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plastisch-gewählter Weise die Naturverhältnisse zu Gleichnissen und Metaphern verwendet, geht aus den Beispielen, welche Biese II, 80, 81 mitteilt, genügend hervor. Nur auf eine Stelle wollen wir hinweisen, in welcher die beseelende Personifikation der Natur in der Häufung auftritt (carm. III, 1, 25—32): Wer nur begehrt, was genug ist, den ängstigt nicht das sturmerregte Meer, nicht die wilde Heftigkeit des sinkenden Arcturus oder des aufsteigenden Bockes, nicht der Weinberg, den die Geissel des Hagels traf, nicht das trügerische Grundstück, wenn die Rebe jetzt die Regengüsse beschuldigt, jetzt das Gestirn, das die Erde austrocknet, jetzt des Winters Ungunst. Die einen Gedanken erläuternden Beispiele wählt Horaz oft aus der Natur, z. B. der Tierwelt, wie die Erwähnung des Fuchses (epist. I, 7, 29 ff.) und die Geschichte der Stadt- und Landmaus (Sat. 2, 6, 80 ff.) beweisen.

Schwerin i. M.

Die Sturm- und Drang-Komödie und ihre fremden

Vorbilder.

Von

Eugen Wolff.

I.

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wir den Gipfel des deutschen Lustspiels und den An

knüpfungspunkt für alle neueren Versuche zur Bebauung dieses von je her stiefmütterlich behandelten Feldes bezeichnen wollen, so nennen wir sowohl auf dem Gebiete der litterarischen Produktion als auf dem der litterarhistorischen Forschung G. E. Lessings „Minna von Barnhelm“. „Lessings grossartige Bedeutung in der Geschichte des deutschen Dramas ist,“ so spricht Hettner den gekennzeichneten Standpunkt aus, „dass er diese grosse Aufgabe der Versöhnung des künstlerisch Idealen und des eigenartig Volkstümlichen zur entscheidenden und für immer massgebenden Lösung brachte.“ Eine Folge dieses Satzes, der als allgemein anerkannt keines Beweises zu bedürfen schien, würde sein, dass die komischen Elemente vor und neben Lessing, die er nicht verwertete, und diejenigen, welche nach ihm geltend zu machen versucht wurde, unbenutzt blieben, und dass die deutsche Litteratur ein für allemal darauf verzichtete, diese Keime für die Fortentwickelung des Lustspiels fruchtbar zu machen. Lessing knüpfte als echter Reformator an das Bestehende an, d. h. an das durch Gottsched nicht nur litteraturfähig, sondern auch kunstmässig gewordene Drama, um es mit volkstümlichen Elementen zu versetzen, ohne doch den volksmässigen Grundcharakter herstellen zu können. Bereits ist auf dem Gebiete der Tragödie anerkannt, dass die Ästhetik der Sturm- und Drang-Periode über Lessing hinausführte. Inwieweit ein solches Vorschreiten im komischen Drama geschehen ist, konnte bisher mangels einer eingehenden Betrachtung des nachlessingschen Lustspiels nicht konstatiert werden. Wohl ist es in seinen einzelnen Teilen behandelt worden: Ludwig Tieck schrieb unschätzbar treffliche Einleitungen zu den gesammelten Schriften von Lenz und Schröder, aber jene bietet vorwiegend eine allerdings meisterhafte und wahrhaft kongeniale Einführung in den Geist Goethes und begnügt sich, mit einigen wenigen, nicht einmal immer zutreffenden Strichen ungefähr die Stellung Lenzens zu skizzieren, während diese, trotz des in ihr gegebenen vorzüglichen Abrisses einer Geschichte der dramatischen Dichtkunst und trotz ihres aufklärenden Hinweises auf unsern Mangel an grossen politisch-nationalen Stoffen sowie auf unsere Vorliebe für das Familienleben, doch eines umfassenden Bildes der mit Schröder gleichzeitig wirkenden Komödiendichter ermangelt. Gervinus und Hettner ferner urteilen in ihren Litteraturgeschichten vom Standpunkt goethereifer Klassik und überhaupt nach allgemeinen abstrakten Gesetzen, ohne sich in den Geist der Zeit ihrer Betrachtung zu versetzen und nach einer Erkenntnis des ursächlichen Zusammenhangs so bunter Erscheinungen zu streben. Gruppe andererseits giebt in seinem von herzlicher Liebe diktierten Buche über Lenz die mannigfachsten Kombinationen, für welche der Wunsch zum Vater des Gedankens wurde; trieb er so die Vorliebe für seinen Helden bis zu phantastischer, oft paradoxer Willkür, so darf ihm doch das Verdienst nicht abgesprochen werden, dass er zuerst auf zahlreiche Momente verwies, welche für Zuerkennung von Milderungsgründen in dem grossen Prozesse plädieren, welchen die litterarhistorische Kritik gegen den unglücklichen Jugendgenossen Goethes angestrengt hatte. Düntzer wies die vielen Irrtümer Gruppes mit treffender Kritik zurück, um in seiner ästhetischen Beurteilung des Dichters, „kühl bis ans Herz hinan“, sich dem anderen Extrem bedenklich zu nähern, ohne sich in das geheimnisvolle Innerste der Dichterseele hineinzufühlen. Schliesslich hat Erich Schmidt in der ihn auszeichnenden lichtvollen Weise ergebnisreiche Forschungen über Lenz und Klinger geliefert, von welchen dennoch unsere Auffassung um eine Nüance abweichen muss. Erich Schmidt lässt sich in seiner Beurteilung von der an sich zutreffenden Tatsache leiten, dass Lenz und Klinger nicht notwendige Bedingungen für das klassische Kunstdrama sind, und stellt sich ferner -- was damit zusammenhängt auf den Standpunkt der bis zu den heutigen Anschauungen fortentwickelten klassischen Doktrin. Wir aber möchten jeden Dichter bis zu einem gewissen Grade als Selbstzweck ansehen, der seinerseits nicht danach zu beurteilen ist, was sich aus seinen Keimen entwickelt Ztschr. f. vgl. Litt.-Gesch, u. Ren.-Litt. N. F. I.

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hat, sondern danach, was sich aus ihnen nach der ihnen innewohnenden Zeugungsfähigkeit hätte entwickeln können, und der nicht aus heutigen Anschauungen, sondern aus seinen eigenen Theorien zu ergründen ist. Das Buch von Rieger über „Klinger in der Sturm- und Drang-Periode“ schliesslich bespricht von den hier in Betracht kommenden Stücken nur den „Derwisch“, verzichtet auch trotz seiner Stärke auf eine eigentliche litterarische Kritik.

Abgesehen von diesen allgemeinen Gesichtspunkten muss erwähnt werden, dass gerade die Komödien, ausser den Lenzschen, als nicht im Vordergrund der litterarischen Bewegung stehend, in der bisherigen Forschung nur sehr dürftige Betrachtung gefunden haben. Dazu kommt, dass der Quellenfrage, deren Beantwortung erst endgiltig über die geistigen Strömungen entscheiden kann, aus welchen ein Kunstwerk sich herausgebildet hat, nur nebenbei und kurz Beachtung zugewandt wurde. Überdies muss sich manches Einzelbild durch zusammenhängende Betrachtung der ganzen Gruppe von Sturm- und DrangKomödien an Bedeutung und Wirkung verschieben, und so werden wir genötigt sein, in dankbarer Anknüpfung an Resultate aller früheren Forschungen selbständig zu prüfen, um Frage stellen und Antwort finden zu können.

Sollten die gewaltigen Umwälzungen, welche sich seit dem Erscheinen der „Minna“, seit 1767, in unserer Litteratur vollzogen, an der komischen Muse spurlos vorübergegangen sein?

Um diese Frage verneinen zu können, wird es notwendig sein, das Vorhandensein einer eigenartigen komischen Litteraturströmung nach Lessings Lustspiel zu erweisen und ihr Wesen kurz zu erläutern, um sodann zu zeigen, welche neuen Elemente dieselbe in sich fasst.

Nachdem 1773 „Götz“ und die Blätter „Von deutscher Art und Kunst“ das Signal einer neuen Poesie zunächst für die Tragödie hatten ertönen lassen, brach im folgenden Jahre mit dem „Hofmeister“ und den „Anmerkungen übers Theater“ von Lenz der Sturm auch im Bereich der komischen Muse offen aus. Ja, es ist Grund vorhanden zu behaupten, dass dieser Vorkämpfer der neuen Komödie von Ursprung mehr als ein blosser Nachahmer Goethes war. Lenz selbst erklärte in einem Vorwort zu den „Anmerkungen“: „Diese Schrift ward zwei Jahre vor Erscheinung der deutschen Art und Kunst und des Götz von Berlichingen in einer Gesellschaft guter Freunde vorgelesen.“ Dass Goethe diesen litterarischen Zirkel „etwas problematisch“ findet, ist, wie Düntzer nachgewiesen, unbegründet; auch lässt der abgerissene ungeordnete Stil, über den schon „der Hofmeister“ einen gewaltigen Fortschritt aufweist, sowie der gänzliche Mangel einer Beeinflussung durch Herders und Goethes Schriften eine Analogie könnte man darin eher zu Merciers 1773 erschienenem Theater-Essay finden darauf schliessen, dass Lenz seine „Anmerkungen“ schrieb, ehe er jene kannte; denn selbst bei einer etwaigen absichtlichen Fälschung gelingt es wohl kaum, sich einer Abhängigkeit von der Ideenverknüpfung des Vorgängers an allen Stellen unauffällig zu entziehen. Was sodann den „Hofmeister“ betrifft, so ist bereits in Briefen des Dichters von 1772 zweimal dramatischer Originalarbeiten Erwähnung getan, eines vollendeten und später eines werdenden Trauerspiels. Indessen widerspricht der Annahme von Gruppe, eins derselben mit dem „Hofmeister" in einer früheren Fassung tragischen Ausgangs zu identifizieren, Lenzens Komödientheorie: Er erklärt nicht nur in der späteren Selbstrezension des „Neuen Menoza“, sondern schon in den nach seiner eigenen Angabe 1771 entstandenen „Anmerkungen übers Theater“ für das Wesentliche der Tragödie die Person, den Charakter, dagegen für das der Komödie die Sache, die Handlung, und da muss denn „der Hofmeister“ zweifellos der letzteren Gattung zugezählt werden. Überdies würde Lenz, welcher die frühere Entstehung der „Anmerkungen“ an deren Spitze proklamirte, mit einer gleichen Erklärung bei der Veröffentlichung des „Hofmeisters" wahrlich nicht gezögert haben. Somit sind die verwirrenden Phantasien Gruppes nach dieser Richtung zurückzuweisen und es ergiebt sich als Resultat zu Gunsten von Lenzens Originalität, dass er theoretisch den Einfluss Shakespeares schon vor Erscheinen des „Götz“ im Sinne der Sturm- und DrangPeriode zu begründen suchte.

Seiner ersten Komödie lässt Lenz weitere folgen, Klinger betritt denselben Boden und Heinrich Leopold Wagner geht sogar in der Umarbeitung seiner Kindermörderin“ von der Tragödie auf komisches Gebiet über; sein so entstandenes Werk ,Evchen Humbrecht“ ist in der Tat durchaus Komödie im Lenzschen Sinne: nicht historisch, sondern Gemälde der menschlichen Gesellschaft, mit dem Schwerpunkt nicht auf den Charakteren, sondern auf der Handlung. Daneben unternimmt die Sturm- und Drang-Periode hierher kleine kühne Streifzüge in mutwilligen Farcen, allen voran der unbestrittene Führer im Streit, Goethe. Bald reissen die höher und höher schwellenden Wogen der Sturmflut auch den ruhigen Bürger fort, und nun kämpft nicht nur das Ausserordentliche, sondern auch das Ordentliche gegen das Un

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