Ҿ˹˹ѧ
PDF
ePub

ordentliche als den gemeinsamen Feind. So werden Grossmann, Gemmingen und Karl Gotthelf Lessing, Friedrich Ludwig Schröder und selbst ein Stephanie d. J. in den Drang der litterarischen Bewegung hineingetrieben. Danach gehen zwei Strömungen neben einander her und fliefsen sogar stellenweise in einander, obgleich aus verschiedenen Quellen entspringend; hier ist das Talent, dort das Genie die treibende Kraft; es giebt keinen Unterschied in den Griffen, es giebt nur einen Unterschied im Accorde. Bei allem bunten Wechsel, welchen die Sturm-Komödie dem betrachtenden Auge darbietet, zeigen sich nämlich mannigfache Kennzeichen ein und desselben Familientypus: im geistigen Gehalt, im komischen Charakter wie in der technischen Behandlung dieser Werke. Insofern sich dieselben nun nicht mit dem decken, was wir heute unter Lustspiel verstehen, sondern sich an die ausdrücklich so genannten Komödien antiker wie moderner Völker anschliessen, und insofern Lenz, der hervorragendste Vertreter der Richtung, seinen dramatischen Werken diesen Namen unter eingehender Erläuterung des Begriffes giebt, sprechen wir von einer Komödie der Sturm- und Drang-Periode.

Ist doch auch diese Bezeichnung die ältere, ursprünglichere, seit von einem wahren Drama heiterer Gattung in der deutschen Litteratur die Rede sein kann; und der Name Lustspiel wird z. B. nach dem Gottschedschen „Nötigen Vorrat zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst“ nicht vor 1536, allgemeiner erst seit 1661 gebraucht. – Wenn jene Komödie, obgleich sie nahezu gleichen Anlauf init der gleichzeitigen Tragödie nimmt, alsbald erheblich hinter deren hohem Fluge zurückbleibt, so ist die Erklärung darin zu suchen, dass die Tragödie eben einen praktisch wie theoretisch kultivierteren Boden vorfand.

Das Lustspiel hatte, nachdem ihm Gottsched regelmässig-französischen Stil gegeben, mit Gellert rührend empfindsame Momente in sich aufgenommen; doch noch war es steif und voll langatmiger Deklamationen, noch bildeten private kleinbürgerliche Familienzustände ohne höhere Bedeutung die Sphäre des komischen Dramatikers, und selbst die karikierende Satire der „Betschwester“ war im Grunde unschuldig gemeint und jedenfalls ohnebeharrlich durchgeführte agitatorische Absicht. In Johann Elias Schlegel werden neben den französischen auch dänische Quellen offenbar, deren Richtung ausdrücklich kleinbürgerliche Stoffe bedingte; und wenn sein Fragment „Die Pracht zu Landheim“ französelnde und doch lumpige Vertreter des Adels vorführt, so richtet sich des Dichters Satire durchaus nicht sowohl gegen die bevorrechtigte Klasse als solche, sondern vielmehr gegen gewisse vorübergehende Modeschwächen gewisser Schichten eines sonst gebührend geehrfürchteten Standes. Ernster, wenn auch noch immer in steifem Gewande, fasst bereits Krüger die Missbräuche im Verkehr der Stände auf; sein „Herzog Michel“ wendet sich gegen das törichte Emporblicken des Nichtprivilegierten zum Adel als dem Gipfel des Glückes, und „Die Candidaten“ gar decken schonungslos eine Reihe der bedenklichsten sozialen Missstände, namentlich das streberische Scharwenzeln des Bürgers vor dem adligen Machthaber, auf; aber dieser Dichter wendet sich mit seinen Angriffen charakteristischer Weise nicht vorwiegend an den Adel als Schuldigen, sondern ihm gilt als Hauptangeklagter der Bürger, welcher eben in dem Masse unabhängig werden würde, als er sich selbst von kriechender Unterwürfigkeit fernhalte! Von seiner stelzenhaften Steifheit wird das Lustspiel erst durch Lessings Jugenddramen befreit, welche viel fruchtbaren Witz, aber keine Leidenschaft beibringen. Die höchste Spitze erklimmt schliesslich der durch diese Werke noch immer nicht depossedierte französische Stil in den „Mitschuldigen“ von Goethe; hier herrschst trotz Anwendung des Alexandriners eine weitgehende Freiheit und Leichtigkeit der Bewegung, und alle die an sich bedeutungslosen Fäden der komischen Verwickelung werden durch den ernsten, erheblichen Grundgedanken zusammengehalten: Wer sich ohne Sünde fühlt, der hebe den ersten Stein auf! Doch erst mit Lessings „Minna von Barnhelm“ tritt die komische Muse aus der kleinbürgerlichen Sphäre auf den breiten, allgemein nationalen Boden; neben französischen werden englische Quellen fruchtbar; Verstand und Witz müssen sich mit Herz und Gemüt in die Herrschaft teilen, wenn auch in diesem gesetzt ebenmässigen, im höchsten Sinne regelrechten Drama nirgends Leidenschaft mit ihrem fessellösenden Drange emporlodert.

Nun folgt ein scheinbar vollkommener Bruch mit dem vorgezeichneten Entwickelungsgange der deutschen Komödie.

Will man zur Kennzeichnung des neuen, eigenartigen geistigen Gehaltes der Sturm- und Drang-Komödien den Inbegriff alles Stürmens und Drängens, den Schlachtruf jener ganzen Zeit mit einem Worte nennen, so sage man: Natur! Als höchstes Ideal stellte man danach denjenigen Menschen auf, der noch eins mit der ursprünglichen, unverfälschten und ungeschwächten Natur ist, oder – wie es später Friedrich Hebbel ausdrückt – „eine jener ungeheuerlichen Individualitäten, die sich mit dem All fast noch als Eins fühlten, weil die Civilisation die Nabelschnur, wodurch sie mit der Natur zusammenhängen, noch nicht durchschnitten hatte;“ und so ergab sich ein zweites Schlagwort, das uns aus der Komödie ebenso vernehmlich wie aus den übrigen Schöpfungen der Zeit entgegentönt: Original-Genie. Insofern sich nun aus der Aufstellung dieser Ideale ein unerbittlicher Kampf gegen die korrumpierte Kultur, gegen das schwächliche, kleinliche Produkt der Zivilisation ergab, ist man berechtigt, von einer revolutionären Strömung zu sprechen, und zwar, entsprechend der Unbestimmtheit jener Ideale und entsprechend der Unklarheit ihrer Verfechter sowie in historischer Anknüpfung an ein Drama der Zeit, von einem Sturm und Drang.

Natur, Original-Genie, Sturm und Drang tönen zu einem Dreiklang ineinander, welcher alles Ringen und Singen der Periode durchbraust; und aus jeder dieser Voraussetzungen ergeben sich bestimmte notwendige und darum allgemeine Folgerungen. Das Sehnen nach unverfälschter Menschheit bewirkte zunächst, dass die jungen Dichter das Leben ungeschminkt vorführten, wie es ist, oder vielmehr wie es ihnen von ihrer jünglingshaften Erfahrung aus zu sein schien, mit jugendlicher Frische und allerdings auch mit jugendlicher Unkenntnis. Hieraus folgte unwillkürlich eine Geringschätzung und Bekämpfung aller rein „romanhaften“ Poesie, der jeder Schatten von Wirklichkeit fehlte, wie denn tatsächlich in dem „Pater Brey“, dem „Triumph der Empfindsamkeit“, dem „Hofmeister“, den „Falschen Spielern“, der Grossmann'schen „Henriette“ und den Spiess'schen „Drei Töchtern“ ausdrücklich der schädliche Einfluss einer mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmenden Poesie hervorgehoben ist.

All diesen Werken gemeinsam ist somit das Streben nach realistischer Lebenswahrheit, deren Darstellung sich zumeist, insbesondere bei den Genies, zu der höchsten Kunstform des poetisch verklärten Naturalismus erhebt. Der Unterschied zwischen idealistischem und naturalistischem Stil ist eben nur ein Unterschied des Grades; die echte Poesie bringt beide Stilarten zu harmonischer Vereinigung, und eine Dichtung steht um so höher, je entschiedener jede dieser Stilarten innerhalb der Harmonie herausgearbeitet erscheint. Menschen von Fleisch und Blut treten uns entgegen mit ihren edlen und unedlen Leidenschaften, voll individueller Kraft und Lebendigkeit. Kein Wunder, dass die ästhetische Grenze stellenweise durchbrochen ist; denn den naturalistischen Stil zu voller künstlerischer Verklärung zu führen, gelingt nur demjenigen, der das Höchste in der Kunst errrungen hat: seine Dichterkraft eins zu fühlen mit der Natur.

Ein naturalistisches Moment liegt auch in den Wahnsinnsanklängen, welche mannigfach wiederkehren; nicht nur der Major im „Hofmeister“, der Baron in Schröders ,,Fähndrich“, der Hofrat in desselben Dichters „Porträt der Mutter“ bieten solche dar, - auch „Evchen Humbrecht“ kann ihren glücklich verhinderten Kindesmord nur in einem Anfall von Wahnsinn der Verzweiflung planen; die Gräfin im „Neuen Menoza“ ferner ist eine halb wahnwitzige Furie, der Held in „Freunde machen den Philosophen“ dem Tiefsinn nahe, und auch der Prinz im „Triumph der Empfindsamkeit“ in Wahnvorstellungen befangen; schliesslich stecken sowohl die Helden der „Komödianten“ von Wezel als des „Tadlers nach der Mode“ vom jüngern Stephanie tief im Grössenwahn, und der Wagner in Schröders Familiengemälde „Der Vetter in Lissabon“ kommt in dem verzweiflungsvollen Indifferentismus, mit welchem er sein Unglück trägt, dem Blödsinn nahe.

Charakteristisch genug betrachten unsere Stürmer ferner den Menschen nicht als Produkt von Natur und Geschichte, sondern sie ignorieren die geschichtliche Entwickelung, prüfen ausschliesslich das Verhältnis von Mensch zu Natur. Daher die hervorragende Stellung und ausschliessliche Herrschaft, welche in dieser Poesie dem Herzen eingeräumt ist; und zwar sind die hervorstechenden Eigenschaften desselben, dass es gefühlvoll und empfindsam ist. Gefühlvoll sind die meisten dieser Frauenherzen, als gefühlvollen Herzens giebt sich selbst Gröningseck in „Evchen Humbrecht“ gegenüber dem Magister, empfindsam ist das Herz der Verführten, im „Hofmeister“ wie im „Deutschen Hausvater“; „Der Triumph der Empfindsamkeit“ führt sogar von dieser Eigenschaft seinen Namen, und im „Satyros“ beginnt der Held mit Psyche ausführliche Gespräche über die Empfindungen des Herzens:

„Dies Herz mir schon viel Weh bereit't;
Nun aber stirbt's in Seligkeit. . .
Es war so ahnunsvoll und schwer,

Dann wieder ängstlich, arm und leer; nun aber fühlen sich die beiden

„So Liebe-Himmels-Wonne-warm!“ Die Herzen der Liebenden sind nach dieser Anschauung untrenn bar „für einander bestimmt“, und wenn äussere Macht, insbesondere die Weigerung der Eltern, eine offene Verbindung hindert, schliessen die Liebenden einen geheimen Bund. Heimlich geschlossenen Ehen begegnen wir namentlich bei Schröder häufig, so in der „Heimlichen Heirat“, im „Vetter in Lissabon“ und in „Victorine“, deren Eltern zu solchem Zwecke einst geflohen sind; Grossmanns „Henriette“ gehört gleichfalls hierher. Vorgespiegelt wird die Absicht einer geheimen Verbindung von dem Grafen im „Neuen Menoza“ und von dem Helden der „Falschen Spieler.“

Das Herz ist es auch, welches die Liebenden zu verbotenem Genusse verführt. Das Thema der Verführung kehrt in fast sämtlichen Dramen der Zeit wieder: „Pater Brey“, ,,Satyros“, „Der neue Menoza“, Die falschen Spieler“, Schröders „Ring“ berühren dies Problem ohne Vermischung mit dem eines Standesunterschiedes. Die andern Dramen behandeln entweder, wie „Der Hofmeister“ in seinem Hauptproblem und „Der Schwur“, die Verführung des adligen Weibes durch den schöngeistigen Bürgerlichen, oder die des körperlich schönen Bürgermädchens durch den adligen Lüstling; auf diese Weise verfallen dem Unglück Jungfer Rehhaar im „Hofmeister“, welcher in dieser Episode die privilegierten Stände durch das Studententum vertreten sein lässt, ferner die Heldin der „Soldaten“, „Evchen Humbrecht,“ die Heldin des „Deutschen Hausvaters“ und „Die Mätresse". Versuche zur Verführung liegen im „Derwisch“ seitens des Sultans, in „Nicht mehr als sechs Schüsseln“ und ähnlich in Schröders ,,Stille Wasser sind tief seitens des Fürsten vor; „Der Vetter in Lissabon“ lässt dieses Thema gar zwei Mal anklingen: die Tochter von Frau Wagner wird durch einen betrügerischen Baron entführt und die Stieftochter von dem ihr heimlich angetrauten Offizier ehrlos verlassen und vergessen.

Zusammenhängt schliesslich mit der Allmacht des Herzens das häufige Werben mehrerer Männer um ein und dieselbe Frau. Die zahllosen Fälle ungerechnet, in denen sich der Wunsch zweier Männer auf den Besitz derselben Frau richtet, ist wenigstens auf die Beispiele zu verweisen, in denen ein Mädchen auf drei oder gar noch mehr männliche Herzen Eindruck hervorruft: Um Gustchen im „Hofmeister" bewerben sich Fritz, Läuffer und Wermuth, um Marie in den ,,Soldaten“ Stolzius, Desportes, Mary und der Graf de la Roche; ähnlich im „Derwisch“, im „Schwur“, in „Henriette"; bei Schröder streben nach dem Besitz der Baronin in ,,Stille Wasser sind tief Wiburg, der Fürst, Rehberg und andere, in der „Heimlichen Heirat“ werben Lovewell, Melvil und Ogleby um Fanny, im „Ring“ Oheim und Neffe Holm,

« ͹˹Թõ
 »