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Klingsberg und der Hauptmann um die Baronin Schönhelm, um „Victorine" bemühen sich schliesslich Millburg, Rochecourt und Rennthal.

Sowohl das Abstrahieren von allen metaphysischen Vorstellungen als das Streben nach frischer Volkstümlichkeit hängen mit der Forderung unverfälschter Natur zusammen. Eng schien freilich zunächst der Ort der Handlung; es war fast ausschliesslich die bürgerliche Sphäre, die Familie; aber in das Haus des Bürgers, der ja die Intelligenz der, Zeit repräsentierte, fallen Schlaglichter von der ganzen Welt, die draussen stürmt.

Mit der Bürgerlichkeit eng verbunden ist die Deutschheit der Charaktere. Namentlich in dem Drama „Nicht mehr als sechs Schüsseln" tritt der bürgerliche Charakter, ja geradezu der Bürgerstolz, stark betont hervor. In dem „Deutschen Hausvater und den „Falschen Spielern“ ist gleichfalls ein Hauptgewicht auf das Vorherrschen des deutschen Geistes gelegt. „Die Wohlgeborene“ von Stephanie, sowie „Ehrgeiz und Liebe" von Schröder, wenden sich an den Bürger mit der Mahnung, alle bürgerlichen Tugenden zu entfalten, statt dass er töricht nach dem Adelsdiplom als dem Ziel seiner Wünsche emporstrebe. Eigenartig wird in den „Soldaten“ und „Evchen Humbrecht“ die bürgerliche Familie gezeigt, nämlich als das Feld der Zerstörung durch die Gelüste der Adligen.

Typisch sind in dieser Sphäre der bis zur Härte strenge Vater und die mildere lebenslustige Mutter. Solche Väter sind der Major im „Hofmeister“ und der alte Humbrecht in „Evchen Humbrecht“; ferner treten sie auf in Grossmanns Dramen ,,Nicht mehr als sechs Schüsseln“ und „Henriette“, im „Deutschen Hausvater" von Gemmingen, in Schröders „Porträt der Mutter“ u. a. Die Mutter tritt dem gegenüber in fast allen Komödien der Periode stark in den Hintergrund, ja fehlt oft ganz. Von dem lebenslustigen Typus erscheint sie besonders in dem „Hofmeister“, ,,Evchen Humbrecht“, ,,Nicht mehr als sechs Schüsseln“, „Henriette“ und dem „Vetter in Lissabon“.

Für den deutsch-bürgerlichen Charakter der Sturm- und DrangKomödie ist schliesslich auch die Art und Weise charakteristisch, in welcher Schröder Bearbeitungen fremder Dramen vornahm. Unter geschickter Umwandlung manches für deutsche Zuschauer Anstössigen, übertrug er alle Beziehungen auf deutsche Verhältnisse, indem er die Szene seiner zum guten Teil in Familienstücken bestehenden Originale aus dem fremden Lande auf deutschen Boden verlegte und stets die Charaktere nationalisierte, deutschem Empfinden näher brachte.

Doch die kühnen Genies bleiben nicht hierbei stehen, sie dringen auch schonungslos in die Zerrüttung der bürgerlichen Familie selbst ein, das Verhältnis der Ehegatten zu einander, dasjenige der Eltern und Kinder, ferner Kindesmorde, Doppelehen, ja Geschwisterehen, alle schauderhaften Taten, zu denen ein Glied unserer civilisierten Welt sich hinreissen lässt, erscheinen im poetischen Spiegel des Komödien dichters.

Neben dem behäbigen deutschen Bürger, dem Philister, der mit seinem Bürgerstolze wichtig tut, steht nur zu oft als unglückliche Tochter die reuige Verführte, deren Fall durch seine Schwäche mitverschuldet zu haben er sich meist selbst anklagt, was ihn jedoch oft nicht hindert, die Gefallene durch Strenge und Härte der Verzweiflung nahe zu bringen. Oft ist das eigene Gewissen des Vaters mit Schuld beladen, und er sühnt an dem Kinde, was er an der Mutter gesündigt. Natürlich ist es, dass diese Motive sich nicht gleichmässig auf alle drei gekennzeichneten Strömungen der ins komische Gebiet hereinbrechenden Sturmflut verteilen: der Standpunkt des Bürgers ist namentlich von den Talenten gewahrt, während die Genies auch die Schranken des Bürgers nicht achten und innehalten.

Aus dem Naturdrange leiten sich ferner alle Erziehungsprobleme und daraus sich ergebende moralische Streitfragen her, mit der ausgesprochenen Tendenz einer Wiederanknüpfung der Erziehung an die unmittelbare Naturanlage. Meist ist die Erörterung dieser Erziehungsprobleme an die Gestalt eines Hofmeisters, Magisters oder dergl. angeknüpft; solche Figuren erscheinen im „Hofmeister“ selbst zweimal, ferner im „Neuen Menoza“, in „Freunde machen den Philosophen“, „Evchen Humbrecht“ und in „Henriette“. Auch sonst werden Erziehungsfragen reformatorisch mit direkter Tendenz gegen die blosse trockene Gelehrsamkeit erörtert, wie in dem „Satyros“, den „Soldaten“, „Nicht mehr als sechs Schüsseln“, dem „Deutschen Hausvater“, schliesslich in den Schröderschen Dramen „Der Vetter in Lissabon“ und „Kinderzucht.“

Als eine letzte unmittelbare Folge der Rückkehr zur Natur ergab sich die nackte Darstellung des Lasters.

Neben sexuellen Ausschreitungen sind kriminalistische Elemente zahlreich. „Der Hofmeister" führt Fritz im Carcer und den Major auf Läuffer schiessend vor, „Der neue Menoza“ giebt in der Episode des spanischen Grafenpaares ein schier unentwirrbares Gewebe von Verbrechen, in den ,,Soldaten“ entflieht Desportes mit Hinterlassung beträchtlicher Schulden und wird schliesslich von Stolzius vergiftet, „Evchen Humbrecht" bringt den Diebstahl einer Dose und rückt sogar die Gefahr des Kindesmordes nahe, das gleiche Thema lässt auch „der deutsche Hausvater" anklingen; „die falschen Spieler" ferner haben ein kriminalistisches Hauptproblem, und einigen Gestalten der Dramen „Nicht mehr als sechs Schüsseln“ und „, die Mätresse“ droht Schuldarrest. Häufig erscheinen Verbrechen besonders in Schröders Stücken: ,,Stille Wasser sind tief bringt die betrügerische Ehe der Antonette, „Der Fähnrich“ den Verdacht eines Diebstahls, „Der Vetter in Lissabon“ lässt nicht nur mit einem Schuldarrest drohen, sondern auch die Verhaftung des einen Baron spielenden Betrügers tatsächlich vor sich gehen, in ,,das Porträt der Mutter spielen Unterschlagung und Diebstahl hinein, in die „Kinderzucht“ ein beabsichtigter Betrug, in „Viktorine“ (wie in dem Lenzschen „Neuen Menoza“) Kindervertauschung u. s. f. Auch die Komödien der andern Talente bieten Kriminalistisches, so Stephanies ,,Gräfin Freyenhof, ,,Werber", „Wirtschafterin“ u. a., „Die drei Töchter“ von Spiess und Hagemeisters „Jesuiten".

Aber diese Darstellung des Lasters war keine Vergoldung, sondern eine Entlarvung desselben. So hat man kein Recht, mit Hettner zu rufen: „Wohin wir blicken, das Naturevangelium zur wüstesten Libertinage verzerrt!" Dem prüden Zuschauer mag das Recht, sich verletzt zu fühlen, unbenommen bleiben; der Litterarhistoriker hat andere Pflichten als Moral zu predigen, ihm fällt die Psychologie des Dichterwerkes und der Dichterseele zu. Wer aber in die tiefste Seele dieser Komödien eindringt, wird hier nicht Gemeinheit finden, die sich einen Tempel bauen will, sondern den warmen Pulsschlag der Todfeindschaft gegen die Korruption. Dem Priester der Natur erscheint der Mensch von konventioneller Sitte zu den entsetzlichsten Taten gedrängt; andererseits können die Ideale der Naturevangelisten allerdings nicht vor dem Forum der konventionellen Sitte bestehen. Wenn man schliesslich die auf solche Weise unterlaufenden hässlichen Züge als kunstwidrig teilweise mit Recht getadelt hat, so ist jedenfalls zu bedenken, dass sich das Hässliche in der Totalität eines Kunstwerkes als Notwendigkeit erweisen kann, es sei denn, dass man die Poesie als einen blossen, glänzende Phantasien erzeugenden Opiumrausch ansieht. Das Hässliche ist in der Poesie stets zulässig, wenn es im Zusammenhang des ästhetischen Werkes notwendig wird; nur darf nicht Lust am Hässlichen, sondern Erhöhung der ästhetischen Wirkung der Zweck sein, und es darf das Hässliche nicht vorwiegen, sondern es muss vorübergehen, darf auch nicht so nachdrücklich sein, dass der ästhetische Eindruck des ganzen Kunstwerkes gestört wird. Auch hässliche Seiten des Lebens lassen sich freilich unbeschadet der Naturwahrheit in ästhetisches Gewand kleiden, und das Wohlgefallen des reinen Subjektes für das schöne Objekt ist schliesslich doch ewiger Zweck der Kunst. Es lässt sich nicht verkennen, dass der Fehler der Stürmer und Dränger ein Mangel nach dieser letzteren Richtung hin ist.

Das Original-Genie als angeborene Naturgabe postulierte seinerseits zunächst Leidenschaft und Kraft im höchsten, ungezügelten Masse. Besonders ein Zug ist vielen Komödien-Charakteren aus der Sturmund Drang-Zeit gemeinsam: wir lernen in den meisten Dramen wenigstens der Genies geniale und überhaupt aussergewöhnliche Menschen kennen.

Goethes ,,Satyros", Wagners,,Prometheus", Lenzens,,neuer Menoza" und Strephon in „Freunde machen den Philosophen“ haben ebenso wie Klingers “Derwisch“aussergewöhnliche Veranlagung; hinzuzurechnen sind noch der Held der „Falschen Spieler“ und der des „Porträts der Mutter“, die ihr Charakter durch abenteuerhafte Virtuosität weit über das Mittelmass der Menschen erhebt.

Der Mensch erscheint als determiniert durch die ihm innewohnenden Leidenschaften, und diese äussern sich durch energische Kraftexplosionen. Selbst die mutwillige Händelsucht der satirischen Farcen ist ein Ausfluss des genialischen Kraftüberflusses. ,,Göttliche Frechheit“ ist das Streben dieser Göttersöhne, und „nur die Lumpe sind bescheiden.“ Die Kehrseite des Überschäumens an Leidenschaft und des Überschwellens an Kraft, das Verhängnis der Göttergabe ist die Unmöglichkeit, diesen stürmischen Gewalten Luft zu machen, diese Kräfte zu betätigen; hieraus entspringt die Empfindsamkeit, die, ein wesentliches Kennzeichen der Sturm- und Drang-Periode, auch in der Komödie erscheint, allerdings zumeist schon in jener glücklichen Verspottung, auf welche Lessing hindeutet, wenn er dem „Werther" einen Schluss wünscht „je cynischer desto besser.“

Empfindsamkeit ist das charakteristische Moment von ,,Pater Brey", Satyros" und dem ,,Triumph der Empfindsamkeit", dem „Hofmeister", „Freunde machen den Philosophen“ und „Tantalus“, sowie ,,Evchen Humbrecht". Mangel an Kraftbetätigung führt direkt oder indirekt zu Ausschweifungen in dem „Hofmeister", den ,,Soldaten“ und „Evchen Humbrecht“, sowie auf andere Art in den „Falschen Spielern“, Darum wird das Handeln sogar höher als das Dichten gestellt: bezeichnend sind nach dieser Richtung namentlich zwei Aussprüche Admets in ,,Götter, Helden und Wieland“: „Ich habe mein Tage die Poeten für nichts mehr gehalten, als sie sind“, und bald darauf ist verächtlich von dem „ganzen aberweisen Jahrhundert von Litteratoren“ die Rede.

Es ist nun nicht zu läugnen, dass, so berechtigt ein Streben nach Originalität und Genialität war, mannigfache Exzentrizitäten gespreizter Geniesucht mit unterliefen. Da finden sich manche unschöne Charakterzüge, manche nicht sowohl karikierte, als outrierte Zeichnungen – wie denn Lenz es in der Selbstrezension des „Neuen Menoza“ als seinen ,,einmal unumstösslich angenommenen Grundsatz für theatralische Darstellung“ bezeichnet, „zu dem Gewöhnlichen, ich möcht es“, sagt er, „die treffende Ähnlichkeit heissen, eine Verstärkung, eine Erhöhung hinzuzutun, die uns die Alltagscharaktere im gemeinen Leben auf dem Theater anzüglich interessant machen kann. Statt des mannhaften Donnerwortes hören wir oft lärmendes Toben, wie sich statt originell charakteristischer Zeichnung bisweilen gesucht schnörkelhafte Genremalerei darbietet. Insbesondere fühlt man, wie es den Dichtern eine Art höherer Wollust ist, das Hässliche in seiner abschreckenden Gestalt zu zeichnen: geht doch stets die prononcirte Betonung des Negativen um so weiter, je grösser die Abstumpfung der Nerven und die Verstörung oder doch Zerrissenheit der Geister gediehen ist. Aber die Periode hatte die Kraft in sich, die Übertreibungen ihres eigenen Geistes zu überwinden, welche ja doch im Grunde nur allzu natürliche Auswüchse gerade des Gewaltigsten und Besten der Zeit waren; namentlich die Farcen üben dieses Amt mit ebenso schonungsloser wie wirkungsvoller Satire.

Die reine Natur soll gelten, aber es herrscht die korrupte Kultur, das Genie will sich Bahn brechen, aber es herrscht die winzige Mittelmässigkeit; die Natur wird durch die Konvention eingeengt, das Genie wird durch die Despotie gefesselt; wird ein beharrliches, planmässiges Ankämpfen, eine langsam ausbessernde Reform möglich sein? Nein, Druck erzeugt Gegendruck, gegen Gewalt hilft nur Gewalt, daher wird zum Programm die Revolution, zum Schlachtruf Sturm und Drang. Schon der masslose Tatendrang dieser Jugend war revolutionär, der positiv moralisierende und der negativ satirische Zug der Sturm- und Drang-Komödien weisen auf die gleiche Tendenz, wie denn schon die Stoffe in sich die Notwendigkeit einer frischen, freien Tendenz bergen; man will die Menschheit bessern, und sei es auch, wie Erich Schmidt

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