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Vergleichende Studien zu Heinrich von Kleist.

Von

Richard Weissenfels.

II.*)
Kleist und Novalis.

E

s ist nicht schwer, zwischen der Gedankenrichtung Kleists und

Novalis' noch weitere Parallelen zu ziehen, ihre Charaktere und ihre Auffassung des Lebens fordern bei tieferem Eindringen überall zur Vergleichung heraus, so verschiedenartig auch der Eindruck ist, den beide bei der ersten Bekanntschaft machen.

Beiden gemeinsam ist eine eiserne Konsequenz in der Entwicklung der Gedanken, die sie einmal gefasst haben. So kamen beide, wie wir gesehen haben, zum Extrem des Fichteschen Idealismus. Für Novalis wird uns diese Konsequenz nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln ausdrücklich von Just (Novalis' Schr. III S. 12) bezeugt, sie machte ihn sogar zum Lobredner des Robespierreschen Schreckenssystems und der päpstlichen Alleinherrschaft. Die masslose Kühnheit in der Steigerung der Gedanken mancher Fragmente bis zu einer Spitze, auf der uns schwindelt, erklärt sich hieraus, denn ,,hatte er einmal einen paradoxen Satz gesagt, so gab er ihn nicht auf und machte dann auch wohl den Sophisten“ (Schr. III S. 44). In der Lebensführung fehlte Kleist diese Konsequenz, wiewohl er sie als Ideal aufstellte (vgl. z. B. Briefe an Ulrike S. 17 ff.), in Gedanken und Dichtung tritt sie um so greifbarer hervor. Ich erinnere nur an seine extremen Begriffe von Freundschaft, an seine Gleichnisse, in denen er das Festhalten am einmal aufgestellten Bild bis zur Ermüdung der Phantasie des Lesers treibt, an Michael Kohlhaas' unbeugsames Rechtsgefühl, an die Liebesproben, die Wetter v. Strahl seinem Käthchen auferlegt bis zu peinlicher Wirkung auf Leser und Zuschauer und an viele andere Scenen

*) Vgl. Zeitschrift f. vergl. Litt.-Geschichte S. 272—294.
Ztschr, f. vgl. Litt.-Gesch, u. Ren.-Litt. N. F. I.

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eine etwaige Veröffentlichung des Briefes Bedenken hege, glaubte ich aus seiner Antwort entnehmen zu sollen, dass er einen Abdruck bei seinen Lebzeiten nicht wünsche. Jetzt aber, wo auch er der grossen Gemeinde angehört, dürfte eine Mitteilung desselben wohl angezeigt erscheinen. Gereicht der Inhalt des Briefes doch gleicherweise dem Empfehlenden wie dem Empfohlenen zur Ehre. Dem Abdrucke selbst vermag ich noch einen von Goedeke selbst herrührenden Kommentar beizufügen, den ich seinem vorerwähnten Brief vom 1. Juli 1885 entnehme und welcher jedenfalls von Interesse für die vielen Freunde beider Gelehrten sein wird. Marburg i. H.

Edmund Stengel.

Lieber Pertz, ich habe nun ein schreiben von Sybel erhalten. bis zum september ist noch lange hin; wäre es aber nicht passend unsern minister hier eine anzeige von dieser sogenannten ernennung zu machen, zur verhütung möglicher misverständnisse?

Steht es in Ihrer gewalt etwas für einen armen mann zu thun, der dazu Ihr landsmann ist? Gödeke zu Celle steckt in tiefer noth, an Ihrer bibliothek sind neulich mehrere stellen offen geworden, und obwohl ich mir denken kann, dass es nicht an competenten fehlt und an solchen, die vorrücken wollen, so läge doch eine art pflicht vor, einem in der literatur bewanderten und bewährten, der treffliche bibliothekarische dienste leisten könnte, beizuspringen. Gödeke hat, um leben zu können, nicht nur das honorar seiner letzten werke (Gengenbach und grundriss zur deutschen dichtung) aufgezehrt, sondern auch seine gesammelten bücher, was ihm schwer ans herz ging, verkaufen müssen. noth und kummer haben ihn aufs krankenbett geworfen, ein lichter blick von hoffnung könnte ihn vielleicht retten und erhalten. Ich weiss nicht, ob man die durch Olshausens berufung jetzt ledige bibliothekarstelle in Königsberg als anhang einer professur betrachtet, und noch weniger ob Gödeke sich zum docenten eignet, sonst wäre vielleicht auch auf diesem punkt zu helfen.

Ihr 7. december 1858.

Jacob Grimm.

Die auf vorstehenden Brief bezügliche Stelle aus Goedekes Zuschrift an mich vom 1. Juli 1885 lautet:

... Der Veröffentlichung des an mich gerichteten Briefes Jakob Grimms habe ich nichts in den Weg zu legen. Anders scheint es mir bei dem Briefe Grimms an Pertz zu stehen. Als Grimm denselben schrieb war ich seit Monaten kränklich und glaubte mein Ende nahe. Da mag ich kläglicher an ihn geschrieben haben, als ich hätte tun sollen. Aber der vollkommene Hypochonder, der ich damals war, wird die Tragweite nicht berechnet haben. Jakob Grimm, der mich in Celle besucht hatte, (1855) und mit dem ich seit 1837 in Briefwechsel stand, hat dann seinerseits aus Herzensgüte etwas dunklere Farben gewählt als nötig war. Meine Bibliothek hatte ich im Sommer 1858 verkauft, weil mich die 5-6000 Bände an Celle banden und weil ich von da fort wollte, um grösseren Verkehr und reichere litterarische Hülfsmittel, an denen beiden es in Celle fehlte, zu finden. Dass Grimm, ohne mein Wissen, so wohlwollend für mich zu wirken versucht hat, macht seinem Herzen Ehre und verpflichtet mich ihm noch im Grabe zu Dank. Aus diesem Gesichtspunkte hätte ich gegen die Veröffentlichung des Briefes nichts zu erinnern, wenn Sie dieselbe für angemessen halten. Briefe von Jakob habe ich sehr viele, doch mag ich dieselben nicht an die Oeffentlichkeit bringen, da sie mehr intimer Natur sind, als von allgemeinerem Charakter, ...

Vergleichende Studien zu Heinrich von Kleist.

Von

Richard Weissenfels.

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Kleist und Novalis. s ist nicht schwer, zwischen der Gedankenrichtung Kleists und

Novalis' noch weitere Parallelen zu ziehen, ihre Charaktere und ihre Auffassung des Lebens fordern bei tieferem Eindringen überall zur Vergleichung heraus, so verschiedenartig auch der Eindruck ist, den beide bei der ersten Bekanntschaft machen.

Beiden gemeinsam ist eine eiserne Konsequenz in der Entwicklung der Gedanken, die sie einmal gefasst haben. So kamen beide, wie wir gesehen haben, zum Extrem des Fichteschen Idealismus. Für Novalis wird uns diese Konsequenz nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln ausdrücklich von Just (Novalis' Schr. III S. 12) bezeugt, sie machte ihn sogar zum Lobredner des Robespierreschen Schreckenssystems und der päpstlichen Alleinherrschaft. Die masslose Kühnheit in der Steigerung der Gedanken mancher Fragmente bis zu einer Spitze, auf der uns schwindelt, erklärt sich hieraus, denn „hatte er einmal einen paradoxen Satz gesagt, so gab er ihn nicht auf und machte dann auch wohl den Sophisten“ (Schr. III S. 44). In der Lebensführung fehlte Kleist diese Konsequenz, wiewohl er sie als Ideal aufstellte (vgl. z. B. Briefe an Ulrike S. 17 ff.), in Gedanken und Dichtung tritt sie um so greifbarer hervor. Ich erinnere nur an seine extremen Begriffe von Freundschaft, an seine Gleichnisse, in denen er das Festhalten am einmal aufgestellten Bild bis zur Ermüdung der Phantasie des Lesers treibt, an Michael Kohlhaas' unbeugsames Rechtsgefühl, an die Liebesproben, die Wetter v. Strahl seinem Käthchen auferlegt bis zu peinlicher Wirkung auf Leser und Zuschauer und an viele andere Scenen

*) Vgl. Zeitschrift f. vergl. Litt.-Geschichte S. 272—294.
Ztschr. f. vgl. Litt.-Gesch, u. Ren..Litt. N. F. I.

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bestimmung ist ganz die meinige“ oder S. 121: „Nur Familien können Gesellschaften bilden, der einzelne Mensch interessiert die Gesellschaft nur als Fragment und in Beziehung auf seine Anlage zum Familiengliede“ und andere Aussprüche, die in der Nachlese (Friedr. v. Hardenberg S. 229-230) zusammengestellt sind. Der Staat, ja sein Ideal vom künftigen Zustande der Menschheit erscheint ihm unter dem Bild einer Familie als der natürlichsten und schönsten Form, die er sich denken kann (vgl. Haym, Romant. Schule S. 343. 346). Die gleiche Auffassung der Bestimmung des Menschen vertritt Kleist Ulrike gegenüber in den Briefen S. 22: „Das Leben, welches wir von unsern Eltern empfingen, ist ein heiliges Unterpfand, das wir unsern Kindern wieder mitteilen sollen“, S. 75: „Ich habe keinen andern Wunsch, als zu sterben, wenn mir drei Dinge gelungen sind: ein Kind u. s. w.“ Seiner Braut wiederholt er beständig, er wolle nichts als Freiheit, ein eigenes Haus und sie (vgl. Briefe S. 200. 209), ja die Art, wie er sich sein Eheglück ausmalt, ist sogar verhängnisvoll für sein ganzes Leben geworden als einer der Gründe, die ihn verhinderten, ein Amt anzunehmen (vgl. Briefe an seine Braut S. 110. 129. 224).

Mit solchen Überzeugungen zusammen hängt die Ansicht beider Dichter von der Bestimmung des Weibes, über die sich auch inter

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mit der strenggläubigen christlichen zu erweisen. Diesen Versuch muss ich als einen missglückten bezeichnen. Es ist dem Verfasser nicht gelungen die Behauptung Diltheys zu widerlegen, dass das Christentum des Novalis mit dem orthodoxen Kirchenglauben nur wenig gemein habe. Die Religion des Novalis, wie der älteren Romantiker überhaupt, ist ja im Grunde nichts anderes, als religiös gefärbte Naturphilosophie. Nur da, wo sich mit ihren mystischen Phantasien Ideen oder geschichtliche Tatsachen des Christentums begegneten, nahmen sie dieselben in ihre Weltanschauung und den philosophischen oder poetischen Ausdruck derselben auf. Bei Novalis ist das unter dem Einfluss seiner herrenhutischen Erziehung allerdings in reichlicherem Masse der Fall, als bei den übrigen Romantikern. Aber er ist deshalb noch immer kein gläubiger Christ im kirchlichen Sinn und ich sehe auch keinen Grund ein, weshalb man ihn durchaus dazu bekehren will. Schubart schränkt auch selbst seine dahin gehende Bemerkung mehrmals ein, besonders S. 151, er spricht von Pantheismus und anderen unchristlichen Elementen, welche die Strenggläubigkeit des Novalis etwas beeinträchtigten. Überhaupt ist die Unparteilichkeit anzuerkennen, mit welcher der Verfasser trotz der ausgesprochenen orthodoxen Tendenz seinen Stoff behandelt. Das Buch behält dadurch trotz dieser Tendenz seinen bedeutenden litteraturgeschichtlichen Wert im Unterschied von so manchen litterarischen Veröffentlichungen, die jetzt von katholischer Seite geschehen.

Besonders gelungen ist die Analyse und Erläuterung des „Heinrich v. Ofterdingen“, eine litterarhistorische Tat ersten Ranges. Mit Recht wird an mehreren Stellen, so S. 326 gegen Hettner, die Doppelnatur des Novalis energisch betont, sein gesundes Ergreifen

essante Parallelaussprüche bei ihnen finden. Novalis sagt Schr. Il S. 241: „Das schöne Geheimnis der Jungfrau, das sie eben so unaussprechlich anziehend macht, ist das Vorgefühl der Mutterschaft, die Ahnung einer künftigen Welt, die in ihr schlummert und sich aus ihr entwickeln soll“. Damit ist zu vergleichen, was Kleist an Ulrike schreibt S. 21: „Du wolltest nie Gattin und Mutter werden? Du wärst entschieden, Deine höchste Bestimmung nicht zu erfüllen, Deine heiligste Pflicht nicht zu vollziehen?" an seine Braut S. 85: „Deine Bestimmung, liebe Freundin, oder überhaupt die Bestimmung des Weibes ist wohl unzweifelhaft und unverkennbar; denn welche andere kann es sein, als diese, Mutter zu werden und der Erde tugendhafte Menschen zu erziehen?" und derselbe Gedanke noch poetischer und mit grösserer Wortfülle ausgeführt S. 101 in dem Abschnitt: „O lege den Gedanken wie einen diamantenen Schild um Deine Brust: ich bin

zu einer Mutter geboren!"

Auch die Neigung des Novalis, die ich bereits im ersten Abschnitt dieses Aufsatzes besprochen habe, das Physische durch das Psychische und umgekehrt zu erklären, tritt bei Kleist vielfach hervor. Sie beruht bei Novalis zum Teil auf seiner Ansicht vom Zusammenhang zwischen Seele und Körper des Menschen und wir fanden dieselbe wieder in

des praktischen Lebens neben seiner übersinnlichen Schwärmerei, die plastische Anschaulichkeit mancher Schilderungen neben der Verschwommenheit anderer.

Zweifellos richtig und neu ist die Ausführung S. 404 ff., dass im Märchen des „Ofterdingen“ beim Flammentod der Mutter dem Dichter der Versöhnungstod Christi vorgeschwebt habe. Ich erwähne das ausdrücklich deshalb, weil der Verfasser hier nach meiner Meinung im Gegensatz zu andern Stellen in der Heranziehung des christlichen Dogmas nicht weit genug gegangen ist. Die Erläuterung der Vorgänge, welche mit dem Tod der Mutter zusammenhängen, ist mir eine zu gezwungene. Wenn die Flammen des Scheiterhaufens der Mutter nach dem Märchen an der Sonne Licht saugen, bis diese als ausgebrannte Schlacke ins Meer fällt, so erinnert das an die Erzählung der Bibel, dass beim Tode Christi die Sonne ihren Schein verlor. Und wenn im Märchen nach der Gründung des ewigen Friedensreiches die Seligen den köstlichen Trank geniessen, in welchem die Asche der Mutter aufgelöst ist und durch welchen sie „der freundlichen Begrüssung der Mutter in ihrem Innern gewiss werden“, so liegt darin nach meiner Ansicht eine Beziehung auf das Abendmahl, dessen Mysterium ja Novalis überhaupt lebhaft beschäftigte.

Doch ich kann mich auf Einzelnes hier nicht weiter einlassen. Die Versuchung läge allerdings nahe. Das Buch greift tief in das Wesen der ganzen Romantik hinab und regt viele Fragen über dieselbe an, welche noch immer der endgültigen Lösung harren.

Energischen Protest sehe ich mich leider genötigt gegen die Darstellungsweise Schubarts zu erheben. An Wärme für seinen Gegenstand fehlt es ihm nicht. Um so

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