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Französische Studien über

über die deutsche Litteratur

vor Frau von Staël.

Von

Theodor Süpfle.

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m Anschlusse an die Nachweise, welche wir in dem ersten Bande

unserer „Geschichte des deutschen Kultureinflusses auf Frankreich“ (vgl. Zeitschrift I, 334) über die der deutschen Litteratur in diesem Lande seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts entgegengebrachten Sympathien beigebracht haben, beabsichtigen wir, in diesen Blättern eine ergänzende und übersichtliche Darstellung der Studien derjenigen Schriftsteller vorzulegen, welche von jenem Zeitpunkte an bis zu dem Erscheinen des epochemachenden Buches de l'Allemagne“ in französischen Zeitschriften und sonstigen Veröffentlichungen sich in eingehender Weise über unsere litterarische Entwickelung ausgesprochen haben.

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Der früheste Herold unserer aufstrebenden Dichtung bei den Franzosen war ein geborener Deutscher, der als junger Mann nach Paris übergesiedelte geistvolle Litterat Friedrich Melchior Grimm. Sein Wirken zu Gunsten der heimatlichen Dichter trat besonders in den zwei Briefen „Sur la littérature allemande“ hervor, welche er in den Jahren 1750 und 1751 im Mercure de France erscheinen liefs. Über deren Inhalt wollen wir Näheres angeben.

In dem ersteren derselben, vom Oktober 1750, weist der Verfasser die in alten Vorurteilen gegen die schöngeistige Befähigung der Deutschen befangenen Leser zunächst darauf hin, dass der Geist, ebenso wie die Dummheit, sich bei allen Völkern finde. Neben Horaz habe es einen Mävius, neben Boileau einen Cotin gegeben. Vor noch nicht hundert Jahren habe das Vaterland von Shakespeare und Milton in Frankreich für ein barbarisches Land gegolten, in welchem, wie im Norden überhauptdie Poesie nicht gedeihen könne. Nicht die geographische Lage, nicht das Klima, sondern die Mutter Natur gebe oder versage die höhere Begabung.

Zudem habe Frankreich einen ganz besonderen Grund, sich mit den unterdessen eingetretenen Fortschritten der deutschen Dichtung und schönen Litteratur zu befreunden und sich darüber zu freuen. Denn die grossen französischen Schriftsteller seien es, von welchen die Deutschen die schwere Kunst gelernt hätten, ihre Gedanken zu entwickeln, ihnen jene geschmackvolle Form und die angenehme Rundung zu geben, welche den Inhalt immer zur Geltung bringen und so oft ihn ersetzen. Boileau, Corneille, Racine, Fontenelle, Voltaire seien unsere Lehrmeister gewesen und fänden bei uns mehr Bewunderung und Dankbarkeit als gegenwärtig bei ihren Landsleuten.

Allerdings könnten wir keine Dichter ersten Ranges wie die Franzosen aufweisen, auch seien die Schöngeister selten bei uns, aber wir hätten besseres als dies. Nämlich berühmte Philosophen, welchen es blos an dem Willen gefehlt habe, Dichter und Schöngeister zu sein, ferner hervorragende Theologen, deren Beredsamkeit allgemeine Bewunderung gefunden haben würde, wenn sie in einer bekannteren Sprache geredet hätten. Diese grossen Männer und so viele in verschiedenen Gebieten berühmte Künstler, welche Deutschland hervor. gebracht hat, hätten alle durch diejenige Gabe geglänzt, welche alle anderen Fähigkeiten erzeuge, nämlich durch das Genie und besonders durch die Phantasie, welche man uns gewöhnlich abspreche.

Der Grund, weshalb trotzdem unsere Litteratur bisher nur eine mittelmässige sei, läge hauptsächlich in der staatlichen Verfassung Deutschlands, welches vielfach geteilt und ohne belebendes, unterstützendes, zum Wetteifer der Kräfte anregendes Zentrum sei. Ferner nehme das Studium des für ein Fortkommen so wichtigen Staatsrechtes die ganze Musse der studierenden Jugend in Anspruch. Zudem werde die Lust zum Dichten durch die Gelehrten, welche mit Verachtung auf andere Beschäftigung als mit griechisch und latein herabsähen, und durch die Vornehmen erstickt, welche gegen die deutsche Sprache und Litteratur höchst gleichgültig seien. Nur Friedrich der Grosse könnte, wenn er wollte, der heimatlichen Sprache denselben Glanz geben, welchen er allen seinen Handlungen verliehen habe. Aber ungeachtet aller dieser Hemmnisse hätten die Deutschen doch anerkennenswertes in der schönen Litteratur hervorgebracht.

In der sich daran anschliessenden Übersicht über unsere litterarischen Leistungen unterscheidet Grimm fünf Perioden der Entwickelung. Diese Übersicht kann der früheste Versuch einer deutschen Litteraturgeschichte in Frankreich genannt werden.

Nachdem er am Schlusse dieses ersten Briefes einen allgemeinen Begriff von derselben gegeben hatte, fügte er in seinem zweiten, welcher im Februar 1751 im Mercure de France erschien, noch nähere Ausführungen hinzu. Er leitet dieselben zunächst mit der Bemerkung ein, dass seine im ersten Briefe gefällten Urteile trotz der neutralen Stellung, welche er eingenommen habe, doch sowohl auf französischer als auch besonders auf deutscher Seite viel Anstoss und böses Blut gemacht hätten. Sodann weist er, halb im Ernst, halb im Scherze, darauf hin, dass man alle Tage prophezeihe, dass die deutsche Litteratur bald in Frankreich Mode sein werde. Dann werde er den Ruhm haben, diese glückliche Zeit verkündet zu haben.

Indem Grimm hierauf mit unserer ältesten Dichtung beginnt, erwähnt er die deutschen Barden, die Dichter an den Höfen von Attila und Theodorich, ferner das fränkische Siegeslied über die Normannen, Otfrieds Evangelienharmonie, und macht darauf aufmerksam, dass die Deutschen die französische Dichtung haben bilden helfen, dass sie ihr den Reim brachten, dass der früheste provençalische Dichter, Godefroi Rudel, ein Deutscher von Geburt gewesen sei. Ferner weist er auf die deutschen Dichter zu Zeiten Barbarossas und des 13. Jahrhunderts hin, von welchen eine Sammlung auf der königlichen Bibliothek in Paris vorhanden sei. Nachdem er dann im Übergang auf spätere Perioden den Theuerdank, Luther, die Meistersänger, Rollenhagen nicht vergessen hatte, verweilt er besonders, wie zum Teile auch schon in seinem ersten Briefe, bei dem Lobe seines früheren Lehrers Gottsched und rühmt dessen vielfache und fruchtbringende Bemühungen für die Ausbildung der deutschen Sprache, Dichtung und besonders des deutschen Theaters. Er sei der Beschützer der schönen Künste für Deutschland geworden und habe es gleichsam aus einem Todesschlafe erweckt. Auch erwähnt er Frau Gottsched, welche er eine philosophische Muse nennt, die die schwere Kunst verstehe, die Anmut mit der Gelehrsamkeit zu verbinden und welche wie unser Geschlecht denke, wie das ihrige aber schreibe.

Neuerdings hätten die Schweizer Bodmer und Breitinger durch mehrere Abhandlungen über die schönen Künste dazu beigetragen, den Geschmack der deutschen Nation zu reinigen. Unter den hauptsächlichsten Dichtern, welche im 18. Jahrhundert geschrieben haben, sei zunächst der philosophische Dichter Haller zu nennen, welcher mit Glück den gedrungenen Stil der englischen Poeten zum Vorbild genommen habe. Bisweilen arte dies bei ihm allerdings in Dunkelheit aus, auch habe er sich nicht ganz von den Eigentümlichkeiten der schweizerischen Sprache freizuhalten vermocht. Gleichwohl sehe man in der gut getroffenen Auswahl seiner Gedichte unter anderem ein sehr schönes Stück über den Ursprung des Übels. Seine „Alpen“ seien eine Dichtung, welche der Einfachheit und der Unverdorbenheit der Sitten eines Schweizers würdig 'sei. Lobende Erwähnung finden dann noch die Gedichte von Drollinger, Hagedorn und besonders von Gellert.

Mit Hinweis auf die Hoffnungen, zu welchen die neue Dichtergeneration in Deutschland berechtige, ruft er freudig aus: „C'est ainsi que depuis environ trente ans, l'Allemagne est devenue une volière de petits oiseaux qui n'attendent que la saison pour chanter. Peut-être ce temps glorieux pour les muses de ma patrie n'est-il pas éloigné.“

Unter Bezugnahme endlich auf die Aufmunterung und Gunst, welche unsere Dichtung durch Fürsten, wie den König von Dänemark, erfahre, spricht Grimm zuletzt noch von Klopstock, dessen erste Gesänge unter der Aufschrift „Messias“ erschienen seien. Er bezeichnet den Gegenstand dieses Epos als schön und unzweifelhaft grossartiger als dasjenige Miltons. Man versichere, dass der Dichter es mit der ganzen Erhabenheit, deren seine Dichtung fähig sei, behandelt habe und dass sie trotz des notwendigen Fehlens künstlicher Effektmittel und spannender Handlung Leser finde.

Den Schluss dieses zweiten Briefes bildet die Erklärung Grimms, dass er sich zwar wohl bewusst sei, dass, um die Leser in den Stand zu setzen, die berühmtesten deutschen Dichter aus eigener Anschauung zu würdigen, die Beifügung einer französischen Übertragung einzelner Stücke wünschenswert scheine, dass er aber nicht den Mut und wohl auch nicht die erforderliche Fähigkeit dazu besitze.

II.

Der Zeit nach am nächsten stehen dieser frühesten Offenbarung unserer Litteratur in Frankreich die anerkennenden und mehr oder weniger eingehenden Besprechungen, welche verschiedene unserer damaligen Schriftsteller in der in Berlin von einigen reformierten Franzosen im Interesse des deutschen Schrifttums geleiteten, in Amsterdam erscheinenden „Nouvelle bibliothèque germanique“, besonders seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mehrere Jahre hindurch, sowie in den bekannten Lettres sur quelques écrits de ce temps aus der Feder des tätigen Kritikers Fréron (1751) gefunden haben. Eine Übersicht über die älteren Zeiten unserer Litteratur wurde in sieben Briefen von Beauzobre in Berlin dargeboten, welcher sie vom September 1752 bis April 1753 in ziemlich trockener Darstellung unter der Aufschrift „Lettres d'un Prussien à M. l'abbé Raynal sur la littérature allemande“ in dem schon erwähnten Mercure de France veröffentlichte. In derselben Zeitschrift, welche in jener Zeit ihre Spalten gerne der Besprechung unserer Litteratur öffnete, erschien im Dezember 1754 eine besondere Beleuchtung unseres Dramas unter der Aufschrift „Etat de la poësie dramatique en Allemagne“. Der Verfasser dieses Aufsatzes, welcher vielleicht ein Deutscher ist, weist zunächst die Ursachen nach, welche unser Theater daran hinderten, dieselbe Vervollkommnung wie das italienische, englische und besonders das französische zu erlangen. Der Hauptfehler sei in den schlechten Stücken gelegen, welche sowohl nach Plan wie Ausführung verfehlt

Auch habe man beim Spiele den Schauspielern zu viel Willkür mit dem Texte gestattet. Ein zu wichtiger Anteil sei den Spässen des „Jean Saucisse“ zugewiesen worden. Aber auch äusserlich habe alles Empfehlende gefehlt, und bei der schlechten Bretterhütte, welche das Theater darstellte, bei den erbärmlich gekleideten Schauspielern, welche wie Kutscher ausgesehen hätten, welche als Helden verkleidet seien, sei das Schauspiel eine Belustigung gewesen, welche man der Hefe des Volkes überlassen habe.

Inmitten dieser Barbarei habe eine Frau von gewinnender Begabung den Entschluss gewagt, das deutsche Theater zu reinigen, ihm eine passende Gestalt zu geben und womöglich zur Vollkommenheit zu führen. Diese Frau sei die Neuberin gewesen. An Gottsched fand sie einen mächtigen Bundesgenossen, der ihr Theater sowohl mit Übersetzungen aus dem Französischen als auch mit eigenen versehen habe, namentlich mit dem „sterbenden Cato", ein Trauerspiel, welches in allen Sprachen der Welt schön sein würde. Leider sei aber Frau Neuber mit ihren Theaterreformen gescheitert. Zum Schlusse wird bemerkt, dass die deutsche Bühne gleichwohl zu einem gewissen

Ztschr. f. vgl. Litt.-Gesch. u, Ren-Litt. N. F. I.

waren.

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