durch den Tod verlor (Biese I, 78), und Moschos im Grabgesang des Bion fordert die Ströme auf, den geliebten Bion zu beweinen (Jacobs, Griechische Blumenlese I, 2, 253). Mit dieser Trauer verbindet sich die sittliche Entrüstung der Ströme bei Eurip. Med. 410: „Wenn alles Recht sich verkehrt, dann werden auch die Quellen rückwärts fliessen“ (Biese I, 48). Die Leidenschaften des Hasses (Jacobs, Anthol. gr. IV, 158), des Neides (Hense, Beseelende Personifikation 1, p. 16 n. 20), des Zornes (Hor. epod. 2, 6; carm. III, 9, 22), des Übermutes (Jacobs, Anth. gr. 2, p. 233) werden dem Meer zugeschrieben (oeloaoa saldoons 63pev). Dass die Quellen als gehörbegabte (Hense, Beseelende Personifikation 1, p. 9), denkfähige Wesen eine Sprache haben, tritt schon in den Epithetis lados, Eventús, garrulus, loquax, (vgl. Hense, Beseelende Personifikation 2, p. 6) hervor; Statyllius Fl. (Jacobs, Anthol. gr. II, 239) stellt eine Unterredung einer Quelle mit einem Wanderer dar; Quellen erzählen selbst ihre Schicksale und antworten auf Fragen bei Antiphanes und Antiphilus (Jacobs, Griechische Blumenlese I, 2, 68).

Wir haben bereits früher hervorgehoben, dass es ein wesentliches Verdienst Dr. Bieses ist, das Naturgefühl der Griechen und Römer in seiner geschichtlichen Entwickelung dargestellt zu haben. Er betrachtet die einzelnen Dichter und Schriftsteller der Griechen in ihrem Verhältnis zur Natur mit Einsicht und fördernder Gründlichkeit. Er hebt die Epochen der Entwickelung deutlich und betonend hervor. Eine solche Epoche in der Entwickelung bilden die dramatischen Dichtungen des Euripides und Aristophanes. Der eine nähert sich bereits durch die Darstellung der Sehnsucht nach der Natur (vgl. Hippol. 732 ff.), durch ausführlichere und individuellere Lokalbeschreibungen, durch die Fülle der Beseelungen der Natur der modernen, sentimentalen Empfindungsweise. Der andere hat ein tiefes und empfindendes Naturverständnis und beweist es in der Darstellung der idyllischen Liebe zum Landleben, in der Schilderung der Wolken, der Vögel. Er kennt die Eigentümlichkeiten der Vogelwelt bis in die kleinsten Einzelheiten. „Nicht ohne Sentimentalität wird die Glückseligkeit der Vögel gepriesen" in den schönen Versen 1088 ff. und abgesehen von dem sachlichen und hochkomischen Inhalt kann man die „Komödie der Vögel" eine durchgeführte, weitverzweigte Metapher nennen, welche von der Naturbeschaffenheit und Tätigkeit der Vögel liebevoll entlehnt ist. Eine neue Epoche tritt in der Geschichte des Naturgefühls der Griechen in der sentimentalen, idyllischen Auffassung hervor, welche der Hellenismus und die Kaiserzeit entfaltet. Gerade diese Richtung hat schon Biese mit voller Einsicht und gediegener Kenntnis behandelt. Der Gegensatz von Stadt und Land, der Aufschwung der Naturwissenschaften, besonders der Botanik, die Gartenund Parkkultur, Flucht in die Waldeinsamkeit, inniger Verkehr mit der Pflanzen- und Baumwelt und Beseelung bilden die charakterisierenden Merkmale der hellenistischen Epoche. Die Idylle kommt zur Geltung, der Wunsch, in einen Naturgegenstand verwandelt zu werden, die sentimentale Betrachtung der Blumen, die Gräberpoesie, erlangen eine besondere Ausbildung.

Ein ähnliches Verhältnis der Entwickelung wie bei den Griechen ist bei den Römern wahrnehmbar. Wir verweilen ein wenig bei

der Art des Naturgefühls des Horaz. Das Naturgefühl dieses Dichters beruht auf seiner Liebe zum Landleben, das er mit bevorzugendem Bewusstsein dem städtischen Leben in einem Briefe an Aristius Fuscus (Epist. I, 10, vgl. epod. 2, 41 ff.) entgegenstellt. Das war sein Wunsch gewesen: ein mässiges Stück Land, ein Garten, ein Quell immerfliessenden Wassers und ein Wäldchen dabei (Sat. II, 6, I ff.). Die Götter hatten es ihm über seinen Wunsch hinaus gewährt. Wenn er in Rom ist und von dem Rauche und Lärm der Stadt leidet (carm. III, 29), dann bricht er in den Seufzer aus (Sat. II, 6, 60 ff.): Ländliche Flur, wann werd' ich dich schauen, wann wird es mir vergönnt sein, jetzt in den Büchern der Alten, im Schlaf und Stunden der Musse süsses Vergessen eines bekümmerten Lebens zu schlürfen? In das entlegene Tal (reducta vallis) ladet er die Tyndaris ein, hier ihre Lieder zu singen, welche das Echo des Berges wachrufen. In diesem Tal ist Ruhe, und ungefährdet weiden hier die Ziegen (carm. I, 17). In dieses Tal ladet er auch den Mäcenas ein. Mit welcher Freude er aber auch sein Landgut mit der Umgebung desselben schildert (Epist. I, 16) und die Reize sowohl wie den Nutzen hervorhebt, schwärmerisch gesteigerte Sentimentalität ist in seiner Naturliebe nicht zu finden. Seine Empfindungen für die Natur sind durch ein plastisches Band gezügelt. Das plastische Element der Darstellung herrscht vor. Er benutzt Naturgegenstände zur Schilderung der Örtlichkeit selbst. Wenn er die wegen des Klimas unbewohnbaren Gegenden des Nordens und des tiefen Südens zeichnet, nimmt er Natureigenschaften zu Hilfe (carm. I, 22, 17 ff.).

Die reizvolle Darstellung der Quelle Bandusia (carm. III, 13) bewegt sich in anschaulichen Bildern: ein Felsen, aus welchem der Quell seine geschwätzige Flut sendet, eine Steineiche, welche Schatten giebt und liebliche Kühlung mit dem Wasser gewährt, vom Pflügen ermüdete Stiere und kleinere Tiere das ist das Landschaftsbild, welches unsere Augen fesselt und dem Landschaftsmaler einen erfreulichen und fruchtbaren Stoff liefert. Man vergleiche die Beschreibung der Örtlichkeit von Tibur (Tibur-laborat, carm. I, 7, 11 ff.) und beachte carm. II, 3, 9 ff. Horaz benutzt ferner die Natur und ihre Erscheinungen zur Darstellung der Zeit, der Jahres- und Tageszeiten. Er hat drei Frühlingsoden gedichtet (I, 4; 4, 7; 4, 12). Er zeichnet realistisch die Naturverhältnisse, welche den Frühling kennzeichnen oder begleiten. Er erwähnt z. B. nach griechischem Vorbilde, dass die Schiffe vom Land wieder ins Meer auf Walzen gezogen werden. Die sentimen

talen Empfindungen, welche moderne Dichter, wie z. B. Eichendorff, dem Frühling entgegenbringen, darf man hier nicht suchen. Dagegen schauen wir Gestalten und die Liebe zur Schönheit und Milde der Frühlingsnatur spiegelt sich in dem Auge der Venus und der Grazien, welche im Scheine des Mondes ihre anmutigen Frühlingstänze unbekleidet aufführen. Horaz bezeichnet auch plastisch den Frühling (epist. I, 7, 13) mit dem Erscheinen der ersten Schwalbe.

Durch plastische Naturanschauungen charakterisiert Horaz die heisse Jahreszeit des Sommers, indem er Sternbilder, wie den Hundsstern, den Procyon und das Sternbild des Löwen nennt (carm. III, 13, 9 te flagrantis atrox hora caniculae nescit tangere, vgl. I, 17, 17; III, 29, 18; Sat. II. 5, 39; canis Sat. I, 7, 25; Epist. I, 10, 16), Der Herbst ist ihm eine Person, die ihr mit mildem Obst geschmücktes Haupt auf der Flur erhebt (Epod. II, 17, vgl. carm. IV, 7, 11 pomifer Auctumnus). Die Zeit des Winters wird anschaulich und plastisch durch Hinweisung auf den schneeglänzenden Sorakte, auf den Wald, der unter seiner Bürde kaum sich aufrecht erhält, auf die von scharfer Kälte gefrorenen Flüsse geschildert (carm. I, 9, 1-4), oder durch schreckliche Wetter, die den Himmel umziehen (Epod. XIII, 1), wie durch den Aquilo, der das Land durchfegt (Sat. II, 6, 25).

Von den Tageszeiten hat der Abend eine schöne, Homer Bobdutos) entlehnte plastische Darstellung erhalten: er ist die Zeit, wo der Sonnengott die Schatten der Berge verändert und den ermüdeten Stieren das Joch abnimmt, die holde Zeit auf scheidendem Wagen herbeiführend (carm. III, 6, 41 ff.). Die Nacht erscheint als Person (Sat. II, 6, 101) am Himmel.

Die Naturliebe des Horaz zeigt sich ferner in der Bezeichnung von Naturverhältnissen zur anschaulichen Darstellung abstrakter Begriffe, z. B. des Besitzes. Der Dichter betet zu Apollo (carm. I, 31): er bittet nicht um grossen Besitz, nicht um die reiche Saat des fruchtbaren Sardinien, nicht um die erwünschten Heerden des heissen Kalabrien, nicht um Gold und Indiens Elfenbein, nicht um die Fluren, die mit stillem Wasser der Liris, der schweigende Strom, benagt. Dem Dichter bleibt drückende Dürftigkeit fern, wenn ihm Honig auch nicht KalaberBienen bauen, noch ihm die Gabe des Bacchus im lästrygonischen Kruge sich mildert, nicht auf gallischen Gefilden üppiger Heerden Vliesse gedeihen (carm. III, 16, 32—36). Er ist ein glorreicherer Herr wenig geschätzten Gutes, als wenn er in seinen Speichern bärge, was der rastlose Apulier erpflügt (carm. III, 16, 25—27). Dass Horaz in

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